"Europa seit dem Krieg" – Zehnter digitaler Studientag zur Friedensethik

Unter dem Titel „Europa seit dem Krieg“ beim zehnten digitalen Studientag der Evangelischen Akademien zur Friedensethik am 1. Oktober 2025 ging es um die Frage, wie sich das Verhältnis der Ukraine zu Europa seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs verändert hat und welche Rolle Europa in diesem Wandel spielt. Im Mittelpunkt standen politische, kulturelle und theologische Perspektiven auf einen Krieg, der Europa seit über drei Jahren prägt und der längst zur Bewährungsprobe für die Werte des Kontinents geworden ist.
Den ersten inhaltlichen Impuls setzte Dr. Bogdan Balasynovych, Berater des Kiewer Bürgermeisters Vitaly Klitschko. Er berichtete aus einer Stadt, die täglich unter Beschuss steht und trotzdem lebt, arbeitet und wiederaufbaut. In seinem Beitrag betonte er die Resilienz der Ukraine und ihr Selbstverständnis als Teil Europas. Besonders eindrücklich sprach er über den gesellschaftlichen Wandel seit 2022: Früher habe es in der Ukraine noch vereinzelt Sympathien für Russland gegeben; heute sei der Wille zur europäischen Zukunft überwältigend.
Als zweiter Gast des Panels sprach Dr. Anna Gaidash und analysierte in ihrem Beitrag, wie sich in der ukrainischen Literatur seit Beginn des Krieges eine neues, plurales Bild Europas zeigt. Europa scheine darin als Rechtsraum und Wertegemeinschaft und zugleich aber auch ein fragiles Projekt. Europa sei kein ferner Traum mehr, sondern ein Raum der Zugehörigkeit, der im Krieg konkret geworden ist. Sie verwies u.a. auf die Werke der getöteten ukrainischen Schriftstellerin Victoria Amelina, worin sie Europa als Ort der Gerechtigkeit und der Hoffnung beschreibt. Literatur, so Gaidash, sei derzeit nicht nur Ausdruck von Schmerz, sondern auch eine Form von moralischer Selbstvergewisserung. Der Krieg hat das europäische Bewusstsein nach Osten verschoben und zwingt Europa sich neu zu definieren.
Im weiteren Verlauf des Panels schilderte der polnische Publizist Adam Krzemiński die historische Verschiebung Europas und ordnete sie in den historischen Kontext ein: „Die Mitte des Kontinents liegt heute im Osten.“ Der Krieg habe nicht nur Grenzen, sondern auch Wahrnehmungen verschoben. Länder wie Polen und die Ukraine seien zu Trägern eines neuen europäischen Selbstverständnisses geworden – eines Europas, das Freiheit und Wehrhaftigkeit als Werte begreift. Michnik erinnerte zugleich daran, dass Russland seit Jahrhunderten zwischen imperialem Machtstreben und religiöser Mission schwanke und damit Europas Demokratien herausfordere.
Die Journalistin Anastasia Rodi, die seit vielen Jahren für deutsche Medien wie die taz schreibt, sprach über die Macht der Propaganda. Russland habe nicht nur Städte, sondern auch Wahrnehmungen zerstört. Autoritäre Systeme bräuchten keine kritischen Stimmen, sondern Gehorsam. Die Wahrheit zu verteidigen sei heute keine rein journalistische Routine, sondern auch eine Form der Selbstverteidigung.
Das theologische Panel verband zum Abschluss ethische, kirchliche und spirituelle Perspektiven. Der ukrainisch-orthodoxe Theologe Dr. Sergii Bortnyk rückte das Verhältnis des ukrainischen Staats und der Kirche sowie das Konzept des gerechten Friedens in den Mittelpunkt. Kirchen dürften nicht in der Sprache der Politik verharren, sondern ihre Aufgabe sei es, konkrete Hilfe zu leisten. Für die Verwundeten, Gefangene und Zivilisten gleichermaßen.
Die Historikerin Prof. Dr. Ursula Pekala betonte aus katholischer Sicht, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine ein klassischer Angriffs- und Vernichtungskrieg sei. „Von den Opfern zu verlangen, sie sollten sich versöhnen, während sie angegriffen werden, ist zynisch.“ Die Ukraine habe ein Recht auf Selbstverteidigung, und militärische Unterstützung sei ethisch legitim. Zugleich warnte Pekala vor der wachsenden Polarisierung in Polen, wo russische Desinformation das gesellschaftliche Klima spalte. Kirche, so Pekala müsse „Brücken bauen statt Gräben vertiefen.“
Der evangelische Pfarrer Ralf Haska, ehemals Auslandspfarrer in Kyjiw, sprach schließlich über den Wandel evangelischer Friedensethik. „Freiheit und Frieden gehören zusammen und manchmal müssen sie verteidigt werden“, sagte er. Er forderte die Kirchen auf, nicht nur in Papieren über Frieden zu sprechen, sondern Solidarität sicht- und greifbar zu machen.
Am Ende stand das gemeinsame Friedensgebet – um den Mut, Gewalt zu widerstehen, und um Empathie, nicht abzustumpfen. Der Krieg ist längst eine europäische Bewährungsprobe geworden: politisch, moralisch und spirituell.