Wir beobachten mit Sorge in den letzten Jahren eine rasante Zunahme der
Zahl von "verkaufsoffenen Sonntagen"- verstärkt in den neuen
Bundesländern. Gab es in der Vergangenheit einige wenige traditionelle
Märkte und Feste in deren Zusammenhang Sonntagsöffnungen genehmigt
wurden, werden zunehmend in Städten und Gemeinden oder bei
Handelsunternehmen weitere Anlässe gesucht bzw. oft auch erst
geschaffen, um Verkaufssonntage zu ermöglichen oder den rechtlichen
Regelungen zum Ladenschluß auszuweichen.
Eine weitere Auseinandersetzung wird geführt, um die Verlängerung der
Ladenöffnungszeiten. Dabei scheint den Protagonisten, zumeist Vertreter
der großen Handelsketten, eine generelle Aufhebung des
Ladenschlußgesetzes vor Augen zu stehen. Angepriesen wird ein schier
grenzenloses Shopping - von Montag bis Sonnabend: Einkaufen rund um die
Uhr.
2. Biblisch-theologische Betrachtung
Dass 3. Gebot: "Du sollst den Feiertag heiligen!" (2. Buch Mose 20,1ff)
formuliert den Anspruch Gottes auf das Leben - um eines gesunden,
ausgefüllten Zusammenlebens willen.
Seine Gründung erfährt das 3. Gebot: "Du sollst den Feiertag heiligen"
in der Schöpfungserzählung: "... und Gott segnete den siebenten Tag und
heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott
geschaffen und gemacht hatte." (1.Buch Mose2,1-31). Gott kommt zu sich
selbst, indem er zur Ruhe kommt.
Im Zusammenhang mit 1.Buch Mose 1, 27: "Und Gott schuf den Menschen zu
seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn..." ist diese Aussage auf
den Menschen und die Gesellschaft zu beziehen und zu verstehen. Das
Schlüssel-wort ist "Ruhe". Auch der von Gott Geschaffene kommt nur zu
sich selbst, indem er den Schöpfer erkennt, anerkennt und versucht, es
ihm gleich zu tun.
Im Neuen Testament (Hebräer-Brief 4, 1-10) ist hinsichtlich einer
solidarischen Lebensgestaltung der Christen in der Gesellschaft
formuliert: "So lasset uns nun sorgfältig darauf achten, daß keiner von
euch zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht, damit wir zu
gottvoller Ruhe gelangen. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der
ruht auch von seinen Werken - so wie Gott von den seinen."
Diese biblischen Überlegungen zur Ruhe Gottes sind nicht einfach
geistig-spirituell oder individualistisch zu verstehen. Sie haben
vielmehr eine sozialethische und soziopolitische Intention. Erst der
kulturell geordnete und gleichzeitig praktizierte Wechsel von Ruhe und
Arbeit, Aktion und Meditation, Anspannung und Entspannung, Alltag und
Festtag garantiert ein sinnvolles und gesundes Leben.
3. Erweiterte Ladenöffnungzeiten und ihre Folgen
Sonntagsöffnungen und Verlängerung der Ladenöffnungszeiten in der Woche
bedeuten nicht allein einen Angriff auf gewachsene kulturelle Standards
in Deutschland. Darüber hinaus bringen sie zusätzliche Belastungen für
die betroffenen Arbeitnehmer(innen) (Dienstleister) und ihren
Angehörigen. Viele der Beschäftigten arbeiten heute im
Teilzeitarbeitsverhältnis und im Kleinarbeitsverhältnis, um flexibel in
Spitzenzeiten einsetzbar zu sein. Die regelmäßigen Öffnungszeiten
vieler Einzelhändler sind heute von 7.00 Uhr bis 20.00 Uhr (Mo-Fr) und
am Sonnabend bis 16.00 Uhr. Sonnabende sind für die meisten
Beschäftigten im Einzelhandel Regelarbeitstage. Dadurch wird die
soziale Situation in den Familien der Beschäftigten nachhaltig
beeinträchtigt.
Weiterhin zeichnen sich durch unterschiedliche Genehmigungspraxis und
unterschiedliche Voraussetzungen bei den (großen und kleinen)
Wettbewerbspartnern im Handel erhebliche Schwierigkeiten und
Wettbewerbsverzerrungen ab.
Bei der Debatte um die Ladenöffnungszeiten geht es um mehr. In vielen
anderen Wirtschaftszweigen und Berufen verlangen spezielle
wirtschaftliche Erfordernisse und ein globalisierter Konkurrenzkampf
die "Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit" der Beschäftigten: Teure Anlagen
und Technologien "müssen" an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr
genutzt werden. Branchenbezogen werden 10-12 Stunden am Tag oder 60
Std. die Woche gearbeitet.
Somit steht hier auch die Frage nach den Kundenwünschen bzw. nach der
Macht der Kunden: Wann wollen sie wo und wie lange einkaufen?
Entsprechende Umfragen haben ergeben:
Es gibt lediglich eine Minderheit von Menschen, die zu jeder Zeit einkaufen gehen will.
Für die Händler und Beschäftigten im Innenstadtbereich wirkt sich die
bereits bestehende Möglichkeit zur Verlängerung der Ladenöffnungszeit
nicht umsatzsteigernd, sondern insgesamt eher negativ aus.
Kundenservice und Beratung erfahren durch längere Ladenöffnung keine nachhaltige Verbesserung.
Viele Kunden halten die bestehenden Ladenöffnungszeiten für
ausreichend. Verlängerte Öffnungszeiten wurden vielerorts nach einer
Versuchsphase wieder zurückgenommen.
4. Unabhängig von Positionen und Interessen
Nach Abwägen aller erkennbaren Vor- und Nachteile würden sich bei einer
Freigabe der Ladenöffnungszeiten darüber hinaus auch auf nahezu alle
Bereiche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Veränderungen ergeben,
die in ihren Langzeitfolgen auf das Sozialgefüge heute gar nicht
abzuschätzen sind. Auf jeden Fall ist damit zu rechnen, dass das
Zusammenleben in Familien, Lebensgemeinschaften, Freundeskreisen und
Verbänden nachhaltig beeinträchtigt wird.
Wenn also hinsichtlich der vor allem von den großen Handelsunternehmen
angestrebten Flexibilisierung keine "Sozialfolgen-Abschätzung"
vorgenommen wird, sondern allein Fragen der Produktivität und
Rentabilität Beachtung finden, ist der Einspruch aller gesellschaftlich
relevanten Gruppen angesagt. In diesem Zusammenhang sind auch die
kulturellen Begleiterscheinungen der sich rasant entwickelnden modernen
Kommunikationstechniken einer sorgfältigen Analyse zu unterziehen.
Es bedarf also eines intensiven gemeinsamen Nachdenkens aller
Betroffenen - Unternehmer, Beschäftigte, Politiker,
Verbraucherverbände, Kirchen und anderer Kulturinstitutionen -, um
nicht vorschnell und darum sozial schädlich bisherige kulturelle und
tarifpolitische Standards über Bord zu werfen. Neben klaren
übergreifenden branchenbezogenen Wettbewerbsregeln sind regionale
Einzellösungen durchaus vorstellbar.
Unter der Überschrift "Suchet der Stadt Bestes" sollten die Kirchen zu
"kommunalen Stammtischen" oder "Runden Tischen" einladen, um diese
Gespräche im Sinne eines fairen Interessenausgleiches zu initiieren und
gestalten zu helfen.