„Sag mal, ist Energie nicht Daseinsvorsorge?!“

Die Tagungsstadt hat augenscheinlich Bezug zum Tagungsthema: Europäische Zentralbank links, Freiwillige Frankfurter Feuerwehr rechts. Was ist für Sie (öffentliche) Daseinsvorsorge? Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Arbeitsatmosphäre: Katja Rietzler von der Hans-Böckler-Stiftung gleicht die Klima- und Infrastrukturziele mit der tatsächlichen Verwendung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität ab (per Zuschaltung) . Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Die Tagung fand in den Räumen der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main statt und war damit Teil des Lehrbetriebs. Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Die Diskussion am Abend (v.l.n.r): Leo Laurin Wagener (FiscalFuture), Kristin Langen (Journalistin; Moderation), Patrick Kaczmarczyk (Universität Mannheim, u.a. Surplus-Magazin) und Friederike Reimer (Global Climate Forum). Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Auch das Geld kann durchaus als öffentliches Gut angesehen werden, gibt es doch eine "Geldpolitik". Das Gebäude der Europäischen Zentralbank im romantisierenden Abendlicht. Foto: (c) Fehlberg/EAT
In der Gesellschaft unterscheidet man Privates und Politisches. In der Wirtschaft kann man privatwirtschaftlich bereitgestellte Waren und Gemeinschaftsgüter unterscheiden. So betrachten wohl die meisten die Infrastruktur der Deutschen Bahn AG immer noch als grundlegendes Gemeinschaftsgut. Das Brot aus der Bäckerei ist zwar lebenswichtig, aber es braucht nicht in erster Linie die Öffentlichkeit, die für seine Herstellung sorgt – hier ist der Marktmechanismus am Platz. Wie das Beispiel Deutsche Bahn zeigt: Meist begegnen uns in der Wirklichkeit Mischformen wirtschaftlicher Organisation.
Je nach sozialhistorisch geltenden Wertmaßstäben des absolut und relativ Lebensnotwendigen können sich die Auffassungen sehr wohl ändern, welche Güter gemeinschaftlich oder staatlich organisiert und welche Waren marktwirtschaftlich den Weg zum Konsumenten finden sollen. Der dazugehörige Aushandlungsprozess wird vor allem von den jeweiligen wirtschaftlichen Interessengruppen, der veränderlichen Rechtsordnung und der Wissenschaft buchstäblich bestritten.
Gesundheitswesen: Bevorzugen Sie den hippokratischen Eid oder Gewinnorientierung?
Aber auch Sie mischen mit: Wollen Sie als Patientin lieber den hippokratischen Eid der ärztlichen Ethik als Behandlungsgrundlage oder als Kunde das Profitmotiv der behandelnden ärztlichen Praxen und Krankenhäuser? Beide handlungsethischen Maximen werden sich immer beißen. Sie entscheiden idealerweise an der Wahlurne mit, nach welchen Prinzipien unser aller gesellschaftliche Daseinsvorsorge betrieben wird – und was wir darunter genau verstehen wollen.
Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz „Transformation des Selbstverständlichen“, die am 26. und 27. März in Frankfurt am Main stattfand. Die EAT gehörte neben der Evangelischen Akademie Frankfurt und der Katholischen Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt zu den zahlreichen und gesellschaftlich breit aufgestellten Kooperationspartnern dieser ökumenischen und interdisziplinären Tagung. Der Themenfokus in diesem Jahr: „Alltagsökonomie und Daseinsvorsorge in der sozial-ökologischen Transformation“.
Ökonomie auf ökumenisch – Was haben die Kirchen beizutragen?
Mit der Veranstaltungsreihe „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ adressieren die Hauptveranstalter – das Nell-Breuning-Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (NBI) in Frankfurt und die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg – seit 14 Jahren Themen zwischen Sozial- und Wirtschaftsethik und ökonomisch-ökologischer Praxis.
Doch was ist „Alltagsökonomie“? Ein Beispiel: Im öffentlichen Diskurs wird „die Arbeit“ meist implizit als Ware auf dem Markt begriffen, inklusive eines Preises: des Lohns. Gleichzeitig wird „die Arbeit“ auch gerne ethisch überhöht oder instrumentalisiert, wenn es mal wieder um angeblich verbreitete Faulheit und unbedingt nötige Mehrarbeit geht. Der schwammige Ausdruck „die Arbeit“ macht einerseits deutlich, dass Marktwaren keine „rein ökonomische“ Herkunft und Bestimmung haben, und andererseits, dass Arbeit eine soziale Größe ist, die nicht losgelöst vom realen, nicht-marktförmigen Alltagsleben der Menschen betrachtet werden kann.
Alltagstauglich? Ökonomie ist nicht das Gleiche wie Kapitalismus
An dieser Schnittstelle berührt sich die Alltagsökonomie mit dem Rechts- und Wissenschaftskonzept der sozialstaatlichen Daseinsvorsorge. Als wissenschaftliche Konzeptionen hinterfragen sie, welche Ziele und Güter des ökonomischen Handels als gesellschaftlich unverzichtbar gewertet und womöglich mit anderen Mitteln als denen des profitorientierten und oft betriebsblind wirkenden Marktmechanismus bereitgestellt werden können und sollten. Kurz und zugespitzt: Ökonomie ist eben nicht identisch mit Kapitalismus.
In Zeiten, in denen Energiekrisen der fossilen Energieträger in kurzer Folge über Deutschland hereinbrechen, ist es überfällig, dass Wissenschaften und Kirchen die Lautstärke der Debatten um die „Alltagsökonomie“ und die öffentliche Daseinsvorsorge wieder erhöhen. Die strategische Ausrichtung der Energiepolitik auf fossile Energieträger wie Öl und Gas entfaltet absehbar eine verheerende Wirkung auf unseren Alltag. Der entschlossene Ausbau Erneuerbarer Energien liegt sehr viel näher am öffentlichen Interesse an einer intakten Lebenswelt sowie an Bezahlbarkeit, Sicherheit und Frieden. Fossile Freiheit – das ist nicht nur sprachlich ein Widerspruch in sich. Es ist ein uneinlösbares Versprechen, eine nur scheinbar bequeme Selbsttäuschung.
Energiepolitik: Ist das ein reines Geschäftsmodell oder noch Daseinsvorsorge?
Viele Konferenzteilnehmer konnten sich denn auch der moralischen Beurteilung aktueller Fragen nicht entziehen: Für etliche drängte sich der Verdacht auf, dass mit der Energiepolitik in Deutschland nur ein spezifisches privates Geschäftsmodell gesichert, nicht aber die Aufgabe der Daseinsvorsorge im Sinne der Bevölkerung gelöst werden soll. „Die Wirtschaft“ – das dürfe nicht länger die exklusive Bezeichnung allein für Akteure mit Profitmotiv und starker Lobbymacht sein.
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Das Programm und die Beitragenden der Konferenz können Sie im Downloadbereich dieses Artikels abrufen. In Kürze stellen wir die freigegebenen Präsentationen zur Verfügung.