Evangelische Akademie Thüringen Start  |  Newsletter  |  Impressum    
im Zinzendorfhaus  Neudietendorf
Programm Reihen Projekte KDA-Programm Publikationen
 

Evangelische Akademie
Thüringen Zinzendorfhaus
D-99192 Neudietendorf
Telefon: 036202 - 984-0
Fax: 036202 - 984-22
E-Mail

Anreise/ Anfahrt
  Kammer für Arbeit und Wirtschaft - Veröffentlichungen zurück  
   
 
Thema "Arbeitsfreier Sonntag"
   
   
1. Historisch-aktuelle Problembeschreibung
2. Theologische Vorbemerkungen
3. Zehn gute Gründe für den arbeitsfreien Sonntag

  
    
1. Historisch-aktuelle Problembeschreibung  
 
Kaiser Konstantin erließ 321 n.Chr. das erste Gesetz, das die Arbeit am Sonntag untersagte. Mit dezidiert christlicher Begründung wurde die Heiligkeit und Unverletzbarkeit dieses Tages festgestellt und über Jahrhunderte geachtet.

Mit der Herausbildung der Moderne und der mit ihr verbundenen Industriealisierung im 19. Jahrhundert gerieten andere Interessen in den Vordergrund. Das Zeitmaß wurde nun von den unermüdlichen Maschinen bestimmt, die Achtung vor der Heiligkeit und Besonderheit des Sonntags geriet in den Hintergrund. Gleichzeitig verloren die Kirchen, die die für Millionen von Industriearbeiter drängende "soziale Frage" nicht oder nur unzureichend beantworteten, ihre gesellschaftliche Bindekraft.

So wurde die Arbeitszeitfrage ein zentrales Thema der rasch entstehenden und erstarkenden Arbeiterbewegung. Allerdings gelang es erst 1919 die vollständige Sonntagsruhe "zur seelischen Erhebung" in die Weimarer Reichsverfassung aufzunehmen.

Heute hat es den Anschein, als würde sich diese Entwicklung wieder umkehren. Mit dem Verweis auf nationale und globale Konkurrenz werden Versuche unternommen, das Sonntagsarbeitsverbot Zug um Zug aufzuheben - in der Industrie ebenso wie im Einzelhandel und in anderen Branchen.

1994 erließ die Deutsche Bundesregierung ein Gesetz (Arbeitszeitrechtsgesetz), das erstmals seit 1919 wieder Sonntagsarbeit aus wirtschaftlichen Gründen möglich macht. Für eine wachsende Zahl von Menschen ist der Sonntag nicht mehr heilig, kein Tag der Ruhe und Entspannung, sondern ein normaler Arbeitstag. Der Veränderungsdruck, der auf Arbeitgebern und Arbeitnehmern lastet, scheint aufgrund der wirtschaftlich schwierigeren Situation in den neuen Bundesländern deutlich stärker zu sein als in Westdeutschland.

  
    
  2. Theologische Vorbemerkungen   
 
Mit dem Sabbat (dem Sonntag) ist in der jüdisch-christlichen Sozialkultur ein Tag der gemeinsamen Arbeitsniederlegung und der Ruhe entstanden. Sowohl im Zusammenhang der Schöpfungsgeschichte als auch in den Zehn Geboten (Dekalog) wird dieser theologische, für menschliches Leben unverzichtbare Gedanke hervorgehoben. Die leidvolle Erinnerung des Volkes Isarael an die ägyptische Sklavenschaft und die freudige Vergegenwärtigung der Befreiung daraus stehen hier gewiß im Hintergrund.

Dieser von nicht notwendiger Arbeit freie Tag ist die Voraussetzung dafür, daß Menschen sich tatsächlich als Menschen mit all ihren Fähigkeiten entfalten können. Das Lob des Schöpfers und der Schöpfung gehören untrennbar dazu. Sabbat - und damit auch der christliche Sonntag - werden als Geschenk Gottes geglaubt und verehrt. Sie sind zweckfrei, aber damit gerade nicht sinnlos. Im Gegenteil: durch die Zäsur, die Unterbrechung des Alltags, gewinnen Alltag und Festtag erst ihren besonderen, dem Leben dienenden Sinn. Der Sonntag ist somit zugleich eine notwendige Unterbrechung, eine zeitliche Begrenzung zweckrationaler, allein auf ökonomische Effizienz ausgerichteter Wirtschaft - um der Freiheit, der Gleichheit und der Würde der Menschen willen.

Im gemeinsamen Wort der Kirchen "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" heißt es dazu:

"Zu unserer sozialen Ordnung zählen maßgeblich auch Institutionen, Güter und Traditionen unserer geschichtlich gewachsenen Sozialkultur: die Formen sozialer Partnerschaft von gesellschaftlichen Gruppen und Kräften, die geltenden sozialen Standards des Schutzes und der Versorgung, die gemeinsame Zeit als sozialer Besitzstand (Sonntage, Feiertage, Familienwochenende), ein gesellschaftlicher Grundkonsens in elementaren Fragen der sozialen Ordnung, des inneren Friedens und des sozialen Miteinanders und vieles andere mehr. Sie alle komplettieren gemeinsam mit den Ordnungen des sozialen Sicherungssystems die soziale Ordnung unseres Gemeinwesens. Für ihre Erhaltung und Stärkung müssen wir mit Nachdruck eintreten. Die sozialen Einrichtungen und Strukturen können in Zukunft nur wirksam bleiben, wenn bei den Bürgern, vorallem auch bei der Jugend, der soziale Zusammenhalt erkannt und bejaht wird, wenn der notwendige Gemeinsinn lebendig bleibt und wenn die Generationensolidarität wieder gestärkt wird."

"Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir darauf achten, bewährte Güter unserer Sozialkultur zu bewahren und zu erhalten. Mit Sorge sehen wir, daß und wie in letzter Zeit wiederholt der Versuch unternommen wurde, auf die gemeinsame Zeit der Familien, Freunde und Nachbarn zurückgreifen. Das neue Arbeitszeitrechtsgesetz sieht Ausnahmen vom Verbot der Sonntagsarbeit nunmehr aus wirtschaftlichen Gründen vor. Aber auch christliche Feiertage, die ein wertvoller Besitzstand der Sozialkultur sind, werden zur Disposition gestellt. Dieser Zugriff auf die gemeinsame Zeit der Sozialkultur bedeutet zugleich eine Preisgabe von christlichen Prägungen der Lebensordnungen unseres Volkes."

  
    
  3. Zehn gute Gründe für den arbeitsfreien Sonntag

  
  Der Sonntag ist ein Symbol der Freiheit Der Sonntag ist nach biblischer Verheißung als ein Tag des Aufbruchs und des Neubeginns von Alltagsarbeit frei. Er gibt uns die Möglichkeit, an diesem Tag unsere Zeit frei, ohne Zwänge und Bevormundung zu verbringen. Wir sind herausgefordert, den Festcharakter dieses Tages wieder neu zu entdecken und zu fördern.


Der Sonntag ist für den Menschen da Die Würde des Menschen ist unantastbar, verpflichtet das Grundgesetz. Dieses Menschenrecht muß sich in den konkreten gesellschaftlichen Regeln ausdrücken. Der arbeitsfreie Sonntag ist Ausdruck dieser Menschenwürde.


Der Sonntag ist ein Ruhetag für die Schöpfung In hektischer Zeit, in einem dicht besiedelten Land bietet der Sonntag die Gelegenheit, unsere Mitgeschöpfe, die Tiere und Pflanzen in der Natur, aufmerksam und staunend wahrzunehmen.


Der Sonntag steht für die Arbeitsruhe Kennzeichen des Sonntags ist die Arbeitsruhe. Ohne die Arbeitsruhe verschwindet der Zeitrhythmus und der notwendige gesellschaftliche Wechsel von Arbeit und Ruhe. Ohne die Arbeitsruhe wir der Sonntag nicht nur zum Werktag, sondern er verschwindet gänzlich.


Der Sonntag ist eine kulturelle Errungenschaft Der Sonntag steht als kulturelles Zeichen gegen alle Versuche, den Menschen dem Geld, dem Konsum oder der Produktion bedingungslos zu unterwerfen. Er war nicht immer arbeitsfrei, sondern zuweilen auch Störungen und Angriffen ausgesetzt. Menschen haben ihn bislang erfolgreich gegen kurzatmige ökonomische Interessen verteidigen können.


Der Sonntag ist eine Möglichkeit der aktiven Freizeitgestaltung Der Sonntag fordert auch den Willen, die Verantwortung und den Entscheidungsspielraum von Menschen, sich als Kunden bzw. als Verbraucher in ihren Bedürfnissen zu prüfen. Eine aktive Famlien- und Freundschaftskultur des Sonntags setzt positive Zeichen gegen die überwiegend passiven Konsumangebote der Freizeitindustrie.


Der Sonntag ist ein Familientag Der Sonntag ist für Freunde, Familie und gemeinsam erlebte Zeit oft der einzige Tag. Er sollte bewußt zweckfrei sein und darum auf besondere Weise erst sinnvoll und nutzbringend. So dient er der Verbindung zwischen den Generationen.


Der Sonntag ist ein wichtiges Rückgrat der Gesellschaft "Leute ohne Rückgrat haben wir schon zuviel", singt Bettina Wegner. Der Sonntag gibt der Gesellschaft Stabilität, weil er den Menschen ermöglicht, sich miteinander an einem gemeinsamen Tag zu treffen, der in unserem Kulturkreis über alle Ländergrenzen hinweg verbindlich ist.


Der Sonntag ist der Zeitanker der Woche Der Sonntag macht einen dringend notwendigen Zeitrhythmus erst möglich. In einer ständig hektischer werdenden Zeit verpflichtet er zur Entschleunigung und Ruhe. Alle gesellschaftlichen Versuche, ohne diesen Rhythmus zu leben, sind gescheitert.


Der Sonntag ist zum Feiern da Er ist eines der größten Geschenke der jüdisch-christlichen Überlieferung an die Menschheit. Am Sonntag sind wir eingeladen, das Fest des Lebens zu feiern, Gemeinschaft zu leben und uns nicht von Arbeit und Geschäftigkeit in Besitz nehmen zu lassen.


Neudietendorf, am 1.6.1999
 
 
 
       
KDA in Thüringen
  KDA
Was wir tun und wollen
Texte und Wortmeldungen
  KDA-Programm
  Für unsere aktuellen Veranstaltungen schauen Sie bitte unter
weiter
  KDA Deutschland
  weiter
  Arbeit und Wirtschaft
  Kammer für Arbeit und  Wirtschaft: Glauben, Leben, Arbeitswelt
weiter

  afa
  Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen
weiter

  Rockband ProStam
  Wir unterstützen die junge Cover-Rockband ProStam aus dem Thüringer Wald.
weiter

  nach oben     
  © Evangelische Akademie Thüringen