Mäuseritter und kollabierende Multiversen in der Jugendarbeit

Im Workshop wurde viel gespielt, diskutiert und gemeinsam konzeptionell erarbeitet. Foto: © Schreiter/EAT 
Wo lässt sich Pen & Paper kulturell verorten? Neben viel Praxis vermittelte der Workshop auch die Hintergründe dieses popkulturellen Phänomens. Grafik: Thilo Eisermann/Spawnpoint 
Gar nicht so einfach, Pen & Paper in die Jugendarbeit einzubauen. Der Workshop gab dafür praktische Tipps und viel Raum zum Ausprobieren. Grafik: Thilo Eisermann/Spawnpoint
Vier Mäuse flitzen durch den dunklen, schlammigen Hinterhof eines Schrottplatzes. Sie sind mit rostigen Nägeln, Knöpfen und Käserationen ausgerüstet und haben eine Mission: Sie müssen den Schatz der Katzenmagierin finden, den sie hier irgendwo versteckt hat. Da vorne in einem der Käfige am toten Baum vielleicht? Oder unter dem Katzenkratzturm aus Schrott? Oder vielleicht dahinten, wo ein leichter Lichtschein durch eine alte Kühlschranktür fällt? …
Dieses Szenario bot sich vergangenen Montag 15 Menschen aus Jugend- und Sozialarbeit, die sich auf das Abenteuer „Pen & Paper-Rollenspiele in der Jugendarbeit“ einließen – bereits der zweiten Auflage eines gemeinsamen Workshops mit dem Institut Spawnpoint für Spiel- und Medienkultur. Wieder war die Nachfrage höher als das Platzangebot und das Interesse groß, wie man diese Rollenspielart in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen integrieren kann.
Beim Pen & Paper-Rollenspiel tauchen Spieler:innen in fantastische Welten ein und erzählen gemeinsam eine Geschichte. Regeln, Würfel und Hintergrundgeschichten bieten dabei den Ermöglichungsrahmen der kollektiven Erzählung. Seit Beginn der 1980er Jahre ist die Begeisterung für Spielsysteme wie „Shadowrun“ oder „Das Schwarze Auge“ bei Jugendlichen (und vielen Erwachsenen) ungebrochen. Auch in pädagogischen Kontexten werden diese Spielformen eingesetzt – bei uns in der Evangelischen Akademie seit vielen Jahren mit dem selbstentwickelten Pen & Paper-Spiel „Tiamast – Geschichten des Widerstands“.
Pen & Paper-Rollenspiele sind vielfältig, fördern soziale Interaktion und Kreativität und schaffen Raum für Perspektivwechsel. So schlüpften die Teilnehmenden zu Beginn des Workshops im Spiel „Mausritter“ in die Rolle tapferer Mäuschen. „Was ich mag, ist der Perspektivwechsel“, sagte ein Teilnehmer nach seinem ersten Mäuseabenteuer, „wie Kleinigkeiten in Mäusepfoten die Bedeutung wechseln.“ So wurde der Knopf zum Schild, der rostige Nagel zum Schwert und ein leerer, alter Kühlschrank zur uneinnehmbaren Burg.
Aber nicht nur Mäuserollen wurden ausprobiert, sondern auch die von Bürger:innen von Tiamast, Hasen in einem Dungeon, gelangweilten Hausfrauen in einer Vorstadt oder von Flüchtenden in einem kollabierenden Multiversum, in dem man ständig von einer fantastischen Welt in die nächste geschleudert wird. Die Themen und Settings, die man mit Pen & Paper-Spielen bearbeiten kann, sind unbegrenzt, die Hürden in dieses Nischen-Hobby jedoch oft hoch. Umso schöner, dass es nun noch 15 Menschen mehr gibt, die diese Spiele in Jugendtreffs, Beratungsstellen, Wohngruppen oder an Schulen anbieten werden.