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Die Zukunft der Arbeit
Anmerkungen und Argumente für die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen sozialen Umbrüchen in Kirche und Gesellschaft
   
   
 
Vorwort

1. Globalisierung und Arbeitslosigkeit
2. Abhängig beschäftigte Lohnarbeiter und unternehmerische Einzelne" (Heinz Bude)
3. Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Teilhabe in einer Sozialen Marktwirtschaft
4. Die "Trinität der Arbeit" und "Dritter Sektor"
5. Recht auf Arbeit, Teilhabe an Unternehmensgewinnen und Beschäftigungszuwachs
6. Produktivität, Binnenkaufkraft und internationaler Wettbewerb
7. Arbeitszeitverkürzung und Arbeitszeitflexibilisierung
8. Fairneß und Verläßlichkeit aller am Wirtschaftsprozeß Beteiligten
9. Recht und Gesetz
10. Vergleiche mit anderen Volkswirtschaften


  
  
Vorwort [1]  
 
Unsere Gesellschaft befindet sich gegenwärtig am Beginn eines tiefgreifenden Veränderungsprozesses, der die Lernfähigkeit der Gesellschaft und somit auch der Kirchen in besonderer Weise herausfordert.

Der industriell geprägten Arbeitsgesellschaft scheint die Arbeit auszugehen. Durch neue, sich mit rasanter Geschwindigkeit entwickelnde Formen der Technik (Computer- und Nanotechnik, Internet, Biotechnik etc.) werden grundlegende, bislang - mehr oder minder - gültige religöse, philosophische und ethische Einsichten grundsätzlich in Frage gestellt. Andere Formen der Produktion erfordern andere Fähigkeiten und Kompetenzen und führen zu veränderten Sozialisationsformen, (Aus)Bildungswegen und Persönlich-keitsprofilen. Im Zeitalter der Globalisierung ist eine intelligente Verknüpfung von alten, bewahrenswerten und neuen, zukunftsfähigen Arbeits- und Lebensweisen (über-) lebensnotwendig.

Im 19.Jahrhundert stand mit der Industrialisierung die "soziale Frage" auf der Tagesordnung. Die neu entstandene Gruppe von Industrie- und MassenarbeiterInnen rief nach gesellschaftlicher und kirchlicher Wahrnehmung. Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts geht es um den "ökologischen Umbau der Industriegesellschaft" hin zu einer "nachhaltig wirtschaftenden Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft". Damit wird die "Bildungsfrage" zur "sozialen Frage" des 21.Jahrhunderts. Um diesen Prozeß bewältigen zu können, sind mediäre, kulturprägende Institutionen wie die Kirchen gefragt, die Wissenserwerb mit Persönlichkeitsbildung verknüpfen.

Die großen Weltreligionen und insbesondere die christlichen Kirchen gehören zu den historisch ältesten "Global Players". Im Vertrauen auf den dreieinigen Gott ist es ihre Mission, Menschen zur "Umkehr" aus Angst, Erstarrung und pubertärer Selbst-bezogenheit zu rufen und zu einer "Herzensbildung" zu verlocken, die das Antlitz Jesu Christi trägt. Christliche Botschaft und Praxis zielen auf ein solidarisches, gewaltfreies und lebendiges Miteinander aller Menschen in Freiheit und Verantwortung.

So waren und bleiben die Kirchen Akteure und Reakteure der Globalisierung. Auch deshalb können sie im Dialog der Religionen und Kulturen sowohl die positiven Seiten dieses internationalen Prozesses befördern als auch die Negativ-Folgen einer rein wirtschaftlich forcierten Globalisierung frühzeitig erkennen, kritisieren und korrigieren helfen.


  
    
1. Globalisierung und Arbeitslosigkeit  
 
Nicht selten wird gegenwärtig die These vertreten, die hohe Arbeitslosigkeit - vor allem in den neuen Bundesländern - würde vor allem durch die Globalisierung verursacht. Sinnvoller als eine solche - monokausale - Betrachtungsweise zu pflegen, ist es, auf das Bündel der Ursachen hinzuweisen, die die gegenwärtige Arbeitsmarktsituation prägen. Dazu gehören:
  • das Ende der DDR und die verheerenden mentalen und wirtschaftlichen Folgen eines vormundschaftlichen Politiksystems und einer ideologieträchtigen, ineffizienten Staatswirtschaft,
  • der gesellschafts- und wirtschaftspolitische Reformstau in der "alten" Bundesrepublik,
  • die parteipolitischen und wirtschaftlichen Fehler der Vereinigungsprozesses, 
  • eine in den neuen Ländern nicht selten anzutreffende Unternehmenspolitik, die auf kurzfristigen (Subventions-)Gewinn und weniger auf nachhaltiges Wachstum setzt, 
  • der enorme Rationalisierungsschub, als eine der Ursachen für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungsprozeß, der gegenwärtig verkürzend mit dem Begriff "Globalisierung" bezeichnet wird.

Der internationale Vergleich legt nahe, daß Länder, die sich dem internationalen Standortwettbewerb gestellt haben, dadurch langfristig wirtschaftlich stärker geworden sind als solche, die sich durch Protektionismus vor der internationalen Konkurrenz abgeschirmt haben. Die Internationalisierung ist nicht einfach Ursache für Wirtschaftskrisen, sondern sie deckt Krisenursachen auf bzw. schafft neue, andere Probleme, die sich gleichfalls zu Krisen auswachsen können. So macht sie bspw. auch die internationale wirtschaftlich-ökologische Verflechtung, weltweite Umweltprobleme und nationale wie transnationale Konflikte transparent.

Schon heute zeichnet sich eine Transformation des gegenwärtigen Marktsystems ab, als deren Ergebnis der amerikanische Soziologe und Kulturkritiker Jeremy Rifkin den Begriff des "Hyperkapitalimsus" eingeführt hat:

"In der vernetzten Wirtschaft [des Hyperkapitalismus] ist materielles wie geistiges Eigentum für Unternehmen etwas, aus das man zugreift, der Austausch wird zurückgehen. Eigentum an Sachkapital jedoch, im Industriezeitalter Kern nicht nur des Wirtschaftslebens, wird für den ökonomischen Prozeß immer unbedeutender. Es wird [...] eher als Betriebsausgabe betrachtet denn als Vermögenswert, als etwas, was man besser leiht als besitzt. Auf der anderen Seite wird geistiges Kapital zur treibenden Kraft der neuen Ära und zum eigentlichen Objekt der Begierde. Konzepte, Ideen und Vorstellungen - nicht Dinge - sind in der neuen Ökonomie die Gegenstände von Wert. Reichtum wird nicht länger mit materiellem Kapital verbunden, sondern mit menschlicher Vorstellungkraft und Kreativität." [2]   
 
Zu den aktuell beängstigenden Erscheinungen der Globalisierung gehören Mega-Fusionen, Firmenübernahmen gigantischen Ausmaßes und tägliche Börsentransaktionen mit einem bisher nicht gekannten Finanzvolumen. Angesichts einer ungebremst steigenden Aktiennachfrage, (die durch die Privatvorsorge im Rahmen der anstehenden Rentenreform noch weiter angeheizt werden wird) verschärft sich das Ungleichgewicht zwischen Finanz- und Realinvestitionen weiterhin: Anlagen in Wertpapiere versprechen deutlich attraktivere Renditeerwartungen als Anlagen in produktive Investments. Damit hält einerseits der Trend zum Outsourcing und zu Unternehmensverkäufen mit allen Schattenseiten des Arbeitsplatzabbaus an.

Andererseits nimmt das Einkommen aus Kapitalvermögen im Vergleich zum Einkommen aus Unternehmer- und Arbeitnehmertätigkeit unverhältnismäßig mehr zu und verschärft dadurch die Vermögensungleichverteilung.

  
 
2. Abhängig beschäftigte Lohnarbeiter und unternehmerische Einzelne" (Heinz Bude)   
 
Zunächst obliegt es Menschen im allgemeinen und auch Christenmenschen, ihre Welt aufmerksam wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang sollte auch der gegenwärtigen Rationalisierrung bzw. Automatisierung nicht vorschnell und ausschließlich mit einer pathetischen "Alles-wird-immer-schlimmer-Haltung" begegnet werden, die die Mühe genauer Sachinformation gegen moralisch hoch aufgeladene Appelle eintauscht.

Zu den historisch positiven Seiten der Rationalisierung gehört, daß sie den Menschen von physischen Belastungen, extremen Gesundheitsschädigungen und Unfallgefahren der Arbeit weitgehend befreit hat. Zum anderen läßt sich der weltweite Durchbruch von neuen Technologien nicht dadurch aufhalten, daß in einzelnen Ländern auf Automationsfortschritte verzichtet wird.

Zwar ist der gegenwärtige, durch die Computerisierung getriebene Strukturwandel mit einem dramatischen Arbeitsplatzabbau verbunden. Jedoch lehren die Erfahrungen der 50er Jahre, daß die Beschäftigung wachsen kann, obwohl, ähnlich wie heute, nicht überlebensfähige Arbeitsplätze im Rekordmaßstab weggebrochen sind. Gegenwärtig zeigt mindestens das Beispiel der USA, daß die Arbeitslosigkeit sinkt, obwohl die Rationalisierung viel mehr traditionelle Arbeitsplätze zum Verschwinden bringt als in Deutschland, eben weil an anderer Stelle weit mehr neue Arbeitsplätze entstehen.

Sich verändernde menschliche Ansprüche werden dafür sorgen, daß trotz massiver Automation immer wieder Bedürfnisse nach neuen Produkten und vor allen nach neuen Dienstleistungen (z. B. Gesundheit, Bildung, Freizeit) aufkommen werden. Zwar mögen heute 20 % der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen, um alle Menschen mit heutigen Gütern zu versorgen. Aber es ist schwer vorstellbar, daß das Nachfragepotential nach neuen Gütern in der Zukunft jemals erschöpft ist. Von einem "Ende der Arbeit" zu sprechen, scheint daher etwas verfrüht.

Allerdings sind auch deutliche Zweifel an der Produkt- und Konsumethik vieler neuer Bedürfnisse angebracht (z. B. Freizeitverhalten, lifestyle- und Luxuskonsum). Hier öffnet sich ein alt bekanntes und zukünftiges Wirkungsfeld für die Kirchen. Im Ernstnehmen der eigenen Botschaft können sie einer oberflächlichen "Haben-Orientierung" die Verlockung eines christusförmigen Lebensstiles entgegensetzen. Nur so werden die diakonischen und entwicklungs-politischen Anliegen der Ersten Welt glaubwürdig und in den Ländern der sgn. Dritten Welt plausibel zu vermitteln sein.

  
    
3. Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Teilhabe in einer Sozialen Marktwirtschaft  
 

Zum Verhältnis von Erwerbsarbeit und gesellschaftlicher Teilhabe formuliert das "Gemeinsame Wort der Kirchen":

"So lange die Erwerbsarbeit die existenzielle Grundlage für die Sicherung des Lebensunterhalts, die soziale Integration und persönliche Entfaltung des einzelnen ist, ist es die Aufgabe einer sozial verpflichteten und gerechten Wirtschaftsordnung, allen Frauen und Männern, die dies brauchen und wünschen, den Zugang und die Beteiligung an der Erwerbsarbeit zu eröffnen.

Ihnen sollen die mit der Erwerbsarbeit verbundenen Chancen der Teilnahme, der sozialen Integration, der Existenzsicherung und der persönlichen Entfaltung eröffnet werden. Diese Verpflichtung richtet sich gleichermaßen an die Politik und die Tarifvertragsparteien, aber auch an die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammer, die Bundesbank sowie die einzelnen Unternehmen und die Vielzahl der Einrichtungen, die als Träger von Beschäftigungsinitiativen in Frage kommen, nicht zuletzt an die Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände.

Ohne einen breiten Grundkonsens in der Gesellschaft, ohne konzentrierte Bemühungen, ohne ein gemeinsames Zusammenwirken der unterschiedlichen Verantwortungsträger kann es keine Fortschritte geben[...]." [3]

Im Blick auf die gegenwärtig schwierigen und zuweilen anachronistisch anmutenden Auseinandersetzungen der Tarifparteien muß neben dem berechtigten Appell an die Verantwortungsträger allerdings auch Beachtung finden, daß bei dem in (West-) Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg formulierten Programm der Sozialen Marktwirtschaft "Marktwirtschaft" das Hauptwort und "sozial" das Eigenschaftswort benennt. D.h., Soziale Marktwirtschaft ist bemüht, das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und sozialen Belangen dadurch konstruktiv und sozial ausgewogen zu halten, indem wirtschaftliche Stabilität als Voraussetzung für soziale Leistungsfähigkeit des Staates gewertet wird. Der Sozialstaat (im Gegensatz zum Wohlfahrtsstaat) berücksichtigt, daß nur eine intakte Wirtschaftsordnung auf Dauer zum sozialen Ausgleich fähig ist. Das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft ist daher in besonderer Weise deren Effizienz.

Dieser Vorrang von wirtschaftlichen Belangen drückt sich z. B. in der "Subsidiarität" aus, nach der der einzelne zunächst für seine eigene soziale Sicherung selbst verantwortlich ist. Er ist erst dann zur Inanspruchnahme öffentlicher sozialer Hilfeleistungen berechtigt, wenn er an seine persönlichen Grenzen gelangt ist.

So sehr der Staat daran interessiert sein muß, die Leistungsträger des Wirtschaftssystems zu motivieren und zu stärken, so sehr verlangt die soziale Ausgleichs- und Auffangfunktion sein Eintreten für diejenigen, die die Verantwortung für das eigene Leben und die Verantwortung für andere (Familie, Freunde etc.) nicht (mehr) wahrnehmen können. Im Einzelfall mag es schwierig sein, die Gewichte zwischen Leistungs- und Sozialordnung angemessen zu verteilen. Aber grundsätzlich kann weder auf wirtschaftliche noch auf soziale Prinzipien verzichtet werden.

In diesem Kontext ist es eine genuine Aufgabe des einzelnen Christen und der Kirchen, Menschen zu persönlicher Verantwortungsübernahme und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermutigen und zu motivieren. Darüber hinaus sollen die Kirchen, als Anwälte des Gemeinwohls, als "Global Players" ohne ausgrenzende Partikularinteressen, dort, wo Wettbewerb Entsolidarisierung und Ungerechtigkeit hervorbringt, in Wort und Tat widerstehen.

  
    
4. Die "Trinität der Arbeit" und "Dritter Sektor"  
 
Die Idee der "Trinität der Arbeit" (J. Espenhorst) aus Privat-, Erwerbs- und Gemeinschaftsarbeit verdient insofern Unterstützung, als sie die (unbezahlte) Privatarbeit und die Gemeinschaftsarbeit aufwertet.

Das "Gemeinsame Wort der Kirchen" führt dazu aus:

"Die bisherigen öffentlichen Diskussionen orientieren sich fast ausschließlich am Spannungsverhältnis von Marktwirtschaft und Sozialstaat. Vielfach schwingt dabei auch noch der ordnungspolitische Antagonismus "Planwirtschaft" versus "Marktwirtschaft" aus der Zeit des Kalten Krieges nach. Wenn Märkte an ihre Grenzen stoßen, sucht man das Heil beim Staat. Versagt der Staat, fordert man mehr Markt, Privatisierungen und Deregulierungen.

Über diesem Dualismus droht in Vergessenheit zu geraten, dass gesellschaftliche Gruppen und Institutionen, die weder dem Staat noch dem Bereich des Marktes zuzuordnen sind, einen eigenständigen Beitrag zur Erhöhung der gesellschaftlichen Wohlfahrt leisten.

Hierzu gehören [...] auch die gemeinnützigen Einrichtungen, Formen assoziativer Selbsthilfe - beispielsweise in Kirchen, Gewerkschaften oder Vereinen - und Formen wechselseitiger Hilfe - etwa im Bereich von Nachbarschaften oder sonstigen Bekanntschaftsbeziehungen. Das gemeinsame Moment dieser unterschiedlichen Formen der Förderung des Gemeinwohls besteht in der ihnen zugrundeliegenden Solidarität der Beteiligten. [...]

So haben im Westen Deutschlands in den letzten 25 Jahren Bürgerinitiativen, neue soziale Bewegungen, Wohlfahrtverbände und andere Nichtregierungsorganisationen die Debatten in der politischen Öffentlichkeit belebt und damit Wege zu einer Neuorientierung staatliche Handelns geöffnet. In Ostdeutschland war die friedliche Revolution nur möglich, weil gesellschaftliche, vielfach kirchlich gebundene Gruppen gegen die totalitären Staat aufbegehrten und an den Runden Tischen der Wendezeit eine demokratische Kultur entwickelten, in der die Beteiligten solidarisch und kooperativ nach neuen Wegen suchten. In Ost und West klagen entwicklungspolitische Gruppen mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit ein, dass solidarische Verantwortung universell und nicht teilbar ist. Arbeitsloseninitiativen spüren gesellschaftlich sinnvolle Arbeiten auf, die sonst ungetan blieben [...]." [4]

Auch in Deutschland setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß ein dritter Sektor des 1. Arbeitsmarktes (neben dem privaten und profit-orientierten ersten Sektor und dem öffentlichen zweiten Sektor) im Prozeß der Neuverteilung von Arbeit künftig starke Wachstumschancen haben wird. Stellen in diesem dritten Sektor sind Arbeitsplätze zwischen "Staat" und "Markt", die untereinander im Wettbewerb stehen und sowohl durch öffentliche Mittel, Eigeneinnahmen wie durch private Förderung finanziert werden. Man kann gegenwärtig davon ausgehen, daß gegenwärtig hierzulande ca. 10 % aller Arbeitsplätze in diesem Bereich angesiedelt sind. In anderen europäischen Ländern liegt der Anteil am Gesamt der Arbeitsplätze deutlich darüber.

Der entscheiden neue Ansatz dabei ist, daß dabei nicht allein auf das Ehrenamt oder diverse Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des 2. Arbeitsmarktes gesetzt wird. Allein eine intelligente Kombinationen aus Eigenmitteln, öffentlicher Förderung und privater Initiative wird Dauerarbeitsplätze als "Dritter-Sektor-Arbeitsplätze" schaffen können. Daher sollten auch und besonders die Kirchen als "Non-Profit-Organisationen" auf eine nachhaltige Verbesserung der Rahmenbedingungen für derartige Stellen hinwirken, wie sie besonders durch die Initiative von Vereinen und Verbänden, von Bildungseinrichtungen, von sozialen und kulturellen Gruppen, von Umwelt- und Landschaftspflegeverbänden geschaffen werden.

Gesellschaftliche Anerkennung der Gemeinschaftsarbeit wird sich jedoch weniger in der Entlohnung ausdrücken. Der beschrieben dritte Sektor der lokalen, gemeinnützigen Arbeit ist gegebenenfalls dann lebensfähig, wenn er sich einerseits als Niedriglohnsektor versteht und wenn er andrerseits mit einer staatlichen Förderung solcher genossenschaftlicher Beschäftigungsinitiativen (auch im Raum der Kirche) rechnen kann. Vielleicht reicht aber beides nicht aus, so daß es unumgänglich ist, eine Pflicht zur Ableistung von Gemeinschaftsarbeit oder einen Bonus für geleistete Gemeinschaftsdienste bei der Beschäftigungssuche einzuführen.

  
    
5. Recht auf Arbeit, Teilhabe an Unternehmensgewinnen und Beschäftigungszuwachs   
 
Das "Recht auf Arbeit" wird oft im Sinne eines Anspruchsdenkens als ein "Recht auf Arbeit zu den herrschenden Löhnen" mißverstanden. Lohnspreizung nach unten für die schwer Vermittelbaren, für Langzeitarbeitslose, für Berufseinsteiger usw., in Verbindung mit dem Lohnabstandsgebot der Sozialhilfe, ist sicher eine unpopuläre Empfehlung für die im Niedriglohnsektor Beschäftigten, aber ein Anreiz für die von der Arbeitslosigkeit Betroffenen. Auch für die Geringqualifizierten könnte es auf diese Weise eine Zukunft mit Arbeit geben.

Mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt stärkt die Chancen der Geringqualifizierten. Dazu gehört auch, daß es nicht als mit dem "Günstigkeitsprinzip" unvereinbar angesehen wird, wenn ein Arbeitsloser eine Untertarifbeschäftigung anzunehmen bereit ist oder wenn Mitarbeiter Lohnverzicht im Gegenzug zu Beschäftigungsgarantien üben (Fall Holzmann). Mehr Wettbewerb würde auch erreicht, wenn Lohnabschlüsse mehr auf betrieblicher statt auf Verbandsebene gefunden würden; dazu müßte der Vorrang des kollektiven Tarifvertrags vor Betriebsvereinbarungen in Frage gestellt werden.

Weitere Überlegungen, die mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt und damit größere Chancen für den Abbau der Arbeitslosigkeit schaffen würden, wären eine Überprüfung der Kündigungsschutzbestimmungen, der Zumutbarkeitskriterien für die Annahme eines neuen Arbeitsplatzangebots im Fall von Arbeitslosigkeit, größere Freibeträge (als 265,- DM) beim Hinzuverdienst zur Sozialhilfe u. a. Die Tarifautonomie der Tarifparteien sollte damit nicht angetastet, sondern den Betroffenen vor Ort unmittelbarer als bisher übertragen werden. So können individuelle betriebliche Verhältnisse angemessener Berücksichtigung finden.

Allerdings liegt in einer Schwächung der übertariflichen Tarifverbände (Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften) auch die Gefahr der Schwächung der Arbeitnehmer bei einseitigem Machtmißbrauch durch Management (z. B. "Erpressung" von Mitarbeitern in nicht-tarifgebundenen Unternehmen). Es gefährdet auf längere Sicht den sozialen Frieden und erhöht damit den staatlichen Regelungsbedarf, wenn die Kluft zwischen Arbeitnehmereinkommen und Gewinneinkommen wächst und der notwendige Beschäftigungszuwachs ausbleibt. Die möglichst breite Teilhabe der "gesellschaftlichen Mitte" am erzielten Reichtum gehört zu den Erfolgskonzepten der "alten" Bundesrepublik.

  
    
6. Produktivität, Binnenkaufkraft und internationaler Wettbewerb   
 
Lohnzurückhaltung und Lohnspreizung nach unten führen aber auch zu weniger Binnennachfrage des Konsums. Eine Erhöhung der verfügbaren (Lohn-)Einkommen hätte daher über die Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage einen arbeitsplatzfördernden Effekt. Allerdings wird das Beschäftigungspotential einer höheren nachfragewirksamen Entlohnung nur auf gut 100.000 neue Arbeitsplätze geschätzt (entsprechend etwa 5 % der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit), zumal die Mehrnachfrage besonders in den Konsum für Importgüter (z. B. Reisen, Unterhaltungselektronik) wandern dürfte. D.h., von den Tarifparteien sollte auf ein möglichst ausgewogenes Verhältnis von binnenwirtschaftlicher Stärkung der Kaufkraft und der Schaffung weltwirtschaftlicher Wettbewerbschancen geachtet werden.

  
    
7. Arbeitszeitverkürzung und Arbeitszeitflexibilisierung   
 
Ebenso kann eine generelle Arbeitszeitverkürzung zur Mehrbeschäftigung beitragen. Wenn aber die Arbeitszeitverkürzung zugleich mit einem (anteiligen) Lohnausgleich verbunden ist, steht zu befürchten, daß der Beschäftigungsgewinn durch einen Kostenanstieg der Arbeit aufgesogen wird. Hoffnungsvoller sind Regelungen der Arbeitszeitflexibilisierung, die auf individuelle Bedingungen in den Unternehmen (z. B. Auftragslage, Saisongeschäft, Verlängerung der Betriebsnutzungszeiten usw.) spezifischer reagieren können, z. B. Jahresarbeitszeitverträge, Arbeitszeitkonten, Teilzeit usw.

  
    
8. Fairneß und Verläßlichkeit aller am Wirtschaftsprozeß Beteiligten   
 
Soziale Marktwirtschaft lebt von der Verläßlichkeit aller am wirtschaftlichen Leben Beteiligten. Zu den Beteiligten gehören die Arbeitgeber als Verantwortungs- und Risikoträger ebenso wie die Arbeitnehmer als qualifizierte Mitgestalter und Partner. Beide sind sich wechselseitig als auch gegenüber den Kunden und Konkurrenten für eine qualitativ hochwertige und preislich solide Arbeit verantwortlich. Ein stimmiges Preis-Leistungsverhältnis und eine transparente Abrechnung vom Angebot bis zur Rechnungslegung schafft das Vertrauen, das nötig ist, um am Markt bestehen zu können. Der erzielte betriebliche Gewinn ist eine Voraussetzung für die gesunde Entwicklung eines Unternehmens.

Gegenwärtig findet eine niedrigere Hemmschwelle zum Betrug im Wirtschaftsleben ihren Niederschlag in vielen volkswirtschaftlichen Wertdefiziten, z. B. in Steuerhinterziehung, Versicherungsbetrug, Verfall der Zahlungsmoral, Schwarzarbeit und vieles andere mehre. Für die Probleme am Arbeitsmarkt ist besonders die Schwarzarbeit von Bedeutung.

Die Schwarzarbeit betrifft alle Umsätze, Einkommenserzielungen, Arbeitsentlohnungen usw., die nicht vor der Sozialversicherung oder der Finanzverwaltung offengelegt werden. Man rechnet in Deutschland (1997) mit einem Schattenanteil am Sozialprodukt in Höhe von 15 % (entsprechend 550 Mrd. DM), vor allem im Bausektor, der einen Steuer- und einen Sozialversicherungsausfall von jeweils mehr als 100 Mrd. DM verursacht.

Vor allem klein- und mittelständische Unternehmen in den neuen Bundesländern werden zusätzlich durch ungerechtfertigte Nachverhandlungen bei erbrachter Leistung, Zahlungsverzug oder Zahlungsverweigerung geschädigt.

Die politischen Rahmenbedingungen für die Unternehmen sollten im Blick auf eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung so gestaltet werden, daß Mißbrauch weitgehend ausgegrenzt wird. (Reform des Steuerrechtes, Gleichstellung von Kapital- und Personengesellschaften, Anpassung des Arbeits- und Tarifrechts, Zahlungsverpflichtung, Eigentumsvorbehalt für Material und erbrachte Leistungen, Bieter- und Vergabepraxis etc.).

  
    
9. Recht und Gesetz   
 
Es ist genau zu fragen, welche Faktoren zu einer niedrigeren Hemmschwelle zum Betrug beitragen. Möglicherweise ist hier eine in Deutschland nicht selten zu beobachtende Über-Moralisierung von im Grunde indiskutablen gesellschaftlen Regeln und kulturellen Standarts in Verbindung mit einem mitunter etwas "langatmigen" Rechtssystem zu nennen: Wenn Gesetze und die Rechtsprechung, das Strafmaß und die Strafverfolgung ausgehöhlt werden, kann dies dazu beitragen, daß die Skrupel gegenüber betrügerischem Fehlverhalten weiter abzusenken.

Im Umfeld des Rechtswesens hätte vor allem das Erziehungssystem und die Medienwelt für die Vermittlung von Maßstäben zu sorgen. Das schließt auch die Stigmatisierung illegalen Handelns ein. Es ist hier u.a. auch die Aufgabe der Kirchen, auf die lebensdienlichen "Verabredungen Gottes mit den Menschen" (10. Gebote; Goldene Regel etc.) zu verweisen, die zu den unabdingbaren kulturellen Voraussetzungen menschlich verantwortlichen Miteinanders gehören. Der Staat wird möglicherweise auch dadurch eine größere Neigung zum Betrug provozieren, daß er die Abgabenbelastung (Steuerquote) und die Regelungsdichte (Bürokratie, Verwaltungsaufwand) überzieht. Damit treibt der hohe Staatsanteil die Privatwirtschaft in die Halbwelt und Grauzone der Schattenökonomie. Diese Ausweichwirtschaft kann unter keinen Umständen entschuldigt, aber immerhin unter diesen Umständen verstanden werden.

  
    
10. Vergleiche mit anderen Volkswirtschaften   
 
Als internationale Beispiele für eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik können die beiden Länder "Niederlande" und "USA" angesehen werden, die beide einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit, jeweils auf ca. 4 %, erreicht haben.

Am niederländischen Vorbild orientiert sich das deutsche "Bündnis für Arbeit". Das Modell der Niederlande beruht dabei auf 3 Säulen: auf dem Konsens über Lohnzurückhaltung, auf der überwiegenden Regelung von Tarifabschlüssen auf Betriebsebene sowie auf einer generellen Arbeitszeitverkürzung in Verbindung mit einer individuellen Teilzeitförderung. Unter diesen drei Schwerpunkten entsprechen die jüngsten deutschen Erfahrungen am ehesten dem erstgenannten, nämlich der Lohnmäßigung. Die Tarifrunde 2000 hat im wesentlichen die Vereinbarung im "Bündnis für Arbeit", Tarifabschlüsse unterhalb der Produktivitätszuwächse zu halten, bestätigt.

Das Beispiel der USA steht für eine Reallohnzurückhaltung bzw. -senkung, für eine massive Steuersenkung sowie für eine kräftige Förderung des Dienstleistungssektors. Damit wurden zwischen 1980 und 1996 ca. 27 Mio. neue Arbeitsplätze geschaffen (zum Vergleich in Deutschland: knapp 2 Mio.). Trotz der Lohndisziplin liegen 80 % der neuen Stellen oberhalb des Durchschnittseinkommens; gleichwohl sind im Vergleich zu Deutschland die Beschäftigungsgewinne vor allem im Niedriglohnbereich unübersehbar.

Auch wenn die Erfahrungen anderer Länder nicht eins zu eins auf die besondere, historisch gewachsene Situation in Deutschland zu übertragen sind, kann der aufmerksame Vergleich nicht schaden. So gilt auch hier der Rat des Apostels Paulus: "Prüfet alles, das Gute aber behaltet."

Neudietendorf, am 20. November 2000

  
    
Anmerkungen  
 
[1] Neben den Themen "Sonntagsschutz" und "Ladenschlußgesetzt" hat das Thema "Zukunft der Arbeit" die Diskussion in der Kammer in den Sitzungen des Jahres 2000 geprägt. Der vorliegende Text wurde nach maßgeblicher Vorarbeit von Prof. Reinhard Haupt; Jena, gemeinsam überarbeitet. Direktor Seidel hat - nach Vorlage einiger schriftlicher Ergänzungen - die Endredaktion übernommen. Der Text wurde in der Sitzung vom 29.9.2000 abschließend beraten. Es ist zunächst als Zuarbeit für den Landeskirchenrat bestimmt. Die Kammer empfiehlt dem Landeskirchenrat, nach geeigneten Wegen zu suchen, die die "Anmerkungen und Argumente ..." für die kirchliche Arbeit in den Gemeinden, Institutionen und Gruppen fruchtbar werden lassen.

[2] Jeremy Rifkin: Die Teilung der Menschheit. Zugang heißt das Zauberwort des neuen Jahrhunderts: Vom Verschwinden des Eigentums in der Epoche des Hyperkapitalimsus. FAZ, Bilder und Zeiten, vom 12.08.2000, Nr. 186, 1.

[3] Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit` (Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland vom Februar 1997), 5. Ziele und Wege. (168)

[4] Ebenda, 4.5. Chancen und Formen der Solidarität in einer erneuerten Sozialkultur (156) und (159)
 
 
 
       
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