Der „Kaltwassersche Saal“ im Tivoli Gotha. Foto: Sebastian Kranich
Im Tivoli Gotha traf sich die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte am 18. Oktober zu einem Studientag „Evangelische Kirche und Sozialdemokratie“. Anlass war die 150. Wiederkehr des Vereinigungsparteitages des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) an diesem Ort.
Auf dem Programm standen Vorträge zum Verhältnis von deutscher Sozialdemokratie und Protestantismus im Kaiserreich, zur öffentlichen Auseinandersetzung um den Religionsunterricht im 19. Jahrhundert sowie über Erich Hertzsch als religiösen Sozialisten und Pfarrer im Übergang der Diktaturen.
In der anschließenden Mitgliederversammlung wurde ein neuer, siebenköpfiger Vorstand der Gesellschaft gewählt. Bestätigt wurden als Vorsitzender Dr. Sebastian Kranich (Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen) und als stellvertretende Vorsitzende Christina Neuß (Leiterin des Landeskirchenarchivs der Ev. Kirche in Mitteldeutschland).
Verbunden mit seinem Dank für die erneute Wahl sagte Dr. Sebastian Kranich: „Ich freue mich über die kontinuierliche Arbeit unserer Gesellschaft und das anhaltende Interesse an der Erforschung der Kirchengeschichte Thüringens. Beides ist für die Identität der mitteldeutschen Landeskirche und unseres Bundeslandes von hohem Wert.“ Erfreulich sei vor allem, dass in den letzten Jahren vermehrt jüngere Mitglieder gewonnen werden konnten.
Die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte wurde 1929 gegründet. Sie hat die Aufgabe, die Kirchengeschichte Thüringens, die seiner einstigen Territorien und der mit Thüringen historisch verbundenen Landschaften zu erforschen. Sie fördert eine solche Forschung und macht die Ergebnisse für Kirche, Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit nutzbar.
Vom 29.09. – 02.10.2025 fand in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg in Eisenach eine Projektwoche zum Aufwachsen in der DDR statt. Es nahmen Schüler:innen aus dem hessischen Fulda und dem thüringischen Jena teil, was allein schon aufgrund ihrer Herkunft zu spannenden Begegnungen führte.
Der Montag startete mit einer Reihe abwechslungsreicher Methoden zum Kennenlernen untereinander. Anschließend wurde über das Vorwissen zum Thema DDR geredet. Durch ein World-Café und ein Quiz wurden alle Jugendlichen auf den gleichen Stand gebracht. Schon dort fiel auf: Die Schüler:innen bringen wenig Wissen aus der Schule mit, das meiste kommt von zu Hause.
Am Dienstag stand das erste Zeitzeugengespräch auf dem Plan. Vorher wanderte die Gruppe am Grenzlehrpfad in Obersuhl entlang. Jürgen Gießler vom Grenzmuseum Obersuhl erzählte vom Aufwachsen im Grenzgebiet und der heutigen Erinnerungskultur. Das Zeitzeugengespräch fand mit dem ehemaligen Grenzsoldaten Olaf Becker statt, der seinen Wehrdienst an der Grenze als Hundeführer leistete. Er beantwortete die Fragen der Schüler:innen, die sich vor allem um das Thema Wehrdienst und Mauerfall drehten. „Es war normal, eingezogen zu werden. Da gab es kein dafür oder dagegen,“ führte Becker auf die Frage aus, ob es jemals zur Debatte stand, dass er zur Armee ging.
Der Mittwoch stand ganz im Zeichen des spielerischen Lernens. Am Vormittag lernten die Schüler:innen durch das Spiel „Allersleben“, wie das Aufwachsen in der DDR aussehen konnte. Bei dem Biografiespiel erstellten sich die Teilnehmenden eigene Charaktere und bildeten Cliquen, wie zum Beispiel die Offene Arbeit oder auch die FDJ. Danach wurde das Erlebte mit Aussagen wie „Man fühlte sich ständig unangenehm überwacht“ reflektiert.
Am Donnerstag führten die Schüler:innen ein zweites Zeitzeugengespräch mit Michael Seidel, der die Wende als 18-jähriger Azubi in Bitterfeld erlebte. Hier drehten sich die Fragen der Schüler:innen vor allem um Musik und Sport in der DDR, aber auch Religion war ein Thema. „Musik brauchte man wirklich, um über die Mauer zu springen,“ beschrieb Seidel die damalige Wirkung von Musik und Kunst.
Nach dem Gespräch fand eine ausführliche Fazitrunde der Woche statt. Einige Schüler:innen drückten aus, wie froh sie über die Meinungsfreiheit in Deutschland sind. Andere, die selbst aus Syrien geflohen waren, konnten durch ihre eigene Vorgeschichte einen ganz neuen Zugang zur DDR entdecken und fanden Parallelen zu der Diktatur, in der sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachten. Alle Teilnehmenden nahmen viele Fragen für anschließende Gespräche mit Verwandten und Freund:innen mit.
Der zweite Filmabend der Reihe fand im "Schambrowski" in Erfurt statt. Foto: (c) Zubarik/EAT
Insbesondere junges Publikum zeigte sich an den Filmabenden in Jena und Erfurt sehr interessiert. Foto: (c) Zubarik/EAT
Beim anschließenden Austausch kamen die Regisseurin Barbara Wallbraun, Katharina Kempken und Dr. Teresa Tammer mit dem Publikum ins Gespräch. Foto: (c) Zubarik/EAT
An drei Abenden zeigte die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit der Ev. Akademie Thüringen den preisgekrönten Dokumentarfilm „Uferfrauen. Lesbisches L(i)eben in der DDR“. Die Regisseurin Barbara Wallbraun begleitet darin sechs Protagonistinnen, die in Groß- und Kleinstädten in Nord und Süd der ehemals sozialistischen Republik lebten und jede Menge zu erzählen haben: Christiane aus Berlin, Carola aus Dresden, Pat aus Mecklenburg-Vorpommern sowie Elke und Langzeit-Paar Sabine und Gisela aus Sachsen-Anhalt. Die Frauen lassen das Publikum an ihrem damaligen Lebensalltag teilhaben, an ihrem Kampf um Selbstbestimmung, der ersten Liebe, unkonventioneller Familienplanung sowie Konflikten mit der SED und dem Gesetz. Wallbraun lässt mit ihrer filmischen Arbeit ein Stück unerzählter (ost)deutscher Geschichte lebendig werden.
Genau diese Geschichte(n) zogen zahlreiches, größtenteils junges Publikum an. Bei den Vorführungen in Jena (Kino im Schillerhof, 1.10.), Erfurt (Schambrowski, 2.10.) und Bad Langensalza (Burgtheater, 8.10.) waren die Säle gut gefüllt und der anchließende Applaus lang und herzlich. Im Publikumsgespräch, bei dem die Regisseurin anwesend war, wurden Nachfragen zu den Protagonistinnen, aber auch zur Arbeit an den Interviews, den Auswahlkriterien und dem künstlerischen Schnitt gestellt.
In Jena und Erfurt mit dabei waren Dr. Teresa Tammer, stellvertretende Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die das Thema Homosexualität in der DDR wissenschaftlich erforscht hat, und Katharina Kempken vom Thüringer Archiv für Zeitgeschichte, die zum historischen Kontext ergänzte. In Bad Langensalza moderierte Dr. Theresia Piszczan, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Erfurt.
Unter dem Titel „Europa seit dem Krieg“ beim zehnten digitalen Studientag der Evangelischen Akademien zur Friedensethik am 1. Oktober 2025 ging es um die Frage, wie sich das Verhältnis der Ukraine zu Europa seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs verändert hat und welche Rolle Europa in diesem Wandel spielt. Im Mittelpunkt standen politische, kulturelle und theologische Perspektiven auf einen Krieg, der Europa seit über drei Jahren prägt und der längst zur Bewährungsprobe für die Werte des Kontinents geworden ist.
Den ersten inhaltlichen Impuls setzte Dr. Bogdan Balasynovych, Berater des Kiewer Bürgermeisters Vitaly Klitschko. Er berichtete aus einer Stadt, die täglich unter Beschuss steht und trotzdem lebt, arbeitet und wiederaufbaut. In seinem Beitrag betonte er die Resilienz der Ukraine und ihr Selbstverständnis als Teil Europas. Besonders eindrücklich sprach er über den gesellschaftlichen Wandel seit 2022: Früher habe es in der Ukraine noch vereinzelt Sympathien für Russland gegeben; heute sei der Wille zur europäischen Zukunft überwältigend.
Als zweiter Gast des Panels sprach Dr. Anna Gaidash und analysierte in ihrem Beitrag, wie sich in der ukrainischen Literatur seit Beginn des Krieges eine neues, plurales Bild Europas zeigt. Europa scheine darin als Rechtsraum und Wertegemeinschaft und zugleich aber auch ein fragiles Projekt. Europa sei kein ferner Traum mehr, sondern ein Raum der Zugehörigkeit, der im Krieg konkret geworden ist. Sie verwies u.a. auf die Werke der getöteten ukrainischen Schriftstellerin Victoria Amelina, worin sie Europa als Ort der Gerechtigkeit und der Hoffnung beschreibt. Literatur, so Gaidash, sei derzeit nicht nur Ausdruck von Schmerz, sondern auch eine Form von moralischer Selbstvergewisserung. Der Krieg hat das europäische Bewusstsein nach Osten verschoben und zwingt Europa sich neu zu definieren.
Im weiteren Verlauf des Panels schilderte der polnische Publizist Adam Krzemiński die historische Verschiebung Europas und ordnete sie in den historischen Kontext ein: „Die Mitte des Kontinents liegt heute im Osten.“ Der Krieg habe nicht nur Grenzen, sondern auch Wahrnehmungen verschoben. Länder wie Polen und die Ukraine seien zu Trägern eines neuen europäischen Selbstverständnisses geworden – eines Europas, das Freiheit und Wehrhaftigkeit als Werte begreift. Michnik erinnerte zugleich daran, dass Russland seit Jahrhunderten zwischen imperialem Machtstreben und religiöser Mission schwanke und damit Europas Demokratien herausfordere.
Die Journalistin Anastasia Rodi, die seit vielen Jahren für deutsche Medien wie die taz schreibt, sprach über die Macht der Propaganda. Russland habe nicht nur Städte, sondern auch Wahrnehmungen zerstört. Autoritäre Systeme bräuchten keine kritischen Stimmen, sondern Gehorsam. Die Wahrheit zu verteidigen sei heute keine rein journalistische Routine, sondern auch eine Form der Selbstverteidigung.
Das theologische Panel verband zum Abschluss ethische, kirchliche und spirituelle Perspektiven. Der ukrainisch-orthodoxe Theologe Dr. Sergii Bortnyk rückte das Verhältnis des ukrainischen Staats und der Kirche sowie das Konzept des gerechten Friedens in den Mittelpunkt. Kirchen dürften nicht in der Sprache der Politik verharren, sondern ihre Aufgabe sei es, konkrete Hilfe zu leisten. Für die Verwundeten, Gefangene und Zivilisten gleichermaßen.
Die Historikerin Prof. Dr. Ursula Pekala betonte aus katholischer Sicht, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine ein klassischer Angriffs- und Vernichtungskrieg sei. „Von den Opfern zu verlangen, sie sollten sich versöhnen, während sie angegriffen werden, ist zynisch.“ Die Ukraine habe ein Recht auf Selbstverteidigung, und militärische Unterstützung sei ethisch legitim. Zugleich warnte Pekala vor der wachsenden Polarisierung in Polen, wo russische Desinformation das gesellschaftliche Klima spalte. Kirche, so Pekala müsse „Brücken bauen statt Gräben vertiefen.“
Der evangelische Pfarrer Ralf Haska, ehemals Auslandspfarrer in Kyjiw, sprach schließlich über den Wandel evangelischer Friedensethik. „Freiheit und Frieden gehören zusammen und manchmal müssen sie verteidigt werden“, sagte er. Er forderte die Kirchen auf, nicht nur in Papieren über Frieden zu sprechen, sondern Solidarität sicht- und greifbar zu machen.
Am Ende stand das gemeinsame Friedensgebet – um den Mut, Gewalt zu widerstehen, und um Empathie, nicht abzustumpfen. Der Krieg ist längst eine europäische Bewährungsprobe geworden: politisch, moralisch und spirituell.
Nahkontakt mit dem Watt(wurm). Foto: (c) Zubarik/EAT
Auf der Wanderung zum Unternehmen GP Joule näherte man sich dem Thema Windkraft auch physisch an. Foto: (c) Zubarik/EAT
"Die Natur ist Zeuge all unserer Taten" - Fotografieausstellung im Zentrum für nordische Kunst Mikkelbeg. Foto: (c) Zubarik/EAT
Ländlicher Raum par excellence: die Hallig Hooge im nordfriesischen Wattenmeer. Foto: (c) Zubarik/EAT
Abendliche Nachgespräche im Kaminzimmer des Christian Jensen-Kollegs zur Auswertung des Tages, mit Dr. Anna Luise Klafs (li), Studienleiterin für Kunst und Kirche. Foto: (c) Zubarik/EAT
Das Wattenmeer liegt nicht gerade um die Ecke, wenn man von Thüringen kommt. Und dennoch fand vom 18.-21. September genau dort eine viertägige Veranstaltung statt, mitorganisiert von der Evangelischen Akademie Thüringen. Zur Wander- und Begegnungswerkstatt „Zwischen Himmel und Watt – Kunst Klima Wandel“, Teil des Modellprojekts Landwandel – Bewegung und Begegnung in ländlichen Räumen, luden die drei Studienleiterinnen Maike Lauther-Pohl (Ev. Akademie der Nordkirche), Dr. Kerstin Schimmel (Ev. Akademie Sachsen) sowie Dr. Sabine Zubarik (Ev. Akademie Thüringen) Teilnehmende aus ganz Deutschland ein, um die Region zu erkunden und sich mit Menschen vor Ort zu den Themen Kimawandel, Kunst und Nachhaltigkeit auszutauschen.
Basisstation war das Christian Jensen Kolleg in Breklum – ein geeigneter Ort, um bei bester Versorgung Ruhe und Inspiration für Gedankenaustausch und inhaltliche Arbeit zu finden. So ging es am ersten Tag nach dem Kennenlernen auch erst einmal um die Besonderheiten der Region: Was macht Nordfriesland aus, wie beeinflusst die Landschaft des Wattenmeers das Leben vor Ort, und wie kommt das evangelische Grundverständnis mit ins Spiel? Dazu führte Maike Lauther-Pool in das Thema ein. Am Abend lieferte Dr. Anna Luise Klafs, als Studienleiterin der Nordkirche zuständig für die Themen Kunst und Kirche, in ihrem Vortrag die Perspektive aus und auf die Kunst; unter anderem ging es um die Frage, ob insbesondere in Bezug auf Naturerfahrung und Klimawandel Künstler:innen einen pädagogischen Auftrag haben (müssen).
Die erste Exkursion führte über weites Marschland zum Unternehmens GP Joule, die erfolgreich für ihre Vision „100% erneuerbare Energien für alle“ einstehen. Jennifer Buchner führte die Gruppe über das Gelände und erklärte anschaulich das positive Zusammenspiel von landwirtschaftlichem Betrieb und Energiegewinnung.
Nach diesem Fokus auf Nachhaltigkeit war der Nachmittag dem Thema Kunst gewidmet: Im Zentrum für nordische Kunst, Mikkelberg, konnte unter anderem die Ausstellung „Mythische Orte – Kirsten Klein und Steen Folmer Jensen, Fotografie und Skulptur“ besucht werden. Aber auch ein eigenes kleines Kunstobjekt fertigten die Teilnehmenden in einem Workshop unter Anleitung von Dr. Sabine Zubarik an; Impuls dafür war das Konzept des „glatten“ und des „gekerbten Raums“ (Gilles Deleuze / Felix Guattari) im Hinblick auf das Meer und dessen menschliche Kerbungen. Dementsprechend wurde weißes, glattes Papier gefaltet, geknüllt, durchlöchert, aufgebrochen und bestückt mit anderen Materialien.
Zurück in Breklum refererierte Claus von Hoerschelmann vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein in Vorbereitung auf den Abend über das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer; insbesondere ging es um die Veränderung der Küstenlandschaft und der darin lebenden Arten im Zuge des Klimawandels, aber auch um Anpassungsmaßnahmen in den kommenden Jahren, wie etwa Deicherhöhungen.
Man kann sich der Nordseeküste intellektuell annähern wie man will, die körperliche Erfahrung des Watts mit Füßen und Händen ist auf jeden Fall intensiv. Pünktlich zu einem spektakulären Sonnenuntergang – die Ebbe bestimmte den Zeitpunkt in der Planung – fanden sich die Teilnehmenden barfuß oder mit „Wattsocken“ im Schlamm ein und ließen sich von Wattführer Reiner Rehm diverse Kleintiere zeigen. In der späteren Auswertung wurde dieser Programmpunkt oftmals als Highlight genannt – wie auch der Hallig-Besuch am nächsten Tag.
100 Menschen leben auf der Hallig Hooge, und zwar auf den sogenannten Warften, den Erhöhungen, auf denen die Gebäude stehen und die bei den häufigen „Land unter“ (und den selteneren Sturmfluten) trocken bleiben sollen – denn Halligen haben keine festen Deiche. Eine Schule gibt es dort, und eine Kirchenwarft – wichtiger Ort nicht nur fürs Religiöse, sondern auch soziale und kulturelle Zusammenleben. Dort wird so einiges in ehrenamtlicher Arbeit gestemmt; „anders geht es gar nicht“, sagt Frau Tiemann vom Kirchenkreis, „jeder hat hier mehrere Posten“. In den Gemeinderäumen und ebenso in der Johanniskirche selbst ist viel Kunst ausgestellt, auch Historisches zur sturmflutreichen Halliggeschichte. Im Kontakt mit den Gemeindemitgliedern staunen die Tagungsteilnehmenden über den herzlichen und engagierten Empfang.
Nach einem kleinen Spaziergang zur Hanswarft, die auch Hauptwarft ist, sprach Bürgermeister und Stationsleiter der Schutzstation Wattenmeer Michael Klisch im Nationalpark-Seminarhaus über das Leben auf der Hallig und deren Zukunft im Zeichen der sich verändernden Klimabedingungen.
Für einige Idyll, für andere als Wohnort unvorstellbar, lässt sich doch festhalten, dass auf einer Hallig der ländliche Raum par excellence gegeben ist; urbane Strukturen sind weit weg, doch globale Bezüge gibt es natürlich auch hier, nicht zuletzt wegen des Fährtourismus, der täglich zahlreiche Besucher:innen morgens an- und abends wieder wegspült.
Für eine umfassende thematische Diskussion und Auswertung blieb der Sonntagvormittag. Eine Tradition der Wander- und Begegnungswerkstätten ist das „Fundstück des Tages“, zu der Dr. Kerstin Schimmel einlud und bei der die Teilnehmenden aus jedem Veranstaltungstag eine für sie besondere Sache in die Runde mitbringen, sei es kleine, auf dem Weg gefundene Objekte, sei es ein Geräusch oder ein Bild. Neben den vielen informativen Inputs gesellen sich so auch die persönlichen Berührungspunkte zum Gesamtbild. In Kleingruppen wurden danach die Verflechtungen des inhaltlichen Dreiecks der Veranstaltung – Kunst, Klima und Wandel in Bezug auf das Wattenmeer – herausgearbeitet und Erkenntnisse formuliert.
Diese Veranstaltung wurde gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.
Dennis Eversberg und Christina Schildmann im Gespräch mit Frank Fehlberg (v.l.n.r.). Foto: (c) Schläger/EAT
Stehen Demokratie und Ökologie im Widerspruch? Viele denken da an „Verbotspolitik“, Bevormundung und sozial erzwungene Selbstbeschränkungen. Andere denken an die Deutsche Bahn oder den Öffentlichen Nahverkehr, die geradezu beispielhaft für das Versagen der Daseinsvorsorge und weiterer „Alltagsökonomien“ stehen. Deutsche Brücken sollen auch schon einen nachteiligen Ruf entwickelt haben… In jedem Falle „Eine Zumutung!“ – so der passende Titel des Augustinerdiskurses am 11.09.2025 mit den Gästen Christina Schildmann (Hans-Böckler-Stiftung) und Prof. Dr. Dennis Eversberg (Goethe-Universität Frankfurt a. M.).
Das Problem: Es gibt keinen Planeten B
Die Problematik des Anderslebenmüssens oder – in „Biblisch“: der Umkehr – ist auch angesichts der neuesten Menschheitsprobleme nicht neu. Denn unser aller Geschenk, der Planet Erde, seine lebenspendenden Ökosysteme und seine materiellen Ressourcen, existiert nur ein Mal. Es ist einer der frühesten göttlichen Aufträge, den die Menschheit erhalten hat: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Genesis 2, 15)“ Wir müssen also seit jeher haushalten, eventuell sogar sparen… – schon wieder?!
„Sparen“, „den Gürtel enger schnallen“, „mehr und länger arbeiten“ für das „Wachstum“. Derartig anstrengende wirtschaftspolitische Ideen machen in Deutschland ohnehin schon wieder die Runde. Wie sollen wir uns da noch auf das Haushalten für Natur und Umwelt konzentrieren können? Gemeinwohl und Nachhaltigkeit – ein Zusammenhang, der während des Abends denn auch öfter als Knackpunkt identifiziert wurde: Mehr tun, was allen nutzt, und weniger tun, was wenigen nutzt.
Der Ansatz: Gemeinwohl und Nachhaltigkeit zusammendenken
Christina Schildmann, Leiterin der Abteilung Forschungsförderung und zuständig für die Strategie „Arbeit der Zukunft“ bei der Hans-Böckler-Stiftung machte zunächst die vielen „Lücken“ deutlich, die in Deutschland zwischen demokratischen Strukturen und den Erfordernissen nachhaltigen Handels klaffen. Sie erklärte, dass kein Widerspruch zwischen Demokratie und Ökologie bestehe, sondern im Gegenteil, eine „Demokratielücke“, die gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften für alle verhindere.
Von der Akzeptanz- über die Gerechtigkeits- bis hin zur Zutrauenslücke: (soziale wie ökonomische) Teilhabe, (betriebliche) Mitbestimmung und ein funktionierendes Gemeinwesen seien die bisher nur ungenügend erreichten Zielgrößen einer demokratischen Gestaltung. Als Beispiel führte Schildmann den Konflikt beim Autobauer VW an. Während das Management 2024 in der Krise harte Kostenschnitte mit Arbeitsplatzabbau andeutete, hatte der Betriebsrat unter seiner Chefin Daniela Cavallo den konsequenten Wechsel der Marktstrategie hin zu Kleinwagen und E-Autos gefordert. „Wir sind Volkswagen, ihr seid es nicht!“, lauteten die Protestrufe der Belegschaft.
Prof. Dr. Dennis Eversberg, (Umwelt-)Soziologe und vor seiner jetzigen Position lange Jahre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig, stellte heraus, dass nicht etwa „die Vielen“ das Problem seien, sondern eher „die Wenigeren“. Offenbar noch ein Argument für die These der „Demokratielücke“, wo doch das Mehrheitsprinzip zum Kernbestand einer demokratischen Entscheidungsfindung gehört.
Vor allem der Wohlstand der Wenigen und der „Superreichtum“ der Noch-Wenigeren würden sowohl der sozialen Gerechtigkeit als auch der Lebensfreundlichkeit unserer Erde massiv schaden. In dieser Perspektive bilden undemokratische, jedenfalls nicht demokratische Strukturen gegen die Ökologie den Widerspruch. Eversberg konstatiert andererseits den „neuen sozial-ökologischen Klassenkonflikt“ (Eversberg u.a. 2024) differenzierter, als es eine einfache Wir-gegen-die-Erzählung abbildet.
Funktionierendes Gemeinwesen als Schlüssel: Weniger ist mehr für alle
Nicht nur Superreiche müssten sich demnach an die Nase fassen. Man komme nicht umhin, dass der Material- und Energieeinsatz sinken, dass die unrealistische „Versprechenspolitik“ des „Weiter so“ und des grenzenlosen „Wachstums“ enden und dass das akzeptanzfördernde Vertrauen in die öffentlichen und sozialen Infrastrukturen wieder hergestellt werden müssten. Eine wesentliche Einsicht der Forschung sei: Diejenigen (kollektiven) Lebensweisen hätten sich als am nachhaltigsten erwiesen, die auf einem breiten und gerecht organisierten Gemeinwesen basierten. Kurz: Weniger ist mehr für alle.
Die Idee des Lastenausgleichs zum Lückenschluss
Zur Umsetzung schlug Eversberg den Bogen zur höchst erfolgreichen, spezifisch deutschen und ur-sozialstaatlichen Einrichtung des sogenannten Lastenausgleichs zurück. Dieser ermöglichte es nach dem Zweiten Weltkrieg, das Privatkapital und den privaten Immobilienbesitz angemessen zum sozialen wie ökonomischen Wiederaufbau heranzuziehen. 1952 war in der Bundesrepublik Deutschland das Lastenausgleichsgesetz erlassen worden. Hohe Vermögen wurden über 30 Jahre mit einer Abgabe belegt, um kriegsgeschädigte und vertriebene Bevölkerungsteile zu entschädigen. Mit Hilfe dieses Instruments gelangen handfeste langfristige Lückenschlüsse: demokratisch, ökonomisch, sozial – und ethisch.