1 Acker, 2 Systeme, 3 Generationen. Diskussion in Kloster Veßra

Direktor Ingo Weidig begrüßt die Gäste in der Torkirche des Hennebergischen Museums Kloster Veßra. Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Das Podium des Abends: Aline Gros, Moderator Jens Roder (MDR), Jens Schöne und Albert Seifert (v.l.n.r.). Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Zeugnis des Wandels der Landwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg: Ein Neubauernhaus von 1948 auf dem Gelände des Hennebergischen Museums. Foto: (c) Fehlberg/EAT 
Das Hennebergische Museum war 1975 als „Agrarhistorisches Museum des Bezirks Suhl“ gegründet worden. Foto: (c) Fehlberg/EAT
„Geschichte ist nicht schwarz-weiß“ – so Ingo Weidig, Direktor es Hennebergischen Museums Kloster Veßra und zum ersten Mal Gastgeber der Reihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? Seine Worte sollten sich angesichts der Verwerfungen in der ostdeutschen Agrargeschichte als salomonisch erweisen, denn das Thema führt regelmäßig zu heißen Debatten mit sehr unterschiedlichen Ansichten und persönlichen Konflikten. Die am 29.10.2024 mit mehr als 50 Personen gefüllte Torkiche erlebte einen Abend nicht ohne Spannungen. Man bekam einen emotionalen Eindruck davon, wie unterschiedlich biographisches Zeitzeugenerleben und der Versuch, allgemeingültige historische Hypothesen und Urteile aufzustellen, sein können – ohne dass diese beiden Geschichtsperspektiven für sich genommen „falsch“ sein müssen.
„Die DDR-Landwirtschaft hat nicht überlebt, aber ihre Strukturen“
Wir müssten, gerade was die Geschichte der DDR-Landwirtschaft und des Landlebens anginge, „viel mehr die Grautöne zu Geltung kommen lassen.“ Mit diesem wissenschaftlichen Ansatz eröffnete der in der DDR gelernte Facharbeiter für Tierproduktion, Ackerbesitzer und Historiker Jens Schöne in Anlehnung an Ingo Weidigs Worte den Abend. Schöne wies darauf hin, dass eine umfassende Geschichte der Landwirtschaft in Ostdeutschland erst noch geschrieben werden müsse und dass diese auch ganz sicher nicht an den 75 % Arbeitsplatzverlusten nach 1989 oder am Konfliktfeld bäuerliche Landwirtschaft respektive Großstrukturen herumkomme. „Die DDR-Landwirtschaft hat nicht überlebt, aber ihre Strukturen“, versuchte Schöne die Gemengelage auf den Punkt zu bringen.
Hofenteignung als Tabuthema in der Familie
Vor diesem Hintergrund sprach auf dem Podium neben Albert Seifert, dem ehemaligen LPG-Leiter und bis 2019 langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Agrargenossenschaft „Milzgrund“ e.G., Aline Gros. Als Vertreterin der „3. Generation“ schilderte sie, sie sei als junges Mädchen bis 1989 privilegiertes „Arbeiter- und Bauernkind“ gewesen, eine „kleine Kommunistin“, wie Gros, in den 1970er-Jahren geboren, sich ausdrückte. Sie habe erst viel später erfahren, dass ihre Familie im Zuge des Aufbaus des Arbeiter- und Bauernstaates selbst enteignet worden war. Ihre Eltern hatten ihr diesen Umstand schlichtweg verschwiegen, um ihre Zukunft nicht zu gefährden. Heute wisse sie als Mitarbeiterin der Gedenkstätte Point Alpha in Geisa, wie die Zwangsmaßnahmen zur Umsiedlung von Höfen in Grenznähe und zur Kollektivierung abgelaufen seien. Andererseits habe sich ihr stark eingeprägt, wie Michael-Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach nach der „Wende“ nach Thüringen „zurückgekehrt“ sei und in den bisher frei begehbaren Wäldern auf einmal Schlagbäume die neuen Eigentumsverhältnisse markierten.
Unter reger Beteiligung weiterer Zeitzeugen und Mitdiskutanden im Publikum sollte der Abend am Ende genau das erreichen, was Weidig und Schöne vorgeschwebt haben dürfte: Die Einsicht, dass individuelle und kollektive Lebensleistungen und gesellschaftliche wie politisch-ideologische Strukturen, in denen sie möglich sind und stattfinden, gleichermaßen Aufmerksamkeit verdienen. Allerdings lassen sich beide Ebenen auch nicht in der Weise verschränken, als dass ein Urteil auf der einen auch das Urteil auf der anderen zur Folge hätte.
Die nächste und für 2024 abschließende Veranstaltung der Reihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? findet am 20. November um 19.00 Uhr im Chorsaal des Zinzendorfhauses in Neudietendorf statt. Hier finden Sie weitere Informationen und die Anmeldung.
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Die Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie Thüringen mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Thüringer Staatskanzlei und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie das Faltblatt mit allen Abenden der Reihe 2024, darunter der 20. November im Zinzendorfhaus Neudietendorf.