Evangelische Akademie Thüringen

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Von miesen Genossinnen, Pawlatschen und Prager Straßen im Hochsommer

Durch den Abend führten Aneta Bučková (re.) und Sabine Zubarik (li.). Foto: (c) Rohloff/EAT
Durch den Abend führten Aneta Bučková (re.) und Sabine Zubarik (li.). Foto: (c) Rohloff/EAT

Der Abend begann mit einer musikalischen Einstimmung der für die 50er und 60er Jahre prominenten „goldenen Stimme aus Prag“: Karel Gott besang mit dem Lied „U nás jaro nekončí“ den nicht endenden Frühling – politisches Wunschdenken ist bei diesem Titel nicht ausgeschlossen.

Gleichwohl ging es bei dieser Ausgabe des literarischen Salons eher um den Prager Sommer, sehr anschaulich beschrieben in Zdena Salivarovás Roman Ein Sommer in Prag, der 1972 in tschechischer Sprache unter dem Titel Honzlová – der Nachname der erzählenden Protagonistin – erschien und erst letztes Jahr ins Deutsche übersetzt wurde.

16 lesefreudige Menschen waren in der Buchhandlung Contineo in Erfurt zusammengekommen, viele auch aus einem besonderen Interesse an Prag und der tschechischen Literatur, um über die im Buch beschriebenen Geschehnisse sowie die zeitgeschichtlichen Hintergründe der 50er Jahre zu diskutieren.

In der wohnzimmerherzlichen Atmosphäre waren offene und tiefgehende Gespräche auch über den Roman hinaus möglich, zum Beispiel über Parallelen mit der Gegenwart, wenn es um bürokratische Schikanen oder nicht nachvollziehbaren Machtmissbrauch geht. So wussten einige aus dem Publikum von Situationen zu berichten, die denjenigen Szenen der Erzählung sehr ähnelten, in denen die junge Protagonistin von übelwollenden Genossinnen und Genossen schikaniert wurde.

Im Dialog zwischen verschiedenen Generationen – anwesend waren sowohl Zeitzeuginnen aus der erzählten Zeit als auch Studierende aus der Enkelgeneration – waren für alle die von Salivarová einfühlsam, mitunter auch zynisch beschriebenen Wechselwirkungen von Macht und Machtlosigkeit und das Gefühl von Ausgrenzung und Einsamkeit in der Großstadt nachvollziehbar.

Gesprochen wurde auch über Fragen der Übersetzung, soziokulturelle Details und landesspezifische Besonderheiten. So konnte man erfahren und auf Bildern sehen, was Pawlatschen sind, die in der Geschichte eine recht tragende (und dann leider eben nicht mehr tragende) Rolle einnehmen. Für Prag waren nämlich in dieser Zeit Pawlatschenhäuser – meist Hinterhäuser mit Laubengängen, die balkonartig zum Innenhof ausgerichtet als Zugänge zu den kleinen Wohnungen dienten – für ärmere Bevölkerungsschichten sehr typisch.


Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Universität Erfurt und der Buchhandlung Contineo statt. Durch den Abend führten Aneta Bučková, Lektorin für tschechische Sprache und Literatur, und Studienleiterin der Evangelischen Akademie Dr. Sabine Zubarik.