1. Historisch-aktuelle Problembeschreibung
2. Theologische Vorbemerkungen
3. Zehn gute Gründe für den arbeitsfreien Sonntag
1. Historisch-aktuelle Problembeschreibung
Kaiser Konstantin erließ 321 n.Chr. das erste Gesetz, das die Arbeit am
Sonntag untersagte. Mit dezidiert christlicher Begründung wurde die
Heiligkeit und Unverletzbarkeit dieses Tages festgestellt und über
Jahrhunderte geachtet.
Mit der Herausbildung der Moderne und der mit ihr verbundenen
Industriealisierung im 19. Jahrhundert gerieten andere Interessen in
den Vordergrund. Das Zeitmaß wurde nun von den unermüdlichen Maschinen
bestimmt, die Achtung vor der Heiligkeit und Besonderheit des Sonntags
geriet in den Hintergrund. Gleichzeitig verloren die Kirchen, die die
für Millionen von Industriearbeiter drängende "soziale Frage" nicht
oder nur unzureichend beantworteten, ihre gesellschaftliche Bindekraft.
So wurde die Arbeitszeitfrage ein zentrales Thema der rasch
entstehenden und erstarkenden Arbeiterbewegung. Allerdings gelang es
erst 1919 die vollständige Sonntagsruhe "zur seelischen Erhebung" in
die Weimarer Reichsverfassung aufzunehmen.
Heute hat es den Anschein, als würde sich diese Entwicklung wieder
umkehren. Mit dem Verweis auf nationale und globale Konkurrenz werden
Versuche unternommen, das Sonntagsarbeitsverbot Zug um Zug aufzuheben -
in der Industrie ebenso wie im Einzelhandel und in anderen Branchen.
1994 erließ die Deutsche Bundesregierung ein Gesetz
(Arbeitszeitrechtsgesetz), das erstmals seit 1919 wieder Sonntagsarbeit
aus wirtschaftlichen Gründen möglich macht. Für eine wachsende Zahl von
Menschen ist der Sonntag nicht mehr heilig, kein Tag der Ruhe und
Entspannung, sondern ein normaler Arbeitstag. Der Veränderungsdruck,
der auf Arbeitgebern und Arbeitnehmern lastet, scheint aufgrund der
wirtschaftlich schwierigeren Situation in den neuen Bundesländern
deutlich stärker zu sein als in Westdeutschland.
2. Theologische Vorbemerkungen
Mit dem Sabbat (dem Sonntag) ist in der jüdisch-christlichen
Sozialkultur ein Tag der gemeinsamen Arbeitsniederlegung und der Ruhe
entstanden. Sowohl im Zusammenhang der Schöpfungsgeschichte als auch in
den Zehn Geboten (Dekalog) wird dieser theologische, für menschliches
Leben unverzichtbare Gedanke hervorgehoben. Die leidvolle Erinnerung
des Volkes Isarael an die ägyptische Sklavenschaft und die freudige
Vergegenwärtigung der Befreiung daraus stehen hier gewiß im
Hintergrund.
Dieser von nicht notwendiger Arbeit freie Tag ist die Voraussetzung
dafür, daß Menschen sich tatsächlich als Menschen mit all ihren
Fähigkeiten entfalten können. Das Lob des Schöpfers und der Schöpfung
gehören untrennbar dazu. Sabbat - und damit auch der christliche
Sonntag - werden als Geschenk Gottes geglaubt und verehrt. Sie sind
zweckfrei, aber damit gerade nicht sinnlos. Im Gegenteil: durch die
Zäsur, die Unterbrechung des Alltags, gewinnen Alltag und Festtag erst
ihren besonderen, dem Leben dienenden Sinn. Der Sonntag ist somit
zugleich eine notwendige Unterbrechung, eine zeitliche Begrenzung
zweckrationaler, allein auf ökonomische Effizienz ausgerichteter
Wirtschaft - um der Freiheit, der Gleichheit und der Würde der Menschen
willen.
Im gemeinsamen Wort der Kirchen "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" heißt es dazu:
"Zu unserer sozialen Ordnung zählen maßgeblich auch Institutionen,
Güter und Traditionen unserer geschichtlich gewachsenen Sozialkultur:
die Formen sozialer Partnerschaft von gesellschaftlichen Gruppen und
Kräften, die geltenden sozialen Standards des Schutzes und der
Versorgung, die gemeinsame Zeit als sozialer Besitzstand (Sonntage,
Feiertage, Familienwochenende), ein gesellschaftlicher Grundkonsens in
elementaren Fragen der sozialen Ordnung, des inneren Friedens und des
sozialen Miteinanders und vieles andere mehr. Sie alle komplettieren
gemeinsam mit den Ordnungen des sozialen Sicherungssystems die soziale
Ordnung unseres Gemeinwesens. Für ihre Erhaltung und Stärkung müssen
wir mit Nachdruck eintreten. Die sozialen Einrichtungen und Strukturen
können in Zukunft nur wirksam bleiben, wenn bei den Bürgern, vorallem
auch bei der Jugend, der soziale Zusammenhalt erkannt und bejaht wird,
wenn der notwendige Gemeinsinn lebendig bleibt und wenn die
Generationensolidarität wieder gestärkt wird."
"Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir darauf achten, bewährte Güter
unserer Sozialkultur zu bewahren und zu erhalten. Mit Sorge sehen wir,
daß und wie in letzter Zeit wiederholt der Versuch unternommen wurde,
auf die gemeinsame Zeit der Familien, Freunde und Nachbarn
zurückgreifen. Das neue Arbeitszeitrechtsgesetz sieht Ausnahmen vom
Verbot der Sonntagsarbeit nunmehr aus wirtschaftlichen Gründen vor.
Aber auch christliche Feiertage, die ein wertvoller Besitzstand der
Sozialkultur sind, werden zur Disposition gestellt. Dieser Zugriff auf
die gemeinsame Zeit der Sozialkultur bedeutet zugleich eine Preisgabe
von christlichen Prägungen der Lebensordnungen unseres Volkes."
3. Zehn gute Gründe für den arbeitsfreien Sonntag
Der Sonntag ist ein Symbol der Freiheit Der Sonntag ist nach
biblischer Verheißung als ein Tag des Aufbruchs und des Neubeginns von
Alltagsarbeit frei. Er gibt uns die Möglichkeit, an diesem Tag unsere
Zeit frei, ohne Zwänge und Bevormundung zu verbringen. Wir sind
herausgefordert, den Festcharakter dieses Tages wieder neu zu entdecken
und zu fördern.
Der Sonntag ist für den Menschen da Die Würde des Menschen ist
unantastbar, verpflichtet das Grundgesetz. Dieses Menschenrecht muß
sich in den konkreten gesellschaftlichen Regeln ausdrücken. Der
arbeitsfreie Sonntag ist Ausdruck dieser Menschenwürde.
Der Sonntag ist ein Ruhetag für die Schöpfung In hektischer Zeit, in
einem dicht besiedelten Land bietet der Sonntag die Gelegenheit, unsere
Mitgeschöpfe, die Tiere und Pflanzen in der Natur, aufmerksam und
staunend wahrzunehmen.
Der Sonntag steht für die Arbeitsruhe Kennzeichen des Sonntags ist die
Arbeitsruhe. Ohne die Arbeitsruhe verschwindet der Zeitrhythmus und der
notwendige gesellschaftliche Wechsel von Arbeit und Ruhe. Ohne die
Arbeitsruhe wir der Sonntag nicht nur zum Werktag, sondern er
verschwindet gänzlich.
Der Sonntag ist eine kulturelle Errungenschaft Der Sonntag steht als
kulturelles Zeichen gegen alle Versuche, den Menschen dem Geld, dem
Konsum oder der Produktion bedingungslos zu unterwerfen. Er war nicht
immer arbeitsfrei, sondern zuweilen auch Störungen und Angriffen
ausgesetzt. Menschen haben ihn bislang erfolgreich gegen kurzatmige
ökonomische Interessen verteidigen können.
Der Sonntag ist eine Möglichkeit der aktiven Freizeitgestaltung Der
Sonntag fordert auch den Willen, die Verantwortung und den
Entscheidungsspielraum von Menschen, sich als Kunden bzw. als
Verbraucher in ihren Bedürfnissen zu prüfen. Eine aktive Famlien- und
Freundschaftskultur des Sonntags setzt positive Zeichen gegen die
überwiegend passiven Konsumangebote der Freizeitindustrie.
Der Sonntag ist ein Familientag Der Sonntag ist für Freunde, Familie
und gemeinsam erlebte Zeit oft der einzige Tag. Er sollte bewußt
zweckfrei sein und darum auf besondere Weise erst sinnvoll und
nutzbringend. So dient er der Verbindung zwischen den Generationen.
Der Sonntag ist ein wichtiges Rückgrat der Gesellschaft "Leute ohne
Rückgrat haben wir schon zuviel", singt Bettina Wegner. Der Sonntag
gibt der Gesellschaft Stabilität, weil er den Menschen ermöglicht, sich
miteinander an einem gemeinsamen Tag zu treffen, der in unserem
Kulturkreis über alle Ländergrenzen hinweg verbindlich ist.
Der Sonntag ist der Zeitanker der Woche Der Sonntag macht einen
dringend notwendigen Zeitrhythmus erst möglich. In einer ständig
hektischer werdenden Zeit verpflichtet er zur Entschleunigung und Ruhe.
Alle gesellschaftlichen Versuche, ohne diesen Rhythmus zu leben, sind
gescheitert.
Der Sonntag ist zum Feiern da Er ist eines der größten Geschenke der
jüdisch-christlichen Überlieferung an die Menschheit. Am Sonntag sind
wir eingeladen, das Fest des Lebens zu feiern, Gemeinschaft zu leben
und uns nicht von Arbeit und Geschäftigkeit in Besitz nehmen zu lassen.