Evangelische Akademie Thüringen

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Bodenlosigkeiten in Bad Frankenhausen

  • Bodenlos in Bad Frankenhausen: Auf dem Glasbalkon am Schiefen Turm. Das neue Wahrzeichen der Stadt ist schiefer als der Turm von Pisa und wartet mit ausgeklügelter Stabilisierungstechnik auf. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Bodenlos in Bad Frankenhausen: Auf dem Glasbalkon am Schiefen Turm. Das neue Wahrzeichen der Stadt ist schiefer als der Turm von Pisa und wartet mit ausgeklügelter Stabilisierungstechnik auf. Foto: (c) Fehlberg/EAT
  • Eine sehr alte Problemstellung: Regionalbischöfin Friederike Spengler eröffnete die Tagung mit alttestamentarischer Eigentumserfahrung und -regelung. Sie gab zudem einen Einblick in das aktuelle kirchliche Landeigentum. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Eine sehr alte Problemstellung: Regionalbischöfin Friederike Spengler eröffnete die Tagung mit alttestamentarischer Eigentumserfahrung und -regelung. Sie gab zudem einen Einblick in das aktuelle kirchliche Landeigentum. Foto: (c) Fehlberg/EAT
  • Der Tagungsort: Das ehemalige HO-Kaufhaus unweit des Angers. In diesem vergleichsweise kühlen Raum konnte man der klimawandelbedingten Rekordhitze in Deutschland trotzen. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Der Tagungsort: Das ehemalige HO-Kaufhaus unweit des Angers. In diesem vergleichsweise kühlen Raum konnte man der klimawandelbedingten Rekordhitze in Deutschland trotzen. Foto: (c) Fehlberg/EAT
  • Appell von Prof. em. Dr. Christel Köhle-Hezinger (vorne re.) und Kollegin Jana Kämpfe: Zukunftsorientierte Wissenschaft kann nicht auf Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verzichten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Appell von Prof. em. Dr. Christel Köhle-Hezinger (vorne re.) und Kollegin Jana Kämpfe: Zukunftsorientierte Wissenschaft kann nicht auf Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verzichten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
  • Verköstigung der Teilnehmenden an der Unterkirche: Die Streuobstwiesen-Küche der Frankenhäuser Festspiele reicht warmes Essen, regionale Köstlichkeiten und kühle Getränke am Abend. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Verköstigung der Teilnehmenden an der Unterkirche: Die Streuobstwiesen-Küche der Frankenhäuser Festspiele reicht warmes Essen, regionale Köstlichkeiten und kühle Getränke am Abend. Foto: (c) Fehlberg/EAT

Es steht was schief am Kyffhäuser. Schiefer noch, als in Pisa. Am letzten Wochenende wurde der Schiefe Turm zu Bad Frankenhausen dem Publikum zugänglich gemacht. Wer Perspektivänderungen am eigenen Leib erfahren will, der sollte den Turm der Oberkirche hinaufsteigen. Das Problem der „Bodenlosigkeit“ im Turmuntergrund haben Stadt und Bürger zu einer eindrucksvollen historisch-technischen Landmarke® (!) gemacht.

Soziale, ökonomische und ökologische Bodenlosigkeiten waren indes Gegenstand einer Tagung, die am 26. und 27. Juni 2026 im ehemaligen HO-Kaufhaus in der Nähe der Frankenhäuser Unterkirche stattfand: Verlust und Renaissance der Allmenden. Gemeingüter heute vor dem Hintergrund historischer Bauernrevolten.

Die Tagung wurde vom Heimatbund Thüringen und den Frankenhäuser Festspielen ausgerichtet sowie von der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und der Evangelischen Akademie Thüringen unterstützt. Frankenhäuser Boden bleibt trotz aller Verkarstung sehr fruchtbar: Im April 2023 hatte die EAT im Panorama-Museum über der Stadt die Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. mit ins Leben gerufen.

Meer, Mond, Mars: Privatisierung endet nicht bei Allmenden und Deutscher Bahn

Dass das Thema Natureigentum weiterhin hochaktuell ist, zeigen die Ambitionen der reichsten Menschen der Welt, sich inmitten irdischer Kriege und Krisen schon mal die „besten Stücke“ vom Meeresgrund, vom Mond und selbst vom Mars zu sichern. Aneignung first, Menschheit second. Angesichts dieser globalen Schieflage muss der Oberkirchenturm als Hort der Stabilität gelten.

Die Veranstaltung mit über 40 in der exakt genauso hochgradigen Rekordhitze ausharrenden Teilnehmenden stellte die Frage, wie gesellschaftliches Wirtschaften zwischen gemein- und privatwirtschaftlichen Organisationsformen von (Land-)Gütern am lebensdienstlichsten für alle gestaltbar ist. In Fortführung der Erklärung von Bad Frankenhausen anlässlich von 500 Jahren Deutscher Bauernkrieg 2025 gruppierten sich die Beiträge vor allem um die Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgestaltung des Thüringer Landes.

Privilegierung weniger, Entmündigung vieler

Den historischen Einstieg in dieses weite Feld boten die landwirtschaftlichen Allmenden – dorfgemeinschaftlich zugängliche und nutzbare Naturräume wie Wälder, Weiden und Wässer. Diese sind im Laufe der Herrschafts- und Rechtsentwicklung privatisiert und schließlich am Ende des 18. Jahrhunderts mit „aufgeklärtem“ Rechtsverständnis endgültig der kapitalistischen Waren- und Gewinnerzielungslogik anheimgegeben worden.

Regionalbischöfin Friederike Spengler eröffnete die Tagung mit den theologischen Grundlagen von Besitz und Eigentum und stieß beim Publikum damit auf offene Ohren. „Darum soll das Land nicht für immer verkauft werden; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir[.]“, heißt es im Dritten Buch Mose 25, Vers 23.

Eigentum, Besitz und auch Nutzung repräsentieren hier allesamt nur Gaben auf Zeit, die aufgrund ihrer Lebensermöglichung und Unwiederbringlichkeit sozial und ökologisch pfleglich behandelt gehören. Wochenlauf, Sabbatjahr, Erlassjahr – das siebentägige und siebenjährige Ruhen von Ackerland und Vieh sowie die soziale Regeneration gingen Hand in Hand. Eigentum bedeutete weniger Besitz als Verantwortung – über den Eigentümer und dessen Interessenhorizont hinaus.

Gott gehört das Land. Es war einmal?

Der Respekt vor den lebendigen Grundlagen der menschlichen Existenz, die nicht vom Menschen hergestellt oder „betrieben“ werden können, prägten das Lebens- und Weltbewusstsein. Die Unmittelbarkeit zu Gott als die „letztinstanzliche“ Anknüpfung des Lebenszusammenhangs an Mächte, die über dem vergänglichen und irrenden Einzelnen stehen – diese Sichtweise konnten etliche Teilnehmende in den spirituellen Lebensvorstellungen von Dorfgemeinschaften in Afrika wiedererkennen, in denen lebensspende Elemente wie Wälder und Quellen zugleich heilige Wohnorte der Ahnen sind.

Menschen existieren nicht als lose verbundene Individuen, sondern ganz selbstverständlich als aufeinander angewiesene Gemeinschaft, die sich über Generationen hinweg und in biografischer Vielfältigkeit durch die Zeiten hindurch bewegt und für ihr überindividuelles Dasein sorgen muss.

Gesellschaft und Gemeinschaft. Grundfragen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Beginnend in der Frühen Neuzeit ab dem 15. Jahrhundert – gerade auch mit dem Bauerkrieg und auf dem Schauplatz Bad Frankenhausen – wurde das „alte Recht“ auf die gemeinschaftliche Nutzung von Allmenden durch Grundherren und Klerus angegriffen. Deren Einhegung und Markierung von Flächen sowie die entsprechende Einschränkung der bisherigen Nutzungsrechte – eben: Privatisierung – verschlechterte die wirtschaftliche Existenzfähigkeit von Bauern und Handwerk, deren Wirtschaftsgrundlage vor allem die Allmenden neben den eigenen Ackerflächen waren.

Das damalige Rechtswesen – so führten die Volkskundlerinnen Christel Köhle-Hezinger und Jana Kämpfe anschaulich aus – orientierte sich in starker Anlehnung an die Antike am Recht des Römischen Reiches. Das römische Imperium basierte seit dem Zwölftafelgesetz um 450 v. Chr. zunehmend auf einem allumfassenden (männlichen) persönlichen Eigentum, was Entwicklungen der ökonomischen Anhäufung und der Konzentration begünstigte.

Von Menscheneigentum über Großgrundbesitz zurück zur Gemeinwirtschaft?

In der langfristigen Wirkungsanalyse dieser Art Eigentum hatten einige Römer übrigens schon damals über den Untergang kleinbäuerlicher Strukturen bemerkt: „Der Großgrundbesitz hat Italien ruiniert!“ (Plinius der Ältere um 79 n. Chr.). Menscheneigentum und Sklavenhaltung im großen Stil hatten zusätzlich Gemeinschaftsstrukturen in Stadt und Land aufgebrochen, die Römische Republik war in eine Monarchie übergegangen. Deren Herrschertitel Kaiser ging auf einen der Superreichen seiner Zeit zurück, den Diktator Caesar, mit dem die Republik endete.

Etliche frühe Stadt- und Flusszivilisationen waren sogar schon zu biblischen Zeiten an den gesellschaftlichen Organisationsaufgaben gescheitert, deren Herausforderung weniger in technologischen Möglichkeiten als in der ethisch-rechtlichen Gesellschaftsorganisation verborgen liegt. Ninive, Sodom, Gomorrha – diese Stadtgeschichten künden vom Zivilisationsverfall, der nicht nur sozialmoralische (Gottlosigkeit) sondern auch sozialorganisatorische Zustände umfasste (Gerechtigkeit).

Planetare Grenzen: „Wir können uns die Reichen nicht leisten!“

Es ist kein Geheimnis: In der heutigen Zeit ist die globale Menschheit an ihre endgültigen, ihre „planetaren Grenzen“ gestoßen. Abgehobene Superreiche wie der „erste Billionär“ Elon Musk erhoffen sich die Erlösung im Weltall und in der Überwindung des Menschseins mit dem sogenannten Transhumanismus. Die Eroberung des Planeten Mars scheint wichtiger als die Erhaltung des Planeten Erde. Der römische Kriegsgott Mars ist kein gutes Omen für diese Bestrebungen.

Insofern ist die Rückbindung an die Frage von Allmenden und (Bauern-)Revolten keineswegs eine Es-war-einmal-Betrachtung, sondern ein Anstoß, die Zukunft von lokalen, regionalen und globalen Lebensräumen gestalterisch und gemeinschaftlich in die eigenen Hände nehmen. Auf der Tagung präsente Praxis-Beispiele wie die Kulturland-Genossenschaft oder das AllmendeLand-Projekt gaben handfeste Einblicke in gemeinschaftliche Landbewirtschaftung heute.

Haltung ist gut, Organisation ist besser

Ein gutes Leben mag Haltungsfrage sein. Vor allem aber bleibt es eine sozialökonomische Organisationsaufgabe. Ein Blick in die Geschichte darf dabei nicht als nostalgischer Blick in eine abgestorbene Vergangenheit begriffen werden, sondern als Erschließung des Erfahrungs- und Möglichkeitsraums in Gegenwart und Zukunft.