Workshop-Teilnehmende in Aktion auf Erfurter Petersberg und Domplatz. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Wie können wir im öffentlichen Raum miteinander ins Gespräch kommen? Die Teilnehmenden hatten inspirierende und mutige Ideen. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Unter dem Motto „Aufbruchsstimmung. Global denken, künstlerisch erforschen, lokal verändern“ lud die LKJ Thüringen am 1. September 2026 zum Praxisforum der Kulturagentinnen Thüringen in die DEF.Inition auf dem Petersberg in Erfurt ein. Schulleitungen, Lehrkräfte und Kulturschaffende kamen zusammen, um sich inspirieren zu lassen, neue Perspektiven auf kulturelle Bildung zu gewinnen und praxisnahe Ideen für den kreativen Schulalltag zu erproben. Im Mittelpunkt standen dabei die Verbindungen von kultureller Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Global Citizenship Education (GCE).
In diesem Rahmen kamen ca. 20 Schüler:innen und Lehrer:innen auch zu einem herausfordernden Perspektivwechsel und einer Methodenwerkstatt im Schnelldurchlauf zusammen. Im Workshop „Bubble-Crasher-To-Go“ verließen sie das geschützte Klassenzimmer und machten Petersberg und Domplatz zu Experimentierfeldern, inklusive aller Störungen, Wirrungen und Zufälle von öffentlichen Räumen. Auf dem Domplatz schrubbte sich eine Kehrmaschine über den Platz, gefolgt von rasselnden Gemüsewägen der Markthändler und Kommentaren von neugierigen Passant:innen.
Der interaktive Spaziergang verband Workshop-Elemente mit spontanen Interventionen und Gesprächsimpulsen. Die Zeit war knapp und dennoch stellten sich die Teilnehmenden recht schnell verschiedenen Aufgaben, bei denen sie zeitweise ihre Komfortzone verließen. Passant:innen freundlich grüßen, Gesprächsfetzen sammeln, ungewöhnliche Fragen stellen oder sich auf kurze Begegnungen einlassen – die Gruppe war experimentierfreudig und offen für Gespräche.
Dabei ging es nicht darum, andere Menschen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Bubble Crasher setzt dort an, wo wir beginnen, unsere eigenen Perspektiven und Annahmen zu hinterfragen. Das Projekt bewegt dazu, die eigenen sozialen und gedanklichen Bubbles wahrzunehmen, Perspektiven zu wechseln und Menschen mit anderen Lebensrealitäten zu begegnen. Gerade urbane Plätze bieten dafür besondere Möglichkeiten. Begegnungen entstehen spontan, Gesprächssituationen sind nicht vollständig planbar und die Teilnehmenden müssen sich auf das einlassen, was ihnen tatsächlich begegnet.
Als es darum ging, kreative Gesprächsanlässe zu erfinden, wurde es im Verlauf des Workshops ziemlich vielseitig. Von einer kurzen spontanen Frage, wie „Wohin des Wegs?“ über spielerische Kreidebotschaften oder Positionierungsspiele auf dem Platz oder einer mit buntem Tape auf den Boden geklebten Einladung in eine Bubble „Happiness here, step inside“ plus Seifenblasenzauber waren inspirierende Ideen zur Kontaktaufnahme mit Fremden dabei.
Die Rahmenbedingungen sind im öffentlichen Raum nie optimal, aber das macht so ein Experiment auch spannend und entspricht den Erfahrungen, die wir im Alltag machen, viel mehr als ein Workshop im Seminarraum. Es wäre toll, wenn einige der kleinen Gespräche oder Interaktionen noch eine Weile bei den Teilnehmenden und den angesprochenen Passant:innen nachwirken!
Dr. Sebastian Kranich eröffnet die Tagung | Foto: Copyright EAT/Zubarik
Dr. Freimut Löser | Foto: Copyright EAT/Zubarik
Julia Koll liest aus ihrem Roman "Das Buch Mechthild" | Foto: Copyright EAT/Hellwig
Pfarrer Ralf Kühlwetter-Uhle bei der Andacht im Raum der Stille | Foto: Copyright EAT/Zubarik
Wie bekannt ist Meister Eckhart? Geboren in Tambach oder in Hochheim im Nessetal. Mönch und Prior im Dominikanerkloster Erfurt. Einer der bedeutendsten Philosophen, Theologen und Mystiker des Mittelalters mit weiteren Wirkungsstätten in Köln, Paris und Straßburg. Wenn ich die Leute auf Meister Eckhart anspreche – so eine Stimme zu Beginn – bekomme ich zur Antwort: „Meister wer? Meister Eder kenne ich – und seinen Pumuckl. Aber Meister Eckhart?“
Im Mittelpunkt der Tagung stand die Armutsproblematik im Mittelalter. Immer wieder ging es um die Verbindung von materieller und geistlicher Armut bei Waldensern, Franziskanern, Dominikanern und Beginen. Denn diese weibliche Lebens- und Frömmigkeitsbewegung, die Frauenmystik einer Mechthild von Magdeburg (1207-1282) und einer Marguerite Porete (1250/60-1310) sind es ebenso wert, Beachtung zu finden, wie die Schriften des hochgelehrten Magisters Eckhart.
Die literarische Qualität von Mechthilds Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ wurde vermittels des kongenialen Romans „Das Buch Mechthild“ von Professorin Dr. Julia Koll vermittelt. Die Autorin las aus ihrem funkensprühenden Debüt. Auch sonst wurde unter Anleitung von Prof. Dr. Freimut Löser meist eng an den Texten der mittelalterlichen AutorInnen gearbeitet, um deren Denken und Erleben nahe zu kommen. Dabei ergaben sich mitunter überraschende Parallelen zur inneren und äußeren Armut der Gegenwart sowie das Empfinden eines großen Abstands zur Welt des Mittelalters.
Sicher: Meister Eder und sein Pumuckl stehen vielen aus Kindertagen näher. Meister Eckhart sollte uns näher rücken. Im Blick auf sein 800. Todesjahr 2028 wird die Evangelische Akademie weiterhin ihren Teil dazu beitragen.
Ein beeindruckendes Kloster, mehrere Bühnen, Bands mit ganz unterschiedlichen Musikstilen und rund 400 Jugendliche: Vom 28. bis 30. August 2026 wurde Volkenroda wieder zum Treffpunkt für junge Menschen aus Mitteldeutschland. Alle zwei Jahre veranstaltet der Bund evangelischer Jugend in Mitteldeutschland (bejm) das Jugendfestival – in diesem Jahr unter dem Motto „Go(o)d vibes“. Und gute Vibes gab es reichlich. Doch das Festival hatte weit mehr zu bieten als Musik und Konzerte.
Ein Festival mit vielen Facetten
Neben den Bühnen und Konzerten konnten die Jugendlichen aus einem vielfältigen Programm wählen: Andachten und Bibelarbeiten luden zum Nachdenken und Innehalten ein, Workshops eröffneten Räume für Austausch und Diskussion. Bei Spielen, in der Silent Disco oder im Spiele-Café stand die Gemeinschaft im Mittelpunkt.
Auch für Abenteuerlustige gab es einiges zu entdecken: erlebnispädagogische Angebote, Klettern am Kran, einen Feuerspiel-Workshop und Graffiti sorgten für Action und kreative Möglichkeiten. In der E-Sport-Lounge konnten sich Gaming-Begeisterte treffen. Informationen rund um das Kloster und Klosterführungen boten zudem die Möglichkeit, den besonderen Veranstaltungsort näher kennenzulernen.
Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Gottesdienst, der die vielen Eindrücke und Begegnungen des Wochenendes noch einmal zusammenführte.
Ein solches Festival entsteht allerdings nicht von allein. Das Programm steht und fällt mit den Ideen, der Kreativität und dem Engagement vieler Menschen, Initiativen und Gruppen.
Jugendbeteiligung, die man erleben kann
Besonders deutlich wurde das bei der aktiven Beteiligung junger Menschen. Jugendliche vom Landesjugendkonvent übernahmen beispielsweise die Moderation des Bühnenprogramms. Insgesamt waren mehr als 100 haupt- und vor allem ehrenamtlich Engagierte am Auf- und Abbau, bei der Betreuung der Pavillons und Stände sowie bei der Durchführung des Festivals beteiligt. Viele von ihnen waren in den vergangenen Jahren selbst als Teilnehmende dabei. Aus dem Erleben des Festivals entstand der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen und das Festival selbst mitzugestalten.
Das ist Jugendbeteiligung, wie sie besser kaum sichtbar werden könnte: Jugendliche sind nicht nur Gäste eines Festivals – sie gestalten es mit, übernehmen Verantwortung und prägen das Programm.
„Auf-Augenhöhe“: Wie gelingt respektvoller Austausch?
Auch die Akademie war beim Jugendfestival aktiv beteiligt. Neben der Gestaltung von Botschaften als Schablonen lag ein besonderer Schwerpunkt auf dem jugendpolitischen Workshop am Samstagnachmittag. Unter dem Titel „Auf-Augenhöhe“ ging es um eine Frage, die aktueller kaum sein könnte: Wie können wir trotz unterschiedlicher Meinungen respektvoll miteinander im Gespräch bleiben?
Rund 30 Teilnehmende unterschiedlichen Alters tauschten sich in wechselnden Groß- und Kleingruppen aus. Gemeinsam mit jungen Gästen aus politischen Jugendorganisationen wurde diskutiert, welche Rolle Respekt und Meinungsfreiheit im Alltag spielen – in der Schule, online, im Freundeskreis und in der Gesellschaft.
Dabei standen unter anderem diese Fragen im Mittelpunkt:
Welche Rolle spielen Respekt und Meinungsfreiheit in unserem Alltag?
Wie kann ich meine eigene Meinung klar vertreten, ohne andere abzuwerten oder zu verletzen?
Woran merke ich, dass in einer Diskussion der Respekt verloren geht?
Was kann ich tun, um ein Gespräch wieder in eine konstruktive Richtung zu bringen?
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der sich alle trauen, ihre Meinung zu äußern?
Zuhören, nachfragen, aushalten
Die Gespräche zeigten schnell: Respektvolle Kommunikation ist wichtig – aber keineswegs immer einfach. Die Teilnehmenden berichteten von verhärteten Fronten bei bestimmten Themen, von Unterstellungen, abwertender Mimik und Gestik und einer manchmal harten Gesprächsdynamik. Gerade im Netz werde Respekt häufig zur Herausforderung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Meinungsfreiheit eine große Bedeutung hat, aber nicht grenzenlos ist. Als hilfreich wurden ganz konkrete Strategien benannt: zuhören, nachfragen, Verständnisfragen stellen und die Faktenbasis überprüfen. Ich-Botschaften können helfen, die eigene Perspektive auszudrücken, ohne dem Gegenüber Vorwürfe zu machen. Auch Gefühle dürfen benannt werden, wenn sie in einem Gespräch hochkommen.
Es geht darum, Standpunkte zu klären und gleichzeitig die eigene Bewertung zunächst zurückzuhalten. Ehrliches Interesse am Gegenüber zu zeigen, Anknüpfungspunkte zu suchen und Widersprüche auszuhalten, kann helfen, wieder auf eine gemeinsame Gesprächsebene zu kommen. Dabei muss nicht immer sofort ein Konsens entstehen. Vielmehr braucht es die Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und dennoch miteinander im Gespräch zu bleiben.
Respekt beginnt im Kleinen
Einige Ergebnisse der Diskussion waren überraschend einfach und gerade deshalb eindrücklich: Ein Lächeln ist ansteckend. Toleranz und Offenheit zeigen sich nicht nur in großen politischen Debatten, sondern vor allem im alltäglichen Handeln. Dazu gehört, eigene Vorurteile zu reflektieren, konstruktive Kritik anzunehmen und die eigenen Grenzen ebenso zu wahren wie die Grenzen anderer. Auch eine gemeinsame Fehlerkultur wurde als wichtig beschrieben. Nicht immer müssen wir die schlimmsten Konsequenzen befürchten. Nicht immer müssen wir nachgeben. Und manchmal braucht es nach einem Konflikt einen bewussten Neustart – vielleicht sogar durch Vergebung.
Besonders mit Blick auf junge Menschen und Migrant:innen wurde wahrgenommen, dass Respekt in der Gesellschaft teilweise abgenommen hat. Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Meinung äußern können, ohne Angst vor Abwertung haben zu müssen.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Das Jugendfestival in Volkenroda hat einmal mehr gezeigt, was möglich ist, wenn junge Menschen Raum bekommen, ihre Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.
Musik, Glauben, Diskussion, Kreativität, Spiel und Gemeinschaft gehörten dabei genauso zusammen wie haupt- und ehrenamtliches Engagement. Das Motto „Go(o)d vibes“ beschreibt dabei nicht nur die Stimmung des Wochenendes. Es steht auch für eine Haltung: gemeinsam unterwegs sein, einander begegnen, zuhören, diskutieren, feiern und Verantwortung übernehmen.
Mehr als 400 Jugendliche, zahlreiche Initiativen und Gruppen und über 100 Engagierte haben das Festival zu dem gemacht, was es war. Jugendbeteiligung at its best!
Bogenschießen, eine Kletterwand, Schmuckbasteln, ein Escape-Room, Tanz und Musik. Das alles und noch viel mehr gab es bei der vierten Jugendkulturnacht am 29.08 auf dem Marktplatz in Eisenach. Von Jugendlichen für Jugendliche organisiert kamen Jugendhäuser, öffentliche Anbieter wie Volkshochschulen, die Wartburgstiftung, Museen und auch die Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen. Neben dem Bühnenprogramm mit Tanzaufführungen und Musik gab es zahlreiche Mitmachangebote und Workshops. Egal ob beim Aufdecken mittelalterlicher Fake-News, beim Löten eigener Leiterplatten oder beim Bestaunen alter Motoren, überall gab es was zu sehen und auszuprobieren.
Die Jugendbildungsstätte Junker Jörg beteiligte sich mit einem Quiz-Dart. Dabei müssen auf Fragen wie „Was davon ist ein Säugetier?“ oder „Wer war Teil des Warschauer Pakts?“ möglichst viele richtige Antworten markiert werden. Für jede richtige Antwort wurde ein Dart auf die Scheibe geworfen. Umso mehr Punkte, umso mehr Auswahl bei den Preisen. Mit 94 Punkte in 4 Würfen warf ein Jugendlicher bereits recht früh den Highscore, den niemand mehr einholen konnte.
Das Team der Jugendbildung des Junker Jörg freut sich schon sehr auf die Kinderkulturnacht am 19.09 und auf die Jugendkulturnacht 2027.
Ist das ein zorniger hungriger Dino oder noch ein verständiges süßes Chamäleon? Drohgebärde in der Namib-Wüste. Foto: Yathin S. Krishnappa (2011), Wikimedia Commons.
Nach dem christlichen Menschenbild haben ausnahmslos alle Menschen ihre Würde. Die Positionen rechtsextremer Parteien wie die der AfD Sachsen-Anhalt kann die EKM deshalb nicht akzeptieren.
„Kulturfremde Religionen“, „kulturfremde Facharbeiter“, „Mehrwert von Kindern“. Freund-Feind-Kennungen und ethnische Eigennutz-Ethik prägen das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt.
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat das „Pamphlet“ aus christlich-diakonischer Sicht schon im Mai ausführlich kommentiert: Unter der Lupe: AfD-Programm zur Landtagswahl am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt. Der Abschnitt „Arbeit und Wirtschaft“ wurde von Studienleiter Frank Fehlberg bearbeitet. Im folgenden Beitrag fasst er seine Eindrücke vor der wichtigen Wahl zusammen.
Menschlich bleiben: Legitimer Zorn legitimiert keine blinde Wut
Kennen Sie das entlastende Gefühl, wenn Sie jemandem die Schuld geben können oder deftig fluchen? Das benennt die Umstände (aus Ihrer Sicht…), schafft Distanz und setzt idealerweise die nötige Energie frei, um sie zu ändern. Für seine Ziele „zu brennen“ ist nicht ohne Grund positiv besetzt.
Sicher aber kennen Sie auch die demotivierende Abwärtsspirale. Wenn Sie aus dem Schimpfen und Fluchen gar nicht mehr herauskommen: weil sich nichts geändert hat oder Sie die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich überhaupt noch was ändern wird. Ihre ganze Energie scheint wirkungslos an den Umständen zu zerschellen. Am Ende werden die Umstände gegen Sie verwendet. Daueraggression oder Gleichgültigkeit stellen sich ein. Sie sind „ausgebrannt“.
Für zu viele laufen Politik, Gemeinwohl und individuelle Perspektiven seit Jahrzehnten auseinander
An diesem depressiv-aggressiven Taupunkt sammelt die AfD in Sachsen-Anhalt derzeit viele ihrer Wähler ein. Angst, Wut und Zorn können die Motivatoren einer Alternative sein – aber auch das Gefängnis des Hasses, der Missgunst und der Menschenfeindlichkeit. Das anhaltische „Regierungsprogramm“ der Alternative für Deutschland (AfD) spricht überdeutlich die Sprache der Menschenfeindlichkeit. Das kann und muss man verurteilen, aber den Umstand selbst und seine (gar nicht) „guten“ Gründe kriegt man damit nicht zu fassen.
Es läuft tatsächlich eine Menge schief: „Deutschland funktioniert nicht mehr“. Das ist der Eindruck, der sich bei weit mehr Menschen als nur den AfD-Parteimitgliedern und ihren Wählern verfestigt hat. Die Preise oben, „die Wirtschaft“ unten (weil man faul sei!), die Infrastruktur ein privatisiertes Wrack mit Herzrhythmusstörungen, der moralische Standard ein doppelter, der globale Ruf pfutsch. Und die etablierte politische Klasse verfährt weiter, als handele es sich um mechanische Konjunkturprobleme, die sich mit dem ökonomischen Modellbaukasten der fortgesetzten Entfesselung des Marktes managen lassen. Viel hilft viel.
Migration und Elitenunfähigkeit. Projektionsflächen allgemeiner Auflösungserscheinungen
Vor allem die Kriege anderer und deren soziale und wirtschaftliche Folgen haben dazu geführt, dass Deutschland zu einem Ziel derjenigen geworden ist, die ihr Leben retten oder ebenfalls mit besserer Perspektive weiterführen wollten. Migration ist damit für viele Deutsche zu dem Symbol geworden, das die Auflösungserscheinungen der Zeit, den verspürten Kontrollverlust und die eigenen Existenzängste in ein „greifbares“ Schuld- und Feindbild überführt. Nicht wenige siedeln die Lösung aller Probleme deshalb pauschalisierend in „der Migration“ an. Ein Kurzschluss, den die AfD spätestens seit 2015 zu verlängern weiß, als Geflüchtete teilweise in improvisierten (Zelt-)Unterkünften in Stadt und Land untergebracht werden mussten.
Insbesondere „im Osten“ setzen die behördlich als gesichert rechtsextremistisch geltenden Landesverbände dabei auf eine deutschselige bis völkisch ausformulierte Gemeinschaftsillusion der Ausgrenzung, um den Resonanzboden für vielfältige Politikenttäuschungen zu schaffen. Anhänger und Wähler finden sich in einem „heimeligen“ Trotz- und Abreaktionskollektiv wieder. Dazu bedarf es dann auch gar keines „Migrationsanteils“ in der Fläche, gerade weil „die Migration“ als Symbol für alles, was schieflief und schiefläuft, auch ohne faktische Vor-Ort-Präsenz funktioniert.
AfD-„Regierungsprogramm“ – Politiksimulation wie die „Altparteien“?
Statt aber Kraft zu Neuem und Besseren – eben zu einer „Alternative“ – aus der Gemeinschaft zu schöpfen, läuft in diesen Kollektiven die Spirale der Angst und des Hasses oft nur beschleunigt weiter. Eine alternative Elite, die wirklich in der Lage wäre, Probleme zu lösen und Umstände positiv zu verändern, braut sich in diesen Druckkammern der Gehässigkeit nicht zusammen. Es ist klar, nach welcher „schlagenden“ Methode die AfD-Elite tatsächlich arbeitet und bei erfolgreicher Regierungsbeteiligung verfahren wird: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Also gar nicht so anders wie die mit dieser Methode in Verbindung gebrachten „Altparteien“.
Die AfD ist nicht für positive Töne bekannt. Als Oppositionspartei liefert sie kein positives Gegenprogramm oder auch nur eine positive Richtung – sie lebt allein von der destruktiven Kritik des Bestehenden. So kann sie Enttäuschung, Wut, Angst und Rachegefühle aufsaugen und verstärken, ohne diese einordnen oder qualifizieren, geschweige denn zu besänftigen oder in konstruktives Handeln für alle überführen zu müssen. Sie wird deshalb absehbar Klientelpolitik betreiben, wie sie es den „Altparteien“ bis jetzt süffisant vorwirft.
Sündenbock-Strategie vorhersehbar: Unfähigkeit mit Feindbildern kaschieren
Die AfD wird selbst als Regierungspartei immer neue Schuldige, immer neue Feinde und immer neue „Alteliten“ finden, auf die sie die gesammelte negative Energie wird richten können. Sie kann dabei selbst nicht schuldig sein oder versagen, solange andere als Schuldige oder Versager verhetzt und an den Pranger gestellt werden können.
Das Freund-Feind-Schema, nach dem (auch) die AfD Sachsen-Anhalt verfährt, birgt einen gefährlichen Handlungszwang. Zunächst wird sie ihr Versagen auf „die Bundesebene“ schieben – Vermeidung von Wählerenttäuschung durch Wählertäuschung sozusagen. Wenn die eigene Unfähigkeit dann doch irgendwie offenbar zu werden droht und alle Feindbilder und Sündenböcke „verbraucht“ sind, dann lassen sich allerdings Angst und Wut nur noch mit einer Steigerung des Hasses in Gefolgschaft umwandeln – kurz: womöglich mit dem Einsatz von autoritärer Macht und von Gewalt.
Fluchen Sie kräftig! Und dann an die Wahl und an die Arbeit
An dieser Stelle: Fluchen Sie kräftig! Setzen Sie dann Ihre Wut in konstruktive (Eliten-)Kritik um und bringen Sie sich in eine Gemeinschaft ein, die nicht illusorisch und ausschließend, sondern mitmenschlich und vielleicht sogar menschenfreundlich angelegt ist.
Was bewegt dich? Wofür würdest du laut werden? Und welche Botschaft würdest du hinterlassen, wenn die Welt zuhört? Genau diese Fragen standen im Mittelpunkt des Workshops „Tanz Deine Revolution“ – einem kreativen Raum für Stencils, Statements und Straßenkunst auf den Konficamps in Wittenberg.
Der Workshop war Teil der bildungspolitischen Tage im Rahmen der Konficamps und bot jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Gedanken, Hoffnungen und Haltungen sichtbar zu machen. Im Zentrum standen selbst gestaltete Stencils (Schablonen) und Statements – inspiriert von Musik, Glauben, gesellschaftlichen Themen und ganz persönlichen Erfahrungen.
Dabei ging es ausdrücklich nicht um perfekte Kunstwerke oder fertige Antworten. Vielmehr standen Ausdruck, Selbstwirksamkeit und gemeinschaftliches Gestalten im Fokus. Mit Sprühkreide und Schablonen entstanden kreative Botschaften auf Papier oder direkt im öffentlichen Raum des Festivalgeländes.
Die Teilnehmenden überlegten sich zunächst eigene Botschaften oder wählten aus bereits vorformulierten Statements aus. In Blockschrift wurden diese dann gestaltet, laminiert und schließlich zu Schablonen zugeschnitten.
In zwei jeweils 90-minütigen Sessions entstand so eine wachsende Galerie mit kreativen Botschaften und Ideen. Zum Abschluss suchten die Jugendlichen mit ihrer Sprühkreide ausgestattet einen finalen Spot auf dem Festivalgelände, um ihre Statements dort sichtbar zu machen.
Die Konficamps in Wittenberg sind große evangelische Jugendcamps für Konfirmand:innen aus ganz Deutschland. Sie verbinden Konfirmandenunterricht, Gemeinschaft und Festivalatmosphäre in einer großen Zeltstadt. Die Jugendlichen verbringen mehrere Tage zusammen, lernen in Kleingruppen, nehmen an Workshops teil, feiern Gottesdienste und Andachten, machen Sport und Kreativangebote und erkunden die Lutherstadt Wittenberg.
Neben „Tanz Deine Revolution“ gab es weitere vielfältige Angebote: von Nachhaltigkeit und Recycling über „Konfis backen Brot für die Welt“ bis hin zu sportlichen Angeboten wie Line Dance oder Jugger. Auch digitale Angebote mit VR-Brillen sowie die Entwicklung von Lyrik, Poesie oder Rap standen auf dem Programm.
Die große Idee der bundesweiten Konficamps entstand im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum. Der Erfolg führte dazu, dass die Konficamps dauerhaft fortgeführt werden und jedes Jahr in Wittenberg stattfinden. Inzwischen waren zehntausende Jugendliche bei den bundesweiten Camps dabei.
Stencil-Kunst hat eine lange Tradition als Mittel des friedvollen Widerstands und der politischen Aussage. Die Technik ermöglicht es, wiederkehrende Motive zeitverkürzend und flexibel zu reproduzieren – perfekt also, um Botschaften schnell und wirkungsvoll in den öffentlichen Raum zu bringen.
Im Workshop „Tanz Deine Revolution“ wurde diese Technik zum Werkzeug der Selbstexpression: Jugendliche entwickelten gemeinsam Designs, übertrugen sie auf Schablonen und brachten so ihre Ideen sichtbar in die Welt.