Die EU als Zukunft der Ukraine

Für die Ukraine verbindet sich mit der Europäischen Union die Hoffnung auf Sicherheit, demokratische Teilhabe und eine selbstbestimmte Zukunft. Der Weg zur Mitgliedschaft verlangt dem Land unter den Bedingungen des russischen Angriffskrieges tiefgreifende politische und wirtschaftliche Reformen ab. Die Chancen und Herausforderungen dieses Prozesses standen am 22. September 2026 im Mittelpunkt des zwölften friedensethischen Studientags der Evangelischen Akademien. Unter dem Titel „Die EU als Zukunft der Ukraine“ brachte die Online-Veranstaltung ukrainische und deutsche Perspektiven miteinander ins Gespräch.
Ljubow Akulenko, Geschäftsführerin des Ukrainian Centre for European Policy, und Oleksandra Avramenko, Vorsitzende des Ausschusses für europäische Integration beim Ukrainian Agribusiness Club, eröffneten den Austausch aus ukrainischer Perspektive. Im Mittelpunkt standen die Erwartungen an eine Mitgliedschaft sowie die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen auf dem Weg dorthin. Die Diskussion machte deutlich, wie eng europäische Integration mit der Hoffnung auf eine freie und demokratische Zukunft verbunden ist.
Dabei prägt eine grundlegende Spannung den Beitrittsprozess: Die Ukraine braucht eine glaubwürdige europäische Perspektive. Zugleich erfordert die Mitgliedschaft nachhaltige Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und demokratischen Institutionen. Der Krieg erschwert diese Aufgaben erheblich. Er erhöht aber auch die Dringlichkeit, den Menschen eine verlässliche Aussicht auf die Zukunft ihres Landes zu eröffnen.
Wie sich beides verbinden lässt, diskutierten der Osteuropahistoriker Wilfried Jilge und der Europaabgeordnete Michael Gahler mit unterschiedlichen Akzenten. Jilge betonte, dass Reformen dauerhaft wirksam sein müssten und die EU ihre eigenen Anforderungen konsequent einfordern solle. Gahler hob das gemeinsame politische und sicherheitspolitische Interesse an einer Aufnahme hervor. Beide verband die Überzeugung, dass die Vollmitgliedschaft ein glaubwürdiges Ziel bleiben müsse und bereits auf dem Weg dorthin konkrete Integrationsschritte notwendig seien.
Zugleich wurde die Ukraine als Partnerin sichtbar, die selbst Fähigkeiten und Erfahrungen einbringt. Das betrifft ihre Bedeutung für die europäische Sicherheit ebenso wie wirtschaftliche Potenziale und das Engagement ihrer Zivilgesellschaft. Auch die Diskussion über Landwirtschaft zeigte, wie wichtig es ist, neben möglichen Verteilungskonflikten die Chancen einer engeren Zusammenarbeit wahrzunehmen.
Besondere Aufmerksamkeit galt der ukrainischen Zivilgesellschaft. Ihr Einsatz für demokratische Kontrolle und gegen Korruption zeigt, dass Reformen auch aus der Gesellschaft heraus eingefordert werden. Diese Kräfte zu unterstützen, gehört zu einer langfristigen europäischen Verantwortung. Verlässliche Partnerschaften und die Förderung lokaler Handlungsmöglichkeiten können dazu beitragen.
Die friedensethische Dimension des Beitritts reicht zugleich in den Alltag der Menschen hinein. Wer über Wiederaufbau und Integration spricht, muss auch nach Wohnraum, Rückkehrmöglichkeiten und der Unterstützung von Kriegsgeschädigten fragen. Eine europäische Perspektive gewinnt dort an Glaubwürdigkeit, wo sie das Leben konkret verbessert und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Die Frage nach der Zukunft der Ukraine fordert deshalb auch die EU heraus: zu politischer Verlässlichkeit, zur Bereitschaft, sich selbst zu verändern, und zu einer Solidarität, die langfristig trägt.