Das Gespräch mit Anne Rabe (li.) und Klaus von der Weiden (re.) moderierte Dr. Sebastian Kranich (mi.). Foto: (c) EAT
Wäre das zu erwarten gewesen? Sicher, mit der Autorin Anne Rabe und dem Juristen Klaus von der Weiden waren zwei Akteure zum Augustinerdiskurs „Demokratie im Osten – ein Sonderfall?“ eingeladen, die nicht auf einer Linie liegen würden. Doch dann ging es noch lebhafter zu als erhofft.
Anne Rabe teilte schon im Eingangsstatement deutlich gegen den Kurs von Teilen der der CDU gegenüber Zivilgesellschaft und NGO’s sowie gegenüber der AFD aus. Klaus von der Weiden antwortete in seiner Replik sachlich-trocken und verwahrte sich gegen ein Merz-Bashing.
Beide waren sich einig, dass die Demokratie im Osten unter spezifischen Bedingungen existiert, die aus der DDR-Geschichte und den Erfahrungen der Transformationszeit herrühren. Einigkeit bestand auch darin, dass es für den Erhalt der Demokratie sowohl funktionierender Institutionen als auch des demokratischen zivilgesellschaftlichen Engagements bedarf.
Doch immer, wenn die beiden Antipoden sich annäherten und einander Recht gaben, folgte rasch ein neuer Seitenhieb. Erklärbar war das auch aus der jeweiligen Rolle. Klaus von der Weiden ist Präsident des Thüringer Verfassungsgerichtshofs. Als solcher muss, will und kann er etwa mit einem stellvertretenden Richter, der von der AFD nominiert wurde, klarkommen. Ohne professionelle Objektivität und Fähigkeit zur Distanznahme ginge es für ihn nicht, so der Jurist. Anne Rabe hingegen sprach als Person des öffentlichen Lebens, die sich konsequent an Protesten gegenüber rechtspopulistischen und rechtsextremen Demonstrationen – besonders an der B 96 in der Lausitz beteiligt. Im Hintergrund standen aber zugleich eine linke und eine konservative Haltung. Anne Rabe ist SPD-Mitglied. Klaus von Weiden ist Mitglied der CDU.
Und was kam heraus bei dem Ganzen? Überaus deutlich wurde die Spannweite, in der Demokraten denken und agieren, um Nichtdemokraten weder den Freistaat Thüringen noch die Bundesrepublik Deutschland zu überlassen. Denn in einer illiberalen Demokratie nach dem Muster von Viktor Orbans Ungarn wollten beide nicht leben – und auch niemand aus dem diskussionsfreudigen Publikum.
Josef Ahlke - der Mann des "nachhaltigen Fußballs": Erst viele ineinandergreifende Einzelteile machen die Zivilgesellschaft rund und spielfähig. Foto: (c) Rohloff/EAT
Judith Drühe gibt einen eindrücklichen Erfahrungsbericht über Entstehung und Perspektive des Bündnisses Weltoffenes Thüringen. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Wissen Sie, für welches Anliegen sich ein Verein mit dem Namen Weideschuss e.V. einsetzt? Für eine tiergerechte „Vollmobile Schlachtung“, direkt vor Ort auf der Weide. Der Verein mit Sitz in Kölleda OT Beichlingen ist im Ehrenamtsportal der Thüringer Ehrenamtsstiftung aufgeführt. Diese spielt seit 2002 eine zentrale Rolle bei der Beratung, Vernetzung und finanziellen Unterstützung von Ehrenamt und Freiwilligen. Etwa 41 % der Thüringer sind heute bürgerschaftlich engagiert (2021), leicht über dem Bundesdurchschnitt. 1999 waren es noch ca. 27 %. Doch bei diesem Erfolg soll es nicht bleiben.
Die Zukunft der gemeinnützigen Arbeit sowie konkrete Initiativen wie das Weltoffene Thüringen standen am 24.04.2025 im Mittelpunkt eines ungewöhnlichen Augustinerdiskurses. In Workshopatmosphäre tauschten sich „Ehrenamtler“ und „Hauptamtler“ im Umfeld des bürgerschaftlichen Engagements, landläufig Zivilgesellschaft genannt, darüber aus, wie in Thüringen künftig Ehre, Zweck und (Förder-)Praxis zusammenkommen.
Judith Drühe – „Wir hätten besser vorbereitet sein können“
Judith Drühe, Geschäftsführerin des Kulturrats Thüringen, berichtete zunächst von den Erfahrungen der Initiative Weltoffenes Thüringen. Gestartet mit der Idee eines öffentlichen Aufrufs von Engagierten und Institutionen, wurde unter dem Eindruck des Diskurses um die „Remigration“ und die anstehende Thüringer Landtagswahl 2024 ein wachsende Bewegung, die mittlerweile eigene aktive Ortsgruppen umfasst und als Imagekampagne zugleich eine breite Öffentlichkeit erreicht.
Organisation, Struktur und Finanzierung bleiben jedoch eine Daueraufgabe – Drühe im Rückblick sinngemäß: „Wir hätten auf die Folgen unserer Schritte besser vorbereitet sein können. Die Öffentlichkeit war sehr schnell sehr groß. Wir waren von großer Hilfsbereitschaft, aber auch von vielfältigen Erwartungen an unsere Leistungskapazitäten überwältigt. Bis heute arbeiten wir an nachhaltigen Organisationsstrukturen.“ Personen, Inhalt, Zeitpunkt und Glück ließen aus ehrenamtlichen Initiativen nicht automatisch zukunftsfähige Glieder der Zivilgesellschaft werden. Die Finanzierung sei – neben der (befürchteten) Bürokratie – oft der Knackpunkt, an dem die Nachhaltigkeit bürgerschaftlichen Engagements scheitere.
Josef Ahlke – Arbeiter im Weinberg des Thüringer Ehrenamts
Nachhaltigkeit in allen ihren Dimensionen war für ihn das Stichwort: Josef Ahlke vom Zukunftsfähigen Thüringen e.V. machte am Beispiel des Zustandekommens der Thüringer Verfassungsreform von 2024 deutlich, wie wichtig ein bereits bestehendes und offenes „Ökosystem“ an ehren- und hauptamtlichen Gemeinnützigen und Institutionen für die Reifung von Ideen zu ausgewachsenen und hochwirksamen Vernetzungen und Umsetzungen ist.
Vor allem auch Josef Ahlke als Netzwerker und unermüdlichem Strukturarbeiter ist es zu verdanken, dass heute Ehrenamt und Nachhaltigkeit in Thüringen Verfassungsrang haben und damit Staatsaufgabe sind. Erst mit den mühsam abgestimmten und schließlich durchgesetzten Verfassungsänderungen konnte das neue, in Deutschland einmalige Ehrenamtsgesetz überhaupt entstehen, das den Gelingensbedingungen bürgerschaftlichen Engagements seinen gebührenden Platz verliehen und den Horizont der Möglichkeiten erheblich geweitet hat.
Niels Lange – „Niemand soll für sein Engagement auch noch draufzahlen!“
„Den Sack zu“ machte Dr. Niels Lange, der als Ansprechpartner für die Thüringer Ehrenamtsstiftung zur Verfügung stand. Als Geschäftsführer hat er im Moment sehr viel zu tun, um das erste Ehrenamtsgesetz Deutschlands umzusetzen, das laut Stiftung eine neue Epoche der Thüringer Engagementförderung eingeläutet hat.
So soll die Engagement-„Infrastruktur“ ausgebaut und wirksamer werden, u.a. betrifft dies die über das Land verteilten 18 Freiwilligenagenturen. Endlich flächendeckend präsent und personell aufgestockt sollen die Agenturen Freiwillige mit Organisationen zusammenbringen. „Aufsuchende Förderung“ ist das Prinzip der aktiven Vor-Ort-Arbeit durch Hauptamtliche. Insbesondere der ehrenamtliche Nachwuchs soll dadurch gezielter angesprochen werden.
Arbeit für das Gemeinwohl ist unverzichtbar – mit Spiel, Spaß und Spannung
Vor allem sind aber die finanziellen Fördermöglichkeiten gewachsen: 15 Millionen Euro stehen jetzt im Landeshaushalt jährlich zur Verfügung und wollen wirksam und gerecht eingesetzt sein. Klar kämen viele Interessierte auf der Suche nach Anerkennung, sozialen Kontakten oder schlicht für den „Spaß“ zum Ehrenamt. Letztlich aber seien es doch diese Bedürfnisse, die soziales Leben, Zusammenhalt und Demokratie ausmachten. Gehe es schließlich um das Gemeinwohl, gelte das Ziel, „niemand soll für sein Engagement auch noch draufzahlen müssen!“, so Lange.
Die neueste Entwicklung in Thüringen macht Hoffnung und Mut. Ein nachhaltiges Ökosystem mit Vorbildcharakter könnte entstehen. Die Thüringer Verfassungsänderung und das Ehrenamtsgesetz von 2024 selbst beruhen v.a. auf ehrenamtlicher, gemeinnütziger Arbeit – das spornt an und ist aller Ehren wert!
Durch den Abend führten Aneta Bučková (re.) und Sabine Zubarik (li.). Foto: (c) Rohloff/EAT
Der Abend begann mit einer musikalischen Einstimmung der für die 50er und 60er Jahre prominenten „goldenen Stimme aus Prag“: Karel Gott besang mit dem Lied „U nás jaro nekončí“ den nicht endenden Frühling – politisches Wunschdenken ist bei diesem Titel nicht ausgeschlossen.
Gleichwohl ging es bei dieser Ausgabe des literarischen Salons eher um den Prager Sommer, sehr anschaulich beschrieben in Zdena Salivarovás Roman Ein Sommer in Prag, der 1972 in tschechischer Sprache unter dem Titel Honzlová – der Nachname der erzählenden Protagonistin – erschien und erst letztes Jahr ins Deutsche übersetzt wurde.
16 lesefreudige Menschen waren in der Buchhandlung Contineo in Erfurt zusammengekommen, viele auch aus einem besonderen Interesse an Prag und der tschechischen Literatur, um über die im Buch beschriebenen Geschehnisse sowie die zeitgeschichtlichen Hintergründe der 50er Jahre zu diskutieren.
In der wohnzimmerherzlichen Atmosphäre waren offene und tiefgehende Gespräche auch über den Roman hinaus möglich, zum Beispiel über Parallelen mit der Gegenwart, wenn es um bürokratische Schikanen oder nicht nachvollziehbaren Machtmissbrauch geht. So wussten einige aus dem Publikum von Situationen zu berichten, die denjenigen Szenen der Erzählung sehr ähnelten, in denen die junge Protagonistin von übelwollenden Genossinnen und Genossen schikaniert wurde.
Im Dialog zwischen verschiedenen Generationen – anwesend waren sowohl Zeitzeuginnen aus der erzählten Zeit als auch Studierende aus der Enkelgeneration – waren für alle die von Salivarová einfühlsam, mitunter auch zynisch beschriebenen Wechselwirkungen von Macht und Machtlosigkeit und das Gefühl von Ausgrenzung und Einsamkeit in der Großstadt nachvollziehbar.
Gesprochen wurde auch über Fragen der Übersetzung, soziokulturelle Details und landesspezifische Besonderheiten. So konnte man erfahren und auf Bildern sehen, was Pawlatschen sind, die in der Geschichte eine recht tragende (und dann leider eben nicht mehr tragende) Rolle einnehmen. Für Prag waren nämlich in dieser Zeit Pawlatschenhäuser – meist Hinterhäuser mit Laubengängen, die balkonartig zum Innenhof ausgerichtet als Zugänge zu den kleinen Wohnungen dienten – für ärmere Bevölkerungsschichten sehr typisch.
Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Universität Erfurt und der Buchhandlung Contineo statt. Durch den Abend führten Aneta Bučková, Lektorin für tschechische Sprache und Literatur, und Studienleiterin der Evangelischen Akademie Dr. Sabine Zubarik.
Frühlingsboten im Garten des Zinzendorfhauses. Foto: (c) EAT
Zur Osterzeit
Mit seinem jungen Knospenheer
streift Frühling durch das Land,
streut frische Saaten rings umher
und hinterlässt ein Blütenmeer.
Der Vögel Chor singt Lob und Ehr
dem, der einst auferstand.
(Anita Menger)
Gesegnete Ostern mit viel Frühlingsfreude wünscht das Team der Evangelischen Akademie Thüringen!
175 Jahre Erfurter Unionsparlament - ein Anlass zum Diskutieren! Eröffnung der Augustinerdiskurs-Reihe durch Anja Zachow (Landeszentrale für politische Bildung Thüringen). Foto: (c) Rohloff/EAT
Sebastian Thieme und Tilman Reitz (v.l.n.r.) stellen sich im Augustinerkloster zu Erfurt den Fragen des Publikums. Foto: (c) Rohloff/EAT
Das Publikum brachte die eigenen Eindrücke in die Diskussion ein. Beklagt wurde v.a. die Einseitigkeit und Rohheit des gesellschaftlichen Umgangs. Foto: (c) Rohloff/EAT
Tilman Reitz ist Professor für Wissenssoziologie und Gesellschaftstheorie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Sebastian Thieme ist Wissenschaftlicher Referent für Ökonomie an der Katholischen Sozialakademie Österreichs in Wien. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Wie konnte es dazu kommen, dass der Zusammenhalt und die Demokratie in Gefahr geraten? Wie schlimm es tatsächlich um unsere Gesellschaft steht, was sie hoffen darf und welche versöhnlichen Wege sie einschlagen könnte: Am ersten Abend „Gespaltene Gesellschaft?“ der Augustinerdiskurs-Reihe anlässlich 175 Jahre Erfurter Unionsparlament stand am 10. April 2025 zunächst eine Bestandsaufnahme der Lage auf dem Programm.
Über die Symptomatik der gespaltenen Gesellschaft waren sich die etwa 40 Anwesenden im Augustinerkloster einigermaßen einig: Es gebe „keinen normalen Diskurs mehr“, d.h. keinen auf Gegenseitigkeit beruhenden Austausch und keine Diskussion auf Augenhöhe und in Gleichberechtigung, wie es eine Stimme aus dem Publikum auf den Punkt brachte. Einseitigkeit und Anmaßung führten auf allen Seiten buchstäblich nur zu Auseinandersetzung und tiefen Verletzungen. Eine Spirale beginnt – „verletzte Menschen verletzen Menschen“, wie der Rapper und Sänger Montez das auf den Punkt bringt.
Die Ursachensuche aber führte – wie kaum anders zu erwarten – zu sehr unterschiedlichen Antworten. Viele Ostdeutsche sehen die Entwicklung nach 1989 und die bis heute ausgebliebene Innere Einheit als Ursache. Nicht wenige Westdeutsche allerdings auch – nur unter anderen Vorzeichen. Die verstärkte Zuwanderung und ihre Bewältigung, überbordende Bürokratie, Moralismus und Bevormundung durch selbsternannte Eliten oder ein eher autoritäres Management der Corona-Pandemie: Diese Erklärungen sind gleichmäßig gesamtdeutsch weit verbreitet. Das für viele noch vertraute Wort der „inneren Einheit“ macht immerhin deutlich, dass vielfältige „Wir gegen Die“-Verkürzungen nichts Neues sind.
Alte Bruchlinien, neue Risse: Spaltungstendenzen haben Tradition
Als Anreger einer analytischen Material- und Ursachensuche war Tilman Reitz von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena als Hauptvortragender des Abends zuständig. Für die Einordnung der deutschen Gemüts- und Gemengelage nahm der Soziologe zunächst die sozialgeschichtliche Entwicklung in den Blick.
Historische Bruchlinien zwischen Stadt und Land, Arbeit und Kapital, Privilegierten und Unterprivilegierten, Konservativen und Progressiven hätten in den letzten Jahrzehnten seit 1989 zwar neue Ausprägungen und Fortsetzungen erfahren; wie etwa diejenigen von „westdeutsch“ und „ostdeutsch“ oder „Linksgrünversiffte“ und „Nazis“. Im Grunde existieren derartig unversöhnliche Gegensätze jedoch, seit sich die moderne Gesellschaft im Zeitalter von Aufklärung und bürgerlicher Revolution zu rechtlicher Privatautonomie, Demokratie und zur Industrialisierung aufschwang.
Was aber wirklich neu sei, so Reitz, sei die politische Polarisierung, die sich im Wandel des deutschen Parteiensystems und im erfolgreichen Aufkommen einer rechtspopulistischen bis rechtsextremen Partei wie der AfD zeige. Zumindest in diesem Bereich bestätige sich die als „neu“ wahrgenommene Diskursverhärtung.
Ursachenforschung: Sozial-ökologische Wachstumskrise und Verteilungskämpfe
Als Sozialwissenschaftler schafft es Reitz mit sympathischer Nüchternheit, die Ursachenforschung über die deutsche Tagespolitik und ihre Vorfeldgefechte hinaus zu treiben. Global betrachtet seien es das Ende des unbegrenzten Wachstums und vor allem die daraus folgenden ökonomisch-ökologischen Verteilungskämpfe, die modernen demokratischen Gesellschaften – nicht nur der deutschen – zu schaffen machten.
Das „Ende des Wohlstands“, das „Ende des Planeten“ und andere apokalyptische Zukunftsbilder: Diese Befürchtungen einten unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen nicht nur in der Beschränktheit ihrer Wahrnehmung, sondern auch in der Radikalität ihrer Lösungen. Ihre Vorstellungen vom guten Leben seien nur auf Kosten anderer umzusetzen, es müsse also Gewinner und Verlierer geben. Dass aber statt der Furcht die Hoffnung die konstruktivere soziale Einigungskraft sei, habe schon der Philosoph und Ethiker Baruch de Spinoza erkannt, so Reitz.
Ökonomischer Zwischenruf: Marktfundamentalismus als Denkgefängnis
Sebastian Thieme, seinerseits Ökonom von der Katholischen Sozialakademie Österreichs in Wien und der zweite Vortragende des Abends, machte in seinem Zwischenruf deutlich, dass Reitz‚ historische und analytische Feststellungen für ein zukunftsfähiges soziales Leben keineswegs eine beruhigende „Das wird schon!“-Botschaft nahelegten. Hoffnung muss gemacht werden, während Furcht sich fast schon von allein aufdrängt.
Für Thieme ist ein tieferliegender Spaltpilz vor allem der „Marktfundamentalismus“, der den deutschen Diskurs über Wirtschaft und Gesellschaft noch immer tief präge und das Potenzial zur Sprengung demokratischer Legitimität und der Demokratie selbst in sich berge. Der Diskurs in modernen, vom Marktprinzip durchdrungenen Gesellschaften, führe bereits eine verzerrte Sicht der Dinge mit sich, die es zu erkennen und zu korrigieren gelte, wenn man sich den konkreten Spaltungsgräben nähere und echte Hoffnung die positive Bilanz der Analyse sein soll.
Vom Markt zur Menschenverachtung
Zwingendes Nutzen- und Eigennutzdenken, Wettbewerb, Konkurrenz- und Profitmotiv – das sei „Ökonomismus“ in Alltagsmoral und politischen Werthaltungen. Sozialethisch führe damit faktische soziale und ökonomische Ungleichheit zu einer scheinbar objektiv beurteilbaren Ungleichwertigkeit, so Thieme. Von diesem Punkt ließe es sich dann sehr „leicht“ bis zur Gruppen- und Menschenverachtung weiterdenken. Die Nähe libertär-freiheitlicher und menschenfeindlicher Positionen erklärt sich aus diesem Blickwinkel aus der Ideengeschichte einer verkümmerten Vernunft-Idee, die den Nutzen als obersten Zweck setzt.
Die Ökonomisierung der Ethik ziehe denn auch radikale Problemlösungen nach dem Muster von harten, kompromisslosen Geschäftsleuten nach sich. Entweder es gibt einen „Deal“ zu den eigenen Bedingungen oder es gibt Schläge! Der Name Donald Trump fiel öfter an diesem Abend.
Hoffnung statt Furcht: „Kleine politische Predigt“
Tilman Reitz schlug in einer eigens so betitelten „kleinen politischen Predigt“ schließlich vor, der allgegenwärtigen und gesellschaftszersetzenden Furcht die Hoffnung und die Zuversicht des Andershandelnkönnens entgegenzusetzen.
So sei der Begriff des Wohlstands im Sinne der Forschungen Sebastian Thiemes (siehe EAT-Veranstaltung v. 21. Januar 2025) gesamtgesellschaftlich und politisch zu hinterfragen und von seiner „Marktkonformität“ zu lösen. Außerdem sei die wesentliche Rolle unserer ökologischen Daseinsbedingungen angemessen zu berücksichtigen. Schließlich sei die Bedeutung einer öffentlich-gemeinwohlbasierten Regelung von Infrastrukturen wie Rente, Pflege, Wohnen, Mobilität, Bildung u.v.m. in ihrer gesellschaftlichen Bindungswirkung fundamental neu zu bewerten und gegebenenfalls zu korrigieren.
Klares Ziel: Verständigung über das Gemeinsame
Das Fazit des Abends ist weniger eine erbauliche und erlösende Frohbotschaft denn eine klare Ziel- und Aufgabenstellung: die berechtigten Interessen, die von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen geäußert werden, sind in ein demokratisch legitimiertes Gesamtinteresse einzufassen.
Mit Zuhören, Nachvollziehen und Verstehen fängt es an. Auch wenn einem manchmal das Verständnis fehlen sollte, um eine Verständigung über das Gemeinsame kommen wir nicht herum.
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Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie die Präsentationen der Referenten des Augustinerdiskurses „Gespaltene Gesellschaft?“ (PDF).
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