Evangelische Akademie Thüringen

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Gut gehetzt ist halb gewonnen?!

  • Ist das ein zorniger hungriger Dino oder noch ein verständiges süßes Chamäleon? Drohgebärde in der Namib-Wüste. Foto: Yathin S. Krishnappa (2011), Wikimedia Commons.
    Ist das ein zorniger hungriger Dino oder noch ein verständiges süßes Chamäleon? Drohgebärde in der Namib-Wüste. Foto: Yathin S. Krishnappa (2011), Wikimedia Commons.
  • Nach dem christlichen Menschenbild haben ausnahmslos alle Menschen ihre Würde. Die Positionen rechtsextremer Parteien wie die der AfD Sachsen-Anhalt kann die EKM deshalb nicht akzeptieren.
    Nach dem christlichen Menschenbild haben ausnahmslos alle Menschen ihre Würde. Die Positionen rechtsextremer Parteien wie die der AfD Sachsen-Anhalt kann die EKM deshalb nicht akzeptieren.

„Kulturfremde Religionen“, „kulturfremde Facharbeiter“, „Mehrwert von Kindern“. Freund-Feind-Kennungen und ethnische Eigennutz-Ethik prägen das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat das „Pamphlet“ aus christlich-diakonischer Sicht schon im Mai ausführlich kommentiert: Unter der Lupe: AfD-Programm zur Landtagswahl am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt. Der Abschnitt „Arbeit und Wirtschaft“ wurde von Studienleiter Frank Fehlberg bearbeitet. Im folgenden Beitrag fasst er seine Eindrücke vor der wichtigen Wahl zusammen.

Menschlich bleiben: Legitimer Zorn legitimiert keine blinde Wut

Kennen Sie das entlastende Gefühl, wenn Sie jemandem die Schuld geben können oder deftig fluchen? Das benennt die Umstände (aus Ihrer Sicht…), schafft Distanz und setzt idealerweise die nötige Energie frei, um sie zu ändern. Für seine Ziele „zu brennen“ ist nicht ohne Grund positiv besetzt.

Sicher aber kennen Sie auch die demotivierende Abwärtsspirale. Wenn Sie aus dem Schimpfen und Fluchen gar nicht mehr herauskommen: weil sich nichts geändert hat oder Sie die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich überhaupt noch was ändern wird. Ihre ganze Energie scheint wirkungslos an den Umständen zu zerschellen. Am Ende werden die Umstände gegen Sie verwendet. Daueraggression oder Gleichgültigkeit stellen sich ein. Sie sind „ausgebrannt“.

Für zu viele laufen Politik, Gemeinwohl und individuelle Perspektiven seit Jahrzehnten auseinander

An diesem depressiv-aggressiven Taupunkt sammelt die AfD in Sachsen-Anhalt derzeit viele ihrer Wähler ein. Angst, Wut und Zorn können die Motivatoren einer Alternative sein – aber auch das Gefängnis des Hasses, der Missgunst und der Menschenfeindlichkeit. Das anhaltische „Regierungsprogramm“ der Alternative für Deutschland (AfD) spricht überdeutlich die Sprache der Menschenfeindlichkeit. Das kann und muss man verurteilen, aber den Umstand selbst und seine (gar nicht) „guten“ Gründe kriegt man damit nicht zu fassen.

Es läuft tatsächlich eine Menge schief: „Deutschland funktioniert nicht mehr“. Das ist der Eindruck, der sich bei weit mehr Menschen als nur den AfD-Parteimitgliedern und ihren Wählern verfestigt hat. Die Preise oben, „die Wirtschaft“ unten (weil man faul sei!), die Infrastruktur ein privatisiertes Wrack mit Herzrhythmusstörungen, der moralische Standard ein doppelter, der globale Ruf pfutsch. Und die etablierte politische Klasse verfährt weiter, als handele es sich um mechanische Konjunkturprobleme, die sich mit dem ökonomischen Modellbaukasten der fortgesetzten Entfesselung des Marktes managen lassen. Viel hilft viel.

Migration und Elitenunfähigkeit. Projektionsflächen allgemeiner Auflösungserscheinungen

Vor allem die Kriege anderer und deren soziale und wirtschaftliche Folgen haben dazu geführt, dass Deutschland zu einem Ziel derjenigen geworden ist, die ihr Leben retten oder ebenfalls mit besserer Perspektive weiterführen wollten. Migration ist damit für viele Deutsche zu dem Symbol geworden, das die Auflösungserscheinungen der Zeit, den verspürten Kontrollverlust und die eigenen Existenzängste in ein „greifbares“ Schuld- und Feindbild überführt. Nicht wenige siedeln die Lösung aller Probleme deshalb pauschalisierend in „der Migration“ an. Ein Kurzschluss, den die AfD spätestens seit 2015 zu verlängern weiß, als Geflüchtete teilweise in improvisierten (Zelt-)Unterkünften in Stadt und Land untergebracht werden mussten.

Insbesondere „im Osten“ setzen die behördlich als gesichert rechtsextremistisch geltenden Landesverbände dabei auf eine deutschselige bis völkisch ausformulierte Gemeinschaftsillusion der Ausgrenzung, um den Resonanzboden für vielfältige Politikenttäuschungen zu schaffen. Anhänger und Wähler finden sich in einem „heimeligen“ Trotz- und Abreaktionskollektiv wieder. Dazu bedarf es dann auch gar keines „Migrationsanteils“ in der Fläche, gerade weil „die Migration“ als Symbol für alles, was schieflief und schiefläuft, auch ohne faktische Vor-Ort-Präsenz funktioniert.

AfD-„Regierungsprogramm“ – Politiksimulation wie die „Altparteien“?

Statt aber Kraft zu Neuem und Besseren – eben zu einer „Alternative“ – aus der Gemeinschaft zu schöpfen, läuft in diesen Kollektiven die Spirale der Angst und des Hasses oft nur beschleunigt weiter. Eine alternative Elite, die wirklich in der Lage wäre, Probleme zu lösen und Umstände positiv zu verändern, braut sich in diesen Druckkammern der Gehässigkeit nicht zusammen. Es ist klar, nach welcher „schlagenden“ Methode die AfD-Elite tatsächlich arbeitet und bei erfolgreicher Regierungsbeteiligung verfahren wird: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Also gar nicht so anders wie die mit dieser Methode in Verbindung gebrachten „Altparteien“.

Die AfD ist nicht für positive Töne bekannt. Als Oppositionspartei liefert sie kein positives Gegenprogramm oder auch nur eine positive Richtung – sie lebt allein von der destruktiven Kritik des Bestehenden. So kann sie Enttäuschung, Wut, Angst und Rachegefühle aufsaugen und verstärken, ohne diese einordnen oder qualifizieren, geschweige denn zu besänftigen oder in konstruktives Handeln für alle überführen zu müssen. Sie wird deshalb absehbar Klientelpolitik betreiben, wie sie es den „Altparteien“ bis jetzt süffisant vorwirft.

Sündenbock-Strategie vorhersehbar: Unfähigkeit mit Feindbildern kaschieren

Die AfD wird selbst als Regierungspartei immer neue Schuldige, immer neue Feinde und immer neue „Alteliten“ finden, auf die sie die gesammelte negative Energie wird richten können. Sie kann dabei selbst nicht schuldig sein oder versagen, solange andere als Schuldige oder Versager verhetzt und an den Pranger gestellt werden können.

Das Freund-Feind-Schema, nach dem (auch) die AfD Sachsen-Anhalt verfährt, birgt einen gefährlichen Handlungszwang. Zunächst wird sie ihr Versagen auf „die Bundesebene“ schieben – Vermeidung von Wählerenttäuschung durch Wählertäuschung sozusagen. Wenn die eigene Unfähigkeit dann doch irgendwie offenbar zu werden droht und alle Feindbilder und Sündenböcke „verbraucht“ sind, dann lassen sich allerdings Angst und Wut nur noch mit einer Steigerung des Hasses in Gefolgschaft umwandeln – kurz: womöglich mit dem Einsatz von autoritärer Macht und von Gewalt.

Fluchen Sie kräftig! Und dann an die Wahl und an die Arbeit

An dieser Stelle: Fluchen Sie kräftig! Setzen Sie dann Ihre Wut in konstruktive (Eliten-)Kritik um und bringen Sie sich in eine Gemeinschaft ein, die nicht illusorisch und ausschließend, sondern mitmenschlich und vielleicht sogar menschenfreundlich angelegt ist.

Vor allem aber: Gehen Sie zur Wahl!