Evangelische Akademie Thüringen

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Exkursion in den Norden: "Zwischen Himmel und Watt"

  • Nahkontakt mit dem Watt(wurm). Foto: (c) Zubarik/EAT
    Nahkontakt mit dem Watt(wurm). Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Auf der Wanderung zum Unternehmen GP Joule näherte man sich dem Thema Windkraft auch physisch an. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Auf der Wanderung zum Unternehmen GP Joule näherte man sich dem Thema Windkraft auch physisch an. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • "Die Natur ist Zeuge all unserer Taten" - Fotografieausstellung im Zentrum für nordische Kunst Mikkelbeg. Foto: (c) Zubarik/EAT
    "Die Natur ist Zeuge all unserer Taten" - Fotografieausstellung im Zentrum für nordische Kunst Mikkelbeg. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Ländlicher Raum par excellence: die Hallig Hooge im nordfriesischen Wattenmeer. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Ländlicher Raum par excellence: die Hallig Hooge im nordfriesischen Wattenmeer. Foto: (c) Zubarik/EAT
  • Abendliche Nachgespräche im Kaminzimmer des Christian Jensen-Kollegs zur Auswertung des Tages, mit Dr. Anna Luise Klafs (li), Studienleiterin für Kunst und Kirche. Foto: (c) Zubarik/EAT
    Abendliche Nachgespräche im Kaminzimmer des Christian Jensen-Kollegs zur Auswertung des Tages, mit Dr. Anna Luise Klafs (li), Studienleiterin für Kunst und Kirche. Foto: (c) Zubarik/EAT

Das Wattenmeer liegt nicht gerade um die Ecke, wenn man von Thüringen kommt. Und dennoch fand vom 18.-21. September genau dort eine viertägige Veranstaltung statt, mitorganisiert von der Evangelischen Akademie Thüringen. Zur Wander- und Begegnungswerkstatt „Zwischen Himmel und Watt – Kunst Klima Wandel“, Teil des Modellprojekts Landwandel – Bewegung und Begegnung in ländlichen Räumen, luden die drei Studienleiterinnen Maike Lauther-Pohl (Ev. Akademie der Nordkirche), Dr. Kerstin Schimmel (Ev. Akademie Sachsen) sowie Dr. Sabine Zubarik (Ev. Akademie Thüringen) Teilnehmende aus ganz Deutschland ein, um die Region zu erkunden und sich mit Menschen vor Ort zu den Themen Kimawandel, Kunst und Nachhaltigkeit auszutauschen.

Basisstation war das Christian Jensen Kolleg in Breklum – ein geeigneter Ort, um bei bester Versorgung Ruhe und Inspiration für Gedankenaustausch und inhaltliche Arbeit zu finden. So ging es am ersten Tag nach dem Kennenlernen auch erst einmal um die Besonderheiten der Region: Was macht Nordfriesland aus, wie beeinflusst die Landschaft des Wattenmeers das Leben vor Ort, und wie kommt das evangelische Grundverständnis mit ins Spiel? Dazu führte Maike Lauther-Pool in das Thema ein. Am Abend lieferte Dr. Anna Luise Klafs, als Studienleiterin der Nordkirche zuständig für die Themen Kunst und Kirche, in ihrem Vortrag die Perspektive aus und auf die Kunst; unter anderem ging es um die Frage, ob insbesondere in Bezug auf Naturerfahrung und Klimawandel Künstler:innen einen pädagogischen Auftrag haben (müssen).

Die erste Exkursion führte über weites Marschland zum Unternehmens GP Joule, die erfolgreich für ihre Vision „100% erneuerbare Energien für alle“ einstehen. Jennifer Buchner führte die Gruppe über das Gelände und erklärte anschaulich das positive Zusammenspiel von landwirtschaftlichem Betrieb und Energiegewinnung.

Nach diesem Fokus auf Nachhaltigkeit war der Nachmittag dem Thema Kunst gewidmet: Im Zentrum für nordische Kunst, Mikkelberg, konnte unter anderem die Ausstellung „Mythische Orte – Kirsten Klein und Steen Folmer Jensen, Fotografie und Skulptur“ besucht werden. Aber auch ein eigenes kleines Kunstobjekt fertigten die Teilnehmenden in einem Workshop unter Anleitung von Dr. Sabine Zubarik an; Impuls dafür war das Konzept des „glatten“ und des „gekerbten Raums“ (Gilles Deleuze / Felix Guattari) im Hinblick auf das Meer und dessen menschliche Kerbungen. Dementsprechend wurde weißes, glattes Papier gefaltet, geknüllt, durchlöchert, aufgebrochen und bestückt mit anderen Materialien.

Zurück in Breklum refererierte Claus von Hoerschelmann vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein in Vorbereitung auf den Abend über das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer; insbesondere ging es um die Veränderung der Küstenlandschaft und der darin lebenden Arten im Zuge des Klimawandels, aber auch um Anpassungsmaßnahmen in den kommenden Jahren, wie etwa Deicherhöhungen.

Man kann sich der Nordseeküste intellektuell annähern wie man will, die körperliche Erfahrung des Watts mit Füßen und Händen ist auf jeden Fall intensiv. Pünktlich zu einem spektakulären Sonnenuntergang – die Ebbe bestimmte den Zeitpunkt in der Planung – fanden sich die Teilnehmenden barfuß oder mit „Wattsocken“ im Schlamm ein und ließen sich von Wattführer Reiner Rehm diverse Kleintiere zeigen. In der späteren Auswertung wurde dieser Programmpunkt oftmals als Highlight genannt – wie auch der Hallig-Besuch am nächsten Tag.

100 Menschen leben auf der Hallig Hooge, und zwar auf den sogenannten Warften, den Erhöhungen, auf denen die Gebäude stehen und die bei den häufigen „Land unter“ (und den selteneren Sturmfluten) trocken bleiben sollen – denn Halligen haben keine festen Deiche. Eine Schule gibt es dort, und eine Kirchenwarft – wichtiger Ort nicht nur fürs Religiöse, sondern auch soziale und kulturelle Zusammenleben. Dort wird so einiges in ehrenamtlicher Arbeit gestemmt; „anders geht es gar nicht“, sagt Frau Tiemann vom Kirchenkreis, „jeder hat hier mehrere Posten“. In den Gemeinderäumen und ebenso in der Johanniskirche selbst ist viel Kunst ausgestellt, auch Historisches zur sturmflutreichen Halliggeschichte. Im Kontakt mit den Gemeindemitgliedern staunen die Tagungsteilnehmenden über den herzlichen und engagierten Empfang.

Nach einem kleinen Spaziergang zur Hanswarft, die auch Hauptwarft ist, sprach Bürgermeister und Stationsleiter der Schutzstation Wattenmeer Michael Klisch im Nationalpark-Seminarhaus über das Leben auf der Hallig und deren Zukunft im Zeichen der sich verändernden Klimabedingungen.

Für einige Idyll, für andere als Wohnort unvorstellbar, lässt sich doch festhalten, dass auf einer Hallig der ländliche Raum par excellence gegeben ist; urbane Strukturen sind weit weg, doch globale Bezüge gibt es natürlich auch hier, nicht zuletzt wegen des Fährtourismus, der täglich zahlreiche Besucher:innen morgens an- und abends wieder wegspült.

Für eine umfassende thematische Diskussion und Auswertung blieb der Sonntagvormittag. Eine Tradition der Wander- und Begegnungswerkstätten ist das „Fundstück des Tages“, zu der Dr. Kerstin Schimmel einlud und bei der die Teilnehmenden aus jedem Veranstaltungstag eine für sie besondere Sache in die Runde mitbringen, sei es kleine, auf dem Weg gefundene Objekte, sei es ein Geräusch oder ein Bild. Neben den vielen informativen Inputs gesellen sich so auch die persönlichen Berührungspunkte zum Gesamtbild. In Kleingruppen wurden danach die Verflechtungen des inhaltlichen Dreiecks der Veranstaltung – Kunst, Klima und Wandel in Bezug auf das Wattenmeer – herausgearbeitet und Erkenntnisse formuliert.

Diese Veranstaltung wurde gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.