Der Kampf um die Köpfe

Politische Macht wird auch dort vorbereitet, wo keine Wahlzettel ausgefüllt werden: in Büchern, Zeitschriften, Gesprächskreisen und sozialen Medien. Hier werden Begriffe geprägt und Vorstellungen davon ausgehandelt, was als selbstverständlich gilt. Wie die Neue Rechte diese Räume nutzt, stand im Zentrum des Augustinerdiskurses am 17. September im Erfurter Augustinerkloster. Der Historiker Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich und der Theologe PD Dr. Benedikt Brunner diskutierten unter der Moderation von Michael Weise über die „Konservative Revolution“ als Grundmythos der Neuen Rechten.
Elf Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte das Thema besondere Dringlichkeit: Wie gewinnen rechte Vorstellungen gesellschaftliche Zustimmung? Welche Rolle spielen Geschichte, Kultur und Religion?
Ein Schlüssel zum Verständnis lag für die Referenten in einer Dissertation von 1949. Der Publizist Armin Mohler versammelte darin unterschiedliche rechte Autoren der Weimarer Republik unter dem Begriff „Konservative Revolution“. Wagner erläuterte die politische Funktion: Diese Zusammenstellung sollte der Rechten nach 1945 eine vermeintlich unbelastete Tradition anbieten. Überschneidungen mit dem Nationalsozialismus seien dabei ausgeblendet oder heruntergespielt worden.
Bei allen Unterschieden verbanden diese Autoren nach Wagners Darstellung die Ablehnung von Liberalismus und Parlamentarismus, eine Frontstellung gegen die Aufklärung und ein elitäres Gemeinschaftsdenken. Hinzu kamen autoritäre Führervorstellungen sowie die Verherrlichung von Gewalt und Männlichkeit.
Rieger-Ladich betonte die strategische Bedeutung von Mohlers Arbeit. Sie sollte die Rechte intellektuell erneuern und politisch wirksam machen. Entscheidend sei die Einsicht gewesen, dass politische Erfolge kulturell vorbereitet werden müssen. Der Begriff Metapolitik bezeichnet diese Arbeit im Vorfeld von Parteien und Wahlen: Wer Begriffe besetzt und einflussreiche Erzählungen verbreitet, verändert, welche politischen Antworten plausibel erscheinen.
Anregungen fand die Neue Rechte ausgerechnet beim italienischen Marxisten Antonio Gramsci und dessen Überlegungen zur kulturellen Hegemonie. Rechte Akteure hätten diese übernommen, aber ihres emanzipatorischen Anspruchs entkleidet. Zur Umsetzung brauche es einen langen Atem und eine Infrastruktur aus Verlagen, Zeitschriften und Begegnungsorten. Auch Literatur werde zum politischen Schauplatz: Welche Autoren werden gelesen, welche Perspektiven ausgeblendet und wie werden Werke umgedeutet?
Am Begriff „Nationalmasochismus“ verdeutlichte Wagner die Verbindung zur heutigen AfD. Er zeichnete eine Linie von Mohlers Schriften über das neurechte Verlagsmilieu bis zum Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt. Die Erinnerung an deutsche Verbrechen werde dabei als krankhafte Selbstabwertung dargestellt. Geschichtsrevisionismus solle die historische Belastung rechter Politik abschütteln und ein anderes nationales Selbstbild durchsetzen. Gezielte Tabubrüche und anschließende Selbstverharmlosung trügen zusätzlich dazu bei, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben.
Brunner ergänzte die widersprüchliche Rolle des Christentums. Große Teile des Protestantismus seien historisch für nationale und völkische Vorstellungen empfänglich gewesen. Zugleich stehe der christliche Anspruch auf gleiche Würde aller Menschen im Konflikt mit zentralen rechten Überzeugungen. Kirchengeschichte müsse deshalb eigene Verstrickungen ebenso untersuchen wie die politische Verwendung religiöser Begriffe.
In der Publikumsdiskussion ging es um Gegenstrategien. Die Referenten warben für quellenbasierte Aufklärung und dafür, Kontakte zu ansprechbaren Menschen nicht vorschnell abzubrechen. Auch soziale Unsicherheit und mangelnde Teilhabe müssten ernst genommen werden. Moralische Empörung allein reiche nicht aus.
Orientierung bot der in der Begrüßung aufgegriffene Hirtenbrief der mitteldeutschen Bischöfe: Verständigung suchen und zugleich für bedrohte Menschen einstehen. Für den Kampf um die Köpfe bedeutete das, Geschichtsbilder kritisch zu prüfen, Widerspruch zu formulieren und dabei demokratische Gesprächsräume offenzuhalten.