„Wir müssen alle sehr zusammenhalten gegen europäische Reaktionäre und Unmenschen, die sich religiös tarnen.“

Mit diesem Satz in einem Brief an das befreundete Ehepaar Giedion brachte der in Apolda geborene Kunstkritiker, Künstler und Fotograf Franz Roh (1890 – 1965) sein Unverständnis zum Ausdruck, dass das Ordinariat der Münchener Kunstgeschichte ausgerechnet durch den Österreicher Hans Sedlmayr (1896 – 1984) besetzt worden war.
Nur drei Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und somit der Phase effektivsten Ikonoklasmus gegen die moderne Kunst schrieb Sedlmayr das Buch „Verlust der Mitte“, eine Kampfschrift gegen die Kunst seit dem Klassizismus. Dieser sei die christliche Mitte abhanden gekommen. Zwischen den Zeilen führt Sedlmayr in seinem christlich-katholisch argumentierten Buch die Idee von der „entarteten“ Kunst weiter.
In Wien hatte er gleich 1945 als überzeugter Nationalsozialist seinen Posten als Ordinarius der dortigen Kunstgeschichte räumen müssen, um sich 1948 auf das Münchener Ordinariat zu bewerben, das er 1951 – da als Ausländer „unbelastet“ – auch trotz des Protests der Münchener Studierenden erhielt.
Franz Roh, seit seiner Jugend ein glühender Verfechter der Moderne, war in der Zeit des Nationalsozialismus vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert; seine Texte wurden auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München zur Schau gestellt. Gleich nach Kriegsende bemühte er sich um die Rehabilitierung moderner Kunst. Als vollständig „Unbelasteter“ bekam er in München über mehrere Semester Lehraufträge, um den dortigen Lehrbetrieb sicher zu stellen.
Wie kann man sich die Konfrontation: der Nationalsozialist Sedlmayr als Vorgesetzter des die Moderne verteidigenden Lehrbeauftragten Roh vorstellen? Tatsächlich äußerte sich Roh in der Öffentlichkeit äußerst zurückhaltend über Sedlmayr, der sich ebenfalls um einen höflichen Umgang bemühte. In seinem privaten Umfeld hingegen kritisierte Roh seinen Vorgesetzten mit sehr deutlichen Worten. Sedlmayr wiederum intrigierte gegen den populären Kunstkritiker auf administrativer Ebene, bis dieser zwei Jahre später nach Sedlmayrs Bestallung das Handtuch warf.
Akademie-Mitarbeiterin Dr. Ulrike Wollenhaupt-Schmidt beleuchtete anlässlich der internationalen Tagung „Franz Roh. Neue Sachlichkeit und Logischer Empirismus“ 2017 in Wien diesen Aspekt, der im gerade erschienenen Tagungsband „franz roh. kunstkritiker. vorkämpfer der kulturmoderne“ beim Valep-Verlag in Wien veröffentlicht worden und auch als Open Source einsehbar ist.
Weitere Beiträge beschäftigen sich unter anderem mit dem Fotografen und Kunsttheoretiker Franz Roh, den von ihm geschaffenen Collagen, seinem Leben in der inneren Emigration und seinen Erfahrungen mit der Ausstellung „Entartete Kunst“.