Evangelische Akademie Thüringen

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Thüringen und der Kolonialismus

In der St. Petri-Kirche Wandersleben vor Beginn des Diskussionsabends zum „Umgang mit dem kolonialen Erbe“. Foto: (c) Kranich/EAT
In der St. Petri-Kirche Wandersleben vor Beginn des Diskussionsabends zum „Umgang mit dem kolonialen Erbe“. Foto: (c) Kranich/EAT

Es war gar nicht so verkehrt, ausgerechnet im kleinen Wandersleben am Abend des 31. Mai über den Umgang mit dem kolonialen Erbe zu diskutieren – wurde damit doch rasch klar, was die große Kolonial- mit unserer Regional- und Eigengeschichte zu tun hat.

So ging der Blick hinüber ins knapp 5 Kilometer entfernte Neudietendorf zur Brüdergemeine und von dort weiter nach Suriname, wo auch die Herrnhuter im 18. und 19. Jahrhundert Sklaven hielten. Diese Geschichte zu wissen und ins Selbstbild zu integrieren sei wichtig, so Akademiedirektor Dr. Sebastian in der Diskussion.

Ausführlicher thematisierten er und Dr. Sahra Rausch (Projekt „Koloniales Erbe in Thüringen“, FSU Jena und Uni Erfurt) die scharfen Auseinandersetzungen um das sogenannte „Mohrenfest“ in Eisenberg, das seit 2019 stattfindet. An dieser Stelle zeige sich, wie wenig rassistische Muster und koloniale Prägungen vielen oft bewusst seien, so Rausch.

Dem stimmte der gebürtige Kenianer Dr. John Njenga Karugia, (Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, HU Berlin) aus seiner Erfahrung zu. Deutschen Kolonialismus habe es gegeben. Doch er werde nicht ausreichend erinnert. Es gehe um die Anerkennung von Schuld, um die Rückgabe von Artefakten und Gebeinen sowie um Gesten materieller Wiedergutmachung. Denn, so Rausch in diesem Zusammenhang, die Zerstörung von Kulturen durch den Kolonialismus lasse sich nicht ungeschehen machen. Deshalb kritisierte sie auch den Begriff „koloniales Erbe“, da darin ein scheinbar bewahrenswerter Anteil mitschwinge.

Eindrücklich plädierte Karugia für Versöhnung als Prozess und Ziel. Zugleich wurde in der Diskussion deutlich, wie sehr Strukturen des alten Kolonialismus im heutigen globalen Kapitalismus weiterwirken. Für letzteres bot der von Dr. Thomas A. Seidel moderierte Abend im Rahmen der Tagung „Galanterie, Orientalismus und Kolonialismus um 1700“ mit mehr als 30 hochaufmerksamen Gästen in der St. Petri-Kirche keine Lösung.

Doch gibt es, über diesen einen Abend hinaus, im Kirchenjahr Anknüpfungspunkte für Bewusstseinsbildung und materielle Hilfe. Genannt wurden dahingehend zum Schluss der Weltgebetstag und die weihnachtlichen Aktionen von „Brot für die Welt“ und „Misereor“.