Geothermie in Erfurt: Erdwärmenutzung gegen Erderwärmung

Wie kann bis 2045 die vollständige Klimaneutralität erreicht werden? Und welche sozialen und ökonomischen Vorteile könnten sich daraus für die Bürger ergeben? Vor diesen Fragen steht die Thüringer Hauptstadt Erfurt. Die Stadtwerke (SWE) verfolgen einen langfristigen Plan: Für die Fernwärmeversorgung soll die Tiefengeothermie der Erfurter Unterwelt angezapft werden. Die Erdwärme in bis zu 5.500 Metern Tiefe ist eine der möglichen Säulen eines ausgeklügelten Konzepts der Daseinsvorsorge, des Erfurter Modells.
Am Abend des 25.04.2024 ist das Projekt im Evangelischen Augustinerkloster der Stadt vorgestellt und diskutiert worden. Einer der wichtigen Ausgangspunkte war die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz neuer klimafreundlicher Technologien und ihrer Möglichkeiten; eine Größe, die sich im Kern aus einer wissenschaftlichen Wirkungs- und Technikfolgenabschätzung genauso wie aus sozialen und ökonomischen Vorteilen für die Bevölkerung ergibt. Das Publikum zeigte sich schon mal offen für die Erdwärmenutzung, solange soziale und ökologische Faktoren nicht gegeneinander ausgespielt würden.
Nachhaltige Wirtschaftlichkeit für alle statt Gewinne für wenige
Kay Eberhardt, Bereichsleiter Technik der SWE Energie GmbH und einer der Experten des Abends, hat im besten Sinne strategische Ansprüche an die Energiegewinnung aus der Erdkruste. Sozialverträglich soll sie sein und dem Gemeinwohl dienen – und natürlich soll der Energiepreis für den Bürger günstig sein. Die (Stadt-)Gesellschaft als Ganzes müsse von der Regionalisierung der Daseinsvorsorge profitieren, so Eberhardt. Unabhängigkeit von imperialen Launen und fernen Energiemärkten ist eines der übergeordneten Ziele. Und anders als bei vielen Projekten des Windenergieausbaus sollen weniger privatwirtschaftliche Investorenwünsche als gemeinwirtschaftliche Interessen zum Zuge kommen.
Andererseits dämpft Kay Eberhardt allzu hochfliegende Erwartungen: Das Projekt sei längst keine ausgemachte Sache. So manche Hürde behördlicher, finanzieller und technischer Art sei noch zu nehmen und nicht alle Stellen würden genügend Gespür für die strategische Bedeutung und die Möglichkeiten dieser Technologie in der Familie der Erneuerbaren Energien aufbringen.
Kein Fracking! – Geologische Expertise auf dem Podium
Nächster Schritt im ambitionierten Vorhaben ist eine Erkundungsbohrung. Auch wenn diese vorerst weniger vielversprechend ausfallen sollte, so wird sie doch nach Ansicht der ebenfalls im Augustinerkloster vortragenden Geologen Michael Kosinowski und Ingo Raufuss wirtschaftliche Potenziale mit sich bringen. Ob großangelegte energetische Speicheranwendungen oder die Nutzbarmachung mit zukünftiger Technik: Die gewonnenen Erkenntnisse seien für die gesamte Region des Thüringer Beckens von großer Bedeutung. Spürbares Aufatmen folgte auf das „Nein“ der Geologen, als das Gespräch auf das umstrittene Fracking kam. Die Erfurter setzen auf vorhandene Brüche in der granitenen Tiefe, nicht auf die künstliche Schaffung von Rissen.
Die Abendveranstaltung fand im Rahmen der Reihe Augustinerdiskurse der Evangelischen Akademie Thüringen, des Vereins Zukunftsfähiges Thüringen, RENN.mitte sowie der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen statt.