Evangelische Akademie Thüringen

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„Des Kolonialismus neue Kleider“ - Digitaler Kapitalismus im Augustinerdiskurs

  • Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Marie Bielefeld (Institut Spawnpoint) im Gespräch. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Marie Bielefeld (Institut Spawnpoint) im Gespräch. Foto: (c) Fehlberg/EAT
  • Das Publikum warf Grundsatzfragen auf - und holte sich gleichwohl ein paar praktische Tipps von den Experten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
    Das Publikum warf Grundsatzfragen auf - und holte sich gleichwohl ein paar praktische Tipps von den Experten. Foto: (c) Fehlberg/EAT

William in Kenia macht das möglich, was uns als Künstliche Intelligenz (KI) wie von Zauberhand und oft (finanziell) kostenlos zur Verfügung steht. Was uns Wissen, Texte, Bilder, ja, Ideen „generiert“ und unseren Alltag per direkter Ansprache und mit so manchem Befehl leichter macht. Und weil er uns die Welt leicht erscheinen lässt, aber selbst weit von seelischer Unbeschwertheit und gutem Leben entfernt ist, will William jetzt eine Gewerkschaft gründen.

William? Richtig, ein Mensch. Einer der Millionen menschlichen KI-Ausbilder, meist in den Ländern des Globalen Südens, wo die Not groß und der Lohn klein ist. Einer derjenigen, der sich durch all den Schmutz wühlt, den wir nicht in unsere Sinne dringen lassen wollen, wenn wir uns eine moralische, menschliche und rechtskonforme KI vorstellen.

William blickt für uns in die Hölle: Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Kinderpornografie

Seine Arbeit im Großraumbüro in Nairobi wird auch „Geisterarbeit“ genannt. Das erinnert ein wenig an den Zauberlehrling Goethes, der die gerufenen Geister nicht mehr loswird. Doch es ist schlimmer und schlichter: William schaut für uns unter widrigsten ausbeuterischen Bedingungen in die Hölle, damit wir mit der KI unbeschwert „Spaß haben“ können. Er ermöglicht die gigantischen Gewinne v.a. westlicher Konzerne wie Meta, Google, Apple und Microsoft, von denen er selbst nichts hat. „Wir kennen das aus unserer Geschichte. Es ist Kolonialismus, digitaler Kolonialismus“, fasst er zusammen.

Was Menschen wie William und Menschen wie wir mit der Digitalisierung von immer größeren Teilen unseres Lebens zu tun haben und welche zunächst unsichtbaren Kosten längst auflaufen, hat am 1. Dezember 2025 der Autor Ingo Dachwitz eindrücklich und empathisch in Erfurt dargelegt. Dachwitz (netzpolitik.org) hat gemeinsam mit dem Globalisierungsexperten Sven Hilbig (Brot für die Welt) ein Buch geschrieben: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen (Verlag C. H. Beck). Lesung und Diskussion fanden im Rahmen des letzten Augustinerdiskurses des Jahres statt, etwa 30 Interessierte fanden sich im Augustinerkloster ein.

Digitaler Kolonialismus: Das Spielfeld der globalen Tech-Konzerne und Staatsimperien

Im zuweilen lockeren, zuweilen sehr ernsten Zwiegespräch mit Marie Bielefeld (Spawnpoint – Institut für Spiel- & Medienkultur) stellte Ingo Dachwitz sein Buch vor und bot Einblicke in die ganze Breite des digitalen Kapitalismus. Dieser hat inzwischen eine ganz eigene Ausbeutungs- und Abhängigkeitsstruktur hervorgebracht, die die Buchautoren mit Fug und Recht eben den „Digitalen Kolonialismus“ genannt haben. Meist folgt dieser Kolonialismus sogar den „alten“ Richtungen, der Globale Norden dominiert den Globalen Süden, Reich dominiert Arm. Aber freilich gibt es neue Mächte, die ebenfalls schon koloniale Hierarchien etabliert haben: allen voran China.

Kann uns das alles kalt lassen, wir profitieren ja vom Kolonialismus? Natürlich nicht. Erstens sind wir selbst längst nicht nur als Konsumenten im Zielvisier der Tech-Konzerne. Denn zweitens: „Der Nutzer“ ist ganz selbstverständlich auch der Produzent digitaler Waren. Mit seiner Datenfreigabe und seinen Kommunikationsgewohnheiten auf den großen Social-Media-Plattformen und in den dominanten Betriebssystemen hat er den Konzernen in den Sattel geholfen und zementiert nun mit der weiteren Nutzung ihre Macht über ihn.

Raus aus der Empörungs- und Hassspirale der sozialen Netzwerke

Ingo Dachwitz nutzt kein Instagram mehr, eine Social-Media-Plattform des Meta-Konzerns von Mark Zuckerberg. Er weiß, was die durch Software-Algorithmen befeuerte „Empörungsspirale“ anrichtet. In fragilen Gesellschaften, die selbst gar nicht mehr so „gerecht“, „gesittet“ und „zivilisiert“ sind, wie sie sich es vielleicht einreden, zeigen sich schon heute verheerende Folgen für den Zusammenhalt und den sozialen Frieden. Am Ende droht doch die Hölle – vor der uns William bewahren soll – über die verschlungenen Pfade der Digitalisierung auf uns zurückzufallen.

Wie auch für Missstände unserer auf Wachstum für Wenige basierenden Wirtschaftsweise gilt: Der Endverbraucher kann etwas tun, um das eigene Handeln und die Gesellschaft, in der er lebt, lebensdienlicher (so das Konzept des protestantischen Wirtschaftsethikers Arthur Rich) zu gestalten. Man muss nicht auf jeder Plattform mittanzen und es gibt Plattformen, auf denen es sich freier und unbefangener tanzen lässt (Dachwitz ist auf dem dezentralen Mastodon-Netzwerk zu finden). Den verführerischen und vielfach integrierten KI-Angeboten aus dem Weg zu gehen ist da schon schwieriger.

Was demokratische Gemeinwesen tun können und sollten

Letztlich sind aber Gesellschafts- und auch Staatspolitik gefragt, der Misere angemessen mit Regelungen, wirksamen behördlichen Maßnahmen und zivilgesellschaftlichen wie öffentlich-rechtlichen Digitalisierungsalternativen zu begegnen. Ingo Dachwitz und Sven Hilbig empfehlen zudem dringend, sich der europäischen Handlungsebene und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden. Diese seien zwar Teil des Problems des Digitalen Kolonialismus, aber als globale Mittelmacht könne Europa auch ein Treiber der durch (digital-)strategische Souveränität und durch soziale wie demokratische Verantwortungsübernahme gekennzeichneten Lösung sein:

„Es ist unsere Verantwortung, dass wir in Europa von den Profiteur:innen des digitalen Kolonialismus zu denen werden, die zu seinem Ende beitragen.“