Quer durch die Weltliteratur und zurück nach Deutschland

Winterlesefreuden: Buchvorstellungen bei Kerzenschein im Kaminzimmer des Zinzendorfhauses. Foto: (c) Schläger/EAT 
Neben Neuerscheinungen konnte auch ein Gesangbuch aus dem 16. Jh. in Händen gehalten werden. Foto: (c) Schläger/EAT 
Jede und jeder in der Runde konnte ein Buch vorstellen, das in den letzten Wochen Eindrücke hinterlassen hat. Foto: (c) Schläger/EAT
Manchmal stößt man durch Zufall auf ein Buch, liest es und ist begeistert – und manchmal wiederum erweist sich ein mit großen Erwartungen erworbener Roman schon nach wenigen Seiten als Enttäuschung. So begann die literarische Runde am Dienstag Abend im Kaminzimmer des Zinzendorfhauses auch damit, dass die acht Teilnehmenden von den Stapeln angefangener und nie zu Ende gelesener Bücher sprachen, aber auch von denjenigen Titeln, die man erst gar nicht lesen wollte und dann nicht mehr weglegen konnte.
Von diesen letzteren zu berichten ist Ziel der Veranstaltung, die mal im Sommer draußen als „Literarischer Garten“, mal im Winter im Kerzenschein und am Kamin stattfindet und lesefreudige Menschen dazu einlädt, ihre Funde zu teilen. Auch diesmal waren wieder viele gute Tipps für kommende Lektüren dabei.
Zwei Fäden zogen sich dabei durch die Präsentationen: Zum einen kamen Länder und Autor:innen aus anderen Kulturen zur Sprache, die nicht vorrangig auf den Bestsellerlisten stehen und von denen wir oft sehr wenig wissen; zum anderen ging es gleich mehrfach um das Sagen und Verschweigen in schwierigen politischen Zeiten, wie etwa der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit.
Für diejenigen, die Leselust bekommen haben, folgt hier eine kurze Nachlese des Abends mit den diskutierten Titeln:
- Kim Ho-yeon, Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen (2024). Zeitgenössischer Roman über einen kleinen Gemischtwarenladen in Seoul, in dem sich besondere Begegnungen, Alltagsgemeinschaften und Lebensentscheidungen abspielen und mitunter auch vom Clash der Generationen erzählt wird.
- Lea Ypi, Aufrecht: Überleben im Zeitalter der Extreme (2025). Familiensaga, die das Schicksal einer albanischen Großmutter rekonstruiert und dabei die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, die Entstehung der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich Albaniens politische Geschichte, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft, streift.
- Christoph Wortberg, Gussie (2024). Roman über Konrad Adenauers zweite Ehefrau, Auguste „Gussie“ Adenauer, über erzwungenen Verrat in der Nazizeit, der unmenschlichen Wahl zwischen dem Schutz der Kinder und der Sicherheit des Mannes und den Folgen des nicht Verarbeitbaren.
- Paul Maar, Wie alles kam: Roman meiner Kindheit (2020). Eine Autobiografie des bekannten Kinderbuchautors, in dem die harte Kindheit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, die Loslösung vom allzu strengen und kriegstraumatisierten Vater und die Findung der eigenen Identität in klarer, unverstellter Sprache beschrieben wird.
- Henrik Szántó, Treppe aus Papier (2025). Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines alten Hauses erzählt, verweben sich Geschichten von jungen und alten Bewohner:innen aus der Nazizeit bis in die Gegenwart – Menschen, die sich nicht begegneten und doch in den Räumen des Hauses präsent sind.
- Andrej Kurkow, Graue Bienen (2018). Kriegsroman, der in der Ostukraine nach dem Angriff 2014 in der sogenannten grauen Zone spielt, in der zwei alte Männer in einem verlassenen Dorf ausharren; einer davon ist ein Imker, der all seine Kräfte auf das Wohlergehen seiner Bienen richtet.
- Tara Louise Wittwer, Nemesis’ Töchter: 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt (2025). Ein feministisches Plädoyer für die Anerkennung weiblicher Wut, von den Sagen der Antike, bis zur Realität des 21. Jahrhunderts – gut lesbar und mit interessanten Fakten.
- Lillian Crott Berthung & Randi Crott, Erzähl es niemandem! (2012). Die Bestseller-Familiengeschichte geht dem Lebensweg eines ungewöhnlichen Paares nach; sie reicht von der Verfolgung der Juden in Deutschland über die deutsche Besatzung in Norwegen bis hin zu den Problemen der Vergangenheitsbewältigung nach dem Krieg.
Vielleicht sind Sie ja das nächste Mal mit Ihrem eigenen Buchfund mit dabei?
„Literatur am Kamin“ am 17. Februar 2026 war eine gemeinsame Veranstaltung des Zinzendorfhauses Neudietendorf und der Evangelischen Akademie Thüringen.