Evangelische Akademie Thüringen

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Pro Kirchen-Umnutzung, oder: Ballastabwurf verlängert nur den Sinkflug

  • Vor dem Abendpodium | Foto: EAT/SK
    Vor dem Abendpodium | Foto: EAT/SK
  • Prof. Benedikt Kranemann trägt vor | Foto: EAT/SK
    Prof. Benedikt Kranemann trägt vor | Foto: EAT/SK
  • Kilianikirche Mühlhausen: Theaterwerkstatt 3K | Foto: EAT/SK
    Kilianikirche Mühlhausen: Theaterwerkstatt 3K | Foto: EAT/SK
  • Jakobikirche Mühlhausen: Stadtbibliothek | Foto: EAT/SK
    Jakobikirche Mühlhausen: Stadtbibliothek | Foto: EAT/SK
  • Schottenkirche Erfurt: Projekt ökumenische Jugendkirche | Foto EAT/SK
    Schottenkirche Erfurt: Projekt ökumenische Jugendkirche | Foto EAT/SK

Die katholische Kirche in Erfurt nimmt vier von sieben Kirchen aus dem gottesdienstlichen Gebrauch – zum 1. Advent 2026. Diese Nachricht platzte in die Planung der Tagung „Laufsteg statt Liturgie“ und ließ es noch dringlicher erscheinen, in ökumenischer Perspektive über die Umnutzung von Kirchen zu diskutieren.

Vom 1. bis 3. Juli trafen sich dazu Fachleute, Ehrenamtliche, Studierende und weitere Interessierte im Bildungshaus St. Ursula Erfurt. Beim abendlichen Eröffnungspodium stellte Prof. Monika Grütters (Kulturstaatsministerin a.D.) klar: Ihr blute das Herz, wenn Kirchen profaniert werden. Zugleich gebe es weniger Kirchenmitglieder und weniger kirchliche Mittel für deren Erhalt. Daher solle sich der Staat „an den Gedanken gewöhnen, dass er eine Mitverantwortung für Kirchen als kulturelle Ankerpunkte geistlichen und öffentlichen Lebens hat“. Für Umnutzungen gelte aus ihrer Sicht grundsätzlich: „Besser als der Abriss einer Kirche ist eine private Nutzung, etwa als Büro oder Wohnung. Noch besser als eine private Nutzung ist eine öffentliche Nutzung – zum Beispiel als Museum, Kita oder Kulturort. Noch besser als eine öffentliche Nutzung ist eine kirchliche Nachnutzung, zum Beispiel als Kolumbarium“ – so Monika Grütters auch in einem Interview anlässlich der Tagung. Dipl.-Ing. Elke Bergt (Leiterin des EKM-Baureferats) skizzierte die gegenwärtige Lage so: Die mitteldeutsche Landeskirche sei „steinreich“ an Gebäuden und „arm“ an Geld. Zugleich gebe es 400 Kirchbauvereine, die sich vor Ort kümmern. In den kommenden Jahren müsse ein gestuftes Nutzungskonzept umgesetzt werden – vom Vollbetrieb bis hin zum Dornröschenschlaf. Gute Ideen zur Umnutzung gebe es sehr viele, aber die Umsetzung von Modellprojekten gestalte sich oft schwierig. Dr. Thomaš Holub schilderte eine noch drastischere Lage. Als katholischer Bischof von Pilsen habe er in den letzten Jahren reihenweise die Übergabe von Kirchgebäuden an die Kommunen begleitet. Diese gestaltete sich jedoch sehr gut, da eine neue Generation in den Kirchen ihre Wurzeln suchte, die sie nicht hat. Seine Realität sei: 90 Prozent der Kirchgebäude müssen abgegeben werden, um 10 Prozent zu erhalten. Dr. Tobias Knoblich (Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur) beschrieb Kirchen als wesentlich für die baulich-geistliche Topographie. Sie dürften nicht zu Spekulationsobjekten werden, sondern seien gerade bei Umnutzungen sensibel, mit Respekt und Demut zu behandeln. Kirchen seien Gemeingüter – auch in der Hinsicht baukultureller Bildung. Umnutzung müsse immer auch Teil der Bewahrung sein.

Am Folgetag sprach sich Prof. Dr. Benedikt Kranemann für die Nutzung von Kirchen für eine breitere Öffentlichkeit aus. Der Liturgiewissenschaftler und Leiter des Theologischen Forschungskollegs der Universität Erfurt kritisierte enge Vorstellungen der Ausrichtung kirchlicher Räume auf Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung als ahistorisch und gegenwartsfern. Die drei Kernpunkte seines Vortrages zur Umnutzung katholischer Kirchenräume lauteten: Spiritualität: Entwicklung neuer Konzepte für die Praxis von Liturgie und Frömmigkeit. Kultur: keine Musealisierung, sondern ein Gespräch von Kunst, Mensch, Alltag, Glaube. Diakonie: soziales Engagement in Rückbesinnung auf den Kirchenraum. Elisabeth März stellte im Anschluss Ergebnisse der DFG-Forschungsgruppe zur Sakralraumtransformation vor. In Kirchen wirkten Raum und liturgische Praxis aufeinander ein, so die Doktorandin am Institut für Praktische Theologie an der Universität Leipzig. Sakralität entstehe so immer im Prozess, werde immer neu ausgehandelt, verschwinde dabei nicht, sondern transformiere sich. Da Sakrales weit mehr als Liturgie und Sakrament sei, gebe es auch viele Nutzungserweiterungen in geweihten oder gewidmeten Räumen, von denen sie etliche präsentierte.

Im Anschluss an die theologische Perspektive wurden die stadtplanerische Sichtweise und die des Denkmalschutzes eingenommen. Katja Fischer (Geschäftsführende Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen) fokussierte die Zukunft der Kirche auch in ländlichen Räumen. An Modellprojekten zeige sich immer wieder: Die Gebrauchsbeziehungen müssen wiederhergestellt werden. Menschen vor Ort müssten wieder bereit sein, für „ihre“ Kirchen Sorge zu tragen, wie es beim Konzept der „Herbergskirchen“ der Fall sei, so Katja Fischer. Daneben gebe es Eingriffe, die mehr als „minimalinvasiv“ seien, wie beim Projekt des Umbaus der Martinskirche Apolda zu einem soziokulturellen Zentrum. Großen Respekt vor dem Modell-Projekt „StadtLand:Kirche“ der EKM mit der IBA Thüringen bekundete Dipl.-Ing.Arch. Jörg Beste (Gründer des Büros „synergon – Stadtentwicklung, Sozialraum, Baukultur). Damit sein Thüringen in Deutschland in eine Vorreiterrolle gekommen ist. Den Blick auf NRW lenkend stellte er weiter fest: Eine Umfrage zur Umnutzung von Kirchen in NRW habe ergeben: Die Mehrheit wünsche eine gemeinwohlorientierte Nutzung und Umnutzung von Kirchen. Kirchengebäude seien keine Last, sondern eine Chance für Kirche und Zivilgesellschaft, so Beste. Die Idee, Ballast abzuwerfen, sei hier verfehlt. Denn: „Wer Ballast abwirft, verlängert nur den Sinkflug.“ Es komme vielmehr darauf an, neue Energien für den Weiterflug zu gewinnen.

In der zweiten Tageshälfte begaben sich die Teilnehmenden auf eine Exkursion nach Mühlhausen. In einzigartiger Weise, so wurde rasch klar, wird hier seit Jahrzehnten eine Umnutzung von Kirchen praktiziert, die das faszinierende Stadtbild der ehemaligen Reichsstadt erhält und zugleich viele praktische und ästhetische Lösungen ermöglicht hat. Ausgespart bei der Exkursion wurden die bekannten, in Kirchen befindlichen Museen. Besichtigt wurden die Kilianikirche (Theaterwerkstatt 3K) und die Jakobikirche (Stadtbibliothek). Dipl.-Ing. Matthias P. Gliemann (Architekt) und Stefan Zeuch (Fachbereichsleiter Hochbau und Gebäudeservice, Stadtverwaltung Mühlhausen) schilderten anschaulich die Prozesse der Sanierungen und Umbauten, die mit erheblichen finanziellen Mitteln ermöglicht wurden.

Am dritten Tag schloss sich organisch eine Werkstatt zur Umnutzung von Erfurter Kirchen am Beispiel und in der Schottenkirche Erfurt an. Diese im Ursprung romanische, katholische Kirche soll zu einer ökumenischen Jugendkirche umgebaut werden: mit Schülercafé, Veranstaltungs- und Sakralraum. Das Schottentheater soll hier ebenso räumliche Möglichkeiten finden wie die Gruppen zur Vorbereitung auf die Firmung bzw. die Konfirmation. Die Teilnehmenden diskutierten unter dem Eindruck der vorangegangenen Tage diese Projekt-Ideen mit zwei Verantwortlichen vor Ort äußerst lebhaft, interessiert und durchweg wohlwollend.

Das anschließende Tagungsresümee im Bildungshaus St. Ursula fiel ebenso positiv aus. Viele hatten viel Neues gehört und waren auf Ideen gekommen. Ein Wissenschaftler lobte die Tagung als gelungenes „Beteiligungsformat“, in dem Fachleute, ehrenamtlich Engagierte und Studierende sowie allgemein am Thema Interessierte tatsächlich in einen dynamischen Austausch getreten seien. Für die mitteldeutsche Kirchenlandschaft bleibt festzuhalten: Nach der Phase der Kirchenrettung und Kirchensanierung seit 1990 steht jetzt die Aufgabe, Kirchennutzung und Kirchenumnutzung unter den gegebenen Bedingungen neu und zukunftsfähig zu konzipieren und zu gestalten. Und zwar, wo immer möglich, unter der Beteiligung der Öffentlichkeit und der Kommunen und auch des Staates. Denn: Kirchen sind Gemeingüter.