Zivilgesellschaft? Von Weideschuss bis Weltoffenes Thüringen

Josef Ahlke - der Mann des "nachhaltigen Fußballs": Erst viele ineinandergreifende Einzelteile machen die Zivilgesellschaft rund und spielfähig. Foto: (c) Rohloff/EAT 
Judith Drühe gibt einen eindrücklichen Erfahrungsbericht über Entstehung und Perspektive des Bündnisses Weltoffenes Thüringen. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Wissen Sie, für welches Anliegen sich ein Verein mit dem Namen Weideschuss e.V. einsetzt? Für eine tiergerechte „Vollmobile Schlachtung“, direkt vor Ort auf der Weide. Der Verein mit Sitz in Kölleda OT Beichlingen ist im Ehrenamtsportal der Thüringer Ehrenamtsstiftung aufgeführt. Diese spielt seit 2002 eine zentrale Rolle bei der Beratung, Vernetzung und finanziellen Unterstützung von Ehrenamt und Freiwilligen. Etwa 41 % der Thüringer sind heute bürgerschaftlich engagiert (2021), leicht über dem Bundesdurchschnitt. 1999 waren es noch ca. 27 %. Doch bei diesem Erfolg soll es nicht bleiben.
Die Zukunft der gemeinnützigen Arbeit sowie konkrete Initiativen wie das Weltoffene Thüringen standen am 24.04.2025 im Mittelpunkt eines ungewöhnlichen Augustinerdiskurses. In Workshopatmosphäre tauschten sich „Ehrenamtler“ und „Hauptamtler“ im Umfeld des bürgerschaftlichen Engagements, landläufig Zivilgesellschaft genannt, darüber aus, wie in Thüringen künftig Ehre, Zweck und (Förder-)Praxis zusammenkommen.
Judith Drühe – „Wir hätten besser vorbereitet sein können“
Judith Drühe, Geschäftsführerin des Kulturrats Thüringen, berichtete zunächst von den Erfahrungen der Initiative Weltoffenes Thüringen. Gestartet mit der Idee eines öffentlichen Aufrufs von Engagierten und Institutionen, wurde unter dem Eindruck des Diskurses um die „Remigration“ und die anstehende Thüringer Landtagswahl 2024 ein wachsende Bewegung, die mittlerweile eigene aktive Ortsgruppen umfasst und als Imagekampagne zugleich eine breite Öffentlichkeit erreicht.
Organisation, Struktur und Finanzierung bleiben jedoch eine Daueraufgabe – Drühe im Rückblick sinngemäß: „Wir hätten auf die Folgen unserer Schritte besser vorbereitet sein können. Die Öffentlichkeit war sehr schnell sehr groß. Wir waren von großer Hilfsbereitschaft, aber auch von vielfältigen Erwartungen an unsere Leistungskapazitäten überwältigt. Bis heute arbeiten wir an nachhaltigen Organisationsstrukturen.“ Personen, Inhalt, Zeitpunkt und Glück ließen aus ehrenamtlichen Initiativen nicht automatisch zukunftsfähige Glieder der Zivilgesellschaft werden. Die Finanzierung sei – neben der (befürchteten) Bürokratie – oft der Knackpunkt, an dem die Nachhaltigkeit bürgerschaftlichen Engagements scheitere.
Josef Ahlke – Arbeiter im Weinberg des Thüringer Ehrenamts
Nachhaltigkeit in allen ihren Dimensionen war für ihn das Stichwort: Josef Ahlke vom Zukunftsfähigen Thüringen e.V. machte am Beispiel des Zustandekommens der Thüringer Verfassungsreform von 2024 deutlich, wie wichtig ein bereits bestehendes und offenes „Ökosystem“ an ehren- und hauptamtlichen Gemeinnützigen und Institutionen für die Reifung von Ideen zu ausgewachsenen und hochwirksamen Vernetzungen und Umsetzungen ist.
Vor allem auch Josef Ahlke als Netzwerker und unermüdlichem Strukturarbeiter ist es zu verdanken, dass heute Ehrenamt und Nachhaltigkeit in Thüringen Verfassungsrang haben und damit Staatsaufgabe sind. Erst mit den mühsam abgestimmten und schließlich durchgesetzten Verfassungsänderungen konnte das neue, in Deutschland einmalige Ehrenamtsgesetz überhaupt entstehen, das den Gelingensbedingungen bürgerschaftlichen Engagements seinen gebührenden Platz verliehen und den Horizont der Möglichkeiten erheblich geweitet hat.
Niels Lange – „Niemand soll für sein Engagement auch noch draufzahlen!“
„Den Sack zu“ machte Dr. Niels Lange, der als Ansprechpartner für die Thüringer Ehrenamtsstiftung zur Verfügung stand. Als Geschäftsführer hat er im Moment sehr viel zu tun, um das erste Ehrenamtsgesetz Deutschlands umzusetzen, das laut Stiftung eine neue Epoche der Thüringer Engagementförderung eingeläutet hat.
So soll die Engagement-„Infrastruktur“ ausgebaut und wirksamer werden, u.a. betrifft dies die über das Land verteilten 18 Freiwilligenagenturen. Endlich flächendeckend präsent und personell aufgestockt sollen die Agenturen Freiwillige mit Organisationen zusammenbringen. „Aufsuchende Förderung“ ist das Prinzip der aktiven Vor-Ort-Arbeit durch Hauptamtliche. Insbesondere der ehrenamtliche Nachwuchs soll dadurch gezielter angesprochen werden.
Arbeit für das Gemeinwohl ist unverzichtbar – mit Spiel, Spaß und Spannung
Vor allem sind aber die finanziellen Fördermöglichkeiten gewachsen: 15 Millionen Euro stehen jetzt im Landeshaushalt jährlich zur Verfügung und wollen wirksam und gerecht eingesetzt sein. Klar kämen viele Interessierte auf der Suche nach Anerkennung, sozialen Kontakten oder schlicht für den „Spaß“ zum Ehrenamt. Letztlich aber seien es doch diese Bedürfnisse, die soziales Leben, Zusammenhalt und Demokratie ausmachten. Gehe es schließlich um das Gemeinwohl, gelte das Ziel, „niemand soll für sein Engagement auch noch draufzahlen müssen!“, so Lange.
Die neueste Entwicklung in Thüringen macht Hoffnung und Mut. Ein nachhaltiges Ökosystem mit Vorbildcharakter könnte entstehen. Die Thüringer Verfassungsänderung und das Ehrenamtsgesetz von 2024 selbst beruhen v.a. auf ehrenamtlicher, gemeinnütziger Arbeit – das spornt an und ist aller Ehren wert!