Vom 4. bis 6. Oktober fand in Wittenberg die Tagung „Die letzten Tage der Bausoldaten und die Friedliche Revolution“ statt. Eingeladen hatten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Evangelische Akademie Thüringen. Neben historischen Themen wurden friedensethische und friedenspolitische Themen diskutiert. Zum Abschluss verabschiedeten die rund 70 Teilnehmenden eine Erklärung, die an die Öffentlichkeit und an die Friedenssynode der EKD gerichtet ist:
Unglaubliche Geschichten waren zu hören bei der Bausoldatentagung vom 4. – 6. Oktober. Die Evangelischen Akademien auf dem Gebiet der EKM hatten nach Wittenberg eingeladen, unter der Überschrift „Die letzten Tage der Bausoldaten und die Friedliche Revolution.“
Drunter und drüber ging es im Herbst und Winter 1989/90. Dienende Waffendienstverweigerer in der NVA verfassten und veröffentlichten Briefe und Erklärungen, verweigerten Befehle, demonstrierten, traten in Warnstreik, wurden Hals über Kopf entlassen, gingen in Krankenhäuser sowie Pflegeeinrichtungen und erkämpften auf diese Weise mit, was Bausoldaten von Anbeginn gefordert hatten: einen echten zivilen Dienst außerhalb des Militärs. Gediente Bausoldaten erarbeiteten zeitgleich das liberale DDR-Zivildienstgesetz mit, das am 1. März 1990 in Kraft trat und bauten anschließend die Zivildienstverwaltung mit auf.
Was da alles zu Sprache kam, ist noch längst nicht erforscht, so das Fazit von Dr. Thomas Widera, TU Dresden, der das Eingangsreferat der Tagung hielt. Der Anteil der Bausoldaten an der Friedlichen Revolution sei unbestritten. Um ihn aber qualifizieren und quantifizieren zu können, müssten die Netzwerke der Bausoldaten innerhalb und außerhalb der Armee untersucht werden. Diese Erkenntnis war die wohl historisch wichtigste der Tagung.
Zugleich war die Tagung ganz aktuell ausgerichtet. An die 70 ehemalige Bausoldaten und weitere Tagungsteilnehmende debattierten friedenspolitische und friedensethische Themen der Gegenwart. Im Ergebnis wurde eine Wittenberger Erklärung zur EKD-Friedenssynode über den Missbrauch von Geschichte, neue atomare Bedrohungen und die Förderung gewaltfreier Konfliktbearbeitung verabschiedet, die zeitnah veröffentlicht wird.
Weitere Eindrücke finden Sie im TV-Bericht des RBW vom 7. Oktober 2019.
Flucht prägt viele Menschen und Familien in Thüringen. Am Dienstag, dem 1. Oktober, beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Oststadtschule Eisenach in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg mit Fluchtgeschichten aus und nach Thüringen. „Ich bin total gespannt auf die Menschen und ihre Geschichten“, sagte Rahel, bevor es losging.
In einem World Café wurden im Projekt „Thüringer Fluchtgeschichten“ an vier Tischen ganz unterschiedliche Erzählungen gehört und viele Fragen gestellt. Adam Alazawe aus Erfurt berichtete von seinem Weg aus Syrien nach Deutschland und kam mit den Jugendlichen über heutige Fluchtgeschichten ins Gespräch. Berthold Dücker aus Geisa erzählte von seiner Flucht 1964 aus Thüringen nach Hessen. Als 16-Jähriger überwand er alleine die Grenze in den Westen, weil er die fehlenden Freiheiten und das Unrecht in der DDR nicht aushielt. Dr. Annika Schreiter brachte zwei Fluchtgeschichten aus Pommern nach Thüringen zur Zeit des 2. Weltkriegs mit. Michael Weise vom Lutherhaus Eisenach berichtete von Martin Luthers unfreiwilliger Flucht auf die Wartburg und seinem Exil unter dem Decknamen Junker Jörg. „Eine Flucht, die sich von den anderen Geschichten unterscheidet“, meint Weise. „Luther konnte nämlich irgendwann in sein altes Leben zurückkehren.“ Die Jugendlichen selbst haben zum Teil Flucht erlebt oder haben Freunde, Klassenkameradinnen oder Familienmitglieder, die fliehen mussten. So konnte fast jeder und jede in dem World Café eine Fluchtgeschichte erzählen.
Jede Geschichte ist einzigartig, ebenso wie die Menschen, die sie erleben und durchleiden. Dennoch gibt es immer wiederkehrende Elemente: Die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Entbehrungen und die Angst unterwegs und dann, am Ziel der Träume, oft Enttäuschung. Denn dieses Ziel sieht meist ganz anders aus als erhofft und Geflüchtete erfuhren zu allen Zeiten und an allen Orten Ablehnung und Feindseligkeit. „Geschichte wiederholt sich und ich frage mich oft, warum wir nicht endlich klüger werden“, sagt Berthold Dücker zum Abschluss. „Kein Mensch auf der Welt ist illegal und meine Geschichte ist nicht anders als die von denen, die heute aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea flüchten.“
Die Jugendlichen verarbeiten ihre Erkenntnisse und die erfahrenen Geschichten im weiteren Verlauf des Projekts in Kurzfilmen und als Bildertheater. Am 8. November werden die neu erzählten Fluchtgeschichten zum Abschluss des Projekts in der Oststadtschule vorgestellt.
„Thüringer Fluchtgeschichten“ findet im Rahmen des Projekts Empowered by democracy statt.
Springt der göttliche Funken über? Wer sich das Foto auf der Einladung zum KWA-Forum „Kann Künstliche Intelligenz (KI) die Welt retten?“ ansieht, stellt fest, dass der Funken zwischen menschlicher und Roboterhand schwebt. Noch scheint es also nicht so weit zu sein, dass die Roboterkollegen den Menschen ebenbürtig sind. Aber wie gehen wir damit um, wenn dies in Zukunft passieren wird?
Anknüpfend an den Film „Der große Umbruch“ von Ranga Yogeshwar wurde auf dieser Tagung zunächst festgestellt, dass die technologische Entwicklung von KI enorm schnell voranschreitet. Bei bestimmten Aufgaben (Mustererkennung, Brettspiele) überflügelt die Technologie den Menschen bereits. Wolfgang Ertel machte dann aber darauf aufmerksam, dass mit den neuen Möglichkeiten neue Fragen auftreten: Was machen Menschen mit der Zeit, die sie gewinnen, wenn z.B. Serviceroboter ihnen Arbeit abnehmen? Und wird dies zu größerem oder verringertem Ressourcen- und Energiebedarf führen? In Kleingruppen wurde etwa diskutiert, welche Folgen der Einsatz von KI im Bildungssystem habe. Nutzungskompetenz für digitale Technologien muss erlernt werden, keine Frage. KI kann sicher auch Lehrkräfte unterstützen. Aber braucht es nicht mehr als das, um als mündige Bürgerin auch zukünftig über den Weg der Gesellschaft mitzuentscheiden? Ist nicht kritische, politische Bildung notwendig, um durchschauen zu lernen, welche kommerziellen, politischen und interessengeleiteten Kräfte hinter dieser Technologie stehen?
Wer vor Maschinen Hochachtung habe, werte doch damit den Menschen ab, sagte Petra Bahr. Denn Menschen seien so viel mehr als Maschinen. Blindes Vertrauen sei fehl am Platze, vielmehr gelte es, mit wachem Verstand auf das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie zu schauen. Gert Wagner schlug folgerichtig die Einrichtung eines Bundesinstituts zur Erforschung von Algorithmen vor, um Kompetenz in der Bewertung von digitalen Technologien aufzubauen und damit dem Gesetzgeber Steuerungsmöglichkeiten in der digitalen Welt an die Hand zu geben. Denn ihr Einsatz muss fraglos demokratisiert werden, sollen sie eine positive Rolle für die Gesellschaft spielen.
Erstmals fand in Eisenach vom 19. bis 22. September ein Teil der ACHAVA-Festspiele Thüringen, der jüdisch-christlichen Begegnungstage, statt. Um und auf dem Lutherplatz bot das Fest an vier Tagen ein vielseitiges Programm rund um jüdisches Leben, interkulturellen Austausch und interreligiösen Dialog.
Bei einem Straßenfest mit Ständen konnten Besucherinnen und Besucher jüdische Speisen probieren und sich an handwerklichen Aktivitäten bei Musik und Unterhaltung versuchen. Das Zelt der Begegnung lud ein zum „Gespräch mit Mose, Elia und Jesus“. Am Freitagabend wurde im großen Festzelt ein Schabbat-Abend mit jüdischem Gottesdienst und anschließendem Kiddusch gefeiert.
Studienleiter Jan Grooten wirkte bei den Festspielen unter anderem bei der Moderation eines Schul-Kunstprojektes mit. Am Freitagvormittag des Festes präsentierten Schülerinnen und Schüler aus Eisenach dabei Beiträge, die sie zum Thema „Jüdisches Leben in Eisenach“ erarbeitet hatten. Die gezeigten Werke umfassten dabei unter anderem Bilder, Theaterstücke, Graffiti auf Planen sowie Musikstücke.
Das Festspiel-Programm gab auch dem Gedenken und Mahnen Raum und erinnerte unter anderem an Eisenacher Jüdinnen und Juden, die die Gräuel der NS-Zeit erleiden mussten. Mit einer Podiumsdiskussion mit Margot Käßmann, Jascha Nemtsov und Susannah Heschel sowie Möglichkeiten zur Begegnung setzte ACHAVA Zeichen gegen Antisemitismus auch in heutiger Zeit. Zusammen mit dem Festival wurde auch die neue Sonderausstellung „Erforschung und Beseitigung“ des Lutherhauses eröffnet. Sie thematisiert Einfluss, Wirken und Aufarbeitung des berüchtigten Eisenacher „Entjudungsinstituts“, das 1939 von elf evangelischen Landeskirchen gegründet worden war.
Das ACHAVA-Fest hatte in den Vorjahren bisher hauptsächlich in Erfurt stattgefunden. In Eisenach wurde es vor Ort vom Lutherhaus organisiert und betreut.
Jedes Jahr zum 1. September beginnt in der EAT ein neuer FSJ-Turnus. Dieses Jahr hat Jan Einicke die Stelle bekommen und bereits die ersten drei Wochen hinter sich gebracht, die für ihn bei all den neuen Dingen, die es zu lernen gibt, wie im Fluge vergingen. Warum es den ehemaligen Schüler des Albert Schweitzer Gymnasiums in Erfurt gerade nach Neudietendorf an die Akademie verschlug, hat ganz pragmatische Gründe: „Ich habe über die LKJ nach Einsatzstellen fürs FSJ gesucht. Bei einer Infoveranstaltung wurde das FSJ Politik vorgestellt und auch, bei welchen Institutionen man sich dafür bewerben kann. Da ich bereits in der Evangelischen Jugend Erfurt aktiv bin, wollte ich gern eine für mich neue Einrichtung der Kirche kennenlernen.“
Unter anderem war und ist Jan Einicke bei der Jungen Gemeinde als Betreuer auf Freizeiten tätig, er besitzt sogar eine sogenannte „Juleica“ – eine Jugendleiter/in-card. Da liegt es nahe, dass er sich speziell für die politische Jugendbildung interessiert. Nächste Woche wird er zum ersten Mal bei einer gesamten Veranstaltung dabei sein und mithelfen: Beim Projekttag „Thüringer Fluchtgeschichten“ in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg wird er das Tagungsteam durch die Moderation eines Thementisches unterstützen. So kann er Abläufe bei der Organisation von Veranstaltungen kennenlernen und sich selbst gleich aktiv ausprobieren.
Nach dem FSJ möchte Jan Einicke studieren, vielleicht ein mathematisches oder physikalisches Fach. Dieses Jahr zwischen Abitur und Uni soll ihm unter anderem auch bei der Entscheidungsfindung helfen und ihn auf gute Ideen bringen. Das Team der EAT hofft, dass er durch die Arbeit an der Akademie inspiriert wird und freut sich sehr über die Unterstützung.