Evangelische Akademie Thüringen

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Gemeinwohl. Dann klappt’s auch mit der Ökologie

Dennis Eversberg und Christina Schildmann im Gespräch mit Frank Fehlberg (v.l.n.r.). Foto: (c) Schläger/EAT
Dennis Eversberg und Christina Schildmann im Gespräch mit Frank Fehlberg (v.l.n.r.). Foto: (c) Schläger/EAT

Stehen Demokratie und Ökologie im Widerspruch? Viele denken da an „Verbotspolitik“, Bevormundung und sozial erzwungene Selbstbeschränkungen. Andere denken an die Deutsche Bahn oder den Öffentlichen Nahverkehr, die geradezu beispielhaft für das Versagen der Daseinsvorsorge und weiterer „Alltagsökonomien“ stehen. Deutsche Brücken sollen auch schon einen nachteiligen Ruf entwickelt haben… In jedem Falle „Eine Zumutung!“ – so der passende Titel des Augustinerdiskurses am 11.09.2025 mit den Gästen Christina Schildmann (Hans-Böckler-Stiftung) und Prof. Dr. Dennis Eversberg (Goethe-Universität Frankfurt a. M.).

Das Problem: Es gibt keinen Planeten B

Die Problematik des Anderslebenmüssens oder – in „Biblisch“: der Umkehr – ist auch angesichts der neuesten Menschheitsprobleme nicht neu. Denn unser aller Geschenk, der Planet Erde, seine lebenspendenden Ökosysteme und seine materiellen Ressourcen, existiert nur ein Mal. Es ist einer der frühesten göttlichen Aufträge, den die Menschheit erhalten hat: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Genesis 2, 15)“ Wir müssen also seit jeher haushalten, eventuell sogar sparen… – schon wieder?!

„Sparen“, „den Gürtel enger schnallen“, „mehr und länger arbeiten“ für das „Wachstum“. Derartig anstrengende wirtschaftspolitische Ideen machen in Deutschland ohnehin schon wieder die Runde. Wie sollen wir uns da noch auf das Haushalten für Natur und Umwelt konzentrieren können? Gemeinwohl und Nachhaltigkeit – ein Zusammenhang, der während des Abends denn auch öfter als Knackpunkt identifiziert wurde: Mehr tun, was allen nutzt, und weniger tun, was wenigen nutzt.

Der Ansatz: Gemeinwohl und Nachhaltigkeit zusammendenken

Christina Schildmann, Leiterin der Abteilung Forschungsförderung und zuständig für die Strategie „Arbeit der Zukunft“ bei der Hans-Böckler-Stiftung machte zunächst die vielen „Lücken“ deutlich, die in Deutschland zwischen demokratischen Strukturen und den Erfordernissen nachhaltigen Handels klaffen. Sie erklärte, dass kein Widerspruch zwischen Demokratie und Ökologie bestehe, sondern im Gegenteil, eine „Demokratielücke“, die gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften für alle verhindere.

Von der Akzeptanz- über die Gerechtigkeits- bis hin zur Zutrauenslücke: (soziale wie ökonomische) Teilhabe, (betriebliche) Mitbestimmung und ein funktionierendes Gemeinwesen seien die bisher nur ungenügend erreichten Zielgrößen einer demokratischen Gestaltung. Als Beispiel führte Schildmann den Konflikt beim Autobauer VW an. Während das Management 2024 in der Krise harte Kostenschnitte mit Arbeitsplatzabbau andeutete, hatte der Betriebsrat unter seiner Chefin Daniela Cavallo den konsequenten Wechsel der Marktstrategie hin zu Kleinwagen und E-Autos gefordert. „Wir sind Volkswagen, ihr seid es nicht!“, lauteten die Protestrufe der Belegschaft.

Hindernisse: Vermögenskonzentration, Versprechenspolitik, Versagen

Prof. Dr. Dennis Eversberg, (Umwelt-)Soziologe und vor seiner jetzigen Position lange Jahre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig, stellte heraus, dass nicht etwa „die Vielen“ das Problem seien, sondern eher „die Wenigeren“. Offenbar noch ein Argument für die These der „Demokratielücke“, wo doch das Mehrheitsprinzip zum Kernbestand einer demokratischen Entscheidungsfindung gehört.

Vor allem der Wohlstand der Wenigen und der „Superreichtum“ der Noch-Wenigeren würden sowohl der sozialen Gerechtigkeit als auch der Lebensfreundlichkeit unserer Erde massiv schaden. In dieser Perspektive bilden undemokratische, jedenfalls nicht demokratische Strukturen gegen die Ökologie den Widerspruch. Eversberg konstatiert andererseits den „neuen sozial-ökologischen Klassenkonflikt“ (Eversberg u.a. 2024) differenzierter, als es eine einfache Wir-gegen-die-Erzählung abbildet.

Funktionierendes Gemeinwesen als Schlüssel: Weniger ist mehr für alle

Nicht nur Superreiche müssten sich demnach an die Nase fassen. Man komme nicht umhin, dass der Material- und Energieeinsatz sinken, dass die unrealistische „Versprechenspolitik“ des „Weiter so“ und des grenzenlosen „Wachstums“ enden und dass das akzeptanzfördernde Vertrauen in die öffentlichen und sozialen Infrastrukturen wieder hergestellt werden müssten. Eine wesentliche Einsicht der Forschung sei: Diejenigen (kollektiven) Lebensweisen hätten sich als am nachhaltigsten erwiesen, die auf einem breiten und gerecht organisierten Gemeinwesen basierten. Kurz: Weniger ist mehr für alle.

Die Idee des Lastenausgleichs zum Lückenschluss

Zur Umsetzung schlug Eversberg den Bogen zur höchst erfolgreichen, spezifisch deutschen und ur-sozialstaatlichen Einrichtung des sogenannten Lastenausgleichs zurück. Dieser ermöglichte es nach dem Zweiten Weltkrieg, das Privatkapital und den privaten Immobilienbesitz angemessen zum sozialen wie ökonomischen Wiederaufbau heranzuziehen. 1952 war in der Bundesrepublik Deutschland das Lastenausgleichsgesetz erlassen worden. Hohe Vermögen wurden über 30 Jahre mit einer Abgabe belegt, um kriegsgeschädigte und vertriebene Bevölkerungsteile zu entschädigen. Mit Hilfe dieses Instruments gelangen handfeste langfristige Lückenschlüsse: demokratisch, ökonomisch, sozial – und ethisch.