Jürgen Hauskeller als Hai im Karpfenteich

Stasiakten über Jürgen Hauskeller | Foto: © Dr. Klaus Michael 
Jürgen Hauskeller im Gespräch mit Besuchern | Foto: © Dr. Klaus Michael 
Jürgen Hauskeller im Gespräch mit Dr. Peter Wurschi und Dr. Sebastian Kranich | Foto: © Dr. Klaus Michael 
Gesprächsrunde mit Regionalbischof Tobias Schüfer, Prof. Dr. Friedemann Stengel, Henry Bernhard und Jürgen Hauskeller | Foto: © Dr. Klaus Michael 
Jürgen Hauskeller präsentiert Reste vernichteter Stasi-Akten | Foto: © Dr. Klaus Michael 
Bürgerzentrum Cruciskirche Sondershausen | Foto: © Dr. Klaus Michael
Die Stasi nannte ihn Hai. Als es um seine Jugendarbeit ab 1968 ging, griff Jürgen Hauskeller das Bild auf. Für den DDR-Geheimdienst sei er der „Hai im Karpfenteich“ gewesen. Denn die bis zu 500 Besucher bei den „Gottesdiensten einmal anders“ in Zella standen in Konkurrenz zum Anspruch des SED-Staats auf die Jugend.
Was folgte, war eine dauerhafte Verfolgung und Bearbeitung durch die Stasi. Der letzte Maßnahmenplan mit dem Ziel seiner Amtsenthebung datiert auf September 1989. Doch auch seine Kirche distanzierte sich von ihm. Landesbischof Ingo Braecklein, selbst inoffizieller MfS-Mitarbeiter, hatte den Eindruck, Hauskeller sei „kein Pfarrer, sondern irgendein Beatfan“. Später in Sondershausen war sogar sein unmittelbarer Dienstvorgesetzter, Superintendent Adebar, auf ihn angesetzt.
Am 21. Mai hatten die Evangelische Akademie Thüringen und der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu einem biografischen Gespräch nach Sondershausen eingeladen, wohin Jürgen Hauskeller 1975 strafversetzt worden war und bis zu seiner Emeritierung Pfarrer blieb. An die 80 Teilnehmende, unter ihnen die ehemaligen Landesbeauftragten Hildigund Neubert und Christian Dietrich, erlebten im Bürgerzentrum Cruciskirche zwei zeit- und kirchengeschichtliche Lehrstunden.
Nach einer Begrüßung durch Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich und einer Einleitung durch den Landesbeauftragten Dr. Peter Wurschi moderierte – im Angesicht der Ordner der Stasiakten zu den „Gottesdiensten in neuer Gestalt“, „OPV Hai“ und „OPK Patengemeinde“ – Henry Bernhard das Gespräch. Der Thüringer Landeskorrespondent für den Deutschlandfunk nahm sogleich Bezug auf den Bußgottesdienst für Jürgen Hauskeller am 7. Juni 2025 und spielte O-Töne davon ein. Dieser sagte daraufhin sichtlich bewegt, dieser Gottesdienst sei die „geistliche Aufarbeitung“ gewesen, die er immer gewollt habe. Das Feature von Henry Bernhard darüber gebe die dichte Atmosphäre wieder und treffe die Sache genau.
An einer Kirche, der es nicht gelang, mit eigener Schuld umzugehen, sei er zuvor zwischenzeitlich „irre geworden“. Weshalb Kirchenleitende nach 1989 mit einem „apologetischen Reflex“ auf Vorwürfe und Fragen nach Verstrickungen im SED-Staat bis hin zu „Täterschutz“ reagierten, analysierte der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Friedemann Stengel. Offenbar musste erst eine Generation in Leitungsfunktionen gelangen, die selbst durch die damalige Jugendarbeit geprägt und bereit ist, die Defizite ihrer Vorgänger offener zu betrachten.
Zu dieser Generation gehört auch Regionalbischof Tobias Schüfer. Er vermochte, in der Causa Hauskeller einen neuen Impuls zu geben, der einen Prozess anstieß, an dessen Ende das Unrecht, das Jürgen Hauskeller seitens der Kirche widerfuhr, offiziell geistlich anerkannt wurde. Im Gespräch lieferte Tobias Schüfer einige Nahaufnahmen vom Weg bis hin zum Bußgottesdienst in Zella.
Bei all dem hielt Jürgen Hauskeller fest: In seiner Gemeinde habe er zu DDR-Zeiten unglaublich viel Zuspruch erhalten, sei getragen, ja geliebt worden. In einer „erlebnisorientierten“ Gemeindearbeit habe man damals „Glauben gelebt“. Im Nachhinein sei es besonders befremdlich, dass Hauskellers Jugendgottesdiensten der Gottesdienstcharakter bestritten worden sei, so Tobias Schüfer. Deshalb enthalte die EKM-Erklärung zu Pfarrer Hauskeller den schlichten Satz: „Diese Jugendgottesdienste waren Gottesdienste.“
Einig waren sich die drei Gesprächsteilnehmer darin: Der eigentliche Druck auf die Kirchen in der DDR rührte von der herrschenden Partei, der SED, her. Die Staatssicherheit war der SED als ausführendes Organ nachgeordnet. Kirche und Christen waren zuerst einer offenen Unterdrückung, später einer Politik der Nadelstiche ausgesetzt. Kirche im Rückblick als Hauptschuldige für das DDR-Unrecht verantwortlich zu machen, ist absurd.
Jürgen Hauskeller wusste die Konflikte mit Vertretern des SED-Staates mit etlichen Begebenheiten und Anekdoten zu untermalen und gestand zugleich zu, an bestimmten Punkten auch Angst gehabt zu haben. Im Nachhinein hätten ihn besonders die minutiösen Maßnahmepläne des MfS gegen ihn schockiert, die darauf zielten, sein Leben kaputtzumachen.
Ein knappes Jahr nach dem Bußgottesdienst in Zella ein Abend in Sondershausen: Was bedeutete er für Jürgen Hauskeller und viele Weggefährten, die gekommen waren? Ich habe meinen Frieden in Zella gefunden, so Hauskeller. Sondershausen sei noch offen gewesen. Jetzt sei er auch mit diesem Teil seiner Lebensgeschichte im Reinen. Nach vielen Konflikten vor Ort hieß und heißt die jetzige Pfarrerin Viktoria Bärwinkel in Sondershausen zum Ende der Veranstaltung herzlich willkommen. Seinen 90. Geburtstag kann und will Jürgen Hauskeller in seiner ehemaligen Gemeinde feiern.