Unter diesem Titel trafen sich vom 05. -07.03.2026 Jugendliche in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg. „Alle wissen, dass es da große Probleme gibt und trotzdem macht niemand was. Deshalb bin ich als Schulsprecherin zu dem Workshop gefahren, um zu lernen, was wir tun können.“, fasste eine Schülerin ihre Motivation zur Teilnahme zusammen.
40% der Jugendlichen erleben während ihrer Schulzeit Mobbing, davon sind fast die Hälfte mittlerweile von Cybermobbing betroffen. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch deutlich höher. Und auch wenn Fälle bekannt werden, sind Schulen und Eltern oftmals überfordert. „Das schlichte Ausstellen der Geräte ist keine Lösung, wenn man weiß, alle schreiben gerade über einen oder schicken sich Bilder hin und her“, machte Chris Branß von der Aktion Zivilcourage deutlich. Auch Schulwechsel und Umzug helfen bei digitaler Gewalt kaum. Die Auswirkungen auf die Jugendlichen sind immens.
„Doch wer kann am ehesten etwas dagegen unternehmen?“, stellte Branß am Donnerstag als Frage in den Raum. Neben der Verantwortung der Plattformen Vorgänge mehr zu moderieren und eine täterunfreundliche Umgebung zu gestalten, stellte sich schnell als entscheidende Stellschraube die Rolle der unbeteiligten Beobachtenden heraus. „Wenn aus Bystandern Helfende werden, dann fühlt sich der oder die Betroffene nicht mehr so allein und die anderen merken, dass Sie plötzlich Gegenwind bekommen. Also, ich will versuchen kein passiver Bystander mehr zu sein.“, nahm sich eine Teilnehmerin vor. Der sogenannte „Bystander-Effekt“ beschreibt das Phänomen, dass in einer Notsituation die Bereitschaft zu helfen sinkt, umso mehr andere Unbeteiligte danebenstehen.
Ein Quiz brachte den Teilnehmenden die rechtlichen Gegebenheiten näher und eine Moderationsschulung legte den Grundstein für die Erarbeitung eigener Workshops. Diese sollen in den kommenden Wochen an den Schulen für jüngere Klassen angeboten werden.
Landespolitik-Podium auf der AZK 2026: Christian Schaft (Die Linke), Andreas Bühl (CDU), Tina Rudolph (SPD), Prof. Stefan Schmalz und Moderatorin Andrea Husemeyer (v.l.n.r.). Foto: Fehlberg/EAT.
Frank Fehlberg kündigt einen der bundesweit renommiertesten "Sonntags-" und Arbeitsrechtler an: den Leipziger Rechtsanwalt Friedrich Kühn (v.l.n.r.). Foto: Kreyßler/EAT.
Ann-Sophie Bohm (Bündnis90/Die Grünen) hakt nach. Das Publikum nutzte die Gelegenheit, sich mit Expert:innen, Politiker:innen und Behörden auszutauschen. Foto: Fehlberg/EAT.
Thüringer Arbeitsministerin Katharina Schenk: "Aus der Arbeitszeitkonferenz kommen zentrale Impulse - etwa zur Debatte um die Einrichtung einer Arbeitskammer." Foto: Kreyßler/EAT.
Mini-Liegestuhl - Auszeichnung des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt Mitteldeutschland (KDA EKM): Frank Fehlberg am 3. März auf der Festveranstaltung "20 Jahre Sonntagsallianz Deutschland" in Berlin. Foto: Haik Büchsenschuss.
„Ich habe am Sonntag meine Lifestyle-Teilzeit genutzt und war mit den Kindern im Schwimmbad.“ Augenzwinkernd eröffnete Katharina Schenk, Thüringer Arbeits- und Sozialministerin, als erste Impulsgeberin die diesjährige Arbeitszeitkonferenz (AZK). Wer immer noch Mehrarbeit und entgrenzte Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit fordere, kenne die bereits bestehenden Regelungsmöglichkeiten und Realitäten offenbar nicht. „Wir müssen den 24/7-Diskurs laut führen“, so Schenk.
Vom 5. bis 6. März 2026 tauschten sich in Neudietendorf die Fachleute der Arbeitswelt, Vertreterinnen von Behörden und Politik und interessierte Bürger aus. Organisiert wurde die mittlerweile 12. AZK-Ausgabe von der Allianz für den freien Sonntag in Thüringen und Sachsen-Anhalt, in der Kirchen und Gewerkschaften sich für die Themen Sonntagsschutz, menschengerechte Arbeitszeit und Arbeitsschutz einsetzen.
Zu Gast waren neben der Ministerin u.a. die Staatssekretärin Tina Rudolph, der Sonntagsschutz-Experte und Arbeitsrechtsanwalt Friedrich Kühn, die Vorsitzenden der Landtagsfraktionen Andreas Bühl (CDU) und Christian Schaft (Die Linke) sowie Prof. Stefan Schmalz, der im letzten Jahr am Lehrstuhl für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie der FSU Jena auf Klaus Dörre folgte.
Friedrich Merz: „Ich würde das Arbeitszeitgesetz streichen“
Die Schwerpunkte in diesem Jahr waren das 20. Jubiläum der Sonntagsallianzen in Deutschland, die 24/7-Ladenschlussregeln und die aktuell harsch geführte Debatte über Deregulierungen der gesetzlichen Arbeitszeit.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Januar zum Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau auf die obligatorische „Bürokratieabbau“-Frage, welches Gesetz er streichen würde, geantwortet: „Ich würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen.“ Seine Rede in Sachsen-Anhalt wollte er als „wirtschaftspolitische Grundsatzrede“ verstanden wissen. Auf der AZK stieß Merz‚ Äußerung auf Fassungslosigkeit, v.a. aber auf Widerstandsbereitschaft.
20 Jahre Sonntagsallianz: Klagen für den kollektiven freien Tag der Woche
Interessiert erkundigten sich die Teilnehmenden über die laufenden Klagen von Sonntagsallianz-Organisationen gegen neue 24/7-Ladenschlussregelungen. So geht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) vor dem Landesverfassungsgericht in Sachsen-Anhalt gegen die derzeit umfassendste 24/7-Ladenöffnung digitalisiert-„personalfreier“ Verkaufsstellen in Deutschland vor. In Bayern wird eine sogenannte Popularklage gegen 24/7-Regelungen des erst 2025 in Kraft getretenen Bayerischen Ladenschlussgesetzes vorgebracht, die von sieben Personen aus Kirche und Gewerkschaften getragen wird.
Mit Erstaunen wurde zur Kenntnis genommen, dass die Führung der Amtskirchen, ob katholisch oder evangelisch, keine führende Rolle in den Klageanstrengungen spielt. Das juristische Konfliktfeld im Sonntagsschutz ist ganz den „nachgeordneten“ kirchlichen Gliederungen und den Gewerkschaften überlassen worden, was zu Unmut bei kirchlichen Vertretern und Irritationen bei den säkularen Partnern in der Allianz führt.
Auszeichnung des Kirchlichen Dienstes in Mitteldeutschland
Im Vorfeld der AZK waren am 3. März in Berlin die Organisationen der Sonntagallianz zusammengekommen, um deren 20-jähriges Bestehen zu feiern. Im Zuge der Feierlichkeiten wurde Frank Fehlberg als Referent des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) geehrt. Die Ehrung gilt vor allem der Arbeit rund um die Thüringer Arbeitszeitkonferenz, die Fehlberg maßgeblich gemeinsam mit Julia Langhammer vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert.
Dass die Arbeitszeitkonferenz in Neudietendorf ein fester Bestandteil der sozial- und wirtschaftspolitischen Diskussion in Thüringen und darüber hinaus ist, machte Katharina Schenk mit einem Bezug auf die AZK vom Vorjahr deutlich: „Aus der Arbeitszeitkonferenz kommen zentrale Impulse – etwa zur Debatte um die Einrichtung einer Arbeitskammer.“
Arbeitskammer-Idee: „Arbeitszeitkonferenz gibt zentrale Impulse“
2025 waren deutsche und österreichische Experten nach Neudietendorf gekommen, um die Arbeitskammer als öffentlich-rechtliche Einrichtung auf dem Gebiet der gesellschaftlich getragenen Arbeits- und (Weiter-)Bildungsinstitutionen vorzustellen. Mittlerweile wird die Arbeitskammer-Idee im Ministerium weitergedacht.
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Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie die Präsentationen der Referent:innen auf der 12. Thüringer Arbeitszeitkonferenz (PDF), sofern vorliegend und freigegeben.
Vom 18.02. bis 20.02.2026 fand der dreitägige Scoping-Workshop im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover statt. Rund 20 Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet – Lehrende und Forschende aus Universitäten und Hochschulen sowie Akteur:innen der politischen Bildungsarbeit – diskutierten zum Thema Normalisierung extrem rechter Positionen und Normalität von Rassismus im Feld der Hochschule.
Im Mittelpunkt stand die Frage, was das Feld als spezifischen Ort der Auseinandersetzung mit extrem rechten und rassistischen Positionierungen auszeichnet. Analytisch unterschieden wir drei Ebenen: die Hochschule als Organisation, ihre Beziehung zu gesellschaftlichen und politischen Umwelten sowie die alltäglichen sozialen Interaktionen auf dem Campus. Diese Differenzierung half, strukturelle, politische und pädagogische Herausforderungen klarer zu konturieren.
Ein zentraler Ausgangspunkt war die begriffliche Schärfung: Wie fassen wir „Rechtsextremismus“, wie „Rassismus“ – und wie verhalten sich beide zueinander? Einigkeit bestand in der klaren Abgrenzung von vereinfachenden Modellen wie der sogenannten Hufeisentheorie. Zugleich wurde deutlich, dass Antidiskriminierungsstrukturen an Hochschulen häufig nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten haben.
Intensiv diskutierten wir auch Fragen der Positionierung: Ist eine „distanzierte“ Wissenschaft im Umgang mit rechten und rassistischen Positionierungen überhaupt möglich – oder verdeckt sie notwendige normative Setzungen? Der Begriff der „Betroffenheit“ erwies sich dabei als ebenso relevant wie klärungsbedürftig.
Im Zwischenfazit wurden zentrale Forschungsdesiderate sichtbar: die Analyse rechter Strategien im Hochschulkontext, das Verhältnis von Rassismus- und Rechtsextremismusforschung, Fragen positionierter Forschung sowie die stärkere Verbindung von Rechtsextremismusforschung und Erziehungswissenschaft. Für die Praxis der Hochschullehre und -entwicklung wurde deutlich, dass Rassismus- und Rechtsextremismuskritik als Querschnittsaufgabe institutionell verankert werden müssen.
Zum Abschluss wurde die Weiterarbeit an einem gemeinsamen Positionspapier verabredet, das Leerstellen der Forschung benennt, wissenschaftspolitische Forderungen formuliert und konkrete Handlungsoptionen für Lehre und Hochschulentwicklung skizziert.
Die drei Tage waren intensiv und sehr anregend. Sie haben gezeigt, wie notwendig interdisziplinäre Verständigung und kollegiale Vernetzung sind, um der Normalisierung extrem rechter Positionen und der Persistenz von Rassismus im Hochschulkontext analytisch fundiert und praktisch handlungsfähig zu begegnen.
Vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion in die ganze Ukraine stand die neue Friedensdenkschrift der EKD im Zentrum des 11. digitalen Studientags der Evangelischen Akademien zur Friedensethik. Doch im Verlauf der Veranstaltung rückte weniger das Papier selbst als vielmehr die Frage in den Vordergrund, wie sich friedensethische Konzepte unter den Bedingungen realer und anhaltender Gewalt bewähren können. Die Denkschrift setzt sich mit „rechtserhaltender Gewalt“ und dem Leitbild eines „gerechten Friedens“ auseinander. Diese Grundlinien bildeten den Ausgangspunkt der Diskussion. Entscheidend wurde jedoch, wie sie von jenen gelesen werden, die Krieg nicht theoretisch, sondern existenziell erfahren.
Der ukrainische Theologe Dr. Sergii Bortnyk nahm eine erste Einordnung vor. Er plädierte dafür, zwischen theologischer Sprache und staatlicher Rechtfertigungsrhetorik strikt zu unterscheiden. Kirche dürfe nicht zur religiösen Verstärkung politischer Propaganda werden, weder in Russland noch anderswo. Zugleich würdigte er die Denkschrift als realistisch. Ihre Betonung der allgemeinen menschlichen Sündhaftigkeit bewahre davor, sich selbst moralisch zu erhöhen. Gerade in Kriegszeiten sei diese Selbstbegrenzung notwendig. Die Einsicht, dass auch die eigene Seite nicht jenseits von Schuld steht, schaffe Raum für Nüchternheit, ohne die Realität der Aggression zu relativieren.
Noch eindringlicher wurde die Perspektive von Erzpriester George Kovalenko aus Kiew. Seine Wortmeldungen verbanden theologische Reflexion mit konkreter Erfahrung aus einem Land im Krieg. Er unterschied klar zwischen Waffenstillstand und gerechtem Frieden. Ein Waffenstillstand könne Gewalt unterbrechen, sei aber noch kein Frieden. Denn Versöhnung setze auch die Wahrheit voraus: die eindeutige Benennung von Aggressor und Opfer. Ohne ein Ende der Aggression könne es keine tragfähige Versöhnung geben.
Kovalenko betonte zugleich, dass Vergebung nicht abstrakt verordnet werden sollte. Sie betreffe reale Menschen, reale Opfer, reale Traumata. Niemand dürfe im Namen der Opfer über deren Köpfe hinweg vergeben. Damit verschob sich die Debatte von einer prinzipiellen Friedensethik hin zu einer Frage der konkreten Verantwortung. Hier wurde deutlich, dass Frieden kein politischer Kompromissbegriff ist, sondern ein anspruchsvoller Prozess, der Gerechtigkeit einschließt.
Der polnische Publizist Adam Krzeminski erweiterte die Diskussion um eine historische und europäische Perspektive. Er erinnerte daran, dass kirchliche Stellungnahmen, wie etwa die Ostdenkschrift der EKD von 1965, politische Entwicklungen mit vorbereitet haben. Mit Blick auf die Ukraine warnte er davor, notwendige Abwägungen zur Ausrede für Untätigkeit werden zu lassen. Auch Unterlassung könne moralische Folgen haben. Die Sorge vor Eskalation dürfe nicht dazu führen, Aggression faktisch zu stabilisieren.
Krzeminski wies darauf hin, dass für die angegriffene Seite der Konflikt nicht abstrakt ist. Wer unter Beschuss lebt bewertet Begriffe wie „Zugeständnis“ oder „Kompromiss“ anders als Gesellschaften, die nicht unmittelbar betroffen sind. In dieser Differenz wurde die Spannung des gesamten Studientags sichtbar: Zwischen dem Wunsch nach Deeskalation und der Einsicht, dass jeder Frieden ohne Gerechtigkeit fragil bleibt.
Die Diskussion zeigte, wie sehr der russische Krieg gegen die Ukraine liebgewonnene pazifistische Gewissheiten herausfordert. Gewaltfreie Konfliktlösung bleibt Ziel und Horizont christlicher Ethik. Doch angesichts eines Angriffskrieges stellt sich die Frage nach einer Schutzverantwortung neu. Die ukrainischen Beiträge machten deutlich, dass rechtserhaltende Gewalt keinesfalls als ein Triumph, sondern als tragische Notwendigkeit verstanden wird, eingebettet in die Hoffnung auf einen Frieden, der tatsächlich mehr ist als ein Schweigen der Waffen.
So blieb am Ende kein fertiges Modell für „gerechten Frieden“, wohl aber eine geschärfte Wahrnehmung für die moralische Komplexität der Lage. Der Studientag machte deutlich, dass friedensethische Urteilsbildung heute nur im Dialog mit denjenigen verantwortbar ist, die die Realität des Krieges alltäglich tragen müssen. Gerechter Frieden entsteht nicht im Abstrakten. Er braucht die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, Recht zu schützen und die Wahrheit über Gewalt auszuhalten.
Schneeglöckchen bei der Morgenandacht im Raum der Stille | Foto S.Kranich/EAT
Wer bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich hier? Nach dem Kaffeetrinken, zu Beginn der Tagung „Mein Umgang mit der (Un-)Endlichkeit“ , stellten sich die Teilnehmenden aus Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen einander erst einmal vor: Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen beruflichen Hintergründen und je eigenen Erfahrungen mit Sterben und Tod.
Diese Erfahrungen und die wissenschaftliche Studie „Vom Umgang mit der Todesangst“ bildeten den Ausgangspunkt für ein offenes und intensives Gruppengespräch. Den ersten halben Tag lang standen eben jene Erfahrungen im Mittelpunkt. Darüberhinausgehend kreiste der zweite halbe Tag um heutige Vorstellungen vom Leben nach dem Tod – und vor allem um die eigenen Bilder über den Tod hinaus.
Diese wurden sogar gemalt – mit Wachsmalstiften auf große weiße Blätter. Viele der Zeichnungen gerieten recht bunt, viele warme Farben waren zu sehen, viel leuchtendes Gelb, kaum Schwarz. Drei Blätter blieben leer, doch es wurde erzählt, was darauf zu sehen wäre.
Ein Teilnehmer definierte exakt zwei Alternativen für das Danach. Entweder: Die biochemischen Prozesse im Körper enden und damit kommt nach dem Tod nichts. Oder: „Es kommt etwas ganz Anderes. Und darauf freue ich mich.“ Andere sprachen von ihrem Eingehen in ein großes Ganzes, von der Hoffnung, dort willkommen geheißen zu werden.
Still begleitete ein Sträußchen Schneeglöckchen die Tagung; gepflückt auf dem Gottesacker der Brüdergemeine Neudietendorf – als Zeichen der Hoffnung.
Winterlesefreuden: Buchvorstellungen bei Kerzenschein im Kaminzimmer des Zinzendorfhauses. Foto: (c) Schläger/EAT
Neben Neuerscheinungen konnte auch ein Gesangbuch aus dem 16. Jh. in Händen gehalten werden. Foto: (c) Schläger/EAT
Jede und jeder in der Runde konnte ein Buch vorstellen, das in den letzten Wochen Eindrücke hinterlassen hat. Foto: (c) Schläger/EAT
Manchmal stößt man durch Zufall auf ein Buch, liest es und ist begeistert – und manchmal wiederum erweist sich ein mit großen Erwartungen erworbener Roman schon nach wenigen Seiten als Enttäuschung. So begann die literarische Runde am Dienstag Abend im Kaminzimmer des Zinzendorfhauses auch damit, dass die acht Teilnehmenden von den Stapeln angefangener und nie zu Ende gelesener Bücher sprachen, aber auch von denjenigen Titeln, die man erst gar nicht lesen wollte und dann nicht mehr weglegen konnte.
Von diesen letzteren zu berichten ist Ziel der Veranstaltung, die mal im Sommer draußen als „Literarischer Garten“, mal im Winter im Kerzenschein und am Kamin stattfindet und lesefreudige Menschen dazu einlädt, ihre Funde zu teilen. Auch diesmal waren wieder viele gute Tipps für kommende Lektüren dabei.
Zwei Fäden zogen sich dabei durch die Präsentationen: Zum einen kamen Länder und Autor:innen aus anderen Kulturen zur Sprache, die nicht vorrangig auf den Bestsellerlisten stehen und von denen wir oft sehr wenig wissen; zum anderen ging es gleich mehrfach um das Sagen und Verschweigen in schwierigen politischen Zeiten, wie etwa der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit.
Für diejenigen, die Leselust bekommen haben, folgt hier eine kurze Nachlese des Abends mit den diskutierten Titeln:
Kim Ho-yeon, Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen (2024). Zeitgenössischer Roman über einen kleinen Gemischtwarenladen in Seoul, in dem sich besondere Begegnungen, Alltagsgemeinschaften und Lebensentscheidungen abspielen und mitunter auch vom Clash der Generationen erzählt wird.
Lea Ypi, Aufrecht: Überleben im Zeitalter der Extreme (2025). Familiensaga, die das Schicksal einer albanischen Großmutter rekonstruiert und dabei die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, die Entstehung der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich Albaniens politische Geschichte, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft, streift.
Christoph Wortberg, Gussie (2024). Roman über Konrad Adenauers zweite Ehefrau, Auguste „Gussie“ Adenauer, über erzwungenen Verrat in der Nazizeit, der unmenschlichen Wahl zwischen dem Schutz der Kinder und der Sicherheit des Mannes und den Folgen des nicht Verarbeitbaren.
Paul Maar, Wie alles kam: Roman meiner Kindheit (2020). Eine Autobiografie des bekannten Kinderbuchautors, in dem die harte Kindheit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, die Loslösung vom allzu strengen und kriegstraumatisierten Vater und die Findung der eigenen Identität in klarer, unverstellter Sprache beschrieben wird.
Henrik Szántó, Treppe aus Papier (2025). Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines alten Hauses erzählt, verweben sich Geschichten von jungen und alten Bewohner:innen aus der Nazizeit bis in die Gegenwart – Menschen, die sich nicht begegneten und doch in den Räumen des Hauses präsent sind.
Andrej Kurkow, Graue Bienen (2018). Kriegsroman, der in der Ostukraine nach dem Angriff 2014 in der sogenannten grauen Zone spielt, in der zwei alte Männer in einem verlassenen Dorf ausharren; einer davon ist ein Imker, der all seine Kräfte auf das Wohlergehen seiner Bienen richtet.
Tara Louise Wittwer, Nemesis’ Töchter: 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt (2025). Ein feministisches Plädoyer für die Anerkennung weiblicher Wut, von den Sagen der Antike, bis zur Realität des 21. Jahrhunderts – gut lesbar und mit interessanten Fakten.
Lillian Crott Berthung & Randi Crott, Erzähl es niemandem! (2012). Die Bestseller-Familiengeschichte geht dem Lebensweg eines ungewöhnlichen Paares nach; sie reicht von der Verfolgung der Juden in Deutschland über die deutsche Besatzung in Norwegen bis hin zu den Problemen der Vergangenheitsbewältigung nach dem Krieg.
Vielleicht sind Sie ja das nächste Mal mit Ihrem eigenen Buchfund mit dabei?