Brücken bauen, wenn Gewissheiten brüchig werden

Kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit diskutierten Gesine Schwan, Alexander Leistner und Roman Huber auf Einladung der Evangelischen Akademien über die politischen Verschiebungen des Wahljahres 2026 – und darüber, was demokratische Kultur in Zeiten wachsender Unsicherheit braucht. Im Hintergrund von Christoph Maier spannt sich die Elbbrücke bei Wittenberg über den Bildschirm. Für den Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt ist sie ein passendes Symbol für Akademiearbeit: nicht nur zwischen Ost und West, sondern überall dort, wo gesellschaftliche Positionen auseinanderzulaufen drohen.
Von diesem Bild aus beginnt am 1. Oktober das digitale Forum „Nicht nur im Osten. Landtagswahlen 2026 – Ein gesamtdeutscher Blick“, moderiert von Maier und Hanna-Lena Neuser von der Evangelischen Akademie Frankfurt. Ausgangspunkt sind die fünf Landtagswahlen des Jahres in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Schnell wird jedoch deutlich, dass es um mehr geht als um Wahlergebnisse und Prozentzahlen. Im Zentrum steht die Frage, was die politischen Verschiebungen über den Zustand der Demokratie erzählen.
Prof. Dr. Gesine Schwan warnt zunächst vor einfachen Erklärungen. Einen einzelnen Grund für die Ergebnisse gebe es nicht. Auffällig sei jedoch, dass viele Menschen offenbar nicht mehr den Eindruck hätten, mit ihren Erfahrungen und Vorstellungen im politischen System ausreichend vorzukommen. Für Schwan ist das kein Argument gegen die repräsentative Demokratie. Vielmehr müsse sie wieder stärker erfahrbar werden: als ein Prozess, in dem unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, Kompromisse entstehen und Beteiligung tatsächlich Wirkung entfalten kann.
Roman Huber von Mehr Demokratie e. V. verschiebt die Perspektive auf die emotionale Seite der Politik. Eine Gesellschaft, die von Krisen, Wandel und Unsicherheit geprägt ist, produziere Angst, Wut und das Gefühl von Kontrollverlust. Wer diese Emotionen aus politischen Debatten heraushalten wolle, lasse sie nicht verschwinden. Sie wirkten lediglich im Hintergrund weiter. Genau an diesem Punkt wird die Diskussion kontroverser: Wie viel Raum sollen Emotionen in der Politik bekommen? Und wo beginnt die Gefahr, politische Entscheidungen vor allem über Stimmung und Affekte zu treffen? Huber präzisiert später, das Ziel bleibe ein vernünftiger, respektvoller Diskurs. Manchmal müsse aber zunächst ausgesprochen werden können, was Menschen verunsichert, kränkt oder wütend macht.
Dr. Alexander Leistner setzt einen anderen Akzent. Er warnt davor, den Aufstieg der AfD wie eine unausweichliche Entwicklung zu behandeln. Gesellschaftliche Prozesse seien keine Naturgesetze. Sie entstünden durch Entscheidungen, Kommunikationsformen und politische Dynamiken. Im Bild des „vollen Fasses“, das im Gespräch aufgegriffen wird, befänden sich deshalb nicht nur Enttäuschungen über Politik, sondern ebenso Misstrauen, Desinformation und langfristige gesellschaftliche Verschiebungen. Besonders mit Blick auf Sachsen-Anhalt spricht Leistner von einer „historischen Zäsur“. Ihn interessiert dabei nicht nur das Wahlergebnis selbst, sondern auch, was politische Verschiebungen vor Ort auslösen: bei Vereinen, Initiativen, Verwaltungen und engagierten Einzelpersonen. Wo beginnen Anpassung und Verstummen? Wann entsteht vorauseilender Gehorsam? Und was passiert, wenn demokratisches Engagement selbst unter Rechtfertigungsdruck gerät?
So wandert das Gespräch zunehmend von der Wahlanalyse zur Frage nach der demokratischen Kultur. Huber fordert mehr Beteiligung und eine stärkere Verbindung von repräsentativen, direkten und deliberativen Formen. Schwan betont dagegen die Bedeutung von Institutionen und Parteien, sieht aber ebenfalls deutlichen Reformbedarf. Leistner wiederum berichtet, dass Beteiligungsprojekte in manchen Regionen durchaus funktionieren – solange nicht ausdrücklich „Demokratie“ darauf steht. Dass schon der Begriff selbst Abwehr hervorrufen könne, sei ein ernstes Warnsignal. Nach dem Podium wird in kleineren Gruppen weiterdiskutiert. Dort geht es um lokale Beteiligung, Parteien und die Frage, wie Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Positionen wieder miteinander ins Gespräch kommen können.
Zum Abschluss werden die Gäste gefragt, was ihnen Hoffnung gibt. Huber verweist auf die Bereitschaft vieler Menschen, sich einzubringen. Leistner greift den Monatsspruch aus dem Galaterbrief auf: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Schwan erinnert an ihre Erfahrung, dass Menschen nicht nur für Abgrenzung und Aggression ansprechbar seien, sondern ebenso für Kooperation und gemeinsames Handeln.
Damit führt der Abend noch einmal zurück zur Elbbrücke. Sie beseitigt die Entfernung zwischen zwei Ufern nicht. Aber sie schafft eine Verbindung. Vielleicht liegt genau darin eine der Aufgaben demokratischer Kultur.