Evangelische Akademie Thüringen

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Trotz allem: Standhalten, vernetzen, verändern

  • Standhalten, vernetzen, verändern © monitorex
    Standhalten, vernetzen, verändern © monitorex
  • Begrüßung in den Fachtag. Foto: © Miteinander e.V.
    Begrüßung in den Fachtag. Foto: © Miteinander e.V.
  • Ein Wort zur Lage. Foto: © Lehmann/ EAT
    Ein Wort zur Lage. Foto: © Lehmann/ EAT

Wie bleibt die demokratische Zivilgesellschaft handlungsfähig, wenn der politische Gegenwind stärker wird? Um diese Frage ging es bei einem Fachtag am 8. Oktober in Magdeburg, den der DGB Sachsen-Anhalt, Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt sowie Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e. V. gemeinsam veranstaltet haben. Moderiert wurde die Veranstaltung von Lena Lehmann, Studienleitung der Evangelischen Akademie Thüringen.
Anlass war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Frage, was die veränderten politischen Kräfteverhältnisse für die Arbeit demokratischer Initiativen und Organisationen bedeuten.
„Trotz allem“ – schon der Titel des Fachtags machte deutlich, worum es geht: trotz des starken Abschneidens der AfD, trotz drohender Kürzungen bei Demokratieprojekten, trotz knapper kommunaler Kassen und trotz der Erschöpfung, die viele Menschen in der Zivilgesellschaft kennen: Wie lässt sich unter diesen Bedingungen standhalten, wie können neue Bündnisse entstehen und welche Strategien braucht es, um weiterhin etwas zu bewegen?

Bevor politische Analysen, Strategien und Handlungsmöglichkeiten im Mittelpunkt standen, ging es um die Menschen, die sich tagtäglich für Demokratie engagieren. In einer Kartenabfrage sammelten die Teilnehmenden ihre Gefühle zur politischen Lage und Gedanken zur eigenen Arbeit. Anschließend wurde es buchstäblich bewegend: Bei verschiedenen Aussagen zur Zukunft der Zivilgesellschaft waren die Anwesenden eingeladen, aufzustehen, wenn sie zustimmten.
Dabei ging es um Fragen wie: Wird die politische Situation unsere konkrete Arbeit verändern? Sind wir auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet? Ist unsere größte Gefahr vielleicht nicht nur der politische Gegner, sondern auch die eigene Erschöpfung? Und brauchen wir vor allem neue Bündnisse – oder wissen wir längst, was zu tun wäre, wenn wir nur genügend Ressourcen und Handlungsspielräume hätten?
Die Antworten machten deutlich: Die Herausforderungen sind groß, aber es gibt auch Erfahrungen, Ideen und Menschen, die sich ihnen gemeinsam stellen wollen. Ein wichtiger Ausgangspunkt für den weiteren Tag.

Nach den Grußworten der Veranstaltenden eröffnete eine Keynote zur politischen Lage nach der Landtagswahl den inhaltlichen Teil. Welche Entwicklungen sind zu erwarten? Welche Handlungsspielräume bleiben der demokratischen Zivilgesellschaft? Und worauf müssen sich Initiativen und Organisationen einstellen?
Am Nachmittag ging es in Workshops um konkrete Fragen aus der Praxis: um den Umgang mit Verwaltungen, strategische politische Kommunikation, pädagogische Arbeit und mögliche Zukunftsszenarien. Damit verband der Fachtag die Analyse der politischen Lage mit der Suche nach Wegen, unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Zum Abschluss stand die zivilgesellschaftliche Resilienz im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion. Dabei wurde schnell klar: Widerstandsfähigkeit ist nicht einfach eine Frage persönlicher Belastbarkeit. Sie hängt auch von verlässlichen Strukturen, finanziellen Spielräumen und gesellschaftlicher Unterstützung ab.
Was passiert, wenn öffentliche Fördermittel wegfallen? Welche Möglichkeiten haben Organisationen, ihre Finanzierung breiter aufzustellen? Können Spenden, Fördermitgliedschaften und wirtschaftliche Aktivitäten größere Unabhängigkeit schaffen? Oder besteht die Gefahr, dass am Ende so viel Energie in die Finanzierung fließt, dass für die eigentliche Arbeit immer weniger Zeit bleibt?
Die Diskussion zeigte, dass es keine einfachen Antworten gibt. Öffentliche Förderung bleibt für viele Initiativen unverzichtbar – und demokratische Infrastruktur ist keine Nebensache, die sich dauerhaft allein durch ehrenamtlichen Einsatz tragen lässt. Gleichzeitig lohnt es sich, unterschiedliche Finanzierungsmodelle zu erproben, Netzwerke zu stärken und gemeinsam nach tragfähigen Strukturen zu suchen.
Doch selbst eine finanziell gut aufgestellte Organisation kann wenig bewegen, wenn ihre Themen außerhalb der eigenen Kreise kaum wahrgenommen werden. Deshalb ging es auch um wirksame Öffentlichkeitsarbeit: Wie erreichen demokratische Initiativen Menschen, die ihre Botschaften bisher nicht hören? Wie lässt sich gesellschaftliche Sichtbarkeit schaffen, ohne dass kleine Teams durch die ständig neuen Anforderungen der Kommunikation ausbrennen?
Auch die Arbeitsbedingungen von Journalist:innen und die Debatte um die Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags fanden Raum. Denn demokratische Öffentlichkeit braucht nicht nur engagierte Initiativen, sondern auch Rahmenbedingungen, unter denen unabhängiger Journalismus und eine vielfältige Medienlandschaft bestehen können.

Was bleibt von einem solchen Tag? Sicher kein fertiger Masterplan für die kommenden Jahre. Dafür aber ein gemeinsames Nachdenken über die entscheidenden Fragen: Was müssen wir absichern? Wo brauchen wir neue Verbündete? Welche Ressourcen fehlen? Und wie können wir unsere Kräfte so einsetzen, dass Engagement langfristig möglich bleibt?
Eine Erkenntnis zog sich durch den Tag: Zivilgesellschaftliche Resilienz bedeutet nicht, immer weiterzumachen, egal wie schwierig die Bedingungen werden. Sie bedeutet auch, Grenzen ernst zu nehmen, Verantwortung zu teilen, voneinander zu lernen und Strukturen aufzubauen, die Menschen nicht alleinlassen.
Und vielleicht gehört noch etwas dazu: nicht zynisch zu werden. Sich die Fähigkeit zu bewahren, an Veränderung zu glauben, trotz Rückschlägen miteinander im Gespräch zu bleiben und sich nicht an Zustände zu gewöhnen, die man eigentlich verändern möchte.