Moritz Hellwig ist seit September 2025 Assistent der Akademieleitung an der EAT. Foto: (c) Zubarik/EAT
Seit September diesen Jahres ist das Büro für die Assistenz der Akademieleitung in der EAT wieder besetzt: Das neue Gesicht im Team ist Moritz Hellwig aus Halle. Der gebürtige Berliner absolvierte vor dem Stellenantritt seinen Master in Politikwissenschaft im Bereich Global und European Governance an der FSU in Jena, wo er sich speziell mit Policy-Analysen auf internationaler Ebene beschäftigte.
Nach drei Monaten an der Akademie kann Moritz Hellwig schon ein erstes Fazit über seine Aufgaben ziehen: „Angenehm vielseitig“ empfindet er diese, und eben „keine reine Schreibtischtätigkeit“. Ihm gefällt, dass er sich inhaltlich einbringen kann und viel Gestaltungsfreiheit hat, sei es beim Verfassen von Blog- und anderen Social Media-Beiträgen, sei es bei der Vor- und Nachbereitung von Tagungen. Auch der Umgang mit Menschen, zum Beispiel bei Veranstaltungen im Studienbereich des Akademiedirektors, sorgt dafür, dass sein Berufsstart keinesfalls monoton abläuft.
Seine „Feuertaufe“ als Tagungsassistenz erhielt Moritz Hellwig just mit der „Täufertagung“ im vergangenen November. Mit dieser guten Erfahrung kann er nun in sein erstes „richtiges“ Jahr starten; gerade laufen die Vorbereitungen für 2026 auf Hochtouren: Im Februar steht die Tagung zur (Un-)Endlichkeit an, die letzte organisatorische Schritte benötigt; die Tagung zu Kirche und Eugenik im Juni befindet sich in der Phase der Konzeption und Planung. Daneben gibt es eine ganze Bandbreite an weiteren Themen.
Genau das interessiert ihn besonders an seiner Tätigkeit: Auch wenn einige Veranstaltungen sich dezidiert mit kirchlichen Themen beschäftigen, so geht es in der Akademiearbeit um prinzipielle Fragen, die sich unsere Gesellschaft stellen muss – jenseits einer stereotypen kirchlichen Zuordnung. Gleichwohl fühlt er sich, als Kind einer Pastorenfamilie in langer Tradition, im Kontext Kirche zu Hause.
Mit der Teilzeitstelle bleibt auch noch ein bisschen Freizeit übrig, und die verbringt Moritz Hellwig häufig in seiner Küche, dem, wie er zugibt, am besten eingerichteten Raum seiner Wohnung. Täglich gut zu kochen sei eine Passion, die für ihn auch meditativen Charakter habe, sagt er, und überhaupt nehme er sich gerne Zeit, Dinge bewusst zu genießen. Das gelte nicht nur fürs Essen, sondern auch für Bücher und Medien: „Lieber eine Sache richtig als überall und nirgends“.
Eines ist gewiss: Das Team der EAT freut sich sehr über den freundlichen und kompetenten Zuwachs und wünscht Moritz Hellwig viel Erfolg und Freude bei allen seinen Aufgaben an der Akademie.
Zwei Teilnehmende erproben im direkten Austausch miteinander Gesprächstechniken im Bubble-Crasher-Workshop. Foto: (c) Dominique Wollniok
Lehrer:innen und Akteur:innen aus kultureller und politischer Bildung im Hummelhaus Weimar. Foto: (c) Dominique Wollniok
Wie fühlt sich der Übergang von einer zur anderen Bubble an? Körperarbeit im Workshop "Bubble Contact" mit Marcel Sparmann. Foto: (c) Dominique Wollniok
Gesellschaftliche Gräben werden tiefer, Echokammern enger, der Dialog schwieriger. Doch gerade in Zeiten polarisierter Debatten braucht es Räume, in denen Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen – offen, respektvoll und neugierig. Genau hier setzte die Fortbildung „Kreative Wege aus der Bubble“ an, eine Kooperation zwischen dem Programm „Kulturagent:innen Thüringen“ und dem Projekt „Bubble Crasher“. Dafür versammelten sich Lehrer:innen, Kulturschaffende sowie politische und kulturelle Bildner:innen am vergangenen Dienstag im Hummelhaus in Weimar, alle auf der Suche nach neuen Impulsen, um demokratische Dialogfähigkeit – auch in Schulen – nachhaltig zu fördern.
Bubble Crasher: Mut zum Perspektivwechsel
Nach einem lockeren Start mit kurzen künstlerischen Einstiegs- und Kennenlernmethoden lag der Schwerpunkt im „Bubble Crasher-Workshop“ auf der Vermittlung von dialogorientierten Ansätzen. Die Teilnehmenden reflektierten ihre eigenen sozialen Blasen, hinterfragten eingefahrene Sichtweisen und erprobten Strategien, um gezielt in Austausch zu kommen bzw. zu bleiben – gerade dort, wo Positionen auseinandergehen. Die Mischung aus theoretischem Input, individueller und gemeinsamer Reflexion und künstlerisch-praktischen Übungen machte deutlich, wie niedrigschwellig und zugleich wirksam kulturelle und politische Bildung gesellschaftliche Verständigung gestalten und fördern können.
Performancekunst als Werkzeug des Hinterfragens
Im Anschluss öffnete der Workshop „Bubble Contact“ des Performancekünstlers Marcel Sparmann neue künstlerische Erfahrungsräume. Mithilfe performativer Methoden wagten die Teilnehmenden den Schritt weg von gewohnten Körper- und Bewegungsbildern und experimentierten mit persönlichen, körperlichen und räumlichen Grenzen bzw. Übergängen. Diese körperlich-performative Annäherung an Fragen der Demokratiearbeit war für viele Teilnehmende neu — ein Format, das Mut macht, Unbekanntes zuzulassen und den Schritt aus der Komfortzone zu wagen.
Das Werkstattformat der Veranstaltung ermöglichte es, verschiedene methodische Zugänge aus kultureller und politischer Bildung selbst auszuprobieren. Am Ende blickten Viele auf einen Fortbildungstag zurück, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern Haltungen gestärkt und kreative Denkbewegungen angestoßen hat. Die Veranstaltung machte deutlich, dass kulturelle Bildung weit mehr ist als ein ästhetisches Zusatzangebot: Sie ist ein demokratischer Erfahrungsraum, in dem Zuhören, Aushandeln und Perspektivwechsel praktisch gelebt werden können.
Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Marie Bielefeld (Institut Spawnpoint) im Gespräch. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Das Publikum warf Grundsatzfragen auf - und holte sich gleichwohl ein paar praktische Tipps von den Experten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
William in Kenia macht das möglich, was uns als Künstliche Intelligenz (KI) wie von Zauberhand und oft (finanziell) kostenlos zur Verfügung steht. Was uns Wissen, Texte, Bilder, ja, Ideen „generiert“ und unseren Alltag per direkter Ansprache und mit so manchem Befehl leichter macht. Und weil er uns die Welt leicht erscheinen lässt, aber selbst weit von seelischer Unbeschwertheit und gutem Leben entfernt ist, will William jetzt eine Gewerkschaft gründen.
William? Richtig, ein Mensch. Einer der Millionen menschlichen KI-Ausbilder, meist in den Ländern des Globalen Südens, wo die Not groß und der Lohn klein ist. Einer derjenigen, der sich durch all den Schmutz wühlt, den wir nicht in unsere Sinne dringen lassen wollen, wenn wir uns eine moralische, menschliche und rechtskonforme KI vorstellen.
William blickt für uns in die Hölle: Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Kinderpornografie
Seine Arbeit im Großraumbüro in Nairobi wird auch „Geisterarbeit“ genannt. Das erinnert ein wenig an den Zauberlehrling Goethes, der die gerufenen Geister nicht mehr loswird. Doch es ist schlimmer und schlichter: William schaut für uns unter widrigsten ausbeuterischen Bedingungen in die Hölle, damit wir mit der KI unbeschwert „Spaß haben“ können. Er ermöglicht die gigantischen Gewinne v.a. westlicher Konzerne wie Meta, Google, Apple und Microsoft, von denen er selbst nichts hat. „Wir kennen das aus unserer Geschichte. Es ist Kolonialismus, digitaler Kolonialismus“, fasst er zusammen.
Was Menschen wie William und Menschen wie wir mit der Digitalisierung von immer größeren Teilen unseres Lebens zu tun haben und welche zunächst unsichtbaren Kosten längst auflaufen, hat am 1. Dezember 2025 der Autor Ingo Dachwitz eindrücklich und empathisch in Erfurt dargelegt. Dachwitz (netzpolitik.org) hat gemeinsam mit dem Globalisierungsexperten Sven Hilbig (Brot für die Welt) ein Buch geschrieben: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen (Verlag C. H. Beck). Lesung und Diskussion fanden im Rahmen des letzten Augustinerdiskurses des Jahres statt, etwa 30 Interessierte fanden sich im Augustinerkloster ein.
Digitaler Kolonialismus: Das Spielfeld der globalen Tech-Konzerne und Staatsimperien
Im zuweilen lockeren, zuweilen sehr ernsten Zwiegespräch mit Marie Bielefeld (Spawnpoint – Institut für Spiel- & Medienkultur) stellte Ingo Dachwitz sein Buch vor und bot Einblicke in die ganze Breite des digitalen Kapitalismus. Dieser hat inzwischen eine ganz eigene Ausbeutungs- und Abhängigkeitsstruktur hervorgebracht, die die Buchautoren mit Fug und Recht eben den „Digitalen Kolonialismus“ genannt haben. Meist folgt dieser Kolonialismus sogar den „alten“ Richtungen, der Globale Norden dominiert den Globalen Süden, Reich dominiert Arm. Aber freilich gibt es neue Mächte, die ebenfalls schon koloniale Hierarchien etabliert haben: allen voran China.
Kann uns das alles kalt lassen, wir profitieren ja vom Kolonialismus? Natürlich nicht. Erstens sind wir selbst längst nicht nur als Konsumenten im Zielvisier der Tech-Konzerne. Denn zweitens: „Der Nutzer“ ist ganz selbstverständlich auch der Produzent digitaler Waren. Mit seiner Datenfreigabe und seinen Kommunikationsgewohnheiten auf den großen Social-Media-Plattformen und in den dominanten Betriebssystemen hat er den Konzernen in den Sattel geholfen und zementiert nun mit der weiteren Nutzung ihre Macht über ihn.
Raus aus der Empörungs- und Hassspirale der sozialen Netzwerke
Ingo Dachwitz nutzt kein Instagram mehr, eine Social-Media-Plattform des Meta-Konzerns von Mark Zuckerberg. Er weiß, was die durch Software-Algorithmen befeuerte „Empörungsspirale“ anrichtet. In fragilen Gesellschaften, die selbst gar nicht mehr so „gerecht“, „gesittet“ und „zivilisiert“ sind, wie sie sich es vielleicht einreden, zeigen sich schon heute verheerende Folgen für den Zusammenhalt und den sozialen Frieden. Am Ende droht doch die Hölle – vor der uns William bewahren soll – über die verschlungenen Pfade der Digitalisierung auf uns zurückzufallen.
Wie auch für Missstände unserer auf Wachstum für Wenige basierenden Wirtschaftsweise gilt: Der Endverbraucher kann etwas tun, um das eigene Handeln und die Gesellschaft, in der er lebt, lebensdienlicher (so das Konzept des protestantischen Wirtschaftsethikers Arthur Rich) zu gestalten. Man muss nicht auf jeder Plattform mittanzen und es gibt Plattformen, auf denen es sich freier und unbefangener tanzen lässt (Dachwitz ist auf dem dezentralen Mastodon-Netzwerk zu finden). Den verführerischen und vielfach integrierten KI-Angeboten aus dem Weg zu gehen ist da schon schwieriger.
Was demokratische Gemeinwesen tun können und sollten
Letztlich sind aber Gesellschafts- und auch Staatspolitik gefragt, der Misere angemessen mit Regelungen, wirksamen behördlichen Maßnahmen und zivilgesellschaftlichen wie öffentlich-rechtlichen Digitalisierungsalternativen zu begegnen. Ingo Dachwitz und Sven Hilbig empfehlen zudem dringend, sich der europäischen Handlungsebene und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden. Diese seien zwar Teil des Problems des Digitalen Kolonialismus, aber als globale Mittelmacht könne Europa auch ein Treiber der durch (digital-)strategische Souveränität und durch soziale wie demokratische Verantwortungsübernahme gekennzeichneten Lösung sein:
„Es ist unsere Verantwortung, dass wir in Europa von den Profiteur:innen des digitalen Kolonialismus zu denen werden, die zu seinem Ende beitragen.“
Podiumsdiskussion mit Dr. Axel Hartmann | Foto: (c) Kranich/EAT
Innensichten aus der deutschen Botschaft in Budapest von 1982 bis 1985, Storys aus dem Bundeskanzleramt von 1987 bis 1991: Es war eine zeitgeschichtliche Lehrstunde, die der Diplomat Dr. Axel Hartmann am 27. November in der Michaeliskirche Erfurt bot. Mehr als eine Stunde lang hingen die Besucherinnen und Besucher an seinen Lippen.
Denn er wusste Dinge zu erzählen, die man sonst kaum erfährt: Wie Leonid Breschnew bei seinem Besuch in Bonn 1981 schon geistig abwesend, „völlig gaga“ war. Wie die SED-Führung und der Unterhändler der DDR Wolfgang Vogel beim Freikauf politischer Gefangener durch die Bundesregierung tobten, wenn Familienmitglieder von SED-Größen Zuflucht in deutschen Botschaften in Prag oder Budapest suchten. Auf welche Weise er selbst ca. 1000 DDR-Bürgern, die in der Budapester Botschaft Asyl suchten, zur Ausreise in den Westen verhalf.
Als Leiter der Rechts- und Konsularabteilung sei er verpflichtet gewesen, allen Deutschen – auch denen aus der DDR – Hilfe und Beistand zu leisten, so Hartmann. Vor allem Ärzte, Ingenieure, Facharbeiter seien es gewesen, die unzufrieden mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der DDR in den Westen wollten. Von ihnen nach dem Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gefragt, habe er oft geantwortet: „Im Osten kommt der Staat zu ihnen. Im Westen müssen sie dem Staat hinterherlaufen, wenn sie etwas von ihm wollen.“
Zum Hauptthema des Abends „Gorbatschow und die Folgen“ wusste er zu berichten: Gorbatschow bot in seinen ersten Analysen das Bild eines Hardliners, der an seine Landsleute appellierte: „Mehr arbeiten, weniger saufen.“ Nach Tschernobyl und der westlichen Hilfe beim Erdbeben im Kaukasus 1988 habe jener ein anderes Bild vom Westen gewonnen, auch sei zwischen ihm und Helmut Kohl das Eis gebrochen.
Als Referent für bilaterale Beziehungen zu den Warschauer-Pakt-Staaten und den KSZE-Prozess im Osteuropareferat und Mitarbeiter des Ministerialdirektors Horst Teltschik sowie als stellvertretender Leiter des Ministerbüros beim Chef des Bundeskanzleramts, Bundesminister Rudolf Seiters, habe er selbst Gorbatschow nie die Hand geschüttelt. Aber er habe politisch analysiert und für Kohl die Redeteile, die sich auf Osteuropa bezogen, verfasst. Auch habe er für Gorbatschow eine Kopie des Molotow-Ribbentrop-Paktes besorgt, der in der Sowjetunion nicht mehr aufzufinden war, und bei dieser Gelegenheit für sich selbst auch gleich eine gemacht.
Solche Details – eingeordnet in den großen Gang der Geschichte – waren es, die den Abend spannend machten. Am Ende stellte Axel Hartmann vor Augen, wie klein das Zeitfenster gewesen ist, in dem die Öffnung unter Gorbatschow die deutsche Wiedervereinigung möglich machte. Schon 1990 hätten Putschgerüchte gegen Gorbatschow die Runde gemacht. „Dass wir hier in einer Kirche sind“, sei eine gute Gelegenheit, Gott dafür zu danken. Auch angesichts der derzeitigen Machthaber in Moskau.
Der Sozioökonom und "Wirtschaftsweise" Achim Truger kritisiert die Volkswirtschaftslehre und mahnt mehr Sozialökonomik im SVR an. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Die Grande Dame der Sozialökonomik: Gertraude Mikl-Horke ist die Schöpferin zahlreicher Standardwerke und die kenntnisreichste Erforscherin der sozialökonomischen Wissenschaftsidee. (c) Foto: Kreyßler/EAT
Traugott Jähnichen kennt die Geschichte und das Wesen des sozialen Protestantismus wie kaum ein anderer. Der Theologe und Ökonom vertritt die Protestantische Sozialethik u.a. bei der EKD. (c) Foto: Kreyßler/EAT
Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist eng mit dem Forschungsprogramm der Sozialökonomik verbunden - und mit der Protestantischen Sozialethik. (c) Foto: Fehlberg/EAT
"Mehr Sozialökonomik wagen!" Im Erfurter Rathaus forderte der Arbeits- und Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre zudem eine Thüringer Arbeitskammer, um den Krisen der Zeit gemeinschaftlich entgegenzutreten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Zu oft gäbe es „Rückfälle“ in „ökonomistische“ Verengungen, was zu unzulässig verkürzender Politikberatung führe, so Truger weiter. Im SVR werde die Befassung fast ausschließlich am Wirtschaftswachstum orientiert, so dass zum Beispiel ungleiche Bezahlung der Geschlechter, Kinderbetreuung und Angehörigenpflege allein unter dem Aspekt der Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit betrachtet würden. Neben einer Revision des SVR-Mandats sei es überdies dringend nötig, auch die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten auf den Prüfstand zu stellen.
Wenn das Wissen jahrzehntelang in „Standard-Lehrbüchern“ dogmatisiert sei, dann stehe letztlich die Volkswirtschaftslehre (VWL) selbst als überkommene universitäre Disziplin zur Disposition. Die VWL sei, so Truger im Anschluss an ein Zitat seiner britischen Kollegen Robert und Edward Skidelsky von 2013, nicht mehr „die Wirtschaftswissenschaft“, sondern lediglich deren „tödliche Orthodoxie“, die es zu überwinden gelte. Achim Truger ist seinerseits Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen.
Zuvor hatte schon Klaus Dörre mit der Forderung „Mehr Sozialökonomik wagen!“ klare Akzente auf der Tagung gesetzt. Der Arbeits- und Wirtschaftssoziologe an den Universitäten in Jena und Kassel ist nicht dafür bekannt, hinterm Berg zu halten. Er sieht die Gesellschaft vor einem „epochalen Wandel“, ausgelöst durch eine „ökologisch-ökonomische Zangenkrise“. Deutlich machte er dies an zahlreichen „Nachhaltigkeitskonflikten“ im Wirtschaftsleben und gesellschaftlichen Milieus und Klassen; wir alle kennen das Phänomen der „Spaltung“, das „Darüber-reden-wir-nicht-mehr-miteinander“, das sich bis in Familien hineingearbeitet hat.
Mehr Sozialökonomik wagen!
So sprach Dörre etwa vom sozial verheerend wirkenden Gefühl des „Ehrverlusts“ durch Niedriglöhne und die Angst vor der sozialen Abkopplung. Er warb für eine höhere Schmerztoleranz, was das Miteinanderreden und Problematisieren anginge und für eine offensiv betriebene „demokratische Konfliktpartnerschaft“. Er hob die Exzellenz der interdisziplinär breit aufgestellten Thüringer Sozialwissenschaft gerade auf diesem Feld hervor – beklagte aber sogleich auch das fehlende Gehör der Landespolitik.
Um die wirtschaftlichen, sozialen und bildungspolitischen Gräben zu überwinden, forderte Klaus Dörre zuletzt den Aufbau einer Thüringer Arbeitskammer. Diese könne – nach ihren schon lange existierenden Vorbildern in Österreich, im Saarland und in Bremen – die soziale Verständigungslücke zwischen Arbeit und Wirtschaft sowie (Weiter-)Bildung und Wissenschaft schließen helfen.
Klaus Dörre: Thüringer Sozialwissenschaft, Thüringer Arbeitskammer
Die öffentlich-rechtlichen Arbeitskammern ergänzen in den genannten Ländern das etablierte Kammerwesen aus Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern sowie berufsständischen Körperschaften, zum Beispiel Ärzte- und Architektenkammern. Arbeitskammern vertreten Arbeitnehmer aller Branchen und bieten zum Beispiel aufgefächerte (Weiter-)Bildungsangebote an. Mit ihrem Fokus auf die allgemeine Arbeitswelt ergänzen sie die Interessenvielfalt des Kammerwesens um eine zentrale Perspektive, die sowohl volkswirtschaftliche als auch gesellschaftliche und ökologische Fäden zusammenführt.
Studienbereich Arbeit und Wirtschaft erfährt Profilschärfung
Die erste Sozialökonomik-Tagung in Erfurt und Neudietendorf soll, wenn es nach dem Studienleiter für Arbeit und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie, Frank Fehlberg, geht, nicht ohne Wirkung auf die Profilierung seines Studienbereichs bleiben. Schließlich sei die mitteldeutsche Region stark mit dem protestantisch-sozialen Strang der sozialökonomischen Wissenschafts- und Ideengeschichte verbunden.
So war ein wiederkehrender und oft genannter Referenzpunkt der Tagung der Jurist, Ökonom und Soziologe Max Weber, der 1864 in Erfurt geboren wurde und ab 1914 die Lehrbuchreihe Grundriss der Sozialökonomik herausgegeben hatte. Ab 1904 hatte Weber zudem sein bekanntestes Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus veröffentlicht.
Von katholischer Soziallehre und protestantischer Sozialethik
Gleichwohl war ebenfalls die katholische Soziallehre – aktuell vor allem mit den Päpsten Franziskus und Leo XIV. verbunden – mit einem eigenen Beitrag auf der Tagung vertreten. Sebastian Thieme, Vertreter des Kooperationspartners Katholische Sozialakademie Österreichs in Wien, referierte so manche Position der katholischen Kirchenführung (ausgehend vom Satz „Diese Wirtschaft tötet“ von Papst Franziskus 2013), die die gegenwärtigen Stellungnahmen anderer Konfessionen blass aussehen lässt.
Die Konferenz war am 19. November im Festssal des Erfurter Rathauses mit Geleitworten von Prof. Dr. Bettina Hollstein, Geschäftsführerin des Max-Weber-Kollegs, sowie des Staatssekretärs für Bildung Dr. Bernd Uwe Althaus vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, eröffnet worden.
—
Die Vorträge und Beiträge zur Tagung sind aufgezeichnet worden. In Kürze stellen wir die Videos auf dem YouTube-Kanal der Akademie frei zugänglich zur Verfügung. Im Downloadbereich dieses Artikels finden Sie die Präsentationen der Referierenden als PDF-Dateien.
Podium mit Dr. Friederike F. Spengler (l.), Dr. Sebastian Kranich und Michael Roth(r.) | Foto:EAT
Die Täufer wollten unpolitisch sein, wirkten aber politisch. Dieses Diktum von PD Dr. Astrid von Schlachta trifft den Kern der Tagung „500 Jahre Täuferbewegung. Geschichte – Ethik – Gegenwart“, die vom 14. bis 15. November im Zinzendorfhaus Neudietendorf stattfand. Die Täufer wirkten politisch durch ihre Lebensweise und durch ihre Äußerungen, so von Schlachta weiter. Besonders ihr Eintreten für Gewaltlosigkeit und ihre Distanz zum Staat forderten Letzteren immer wieder heraus.
Dass Gewaltfreiheit und Pazifismus immer eine Herausforderung für die Gesellschaft sind, zeigte ein Streitgespräch von Regionalbischöfin Dr. Friederike von Spengler mit dem langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth, zuletzt Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, zu Krieg und Frieden. Rasch ging es darin um die neue Friedensdenkschrift der EKD, nach der, so von Spengler, der Pazifismus bloß noch eine gesinnungsethische Spielart, ein ‚Ausdruck gelebter Frömmigkeit‚, sein solle, aber keine gewichtige theologische und politische Position mehr. Eine Aufzeichnung in Podcastform folgt.
Der Blick in die Geschichte der Täuferbewegung führte so immer wieder zu grundsätzlichen ethischen Fragestellungen, vom Gestern ins Heute. Dabei ging es etwa um den Gedanken der Gütergemeinschaft, der auch materiellen Solidarität, vor allem aber um die blutige Verfolgung der Täufer einst und die Verfolgung und Unterdrückung von Minderheiten in der Gegenwart. Dass dieses nicht nur unethisch ist, sondern auch dumm, ließ sich einer weiteren Einsicht von Astrid von Schlachta entnehmen: Nonkonformismus bringt Gesellschaften voran, denn er führt in notwendige Auseinandersetzungen hinein.