Antisemitismus ist ein ebenso altes wie beständiges und aktuelles Problem, das in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Was macht Antisemitismus so zählebig, in welchen Formen tritt er in Erscheinung und wie prägt er Weltanschauungen? Welche religiösen, christlichen, protestantischen Anteile sind im modernen Antisemitismus vorhanden? Und welche Vorurteile hat jede und jeder Einzelne vielleicht auch selbst und trägt so eher zum Fortbestand statt zur Lösung des Problems bei?
Das Projekt „Antisemitismus und Protestantismus“ der Evangelischen Akademien in Deutschland e. V. (EAD) und der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) sucht nach Antworten auf diese und andere Fragen. Mit Veranstaltungen, Impulsen, Konzepten und Diskussionen will das Projekt dabei nicht nur auf das Problem Antisemitismus aufmerksam machen, sondern Gegenstrategien entwickeln.
Mit der Broschüre „Antisemitismus und Protestantismus – Impulse zur Selbstreflexion“ ist nun eine Zusammenfassung von Überlegungen und Erfahrungen im Projekt erschienen. In Text und Bild lädt sie zum Nachdenken darüber ein, warum die Auseinandersetzung mit Antisemitismus auch und gerade im evangelischen Bereich notwendig ist.
Die Broschüre kann hier digital als PDF heruntergeladen werden. Weitere Informationen zum Projekt finden sich auf der Website der EAD.
1969 hielt Hubertus Halbfas einen Vortrag in Tübingen. Darin forderte er „die vielen heiligen Kühe des Kirchenamtsapparats zu schlachten.“ Daraufhin lobte die Katholische Nachrichtenagentur die „geradezu selbstmörderisch-offene Sprache“ des Reutlingers. Der Intendant des Süddeutschen Rundfunks sprach vom „Thesen-Anschlag in Tübingen“. Und auch die Stuttgarter Zeitung verglich Halbfas mit Luther. Sie beschrieb ihn als einen „feingliedrigen Westfalen mit den tiefliegenden, in sich selbst hineingehenden Augen und der kahlen Stirn eines fernöstlichen Asketen.“
All das ist nachzulesen im Spiegel vom 26. Mai 1969. 50 Jahre später war Hubertus Halbfas in Jena zu Gast auf Einladung der Evangelischen Akademie und der Universität. An die 150 Besucher waren gekommen um den Religionspädagogen, Generalisten und Grenzgänger zu hören.
Jesuanischer Entwurf, paulinische Ersetzung des historischen Jesus, herrschender Christus und Reichskirche, fränkisch-germanische Wandlung, reformierte Christenheit: Diese Ursprünge und Wandlungen des Christentums beschrieb Hubertus Halbfas auf historischer Ebene und mit Blick auf die Gegenwart. Seine Grundthese lautete: Das Reich Gottes als egalitäre, radikale und utopische Opposition trete in der Geschichte immer weiter in den Hintergrund. Dafür werde die Erlösungstheologie des Paulus zum Fundament der Kirchen. Eine Praxis werde zur Lehre, der arme Wanderprediger sukzessive zum Weltenherrscher. Die Reformation habe das Christentum später auf ein neues Niveau gehoben. Allerdings gelte es heute, die gefrorene Reformation aufzutauen. Sprich: die Fixierung auf paulinische Theologie aufzugeben und sich am Leben und Verhalten des Jesus von Nazareth zu orientieren.
Den Vortrag von Prof. Halbfas können Sie hier nachhören.
So vielfältig wie die Teilnehmenden waren auch ihre Avatare, die sie im Seminar erstellten. Foto: Screenshots (avatar24.de, ageofgames.net und wowhead.com)
Ein stattlicher Krieger in blauschimmernder Rüstung mit flammendem Schwert, der durch die Weiten der Tundra auf einem Tiger reitet; ein Bikini-Model, das mit hartem Training und genauer Kontrolle des Essens das Maximum aus ihrem Körper herausholt; ein Fußballer, der auf YouTube seine besten Tricks zeigt und dessen Haare dabei perfekt sitzen… Online wimmelt es von Identitätsentwürfen und Möglichkeiten sich selbst darzustellen. Insbesondere für Jugendliche, aber längst nicht nur für sie, sind sogenannte Social Media damit ein wichtiger Austragungsort für die Suche nach dem eigenen Ich und die Präsentation der wechselnden Ergebnisse. Das bietet Freiräume, sich auszuprobieren und selbst zu verwirklichen, aber birgt auch pädagogische Herausforderungen. Denn wie unterscheidet man ein erstrebenswertes Ziel von einem unrealistischen Ideal? Und wie ein bewundernswertes Idol von einem schlechten Vorbild, das einen das Selbst eher vergessen macht als die Ich-Werdung zu unterstützen?
In der vergangenen Woche gingen 16 Religionslehrerinnen und -lehrer in einem Seminar des Religionspädagogischen Instituts Loccum (RPI) unter Anleitung von Dr. Annika Schreiter der Frage nach, welche Rolle digitale Medien bei der Identitätsentwicklung von Jugendlichen spielen. Organisiert wurde das Seminar unter dem Titel „Mein Weg, meine Wahrheit, mein Leben. Identitätsfindung von Jugendlichen mit Medien“ von Dr. Simone Liedtke, Dozentin für Medienpädagogik am RPI. Es bestand aus einer Mischung aus wissenschaftlichem Vortrag, Selbstauseinandersetzung und Ausprobieren. Im Zentrum standen dabei erprobte Methoden aus der Jugendbildungsarbeit der Evangelischen Akademie Thüringen und der Jugendbildungsstätte Junker Jörg, wie z.B. Selbsterfoschungsübungen aus dem Projekt Bubble Crasher oder der Avatar-Workshop, der als Bildungsmodul in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg angeboten wird. Ergänzt wurde das Angebot aus Thüringen mit Filmempfehlungen von Simone Liedtke. Die Lehrerinnen und Lehrer erschlossen sich so Wege, mit ihren Schulklassen über Identität und Medien, über Selbstoptimierungs-Zwang und Freiräume ins Gespräch zu kommen und sie auf dem steinigen Weg zu sich selbst ein wenig zu unterstützen.
1989 bewegten viele Themen die Menschen, die auf die Straße gingen und schließlich mit ihrem friedlichen Protest die Mauer zum Einsturz brachten. Ganz wesentlich war es der Wunsch nach Frieden, Freiheit und Bewahrung der Schöpfung. Manche dieser Themen stehen auch heute wieder oder immer noch auf der Agenda. Grund genug, über die Parallelen von damals vor 30 Jahren und heute ins Gespräch zu kommen. Dazu hatten die Offene Arbeit in Erfurt, die Stiftung Ettersberg und das Evangelische Büro Thüringen am Samstag, 25. Mai, unter dem Titel „Die Zeit ist reif. Aufbruch ‚98“ zu einem World Café ins Johannes-Lang-Haus eingeladen. An drei Tischen diskutierten Teilnehmende aus drei Generationen Fragen, die damals wie heute wichtig sind. An einem Tisch ging es um die Bewahrung der Schöpfung. Hier moderierte Wolfgang Musigmann von der Offenen Arbeit in Erfurt. 1989 war die Luftverschmutzung in Erfurt für jeden sicht- und riechbar. Heute ist der Klimawandel ein beherrschendes Thema, auch wenn die Auswirkungen weniger unmittelbar spürbar sind, als die des Smog in den 80er-Jahren. Wie viel Katastrophe braucht Mensch also, um aktiv zu werden? Die Teilnehmenden betonten die Verantwortung jedes einzelnen, damals wie heute, Umweltschutz im Alltag ernst zu nehmen.
Am zweiten Tisch lud Pfarrerin Susanne Sydow ein zur Diskussion zu dem Satz: „Da kann man doch nüscht machen!“ Resignation, dass „die da oben“ ohnehin machen, was sie wollen, sei ein verbindendes Element, dass sich heute wie damals bei vielen zeige.
Am dritten Tisch ging es um „Wahrheit oder Lüge“. Dr. Annika Schreiter moderierte die Diskussion um Pressefreiheit, bewusste Lügen von Mächtigen und die neue Unübersichtlichkeit digitaler Medien. Hier wurde die große Anstrengung benannt, in der großen Meinungs- und Medienvielfalt seriöse Nachrichten von Meinungsmache zu unterscheiden. Alle waren sich darin einig, dass es so viele subjektive Wahrheiten gibt, wie Menschen auf der Erde. Problematisch sei aber, wenn man diese unreflektiert mit der eigenen Meinung gleichsetze. Das, so das Fazit dieser Diskussion, sei ein grundlegendes Problem unserer Zeit.
Das Smartphone ist ein vielseitiges Medium. Mit Apps, Internet, Telefonie, Chats, Fotos… eröffnet es buchstäblich einen tragbaren Zugang zur Welt in der Hosentasche. Auch Kurzfilme lassen sich unkompliziert und schnell verwirklichen. Wie geht das, von der Idee bis zur Umsetzung? Wie setzt sich ein Film zusammen und was ist bei Planung, Filmdreh und Schnitt zu beachten? Um diese Fragen drehte sich der Workshop „Handyfilm leicht gemacht“, der am 28. Mai 2019 im Rahmen des 3. Thüringer Aktionstages für Medienbildung als gemeinsames Projekt der Evangelischen Akademie, Jugendbildungsstätte Junker Jörg und Evangelischen Jugend des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen stattfand.
Im Workshop erstellten die Konfirmandinnen und Konfirmanden eigene Kurzfilme rund um die Themen „Nachhaltigkeit, Umwelt und Bewahrung der Schöpfung“ mithilfe des Smartphones. Dazu beschäftigten sich die Jugendlichen zunächst mit Grundlagen des Filmens: Was hat es mit Einstellungen, Sequenzen und Szenen als Bestandteile eines Films auf sich? Welche Kameraperspektiven können gewählt werden, um eine Geschichte zu erzählen? Aufbauend darauf ging es an das Erstellen eines Storyboards, das als Drehbuch für den späteren Film fungierte. In Kleingruppen überlegten die Jugendlichen, was ihr Film erzählen, welche Botschaft zu Klima- und Naturschutz vermittelt, wer welche Rolle spielen oder wie das Bühnenbild aussehen sollte. Die Umsetzung des Films war dabei auf verschiedene Weise möglich: Es konnte geschauspielert, gezeichnet oder auch mit Legetrick und Spielfiguren gearbeitet werden, um Ideen in Szene zu setzen. Nach dem Dreh schnitten die Gruppen das Filmmaterial abschließend am Computer zum fertigen Kurzfilm zusammen. Insgesamt entstanden im Workshop so fünf Filme von bis zu einer Minute Länge.
Der Projekttag wurde unterstützt und gefördert von der Landesmedienanstalt Thüringen (TLM). Eine Übersicht über alle Netzwerkprojekte, die am Thüringer Aktionstag für Medienbildung stattfanden, sowie weitere Informationen finden sich auf den Seiten der TLM.
Die Debatte um das (bedingungslose) Grundeinkommen nimmt Fahrt auf: So auch beim Fachtag Grundeinkommen der Diakonie Deutschland. Denn es geht um ein Konzept, das bestechend einfach ist: Jede Bürgerin und jeder Bürger erhält ein Einkommen, dass die Existenz auch unabhängig von Erwerbseinkommen sichert.
Derzeit übernimmt in Deutschland der Sozialstaat diese Funktion: Menschen, die aus eigener Kraft nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen können (Kinder, Alte, Kranke, Arbeitslose), erhalten Sozialleistungen. Allerdings sei die Sozialverwaltung unübersichtlich geworden, weil alle Fälle individuell geprüft werden müssten. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Pascal Korber sprach daher von 143 Sozialleistungen, die von 37 Behörden ausgezahlt würden.
Der Wunsch nach einer Vereinfachung ist verständlich: Wenn es gelänge, die Sozialbürokratie abzubauen, könnte der Schwerpunkt stärker auf Beratung und Begleitung statt Leistungsverwaltung gelegt werden. Daher wird mit dem Grundeinkommen die Hoffnung auf den Abbau der Bedürftigkeitsprüfung verbunden. Denn viele auf Sozialleistungen Angewiesene fühlen sich dadurch stigmatisiert und Zwangsmaßnahmen ausgesetzt. Der Sozialstaat erreiche daher erwiesenermaßen nicht alle Bedürftigen, wenn diese etwa ihre Ansprüche nicht durchsetzen, so Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB für Bündnis 90/Die Grünen.
Aber ist das Grundeinkommen tatsächlich das Allheilmittel, als das manche es sehen? Die Diakonie Deutschland befasst sich derzeit ernsthaft mit dem BGE. Bis Herbst 2019 wird sie eine Grundsatzposition erarbeiten. Daher wurde zu einem Fachtag Grundeinkommen eingeladen, um unterschiedliche Perspektiven zu hören und zu diskutieren. Der Marburger Sozialethiker Franz Segbers begründete das Versprechen der Gesellschaft, Menschen in Not zu unterstützen. Sozialleistungen seien keine gewährte Gnade, sondern Pflichtaufgabe des Staates. Prof. Sascha Liebermann von der Alanus-Hochschule zeigte die positiven Wirkungen eines Grundeinkommens auf die bisher bei Sozialleistungen weitgehend unberücksichtigten Aspekte von Arbeit (Sorgearbeit, Ehrenamt) auf. Und Prof. Michael Opielka aus Siegburg, der bereits im Vorjahr auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Thüringen vorgetragen hatte, stellte sein Konzept einer Grundeinkommensversicherung vor. Eine Videoaufzeichnung des Fachtags finden Sie hier.
Die Debatte ist eröffnet. Welche Ideen zum Grundeinkommen sich in der Wissenschaft und auf politischer Bühne durchsetzen werden, ist offen. Doch dies ist praktische Politikgestaltung: Analysieren, Diskutieren, Wirkungen abschätzen, Mehrheiten finden. Sie sind eingeladen, sich daran zu beteiligen: Die Evangelische Akademie Thüringen wird im Oktober zu diesem Thema eine Tagung veranstalten.