Mehr Sozialökonomik wagen! „Wirtschaftsweiser“ Truger und Soziologe Dörre fordern andere Wirtschaftswissenschaft

Der Sozioökonom und "Wirtschaftsweise" Achim Truger kritisiert die Volkswirtschaftslehre und mahnt mehr Sozialökonomik im SVR an. Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Die Grande Dame der Sozialökonomik: Gertraude Mikl-Horke ist die Schöpferin zahlreicher Standardwerke und die kenntnisreichste Erforscherin der sozialökonomischen Wissenschaftsidee. (c) Foto: Kreyßler/EAT 
Traugott Jähnichen kennt die Geschichte und das Wesen des sozialen Protestantismus wie kaum ein anderer. Der Theologe und Ökonom vertritt die Protestantische Sozialethik u.a. bei der EKD. (c) Foto: Kreyßler/EAT 
Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist eng mit dem Forschungsprogramm der Sozialökonomik verbunden - und mit der Protestantischen Sozialethik. (c) Foto: Fehlberg/EAT 
"Mehr Sozialökonomik wagen!" Im Erfurter Rathaus forderte der Arbeits- und Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre zudem eine Thüringer Arbeitskammer, um den Krisen der Zeit gemeinschaftlich entgegenzutreten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Achim Truger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR oder auch „die Wirtschaftsweisen“), hat in Neudietendorf schonungslos die Unzulänglichkeiten „seines“ Gremiums kritisiert. Obwohl es das gesetzliche Mandat des SVR von 1963 hergebe, befasse sich dieser nicht systematisch genug mit sozialökonomischen Problemstellungen. Truger äußerte sich anlässlich der Akademie-Konferenz „Spaltung hat Tradition, aber keine Zukunft. Gegenwartsperspektiven der Sozialökonomik“ am 19. und 20. November 2025.
Zu oft gäbe es „Rückfälle“ in „ökonomistische“ Verengungen, was zu unzulässig verkürzender Politikberatung führe, so Truger weiter. Im SVR werde die Befassung fast ausschließlich am Wirtschaftswachstum orientiert, so dass zum Beispiel ungleiche Bezahlung der Geschlechter, Kinderbetreuung und Angehörigenpflege allein unter dem Aspekt der Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit betrachtet würden. Neben einer Revision des SVR-Mandats sei es überdies dringend nötig, auch die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten auf den Prüfstand zu stellen.
Achim Truger: Altväterlichen Ökonomismus überwinden
Wenn das Wissen jahrzehntelang in „Standard-Lehrbüchern“ dogmatisiert sei, dann stehe letztlich die Volkswirtschaftslehre (VWL) selbst als überkommene universitäre Disziplin zur Disposition. Die VWL sei, so Truger im Anschluss an ein Zitat seiner britischen Kollegen Robert und Edward Skidelsky von 2013, nicht mehr „die Wirtschaftswissenschaft“, sondern lediglich deren „tödliche Orthodoxie“, die es zu überwinden gelte. Achim Truger ist seinerseits Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen.
Zuvor hatte schon Klaus Dörre mit der Forderung „Mehr Sozialökonomik wagen!“ klare Akzente auf der Tagung gesetzt. Der Arbeits- und Wirtschaftssoziologe an den Universitäten in Jena und Kassel ist nicht dafür bekannt, hinterm Berg zu halten. Er sieht die Gesellschaft vor einem „epochalen Wandel“, ausgelöst durch eine „ökologisch-ökonomische Zangenkrise“. Deutlich machte er dies an zahlreichen „Nachhaltigkeitskonflikten“ im Wirtschaftsleben und gesellschaftlichen Milieus und Klassen; wir alle kennen das Phänomen der „Spaltung“, das „Darüber-reden-wir-nicht-mehr-miteinander“, das sich bis in Familien hineingearbeitet hat.
Mehr Sozialökonomik wagen!
So sprach Dörre etwa vom sozial verheerend wirkenden Gefühl des „Ehrverlusts“ durch Niedriglöhne und die Angst vor der sozialen Abkopplung. Er warb für eine höhere Schmerztoleranz, was das Miteinanderreden und Problematisieren anginge und für eine offensiv betriebene „demokratische Konfliktpartnerschaft“. Er hob die Exzellenz der interdisziplinär breit aufgestellten Thüringer Sozialwissenschaft gerade auf diesem Feld hervor – beklagte aber sogleich auch das fehlende Gehör der Landespolitik.
Um die wirtschaftlichen, sozialen und bildungspolitischen Gräben zu überwinden, forderte Klaus Dörre zuletzt den Aufbau einer Thüringer Arbeitskammer. Diese könne – nach ihren schon lange existierenden Vorbildern in Österreich, im Saarland und in Bremen – die soziale Verständigungslücke zwischen Arbeit und Wirtschaft sowie (Weiter-)Bildung und Wissenschaft schließen helfen.
Klaus Dörre: Thüringer Sozialwissenschaft, Thüringer Arbeitskammer
Die öffentlich-rechtlichen Arbeitskammern ergänzen in den genannten Ländern das etablierte Kammerwesen aus Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern sowie berufsständischen Körperschaften, zum Beispiel Ärzte- und Architektenkammern. Arbeitskammern vertreten Arbeitnehmer aller Branchen und bieten zum Beispiel aufgefächerte (Weiter-)Bildungsangebote an. Mit ihrem Fokus auf die allgemeine Arbeitswelt ergänzen sie die Interessenvielfalt des Kammerwesens um eine zentrale Perspektive, die sowohl volkswirtschaftliche als auch gesellschaftliche und ökologische Fäden zusammenführt.
Studienbereich Arbeit und Wirtschaft erfährt Profilschärfung
Die erste Sozialökonomik-Tagung in Erfurt und Neudietendorf soll, wenn es nach dem Studienleiter für Arbeit und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie, Frank Fehlberg, geht, nicht ohne Wirkung auf die Profilierung seines Studienbereichs bleiben. Schließlich sei die mitteldeutsche Region stark mit dem protestantisch-sozialen Strang der sozialökonomischen Wissenschafts- und Ideengeschichte verbunden.
So war ein wiederkehrender und oft genannter Referenzpunkt der Tagung der Jurist, Ökonom und Soziologe Max Weber, der 1864 in Erfurt geboren wurde und ab 1914 die Lehrbuchreihe Grundriss der Sozialökonomik herausgegeben hatte. Ab 1904 hatte Weber zudem sein bekanntestes Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus veröffentlicht.
Von katholischer Soziallehre und protestantischer Sozialethik
Gleichwohl war ebenfalls die katholische Soziallehre – aktuell vor allem mit den Päpsten Franziskus und Leo XIV. verbunden – mit einem eigenen Beitrag auf der Tagung vertreten. Sebastian Thieme, Vertreter des Kooperationspartners Katholische Sozialakademie Österreichs in Wien, referierte so manche Position der katholischen Kirchenführung (ausgehend vom Satz „Diese Wirtschaft tötet“ von Papst Franziskus 2013), die die gegenwärtigen Stellungnahmen anderer Konfessionen blass aussehen lässt.
Weitere Referierende waren die österreichische Soziologin und Sozialökonomin Gertraude Mikl-Horke, der Wirtschaftsjournalist und Autor Stephan Kaufmann sowie der evangelische Ökonom und Sozialethiker Traugott Jähnichen. Die Tagung ging aus einer Kooperation der Evangelischen Akademie Thüringen, der Katholischen Sozialakademie Österreichs, des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt und des Instituts für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena hervor.
Die Konferenz war am 19. November im Festssal des Erfurter Rathauses mit Geleitworten von Prof. Dr. Bettina Hollstein, Geschäftsführerin des Max-Weber-Kollegs, sowie des Staatssekretärs für Bildung Dr. Bernd Uwe Althaus vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, eröffnet worden.
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Die Vorträge und Beiträge zur Tagung sind aufgezeichnet worden. In Kürze stellen wir die Videos auf dem YouTube-Kanal der Akademie frei zugänglich zur Verfügung. Im Downloadbereich dieses Artikels finden Sie die Präsentationen der Referierenden als PDF-Dateien.