Gerechter Frieden im Schatten des Krieges

Vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion in die ganze Ukraine stand die neue Friedensdenkschrift der EKD im Zentrum des 11. digitalen Studientags der Evangelischen Akademien zur Friedensethik. Doch im Verlauf der Veranstaltung rückte weniger das Papier selbst als vielmehr die Frage in den Vordergrund, wie sich friedensethische Konzepte unter den Bedingungen realer und anhaltender Gewalt bewähren können. Die Denkschrift setzt sich mit „rechtserhaltender Gewalt“ und dem Leitbild eines „gerechten Friedens“ auseinander. Diese Grundlinien bildeten den Ausgangspunkt der Diskussion. Entscheidend wurde jedoch, wie sie von jenen gelesen werden, die Krieg nicht theoretisch, sondern existenziell erfahren.
Der ukrainische Theologe Dr. Sergii Bortnyk nahm eine erste Einordnung vor. Er plädierte dafür, zwischen theologischer Sprache und staatlicher Rechtfertigungsrhetorik strikt zu unterscheiden. Kirche dürfe nicht zur religiösen Verstärkung politischer Propaganda werden, weder in Russland noch anderswo. Zugleich würdigte er die Denkschrift als realistisch. Ihre Betonung der allgemeinen menschlichen Sündhaftigkeit bewahre davor, sich selbst moralisch zu erhöhen. Gerade in Kriegszeiten sei diese Selbstbegrenzung notwendig. Die Einsicht, dass auch die eigene Seite nicht jenseits von Schuld steht, schaffe Raum für Nüchternheit, ohne die Realität der Aggression zu relativieren.
Noch eindringlicher wurde die Perspektive von Erzpriester George Kovalenko aus Kiew. Seine Wortmeldungen verbanden theologische Reflexion mit konkreter Erfahrung aus einem Land im Krieg. Er unterschied klar zwischen Waffenstillstand und gerechtem Frieden. Ein Waffenstillstand könne Gewalt unterbrechen, sei aber noch kein Frieden. Denn Versöhnung setze auch die Wahrheit voraus: die eindeutige Benennung von Aggressor und Opfer. Ohne ein Ende der Aggression könne es keine tragfähige Versöhnung geben.
Kovalenko betonte zugleich, dass Vergebung nicht abstrakt verordnet werden sollte. Sie betreffe reale Menschen, reale Opfer, reale Traumata. Niemand dürfe im Namen der Opfer über deren Köpfe hinweg vergeben. Damit verschob sich die Debatte von einer prinzipiellen Friedensethik hin zu einer Frage der konkreten Verantwortung. Hier wurde deutlich, dass Frieden kein politischer Kompromissbegriff ist, sondern ein anspruchsvoller Prozess, der Gerechtigkeit einschließt.
Der polnische Publizist Adam Krzeminski erweiterte die Diskussion um eine historische und europäische Perspektive. Er erinnerte daran, dass kirchliche Stellungnahmen, wie etwa die Ostdenkschrift der EKD von 1965, politische Entwicklungen mit vorbereitet haben. Mit Blick auf die Ukraine warnte er davor, notwendige Abwägungen zur Ausrede für Untätigkeit werden zu lassen. Auch Unterlassung könne moralische Folgen haben. Die Sorge vor Eskalation dürfe nicht dazu führen, Aggression faktisch zu stabilisieren.
Krzeminski wies darauf hin, dass für die angegriffene Seite der Konflikt nicht abstrakt ist. Wer unter Beschuss lebt bewertet Begriffe wie „Zugeständnis“ oder „Kompromiss“ anders als Gesellschaften, die nicht unmittelbar betroffen sind. In dieser Differenz wurde die Spannung des gesamten Studientags sichtbar: Zwischen dem Wunsch nach Deeskalation und der Einsicht, dass jeder Frieden ohne Gerechtigkeit fragil bleibt.
Die Diskussion zeigte, wie sehr der russische Krieg gegen die Ukraine liebgewonnene pazifistische Gewissheiten herausfordert. Gewaltfreie Konfliktlösung bleibt Ziel und Horizont christlicher Ethik. Doch angesichts eines Angriffskrieges stellt sich die Frage nach einer Schutzverantwortung neu. Die ukrainischen Beiträge machten deutlich, dass rechtserhaltende Gewalt keinesfalls als ein Triumph, sondern als tragische Notwendigkeit verstanden wird, eingebettet in die Hoffnung auf einen Frieden, der tatsächlich mehr ist als ein Schweigen der Waffen.
So blieb am Ende kein fertiges Modell für „gerechten Frieden“, wohl aber eine geschärfte Wahrnehmung für die moralische Komplexität der Lage. Der Studientag machte deutlich, dass friedensethische Urteilsbildung heute nur im Dialog mit denjenigen verantwortbar ist, die die Realität des Krieges alltäglich tragen müssen. Gerechter Frieden entsteht nicht im Abstrakten. Er braucht die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, Recht zu schützen und die Wahrheit über Gewalt auszuhalten.