Arbeitszeitkonferenz: 20 Jahre Sonntagsschutz und kein bisschen leiser

Landespolitik-Podium auf der AZK 2026: Christian Schaft (Die Linke), Andreas Bühl (CDU), Tina Rudolph (SPD), Prof. Stefan Schmalz und Moderatorin Andrea Husemeyer (v.l.n.r.). Foto: Fehlberg/EAT. 
Frank Fehlberg kündigt einen der bundesweit renommiertesten "Sonntags-" und Arbeitsrechtler an: den Leipziger Rechtsanwalt Friedrich Kühn (v.l.n.r.). Foto: Kreyßler/EAT. 
Ann-Sophie Bohm (Bündnis90/Die Grünen) hakt nach. Das Publikum nutzte die Gelegenheit, sich mit Expert:innen, Politiker:innen und Behörden auszutauschen. Foto: Fehlberg/EAT. 
Thüringer Arbeitsministerin Katharina Schenk: "Aus der Arbeitszeitkonferenz kommen zentrale Impulse - etwa zur Debatte um die Einrichtung einer Arbeitskammer." Foto: Kreyßler/EAT. 
Mini-Liegestuhl - Auszeichnung des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt Mitteldeutschland (KDA EKM): Frank Fehlberg am 3. März auf der Festveranstaltung "20 Jahre Sonntagsallianz Deutschland" in Berlin. Foto: Haik Büchsenschuss.
„Ich habe am Sonntag meine Lifestyle-Teilzeit genutzt und war mit den Kindern im Schwimmbad.“ Augenzwinkernd eröffnete Katharina Schenk, Thüringer Arbeits- und Sozialministerin, als erste Impulsgeberin die diesjährige Arbeitszeitkonferenz (AZK). Wer immer noch Mehrarbeit und entgrenzte Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit fordere, kenne die bereits bestehenden Regelungsmöglichkeiten und Realitäten offenbar nicht. „Wir müssen den 24/7-Diskurs laut führen“, so Schenk.
Vom 5. bis 6. März 2026 tauschten sich in Neudietendorf die Fachleute der Arbeitswelt, Vertreterinnen von Behörden und Politik und interessierte Bürger aus. Organisiert wurde die mittlerweile 12. AZK-Ausgabe von der Allianz für den freien Sonntag in Thüringen und Sachsen-Anhalt, in der Kirchen und Gewerkschaften sich für die Themen Sonntagsschutz, menschengerechte Arbeitszeit und Arbeitsschutz einsetzen.
Zu Gast waren neben der Ministerin u.a. die Staatssekretärin Tina Rudolph, der Sonntagsschutz-Experte und Arbeitsrechtsanwalt Friedrich Kühn, die Vorsitzenden der Landtagsfraktionen Andreas Bühl (CDU) und Christian Schaft (Die Linke) sowie Prof. Stefan Schmalz, der im letzten Jahr am Lehrstuhl für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie der FSU Jena auf Klaus Dörre folgte.
Friedrich Merz: „Ich würde das Arbeitszeitgesetz streichen“
Die Schwerpunkte in diesem Jahr waren das 20. Jubiläum der Sonntagsallianzen in Deutschland, die 24/7-Ladenschlussregeln und die aktuell harsch geführte Debatte über Deregulierungen der gesetzlichen Arbeitszeit.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Januar zum Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau auf die obligatorische „Bürokratieabbau“-Frage, welches Gesetz er streichen würde, geantwortet: „Ich würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen.“ Seine Rede in Sachsen-Anhalt wollte er als „wirtschaftspolitische Grundsatzrede“ verstanden wissen. Auf der AZK stieß Merz‚ Äußerung auf Fassungslosigkeit, v.a. aber auf Widerstandsbereitschaft.
20 Jahre Sonntagsallianz: Klagen für den kollektiven freien Tag der Woche
Interessiert erkundigten sich die Teilnehmenden über die laufenden Klagen von Sonntagsallianz-Organisationen gegen neue 24/7-Ladenschlussregelungen. So geht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) vor dem Landesverfassungsgericht in Sachsen-Anhalt gegen die derzeit umfassendste 24/7-Ladenöffnung digitalisiert-„personalfreier“ Verkaufsstellen in Deutschland vor. In Bayern wird eine sogenannte Popularklage gegen 24/7-Regelungen des erst 2025 in Kraft getretenen Bayerischen Ladenschlussgesetzes vorgebracht, die von sieben Personen aus Kirche und Gewerkschaften getragen wird.
Mit Erstaunen wurde zur Kenntnis genommen, dass die Führung der Amtskirchen, ob katholisch oder evangelisch, keine führende Rolle in den Klageanstrengungen spielt. Das juristische Konfliktfeld im Sonntagsschutz ist ganz den „nachgeordneten“ kirchlichen Gliederungen und den Gewerkschaften überlassen worden, was zu Unmut bei kirchlichen Vertretern und Irritationen bei den säkularen Partnern in der Allianz führt.
Auszeichnung des Kirchlichen Dienstes in Mitteldeutschland
Im Vorfeld der AZK waren am 3. März in Berlin die Organisationen der Sonntagallianz zusammengekommen, um deren 20-jähriges Bestehen zu feiern. Im Zuge der Feierlichkeiten wurde Frank Fehlberg als Referent des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) geehrt. Die Ehrung gilt vor allem der Arbeit rund um die Thüringer Arbeitszeitkonferenz, die Fehlberg maßgeblich gemeinsam mit Julia Langhammer vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert.
Dass die Arbeitszeitkonferenz in Neudietendorf ein fester Bestandteil der sozial- und wirtschaftspolitischen Diskussion in Thüringen und darüber hinaus ist, machte Katharina Schenk mit einem Bezug auf die AZK vom Vorjahr deutlich: „Aus der Arbeitszeitkonferenz kommen zentrale Impulse – etwa zur Debatte um die Einrichtung einer Arbeitskammer.“
Arbeitskammer-Idee: „Arbeitszeitkonferenz gibt zentrale Impulse“
2025 waren deutsche und österreichische Experten nach Neudietendorf gekommen, um die Arbeitskammer als öffentlich-rechtliche Einrichtung auf dem Gebiet der gesellschaftlich getragenen Arbeits- und (Weiter-)Bildungsinstitutionen vorzustellen. Mittlerweile wird die Arbeitskammer-Idee im Ministerium weitergedacht.
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Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie die Präsentationen der Referent:innen auf der 12. Thüringer Arbeitszeitkonferenz (PDF), sofern vorliegend und freigegeben.
Hier finden Sie Eindrücke aus der Arbeitszeitkonferenz 2026 von Paul-Philipp Braun in der Kirchenzeitung GLAUBE + HEIMAT v. 6. März 2026.