Evangelische Akademie Thüringen

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Wie werden wir inklusiver und barriereärmer?

  • Welchen Bezug habe ich zu den Begriffen "inklusiv" und "barrierearm"? Das wurden die Teilnehmenden zu Beginn der Tagung in einer Positionsübung gefragt. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Welchen Bezug habe ich zu den Begriffen "inklusiv" und "barrierearm"? Das wurden die Teilnehmenden zu Beginn der Tagung in einer Positionsübung gefragt. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Mandy Pierer sprach als Inklusionsmanagerin über Barrieren beim Sport. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Mandy Pierer sprach als Inklusionsmanagerin über Barrieren beim Sport. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Beim Podium am zweiten Tag diskutierten Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Dr. Thomas Haas und Juliane Dieckmann. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Beim Podium am zweiten Tag diskutierten Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Dr. Thomas Haas und Juliane Dieckmann. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Die Teilnehmenden brachten viele Erfahrungen mit inklusiver Arbeit und dem Umgang mit Barrieren aus ihren eigenen Kontexten mit. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Die Teilnehmenden brachten viele Erfahrungen mit inklusiver Arbeit und dem Umgang mit Barrieren aus ihren eigenen Kontexten mit. Foto: (c) Zubarik/EAT

Bei Begriffen wie Inklusion und Barrieren denken viele zunächst an Rollstühle, Gebärdensprache oder Blindenschrift. Doch die Hürden, warum jemand am öffentlichen Leben nicht wie andere teilnehmen kann, sind wesentlich vielseitiger. Daher machen sich auch Verantwortliche in der kulturellen und politischen Bildung zunehmend Gedanken, wie sie insgesamt mehr Menschen und unterschiedlichste Zielgruppen besser erreichen können.

Was hält Personen, die von Bildungsangeboten profitieren könnten, davon ab, sie wahrzunehmen? Körperliche Erschwernisse wie eine Behinderung sind dabei nur ein Aspekt; manchmal ist es schon die Einladung, die auf sprachlicher Ebene Menschen ausschließt, oder die Räumlichkeit bzw. die Sitzanordnung, die für einige ein Hindernis darstellen kann. Eine schlechte Akustik bei Veranstaltungen etwa stört Menschen mit Hörgeräten enorm – eine Gruppe, die in Deutschland immerhin über drei Millionen Menschen ausmacht; für andere ist es wichtig, in Stuhlreihen nicht so eng zu sitzen, dass man sich weder bewegen noch den Platz verlassen kann. Bei kirchlichen Einrichtungen kommt mitunter eine weitere Hürde hinzu: die Annahme, dass eventuell mit religiösen Inhalten zu rechnen oder das Angebot nicht für alle Bildungsschichten gedacht ist.

Bei der Tagung „Alle(s) mitdenken? Inklusive Strategien in Zivilgesellschaft und politischer Bildung“, die vom 20. bis 21. Oktober im Bonifatiushaus in Fulda stattfand, tauschten sich Teilnehmende darüber aus, wie Bildungsräume inklusiver und barriereärmer gestaltet werden können und was das überhaupt bedeutet.

Nach einem ersten Kennenlernen gaben zwei Impulsvorträge Einblicke in die Realität: David Jugel, Leiter des Zentrums für inklusive politische Bildung an der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie an der TU Dresden, nahm zunächst eine Standortbestimmung vor. Die von ihm erwähnte „Ausschluss-Sensibilität“ begleitete die Teilnehmendengruppe durch die gesamte Tagung. Mandy Pierer, Inklusionsmanagerin des MTV Stuttgart 1843 e.V., sprach über Chancen, Grenzen und Erfolge der professionellen Inklusion im Sportverein. Sie machte unter anderem an Beispielen deutlich, dass Barrierefreiheit für unterschiedliche Bedarfe konkurrieren kann, wie z.B. Blindenleitsysteme und hindernisfreie Wege, und man dann bestmögliche Kompromisse oder ganz andere Lösungen finden muss.

In einem Reflexionsworkshop setzten sich die Teilnehmenden mit ihrer ganz persönlichen Wahrnehmung von Barrieren auseinander. Hierbei ging es sowohl um eigene Erfahrungen des Ausschlusses, als auch um beobachtete im jeweiligen Arbeitsbereich. Entscheidend war die Erkenntnis, dass Barrierearmut ein prozessorientiertes Anliegen ist und auch kleine Verbesserungen und das punktuelle Erleben von gelungener Inklusion schon einen großen Unterschied machen können. Beispiele wie das Gebärdendolmetschen auf einer Demo wurden genannt, die Einladung eines DJs mit geistiger Behinderung, oder ein Anmeldebogen, der besondere Bedarfe erfasst.

Am Abend gab es in einem theaterpädagogischen Workshop unter Anleitung von Aneta Bučková die Möglichkeit, in situativen Szenen der Ausgrenzung Erfahrungswelten zu teilen und Empowerment auszuprobieren: Wie reagieren wir auf rassistische Anspielungen im Bewerbungsgespräch, auf übergriffiges Verhalten von Ordnungspersonal oder auf pöbelnde verbale Angriffe auf offener Straße – und welche Möglichkeiten des Einschreitens haben wir in solchen Momenten, sowohl als Betroffene, als auch als Beobachtende?

Den folgenden Arbeitstag leitete ein kollegialer Austausch zu Praxisbeispielen ein. Aus ihren unterschiedlichen beruflichen Kontexten berichteten die Anwesenden von Methoden, Strategien sowie Veranstaltungsformaten, bei denen ein inklusiver Ansatz entweder besonders gut funktionierte oder aber scheiterte. Im Vordergrund stand das Voneinander-Lernen und gemeinsame Überlegen, was es braucht.

Im letzten Panel der Tagung kam unter der Frage „Wie reden über Diskriminierung und Inklusion“ auch eine Diskurskritik zur Sprache. Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Theologe, Soziologe und Autor von „Die Abgelehnten. Warum Altersdiksriminierung unserer Gesellschaft schadet“ (2025) führte aus, inwiefern der Begriff Inklusion mitunter inflationär in Gebrauch gekommen ist. Sein Hauptargument aber galt der Beobachtung, dass dem Wissen der älteren Generationen gesellschaftlich nicht mehr so viel Wert beigemessen wird. Im Podium saß ebenso Juliane Dieckmann, Studienleiterin für gesellschaftspolitische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie der Nordkirche; sie sprach für die Belange und aus der Warte junger Menschen. In der Diskussion wurde deutlich, dass die junge und die ältere Generation unterschiedliche Formen des Ausschlusses bei ein und derselben Sache erfahren können, wie zum Beispiel bei der voranschreitenden Digitalisierung.

Abschließend wurden noch einmal einige Hauptthesen, die sich während der Tagung herauskristallisierten, zusammengetragen: etwa, dass Wege gefunden werden müssen, Bedarfe frühzeitig zu ermitteln, oder dass ein wichtiger Schritt auch sein kann, klar zu kommunizieren, was nicht möglich ist. Einig waren sich alle sowohl darüber, dass die anvisierten Zielgruppen schon in den Vorbereitungsprozess aktiv eingebunden werden sollten, als auch, dass die derzeit noch sehr starren Förderrichtlinien strukturell die inklusiven Strategien erschweren oder gar unmöglich machen.

Die Tagung wurde organisatorisch von der Evangelischen Akademie Thüringen ausgerichtet und inhaltlich von der „Innovationsgruppe inklusive politische Bildung“ der EAD mit Studienleitenden aus den Akademien Bad Boll, Hofgeismar, Thüringen, Tutzing, Villigst und der EAD vorbereitet und begleitet.