Programm

Das Seminar setzt kein besonderes philosophisches Fachwissen voraus, wohl aber ernsthaftes Interesse am gemeinsamen Nachdenken über unsere Gesellschaft, unsere Zeit und uns in ihr. Wir bieten kein starres Programm und keine langen Referate. Wir werden Textausschnitte lesen, gemeinsam diskutieren und mit ihnen unsere eigenen Erfahrungen und Gedanken zu klären suchen. Schwerpunkt des Seminars sind die Fragen, welche die Teilnehmenden mitbringen und die Gespräche darüber.
Freitag
18.00 Uhr Abendessen
19.00 Uhr Begrüßung und Einführung in das Programm, Organisatorisches
19.45 Uhr Einleitung zum Thema: Von Homer über Nietzsche zu Sloterdijk:
Die Wiederentdeckung der thymotischen Primärenergien neben der Erotik - eine Welt von Ehre, Stolz, Zorn und Ressentiment.
Samstag
08.30 Uhr Frühstück
09.30 Uhr Unsere Lage "after theory":
Anschwellende Zorngesänge, die misanthrophische Internationale und fehlende Zornsammelstellen im real existierenden postkommunistischen Kapitalismus
12.30 Uhr Mittagessen
14.00 Uhr Von Zorn & Ewigkeit zu Zorn & Zeit.
Aus der Geschichte der Zornbewirtschaftung: der zornige Gott als metaphysische Rachebank, die thymotische Revolution, kommunistische Weltbank des Zorns und faschistische Volksbanken
18.00 Uhr Abendessen
19.30 Uhr Lesung: Homer - Der Zorn des Achill
Sonntag
08.30 Uhr Frühstück
09.00 Uhr Sonntagslesung: "Richtet nicht ..." (Matth. 7,1)
09.30 Uhr Konklusionen jenseits des Ressentiments
Sloterdijks Politik der Balance und Nietzsches/Batailles Ökonomie der Generosität
12.30 Uhr Mittagessen und Abreise
Hier noch einige vermischte Zitate aus Sloterdijkïs "Zorn und Zeit":
"Wer hingegen den Zorn hat, für den ist die blasse Zeit vorüber. Der Nebel steigt, die Konturen härten sich, nun führen klare Linien zum Objekt. Der glühende Angriff weiß, wohin er will."
"Für die Energieromantiker bedeutet das Agieren in Wut eine Version des flow."
"Wer vom Jahrhundert der Wölfe spricht, um das 20. Jahrhundert zu bezeichnen, denkt noch immer zu harmlos."
"... Zivilcourage, die Magerstufe des Muts für Verlierer, mit der man einer politisch zaghaften Bevölkerung die Freuden der Demokratie näher bringt."
"Sie verlangen Respekt und wollen auf die Vorteile der Abhängigkeit nicht verzichten."
(zur psychoanalythisch geprägten Therapiekultur:) "Wer Menschen zu Patienten - das heißt zu Personen ohne Stolz - machen möchte, kann nichts Besseres tun, als Figuren wie diese (Narziss und Ödipus) zu Emblemen der conditio humana erhöhen. In Wahrheit hätte ihre Lektion in der Warnung liegen müssen, wie leicht die unberatene und vereinseitigte Liebe ihre Subjekte zum Narren hält. Nur wenn das Ziel darin besteht, den Menschen ab ovo (von vornherein) als Hampelmann der Liebe zu portraitieren, wird man den elenden Anbeter des eigenen Bildes und den ebenso elenden Liebhaber seiner Mutter zu Mustern menschlichen Daseins erklären."
Die lange Geschichte, wo insbesondere durch das Christentum "Ehre, hohes Selbstgefühl, Ambitionen, Stolz als Egoismus in Acht und Bann getan wurden", lenkte von "der Einsicht ab, daß der viel gescholtene Egoismus in Wahrheit oft nur das Incognito der besten menschlichen Möglichkeiten darstellt. Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt. Bemerkenswerterweise erreicht der aktuelle Konsumismus dieselbe Ausschaltung des Stolzes zugunsten der Erotik (Übersetze: des Begehrens, Haben wollens) ohne altruistische, holistische und sonstige vornehme Ausreden, indem er den Menschen ihr Interesse an Würde durch materielle Vergünstigungen abkauft. So kommt das anfangs völlig unglaubwürdige Konstrukt homo oeconomicus beim postmodernen Verbraucher doch ans Ziel. Bloßer Konsument ist, wer keine anderen Begierden mehr kennt oder kennen soll als jene, die um mit Platon zu sprechen, aus dem erotischen oder verlangenden 'Teil der Seele' hervorgehen."
"Wo der Mangel an der Macht ist, führt die 'Ethik der Würdelosigkeit' das Wort."
"Das Abenteuer der Moral vollzieht sich durch das Parallelogramm der elitären und egalitären Kräfte."
"Auf dem Feld der Anerkennung wird der Mensch zu dem surrealen Tier, das für einen bunten Fetzen, eine Fahne, einen Kelch sein Leben riskiert."
"Wo das politische Denken sich auf Beratungen des Oberkommandos beschränkt, sind Konzepte wie Demokratie und unabhängige Rechtskultur nur noch Chips in einem strategischen Spiel."
"Erst wer sich selber tadeln kann, kann sich selber lenken."
"Die Heilung von der Selbstverachtung fände die Seele der Vermögenden allein in den schönen Handlungen, die den inneren Beifall des vornehmen Seelenteils zurückgewinnen."
"Ich irritiere, also bin ich."
"Bei Kränkungen, die krank machen, ist Rache doch die beste Therapie."
"Einzelne Blumen des Bösen sind nicht mehr genug - man braucht die ganze Gärtnerei."
"Der revolutionäre Führer weiß: Ohne die tiefste Enteignung im Jetzt wird es zur höchsten Aneignung im Dereinst niemals kommen."
"Wer auf den Fürstenmord verzichten kann, bekommt eines Tages, als Zugabe zur eroberten Macht, den toten Fürsten umsonst."
"... wieder aufkommendes linksfaschistisches Flüstern an den Rändern der Akademia ..."
"Auch das Ressentiment vermag genial zu werden."
"Das Problem zwischen Gott und den Heutigen liegt nicht darin, dass sie ihm zu fern wären. In Wahrheit müssten sie zulassen, daß er ihnen zu nahe träte, sollten sie seine Angebote ernst nehmen."
"Wo es Teufel gibt, können deren Residenzen nicht weit sein. Wenn Teufel sich einrichten, entstehen Höllen - anders gesagt, Schuldarchive, in denen Zornmengen und Racheimpulse zur ständigen Wiederholung aufbewahrt werden."
"Allmacht meint Unfairnis im Absoluten."
"Laßt uns also traurig sein, solange sich die Heiden freuen, damit wir uns freuen können, wenn sie begonnen haben, traurig zu sein." Tertullian
"Epochemotto: Der Kampf geht weiter."
"Den Regungen der Zurückgefallenen verdankt man den Beweis, dass der Zorn unter die erneuerbaren Energien zu rechnen ist."
"Lenins Direktiven vom Spätherbst 1917 lösten die ersten authentisch faschistischen Initiativen des 20. Jahrhunderts aus. Ihnen gegenüber konnten Mussolini und seine Klone sich nur noch epigonal verhalten."
"Faschismus ist Sozialismus in einem Land - ohne daß internationalistische Ergänzungen intendiert wären."
"Die gewöhnliche Moral (ist) mit der Evaluierung makrokrimineller Komplexe überfordert."
"Der radikale Islamismus unserer Tage bietet das erste Beispiel einer puren rächerischen Ideologie, die nur strafen kann, aber nichts hervorbringt. ... Dass sie exportfähige Kulturschöpfungen zustande bringen, die andernorts eine Libido der Nachahmung wecken, ist unwahrscheinlich, um nicht zu sagen unmöglich."
"Das Wort Übung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer unter Bedingungen des Ernstfalls geübt wird, um seinen Eintritt nach Möglichkeit zu verhindern."
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