Krise und Aufbegehren auf dem Land – die Umbrüche 1989/90

Die Rückkehr bäuerlichen Protests 1990: Demonstration von Landwirtinnen und Landwirten in Erfurt am 2. März 1990. Foto: Jürgen Ludwig, Bundesarchiv, Bild 183-1990-0302-028 
Historiker Dr. Michael Heinz, Minister Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, Moderator Jens Roder (MDR) und Pfarrer i.R. Gisbert Stecher auf dem Podium (v.l.n.r.). Foto: EAT
Am 7. Mai 2024 wurde im Volkshaus Sömmerda die diesjährige Ausgabe der Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? eröffnet. Anlass waren die Kommunalwahlen in der DDR, welche am 7. Mai 1989 durch offensichtliche Manipulationen des SED-Regimes ein Auslöser der Friedlichen Revolution wurden. Am 21. Mai 2024 folgt bereits der nächste öffentliche Gesprächsabend der seit 2023 Thüringen-weit stattfindenden Reihe. In Neustadt an der Orla wird es um die Massentierhaltung in der DDR gehen, die ab den 1970er-Jahren zur regelrechten Exportindustrie ausgebaut wurde und erste Umweltproteste auf den Plan rief.
Insgesamt vier Veranstaltungen beleuchten die Folgen der DDR-Agrarpolitik und die Umgestaltung der ostdeutschen Landwirtschaft nach 1989/90. Gemeinsam mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Gästen aus Politik, Praxis und Wissenschaft dreht sich alles darum, wie historische Entwicklungen die ostdeutsche Landwirtschaft, das Arbeiten und das Leben auf dem Land bis heute prägen.
Mit Mut zum Heute: Erinnerung an DDR-Kommunalwahlen 1989
In Sömmerda berichtete neben anderen Podiumsgast Gisbert Stecher über die Geschehnisse von 1989 und seine damalige Rolle als oppositioneller Pfarrer in Rastenberg. Nicht die aufgestellten Kandidatinnen und Kandidaten seien damals das Problem der Kommunalwahl gewesen. Vielmehr habe die Diskrepanz der offiziellen Verlautbarungen über die Demokratie und ihre offensichtlich manipulative Handhabung zum Glaubwürdigkeitsverlust der Wahldurchführung geführt. Stecher verweigerte den Wahlgang, seiner Frau wurde er an der Haustür mit der Wahlurne in der Hand aufgenötigt.
Rastenberg wurde 1989 in Thüringen zu einem Ort des Mutes. Auch hier bot die Kirche einen geschützten Raum, der in den Unsicherheiten und Ängsten der Zeit Anlaufpunkte, Austausch und schließlich auch Aufbegehren ermöglichte. So erinnerte Gisbert Stecher mit Zeitzeuginnen-Unterstützung aus dem Publikum an die entscheidende Versammlung in der Rastenberger Kirche, mit der die Angst durchbrochen wurde. In ausliegenden Listen trugen sich von 300 Anwesenden über 230 Menschen zur Unterstützung des eben erst gegründeten Neuen Forums ein.
Rastenberg als ländlicher Ort demokratischen Mutes
Teil des Podiums war auch Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei Thüringens. Er fasste das historisch Bemerkenswerte der Wahl 1989 zusammen: „Der Mut von 1989 zeigt sich auch darin, dass es keine positiven Erfahrungswerte gab. Man kannte nur 1953, Ungarn 1956 und CSSR 1968 sowie Polen 1981.“ Die von Hoff aufgezählten gewaltsam gescheiterten Versuche des Aufbegehrens im „Ostblock“ prägten das Bewusstsein vieler DDR-Bürger 1989. Die Aussicht auf Erfolg war nicht groß. Dennoch machte die Erfahrung Angst und Mut zugleich, so Gisbert Stecher zur Gefühlslage.
Die Brücke vom damaligen Mut zur heutigen Protestkultur auf dem Land schlug Michael Heinz. Für den Historiker der Universität Rostock mit eigenem landwirtschaftlichen Familienhintergrund war die Landbevölkerung insgesamt nicht die zentrale Trägerin der Revolution. Seine These: das selbstständige Bauerntum sei durch die SED-Politik in den Jahrzehnten zuvor „gebrochen“ wurden. So wichtig die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) für die ländlichen Infrastrukturen der DDR geworden waren, so wenig spielten sie doch 1989 eine revolutionäre Rolle.
Bauernproteste heute: Zeichen einer demokratischen Landkultur?
Er freue sich über die aktuellen Bauerproteste, so Heinz. Sie zeigten, dass die Erfahrung von Zwangskollektivierung und Strukturbrüchen nach 1990 nicht zu passiver Resignation dieser sozialräumlich zentralen Funktionsträgerin geführt hätten. Die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft für Daseinsvorsorge, Selbstversorgung und Kulturlandschaftspflege sei darüber hinaus ökonomisch und ökologisch nach wie vor zentral. – Landwirtinnen und Landwirte sind heute ein aktiver Teil des demokratischen Diskurses.
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Die Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie Thüringen mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Thüringer Staatskanzlei und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie das Faltblatt mit allen Abenden der Reihe 2024, darunter der 20. November im Zinzendorfhaus Neudietendorf.