Miteinander ins Gespräch kommen beim Bubble Crasher-Projekt, Dezember 2025. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Begegnungsort auf Zeit mitten auf dem "Alle-Jahre-Wieder-Adventsmarkt" in Erfurt Foto: (c) Anne Tippelhoffer
Oft braucht es nicht viel, um sich einmal anders zu begegnen. Foto: (c) Anne Tippelhoffer
Zwischen Glühwein, Lichterketten und dem vorweihnachtlichen Trubel des Wenigemarkts in Erfurt entstand an zwei Nachmittagen im Dezember ein kleiner Begegnungsort auf Zeit: „Talk unterm Tannenbaum“, eine Einladung zum Stehenbleiben, Durchatmen und Begegnen.
Der Kern der Aktion war einfach: Weihnachtskarten gestalten, nicht für Familie oder enge Freund:innen, sondern für Menschen außerhalb der eigenen Bubble. Für die Busfahrerin auf dem Heimweg. Für den Nachbarn, dem man sonst nur flüchtig im Treppenhaus zunickt. Für eine unbekannte Person auf der Straße.
Mit Zweigen, bunten Bommeln, Stiften, Stickern oder Stempeln entstanden Karten, die so vielfältig waren wie die Menschen, die sie gestalteten. Manche liebevoll verspielt, andere schlicht, manche mit wenigen Worten, andere mit kleinen Botschaften voller Wärme. Während Hände schnitten, klebten und schrieben, entstanden Gespräche ganz nebenbei. Über eigene Erfahrungen, über Einsamkeit, über Nähe und darüber, wie selten wir uns Zeit nehmen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die nicht ohnehin schon Teil unseres Alltags sind.
Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: „Es braucht mehr solcher Aktionen, um miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Ein Kind erzählte von seinem fertigen Kunstwerk: „Ich schenke meine Karte einem anderen Kind auf dem Spielplatz, das ich noch nicht kenne.“
Was an diesen Nachmittagen spürbar wurde: Es braucht nicht viel, um Verbindung zu schaffen. Keine langen Diskussionen, keine großen Bühnen. Manchmal reicht ein Tisch, Bastelmaterial und die Einladung, über den eigenen Horizont hinauszudenken. Wir hoffen, dass die gestalteten Karten noch über die Aktion hinaus als Gesprächsanlässe und Mutmacher wirken und Brücken zwischen Menschen bauen, die sich sonst vielleicht nicht auf diese Weise begegnet wären. In einem Bus, auf einem Spielplatz, mit einem kurzen Lächeln zwischen zwei Menschen, die sich vorher fremd waren. Vielen Dank auch an das Team des „Alle-Jahre-wieder-Adventsmarkts“ für die wunderbare Kooperation!
Podium mit Dr. Friederike F. Spengler (l.), Dr. Sebastian Kranich und Michael Roth(r.) | Foto: EAT
Zwei Lebenswege, zwei Überzeugungen, ein gemeinsames Ringen: In diesem Streitgespräch treffen die Regionalbischöfin Dr. Friederike Spengler und der frühere Staatsminister für Europa Michael Roth aufeinander. Ausgangspunkt ist ein unscheinbarer, aber brisanter Satz in Artikel 16 der Confessio Augustana, der „rechtmäßige Kriege“ für erlaubt hält – ein Bekenntnissatz, der bis heute Ordinationen mitträgt. Von dort aus öffnet sich ein Spannungsfeld zwischen historischer Theologie, täuferischer Gewaltkritik und den brennenden Fragen nach Krieg, Frieden und Verantwortung im 21. Jahrhundert.
Dr. Spengler erzählt von irritierten Gemeindegliedern, die im Gesangbuch auf CA 16 stoßen und spüren: So kann man heute eigentlich nicht mehr reden und doch gilt der Text offiziell weiter. Geprägt von ihrer DDR-Biografie versteht sie Pazifismus nicht als private Gesinnung, sondern als Teil der „DNA des christlichen Glaubens“. Sie fordert eine ehrliche, für Gemeinden verständliche Neuinterpretation der Bekenntnistexte und hält an einem klaren ethischen Nein zu Atomwaffen fest – aus der Logik des „gerechten Friedens“, der Gewalt begrenzen, Freiheit schützen, Not lindern und die Schöpfung bewahren soll. Ihre Frage an Kirche und Politik lautet: Warum gibt die Kirche diese kritische, korrigierende Stimme preis?
Michael Roth antwortet aus der Perspektive des Politikers, der Entscheidungen treffen musste, bei denen es buchstäblich um Leben und Tod ging. Auch er weiß um Schuld und Ambivalenz, kommt aber zu einem anderen Ergebnis: Wer angegriffene Gesellschaften wie die Ukraine sich selbst überlässt, macht sich ebenso schuldig wie derjenige, der Waffen liefert. Gerechter Frieden bedeute mehr als Waffenstillstand – ohne Freiheit und Selbstbestimmung bleibe er leere Hülle. Roth plädiert für eine Kirche, die ihre Stärke als Minderheit nutzt: als Raum, in dem Widersprüche ausgehalten, pazifistische und interventionistische Positionen ernst genommen und in Respekt miteinander ausgetragen werden.
Der Podcast lädt dazu ein, sich in diese Spannung hineinzubegeben. Ohne einfache Antworten, aber mit großer Ernsthaftigkeit für Glauben, Politik und Gewissen.
Moritz Hellwig ist seit September 2025 Assistent der Akademieleitung an der EAT. Foto: (c) Zubarik/EAT
Seit September diesen Jahres ist das Büro für die Assistenz der Akademieleitung in der EAT wieder besetzt: Das neue Gesicht im Team ist Moritz Hellwig aus Halle. Der gebürtige Berliner absolvierte vor dem Stellenantritt seinen Master in Politikwissenschaft im Bereich Global und European Governance an der FSU in Jena, wo er sich speziell mit Policy-Analysen auf internationaler Ebene beschäftigte.
Nach drei Monaten an der Akademie kann Moritz Hellwig schon ein erstes Fazit über seine Aufgaben ziehen: „Angenehm vielseitig“ empfindet er diese, und eben „keine reine Schreibtischtätigkeit“. Ihm gefällt, dass er sich inhaltlich einbringen kann und viel Gestaltungsfreiheit hat, sei es beim Verfassen von Blog- und anderen Social Media-Beiträgen, sei es bei der Vor- und Nachbereitung von Tagungen. Auch der Umgang mit Menschen, zum Beispiel bei Veranstaltungen im Studienbereich des Akademiedirektors, sorgt dafür, dass sein Berufsstart keinesfalls monoton abläuft.
Seine „Feuertaufe“ als Tagungsassistenz erhielt Moritz Hellwig just mit der „Täufertagung“ im vergangenen November. Mit dieser guten Erfahrung kann er nun in sein erstes „richtiges“ Jahr starten; gerade laufen die Vorbereitungen für 2026 auf Hochtouren: Im Februar steht die Tagung zur (Un-)Endlichkeit an, die letzte organisatorische Schritte benötigt; die Tagung zu Kirche und Eugenik im Juni befindet sich in der Phase der Konzeption und Planung. Daneben gibt es eine ganze Bandbreite an weiteren Themen.
Genau das interessiert ihn besonders an seiner Tätigkeit: Auch wenn einige Veranstaltungen sich dezidiert mit kirchlichen Themen beschäftigen, so geht es in der Akademiearbeit um prinzipielle Fragen, die sich unsere Gesellschaft stellen muss – jenseits einer stereotypen kirchlichen Zuordnung. Gleichwohl fühlt er sich, als Kind einer Pastorenfamilie in langer Tradition, im Kontext Kirche zu Hause.
Mit der Teilzeitstelle bleibt auch noch ein bisschen Freizeit übrig, und die verbringt Moritz Hellwig häufig in seiner Küche, dem, wie er zugibt, am besten eingerichteten Raum seiner Wohnung. Täglich gut zu kochen sei eine Passion, die für ihn auch meditativen Charakter habe, sagt er, und überhaupt nehme er sich gerne Zeit, Dinge bewusst zu genießen. Das gelte nicht nur fürs Essen, sondern auch für Bücher und Medien: „Lieber eine Sache richtig als überall und nirgends“.
Eines ist gewiss: Das Team der EAT freut sich sehr über den freundlichen und kompetenten Zuwachs und wünscht Moritz Hellwig viel Erfolg und Freude bei allen seinen Aufgaben an der Akademie.
Zwei Teilnehmende erproben im direkten Austausch miteinander Gesprächstechniken im Bubble-Crasher-Workshop. Foto: (c) Dominique Wollniok
Lehrer:innen und Akteur:innen aus kultureller und politischer Bildung im Hummelhaus Weimar. Foto: (c) Dominique Wollniok
Wie fühlt sich der Übergang von einer zur anderen Bubble an? Körperarbeit im Workshop "Bubble Contact" mit Marcel Sparmann. Foto: (c) Dominique Wollniok
Gesellschaftliche Gräben werden tiefer, Echokammern enger, der Dialog schwieriger. Doch gerade in Zeiten polarisierter Debatten braucht es Räume, in denen Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen – offen, respektvoll und neugierig. Genau hier setzte die Fortbildung „Kreative Wege aus der Bubble“ an, eine Kooperation zwischen dem Programm „Kulturagent:innen Thüringen“ und dem Projekt „Bubble Crasher“. Dafür versammelten sich Lehrer:innen, Kulturschaffende sowie politische und kulturelle Bildner:innen am vergangenen Dienstag im Hummelhaus in Weimar, alle auf der Suche nach neuen Impulsen, um demokratische Dialogfähigkeit – auch in Schulen – nachhaltig zu fördern.
Bubble Crasher: Mut zum Perspektivwechsel
Nach einem lockeren Start mit kurzen künstlerischen Einstiegs- und Kennenlernmethoden lag der Schwerpunkt im „Bubble Crasher-Workshop“ auf der Vermittlung von dialogorientierten Ansätzen. Die Teilnehmenden reflektierten ihre eigenen sozialen Blasen, hinterfragten eingefahrene Sichtweisen und erprobten Strategien, um gezielt in Austausch zu kommen bzw. zu bleiben – gerade dort, wo Positionen auseinandergehen. Die Mischung aus theoretischem Input, individueller und gemeinsamer Reflexion und künstlerisch-praktischen Übungen machte deutlich, wie niedrigschwellig und zugleich wirksam kulturelle und politische Bildung gesellschaftliche Verständigung gestalten und fördern können.
Performancekunst als Werkzeug des Hinterfragens
Im Anschluss öffnete der Workshop „Bubble Contact“ des Performancekünstlers Marcel Sparmann neue künstlerische Erfahrungsräume. Mithilfe performativer Methoden wagten die Teilnehmenden den Schritt weg von gewohnten Körper- und Bewegungsbildern und experimentierten mit persönlichen, körperlichen und räumlichen Grenzen bzw. Übergängen. Diese körperlich-performative Annäherung an Fragen der Demokratiearbeit war für viele Teilnehmende neu — ein Format, das Mut macht, Unbekanntes zuzulassen und den Schritt aus der Komfortzone zu wagen.
Das Werkstattformat der Veranstaltung ermöglichte es, verschiedene methodische Zugänge aus kultureller und politischer Bildung selbst auszuprobieren. Am Ende blickten Viele auf einen Fortbildungstag zurück, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern Haltungen gestärkt und kreative Denkbewegungen angestoßen hat. Die Veranstaltung machte deutlich, dass kulturelle Bildung weit mehr ist als ein ästhetisches Zusatzangebot: Sie ist ein demokratischer Erfahrungsraum, in dem Zuhören, Aushandeln und Perspektivwechsel praktisch gelebt werden können.
Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Marie Bielefeld (Institut Spawnpoint) im Gespräch. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Das Publikum warf Grundsatzfragen auf - und holte sich gleichwohl ein paar praktische Tipps von den Experten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
William in Kenia macht das möglich, was uns als Künstliche Intelligenz (KI) wie von Zauberhand und oft (finanziell) kostenlos zur Verfügung steht. Was uns Wissen, Texte, Bilder, ja, Ideen „generiert“ und unseren Alltag per direkter Ansprache und mit so manchem Befehl leichter macht. Und weil er uns die Welt leicht erscheinen lässt, aber selbst weit von seelischer Unbeschwertheit und gutem Leben entfernt ist, will William jetzt eine Gewerkschaft gründen.
William? Richtig, ein Mensch. Einer der Millionen menschlichen KI-Ausbilder, meist in den Ländern des Globalen Südens, wo die Not groß und der Lohn klein ist. Einer derjenigen, der sich durch all den Schmutz wühlt, den wir nicht in unsere Sinne dringen lassen wollen, wenn wir uns eine moralische, menschliche und rechtskonforme KI vorstellen.
William blickt für uns in die Hölle: Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Kinderpornografie
Seine Arbeit im Großraumbüro in Nairobi wird auch „Geisterarbeit“ genannt. Das erinnert ein wenig an den Zauberlehrling Goethes, der die gerufenen Geister nicht mehr loswird. Doch es ist schlimmer und schlichter: William schaut für uns unter widrigsten ausbeuterischen Bedingungen in die Hölle, damit wir mit der KI unbeschwert „Spaß haben“ können. Er ermöglicht die gigantischen Gewinne v.a. westlicher Konzerne wie Meta, Google, Apple und Microsoft, von denen er selbst nichts hat. „Wir kennen das aus unserer Geschichte. Es ist Kolonialismus, digitaler Kolonialismus“, fasst er zusammen.
Was Menschen wie William und Menschen wie wir mit der Digitalisierung von immer größeren Teilen unseres Lebens zu tun haben und welche zunächst unsichtbaren Kosten längst auflaufen, hat am 1. Dezember 2025 der Autor Ingo Dachwitz eindrücklich und empathisch in Erfurt dargelegt. Dachwitz (netzpolitik.org) hat gemeinsam mit dem Globalisierungsexperten Sven Hilbig (Brot für die Welt) ein Buch geschrieben: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen (Verlag C. H. Beck). Lesung und Diskussion fanden im Rahmen des letzten Augustinerdiskurses des Jahres statt, etwa 30 Interessierte fanden sich im Augustinerkloster ein.
Digitaler Kolonialismus: Das Spielfeld der globalen Tech-Konzerne und Staatsimperien
Im zuweilen lockeren, zuweilen sehr ernsten Zwiegespräch mit Marie Bielefeld (Spawnpoint – Institut für Spiel- & Medienkultur) stellte Ingo Dachwitz sein Buch vor und bot Einblicke in die ganze Breite des digitalen Kapitalismus. Dieser hat inzwischen eine ganz eigene Ausbeutungs- und Abhängigkeitsstruktur hervorgebracht, die die Buchautoren mit Fug und Recht eben den „Digitalen Kolonialismus“ genannt haben. Meist folgt dieser Kolonialismus sogar den „alten“ Richtungen, der Globale Norden dominiert den Globalen Süden, Reich dominiert Arm. Aber freilich gibt es neue Mächte, die ebenfalls schon koloniale Hierarchien etabliert haben: allen voran China.
Kann uns das alles kalt lassen, wir profitieren ja vom Kolonialismus? Natürlich nicht. Erstens sind wir selbst längst nicht nur als Konsumenten im Zielvisier der Tech-Konzerne. Denn zweitens: „Der Nutzer“ ist ganz selbstverständlich auch der Produzent digitaler Waren. Mit seiner Datenfreigabe und seinen Kommunikationsgewohnheiten auf den großen Social-Media-Plattformen und in den dominanten Betriebssystemen hat er den Konzernen in den Sattel geholfen und zementiert nun mit der weiteren Nutzung ihre Macht über ihn.
Raus aus der Empörungs- und Hassspirale der sozialen Netzwerke
Ingo Dachwitz nutzt kein Instagram mehr, eine Social-Media-Plattform des Meta-Konzerns von Mark Zuckerberg. Er weiß, was die durch Software-Algorithmen befeuerte „Empörungsspirale“ anrichtet. In fragilen Gesellschaften, die selbst gar nicht mehr so „gerecht“, „gesittet“ und „zivilisiert“ sind, wie sie sich es vielleicht einreden, zeigen sich schon heute verheerende Folgen für den Zusammenhalt und den sozialen Frieden. Am Ende droht doch die Hölle – vor der uns William bewahren soll – über die verschlungenen Pfade der Digitalisierung auf uns zurückzufallen.
Wie auch für Missstände unserer auf Wachstum für Wenige basierenden Wirtschaftsweise gilt: Der Endverbraucher kann etwas tun, um das eigene Handeln und die Gesellschaft, in der er lebt, lebensdienlicher (so das Konzept des protestantischen Wirtschaftsethikers Arthur Rich) zu gestalten. Man muss nicht auf jeder Plattform mittanzen und es gibt Plattformen, auf denen es sich freier und unbefangener tanzen lässt (Dachwitz ist auf dem dezentralen Mastodon-Netzwerk zu finden). Den verführerischen und vielfach integrierten KI-Angeboten aus dem Weg zu gehen ist da schon schwieriger.
Was demokratische Gemeinwesen tun können und sollten
Letztlich sind aber Gesellschafts- und auch Staatspolitik gefragt, der Misere angemessen mit Regelungen, wirksamen behördlichen Maßnahmen und zivilgesellschaftlichen wie öffentlich-rechtlichen Digitalisierungsalternativen zu begegnen. Ingo Dachwitz und Sven Hilbig empfehlen zudem dringend, sich der europäischen Handlungsebene und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden. Diese seien zwar Teil des Problems des Digitalen Kolonialismus, aber als globale Mittelmacht könne Europa auch ein Treiber der durch (digital-)strategische Souveränität und durch soziale wie demokratische Verantwortungsübernahme gekennzeichneten Lösung sein:
„Es ist unsere Verantwortung, dass wir in Europa von den Profiteur:innen des digitalen Kolonialismus zu denen werden, die zu seinem Ende beitragen.“
Podiumsdiskussion mit Dr. Axel Hartmann | Foto: (c) Kranich/EAT
Innensichten aus der deutschen Botschaft in Budapest von 1982 bis 1985, Storys aus dem Bundeskanzleramt von 1987 bis 1991: Es war eine zeitgeschichtliche Lehrstunde, die der Diplomat Dr. Axel Hartmann am 27. November in der Michaeliskirche Erfurt bot. Mehr als eine Stunde lang hingen die Besucherinnen und Besucher an seinen Lippen.
Denn er wusste Dinge zu erzählen, die man sonst kaum erfährt: Wie Leonid Breschnew bei seinem Besuch in Bonn 1981 schon geistig abwesend, „völlig gaga“ war. Wie die SED-Führung und der Unterhändler der DDR Wolfgang Vogel beim Freikauf politischer Gefangener durch die Bundesregierung tobten, wenn Familienmitglieder von SED-Größen Zuflucht in deutschen Botschaften in Prag oder Budapest suchten. Auf welche Weise er selbst ca. 1000 DDR-Bürgern, die in der Budapester Botschaft Asyl suchten, zur Ausreise in den Westen verhalf.
Als Leiter der Rechts- und Konsularabteilung sei er verpflichtet gewesen, allen Deutschen – auch denen aus der DDR – Hilfe und Beistand zu leisten, so Hartmann. Vor allem Ärzte, Ingenieure, Facharbeiter seien es gewesen, die unzufrieden mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der DDR in den Westen wollten. Von ihnen nach dem Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gefragt, habe er oft geantwortet: „Im Osten kommt der Staat zu ihnen. Im Westen müssen sie dem Staat hinterherlaufen, wenn sie etwas von ihm wollen.“
Zum Hauptthema des Abends „Gorbatschow und die Folgen“ wusste er zu berichten: Gorbatschow bot in seinen ersten Analysen das Bild eines Hardliners, der an seine Landsleute appellierte: „Mehr arbeiten, weniger saufen.“ Nach Tschernobyl und der westlichen Hilfe beim Erdbeben im Kaukasus 1988 habe jener ein anderes Bild vom Westen gewonnen, auch sei zwischen ihm und Helmut Kohl das Eis gebrochen.
Als Referent für bilaterale Beziehungen zu den Warschauer-Pakt-Staaten und den KSZE-Prozess im Osteuropareferat und Mitarbeiter des Ministerialdirektors Horst Teltschik sowie als stellvertretender Leiter des Ministerbüros beim Chef des Bundeskanzleramts, Bundesminister Rudolf Seiters, habe er selbst Gorbatschow nie die Hand geschüttelt. Aber er habe politisch analysiert und für Kohl die Redeteile, die sich auf Osteuropa bezogen, verfasst. Auch habe er für Gorbatschow eine Kopie des Molotow-Ribbentrop-Paktes besorgt, der in der Sowjetunion nicht mehr aufzufinden war, und bei dieser Gelegenheit für sich selbst auch gleich eine gemacht.
Solche Details – eingeordnet in den großen Gang der Geschichte – waren es, die den Abend spannend machten. Am Ende stellte Axel Hartmann vor Augen, wie klein das Zeitfenster gewesen ist, in dem die Öffnung unter Gorbatschow die deutsche Wiedervereinigung möglich machte. Schon 1990 hätten Putschgerüchte gegen Gorbatschow die Runde gemacht. „Dass wir hier in einer Kirche sind“, sei eine gute Gelegenheit, Gott dafür zu danken. Auch angesichts der derzeitigen Machthaber in Moskau.