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Troll dich! Kann man online überhaupt noch politisch streiten?

  • Um Diskurskultur im Netz ging es bei der hybriden Abendveranstaltung im Predigerkeller in Erfurt. Foto: © Metzdorf/EAT
    Um Diskurskultur im Netz ging es bei der hybriden Abendveranstaltung im Predigerkeller in Erfurt. Foto: © Metzdorf/EAT
  • Eine Veranstaltung, aber zwei Orte: Predigerkeller in Erfurt und Predigerkeller im Digitalen. Foto: © Metzdorf/EAT
    Eine Veranstaltung, aber zwei Orte: Predigerkeller in Erfurt und Predigerkeller im Digitalen. Foto: © Metzdorf/EAT
  • Mitdiskutieren ging per Mikrofon und per Chat. Foto: © Metzdorf/EAT
    Mitdiskutieren ging per Mikrofon und per Chat. Foto: © Metzdorf/EAT

Kann man online überhaupt noch politisch streiten? – Diese Frage stellten sich am 13.11. die Gäste im analogen und digitalen Predigerkeller in Erfurt bei einer hybriden Abendveranstaltung. Nur knapp über die Hälfte konnte dem zustimmen, während auf die Frage, ob man online politisch streiten muss, es eine überwältigende Mehrheit dafür gab.

Doch wie schätzen es Personen ein, die dies tagtäglich tun? Dazu waren auf dem Podium die Journalistin Tabea Stock (Salon5), der Influencer namens Polyriker, André Nagel von der Bundeszentrale für politische Bildung und ein Ersteller der Puffbohnen-Memes. Letzterer machte gleich zu Anfang deutlich, dass online über Politik reden nicht mehr oder weniger wichtig sei, als überall sonst, wo Menschen sich versammeln. Und André Nagel drehte die Frage für alle in der politischen Bildung direkt um: „Kann man es sich leisten, nicht auf Social Media zu sein?“

Doch das dies bei all der Anonymität, den Trollen und dem Hass nicht immer einfach ist, bestätigten alle vier. Es brauche eine gute Moderation der Inhalte. Dadurch werde es zum „unbezahlten Fulltime-Job“, so der Polyriker, online politische Inhalte zu teilen. Seine Strategie sei es oft, mit Sachlichkeit zurückzuprovozieren. Er selbst berichtete, dass er bisher von direkten Angriffen weitestgehend verschont geblieben sei. Dies erkläre er sich mit dem „Gender-Hate-Gap“ und dem Umstand, dass, wenn ihm jemand wegen seiner Beiträge „die Männlichkeit absprechen will“, er nur drüber schmunzele.

Tabea Stock berichtete, bei welchen Themen sie lieber Jugendliche der Salon 5-Redaktion nicht direkt vor die Kamera bringe und dass sie auch schön öfter ganze Beiträge wieder offline nehmen mussten, weil die Kommentarflut nicht zu moderieren war. Auch das Löschen von Kommentaren und blockieren von Nutzern war leider für alle nichts Neues. Doch „in ihren Köpfen können wir es nicht blockieren“, so Dr. Annika Schreiter, die die Veranstaltung moderierte.
André Nagel wies darauf hin, dass leider zu oft die kontroversen und unangebrachten Kommentare viel mehr Resonanz bekämen und dadurch prominenter auf den Online-Plattformen erscheinen. „Oft geht es nicht um die Trolle, sondern die, die mitlesen“, gab er zu bedenken. Auch wies er auf die Verantwortung der einzelnen Plattformen hin. Diese täten viel zu wenig obwohl sich, auch mit Hilfe von KI, schon einiges gegen menschenverachtende Kommentare tun ließe.

Wichtig sei auch die Themenwahl. So sorgen manche Themen fast automatisch für Kommentare, „die ich auf meinem Kanal nicht verantworten möchte“, so der Polyriker. Da hilft es „frei von finanziellem und Institutionellen Druck zu sein“, schätze der Puffbohnenmeme-Ersteller ein und nahm es als Privileg war „das zu machen, worauf sie Lust haben“.

Kay aus dem Publikum warf die Frage auf: „Emotionen funktionieren besser als Fakten, sollten Institutionen auch emotionaler sein und versuchen mehr Emotionen zu wecken?“ – „Es ist ein ständiges Aushandeln“, beschrieb André Nagel die Spannung zwischen dem, was viel Reichweite und Resonanz bringe und der Art und Weise, politische Bildung zu machen, der sich u.a. die Bundeszentrale verpflichtet habe.

Insgesamt blicken alle gespannt auf die anstehende Bundestagswahl und sagen „Troll dich!“ zu Hass, menschenrechtsverletzendem Gedankengut und Beleidigung – egal, ob im Netz oder analog. Nicht aber zu Menschen, denn allen steht ein demokratischer Diskurs offen.

Eine gemeinsame Veranstaltung mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und der Evangelischen Jugend Erfurt im Rahmen der Netzpolitischen Aktionstage.