„Weites Land – nix los?“ – Von Junihitze, schattigen Flecken und bewegenden Begegnungen

Innen und außen bunt und kreativ: Kultur.Kirche.Recknitz. Foto: (c) Vogler/EAT 
Trotz extremer Hitze wandernd unterwegs bei der Begegnungswerkstatt in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: (c) Vogler/EAT 
Zu Besuch bei Forma_te e.V. in Teterow. Foto: (c) Vogler/EAT 
Kunstaktion zum Ausprobieren: Posterdruck beim Allerhand e.V. in Qualitz: Foto: (c) Zubarik/EAT 
Eine Kooperationsveranstaltung der drei Evangelischen Akademien Thüringen, Sachsen und Nordkirche; (v.l.n.r.) Dr. Sabine Zubarik, Dr. Kerstin Schimmel, Dr. Tanja Flehinghaus-Roux. Foto: (c) Vogler/EAT
Weit, weiter, Mecklenburg
Ehrenamtliches Engagement kennt kein Hitzefrei. Obwohl der Rekordsommer auch vor Mecklenburg-Vorpommern nicht Halt machte, erlebten Interessierte vom 25. bis 28. Juni rund um Güstrow, wie gemeinnützige Arbeit ländliche Räume stärkt. „Weites Land – nix los?“, lautete die Leitfrage der Wander- und Begegnungswerkstatt, die sich unter Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung in das Modellprojekt Landwandel eingliedert. Die Studienleiterinnen Dr. Tanja Flehinghaus-Roux (Evangelische Akademie der Nordkirche), Dr. Kerstin Schimmel (Evangelische Akademie Sachsen) und Dr. Sabine Zubarik (Evangelische Akademie Thüringen) führten die Teilnehmenden mitten hinein ins „weite Land“, das sich in all seiner Kreativität und Gastfreundschaft zeigte.
Künste statt Küste
Viel los war bereits in den restlos überfüllten Regionalzügen, die (ganz im Sinne der kulturellen Vielfalt) vor allem in Richtung des Fusion-Festivals strebten. Unser Ziel war hingegen das Haus der Kirche, das sogleich zum Ausgangspunkt für einen Rundgang durch die Barlachstadt wurde. Womöglich sind die Spuren des Künstlers Ernst Barlach nicht unbeteiligt daran, dass Güstrow heute als lebenswerteste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns gilt. Und das, obwohl der Großteil der Teilnehmenden bei dem Bundesland zunächst an Gewässer dachte: Seenplatte, Kanufahrten, frischer Fisch und selbstverständlich die Ostsee. Auch wenn sich die eine oder der andere bei 38°C Außentemperatur nach einer Abkühlung sehnte, wurde bereits im Ausblick auf das geplante Programm klar, dass es sich lohnen sollte, an diesem Wochenende Küsten gegen Künste einzutauschen.
Wo kulturelles Leben blüht
Wenn man sich von Güstrow aus ungefähr 15km in den Nordosten bewegt, trifft man im etwas abgelegenen Recknitz auf eine außergewöhnliche Dorfkirche. Ein kleines Holzschild markiert den Kirchhof als „Gute-Laune-Ort“, Sonnensegel spannen sich über die Palettenbank mit der Aufschrift „Mitfahrzentrale“, den alten Wohnwagen voller Bastelutensilien und den zur Bar umfunktionierten Frachtcontainer. An diesem ersten Ausflugsziel, der Kultur.Feldstein.Kirche, berichtete Pfarrer Thomas Kretschmann von einem Projekt, das kulturelles und kirchliches Leben zu verbinden sucht. Einmal im Monat wird hier eine gemeinsame „Auszeit“ mit geistlichen Impulsen, Musik, Tanz, Theater und gemeinschaftlichem Zusammensein gefeiert. „Man braucht eine große Liebe zu dem Ort“, so Kretschmann. Eine Liebe, die insgesamt ca. 100 Ehrenamtliche dazu anregt, die Kirche St. Bartholomäus in Recknitz mit einer beeindruckenden Gestaltungskraft lebendig zu halten.
Die Wertschätzung historischer, vom Verfall bedrohter Dorf- und Stadtzentren ist es auch, die eine umfassende Sanierung und Umgestaltung des Teterower Bahnhofgebäudes bewirkte. Seit 2013 befindet sich hier die Galerie des Kunstvereins Teterow e.V., die jährlich in fünf bis sechs wechselnden Ausstellungen Malerei, Grafiken, Plastiken und Schmuck vorrangig regionaler Künstler:innen präsentiert. Viele helfende Hände aus dem Ort machen außerdem regelmäßige Veranstaltungen wie Töpfermärkte oder den beliebten „Kunstwinter“ möglich, denn um die Kunstsensibilisierung in der Region zu stärken, braucht es die aktive Beteiligung der Region selbst. Künstlerische Geheimtipps offenbaren sich in den „KulTouren“, die im Rahmen des Projekts „Odyssee“ gesammelt wurden. Unsere KulTour führte uns derweil ein Stück entlang des Skulpturen-Wanderwegs durch die Mecklenburgische Schweiz, eine angenehme Symbiose aus Kunstobjekten und schattigem Grün.
Zum Abschluss der ersten Exkursion begrüßte uns der Verein forma_te e.V. mit einer festlich eingedeckten Kaffeetafel und selbstgebackenem Kuchen. Auf einem ehemaligen OGS-Industriegelände bieten sich 6.000qm Gestaltungsraum, die von Jugendkonferenzen über interkulturelle Feste bis zum Seniorencafé mit einem bunten Programm bespielt werden. Zwei der über 40 Vereinsmitglieder erzählten uns aber auch von den politischen und finanziellen Herausforderungen, denen sich das kulturelle Ehrenamt in Mecklenburg-Vorpommern gegenübersieht. Dennoch oder gerade deshalb ländliche Räume mit kreativen Ideen, intergenerationalem und interkulturellem Austausch zu bereichern, „gemeinsam die Region zu format_ieren“ – das war die Botschaft, die wir von den Graffitikunstwerken an den Wänden ablasen und mit in den abendlichen Ausklang nahmen.
Aus den Gesprächen am Freitag ließ sich bereits ableiten, wie sehr die gemeinnützige Arbeit von äußeren Umständen beeinflusst wird. Stets ging es auch darum, wie eine handlungsorientierte Reaktion auf die Zuspitzung der politischen Situation aussieht, was die Sichtbarkeit und Partizipation innerhalb der ländlichen Räume erhöhen könnte und wo sich immer wieder neue Fördertöpfe finden lassen. Im Kleinen bedeutete diese Notwendigkeit von Flexibilität für uns, einen adäquaten Umgang mit der Rekordhitze zu finden. Durchaus wehmütig verabschiedeten wir uns am Samstag von dem ursprünglich angedachten Nachmittagsprogramm, das sich dem Gutshaus und der Kirche in Eickelberg gewidmet hätte, und freuten uns umso mehr auf den vormittäglichen Besuch im nordwestlich gelegenen Dorf Qualitz.
In Qualitz blühte es an allen Ecken und Enden. Gudrun und Ernst Schützler, die gemeinsam die Dorfkirche aus dem 14. Jahrhundert betreuen, luden uns in das Refugium ein, das sie stets für Interessierte geöffnet halten. Hinter dem Pfarrhaus offenbart sich der denkmalgeschützte Pfarrgarten als ein Paradies für Insekten, Vögel und Pflanzen jeder Art. Während wir durch duftende Blumenwiesen streiften, verriet uns Gertrud Schützler: „Hier wächst alles wie von selbst, auch das Unkraut. Aber es wächst eben“. Unter den ausladenden Ästen eines riesenhaft anmutenden Kirschbaums erwarteten uns außerdem Sabine Adolphi und Cindy Dulisch, die Initiatorinnen des Vereins Allerhand e.V. – ein Projekt, das an die kreative Schöpfungskraft in jedem Menschen glaubt. So fanden sich die Teilnehmenden bald selbst in der Kreativwerkstatt wieder, um mit Moosgummi eigene Postkarten und Poster zu bedrucken. Mit einem Augenzwinkern berichteten uns die Projektleiterinnen von der Idee, in Wahlkampfperioden die Laternenpfähle mit Siebdruck-Bannern zu plakatieren. Über die Straßenkunstausstellung hinaus hat der Verein buchstäblich allerhand zu bieten, etwa eine Bühne für das Wandertheater oder wöchentliche Chortreffen, denn, so Sabine Adolphi, „wenn man zusammen singt, stimmt man sich aufeinander ein“. Daraufhin bedankte sich die Runde der Teilnehmenden mit einem spontanen Kanon für die Gastfreundschaft, bevor wir gut gestärkt in die rettende Kühle unserer Unterkunft zurückkehrten.
Was ist los im weiten Land?
„Mutmacher-Wochenende“, betitelte eine Teilnehmerin die Begegnungswerkstatt. Sowohl die Sammlung an „Fundstücken des Tages“ als auch die Abschlussreflexion am Morgen der Abreise zeugten von jeder Menge Inspiration und Hoffnung, die aus dem Austausch untereinander und mit den Personen vor Ort geschöpft werden konnten. Mit seiner Fülle an Begegnungen und Bewegungen durch den ländlichen Raum konnte das Format für die Herausforderungen ehrenamtlicher Kulturarbeit (etwa Fragen der Zukunftsfähigkeit oder der Notwendigkeit struktureller Verankerung) sensibilisieren und den erlebten Einfallsreichtum von den besuchten Orten aus in alle Himmelsrichtungen weitertragen. Fest steht eines: Im weiten Land war und ist doch deutlich mehr los, als man von Weitem sieht!
Veranstaltungsrückblick von Juliane Vogler (Praktikantin beim Projekt Landwandel)