Evangelische Akademie Thüringen

‹ alle Blogartikel anzeigen

Was ist Freiheit?

Marko Martin diskutiert über „Freiheitsaufgaben“ in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt  Bild: Sebastian Kranich/EAT
Marko Martin diskutiert über „Freiheitsaufgaben“ in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt Bild: Sebastian Kranich/EAT

Mit Martin Luther könne er nicht so viel anfangen. Das stellte Marko Martin – angesprochen auf dessen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ – gleich zu Beginn klar. Dann kam er bei der Vorstellung seines Buches „Freiheitsaufgaben“ am 23. Oktober in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt zunächst auf Freiheitsgefährdungen zu sprechen:
Den Deutschen in Ost und West sei die Freiheit jeweils geschenkt worden. Daher werde sie hierzulande weniger wertgeschätzt als in Frankreich oder Polen. „Wenn man Freiheit dann hat, nimmt man Freiheit weniger wahr“, so Martin weiter. In West- wie Ostdeutschland gäbe es daher kaum Verständnis für den Kampf um Freiheit, sondern eine „wegwischende Entsolidarisierung“ gegenüber ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Diese käme im Osten rüde und ehrlich, im Westen dezent daher.

Derzeit macht Marko Martin drei Freiheitsgefährdungen aus: den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den Islamismus sowie den Rechtsradikalismus einer Partei, die als Putins 5. Kolonne die Bundesrepublik, so wie sie ist, zerstören wolle. Schwierig sei, dass man sich in Deutschland vor allem Möglichem fürchte, aber angesichts von Großgefahren den Kopf in den Sand stecke.

Was aber ist Freiheit? Danach gefragt antwortete der Autor: Erstens: Freiheit von Angst. Zweitens: Work in Progress, nichts, was irgendwann zu erreichen ist. Im Gespräch mit dem Publikum ergänzte er später: „Die ‚Freiheit‘ zu buchstabiert jeder für sich selbst. Aber das heißt nicht Egotrip.“ Was die Tech-Oligarchen in den USA betreiben, sei eine „Travestie der Freiheit“. Die libertäre Überdehnung des Freiheitsbegriffs führe ins Autoritäre.

Als ein Hauptpunkt in der Diskussion kristallisierte sich die „postfaktische Gesellschaft“ heraus, in der wir zu leben beginnen. Schon Hanna Arendt habe gesagt, die größte Gefahr für die liberale Demokratie drohe, wenn Leute Fakten nicht mehr als Fakten wahrnehmen, wenn sie Tatsachen verneinen und leugnen.

Ob nicht manches von dem auch etwas mit Luthers Doppelthese des Christen als freiem Herrn über alle und dienstbarem Knecht aller Dinge zu tun hat, blieb an diesem Abend offen. Marko Martin hat seinen ‚Freiheitsaufgaben‚ ein Zitat von Jozéf Tischner vorangestellt, das so anfängt: „Die Befreiung des Menschen beginnt von innen.“ Luther sprach hier „vom inwendigen Menschen“. Beide bleiben dabei nicht stehen.