Maria, die Demütige. Maria, die Schweigende. So wurde die Mutter Jesu lange dargestellt. Allenfalls im Lobgesang Marias (Lk 1,46-55) kam ab und an eine andere Seite zum Vorschein. Martin Luther etwa schrieb in seiner Magnifikat-Auslegung:
„Maria singt von Gott, der da mächtig ist. Oh das ist eine große Kühnheit und ein großer Raub von solchem jungen, kleinen Mägdlein: Getraut sich, mit einem Wort alle Mächtigen schwach, alle Großtuenden kraftlos, alle Weisen zu Narren, alle Berühmten zuschanden zu machen.“
Doch Dr.in Dr.in Schwester Teresa Forcades Vila (Kloster Montserrat, Barcelona) zeigte beim öffentlichen Abendvortrag am 10. Juni im Bildungshaus St. Ursula Erfurt anhand von Marias Worten und Handlungen auf: Maria wird in den Evangelien nach Lukas und nach Johannes auch sonst als aktive Frau geschildert: Sie fragt bei der Ankündigung ihrer Schwangerschaft kritisch nach, wie solches geschehen kann. Sie entscheidet sich freiwillig für diese und geht damit ein Risiko ein – bis hin zur drohenden Steinigung. Erst dann, im Lobgesang, kommt Freude auf. Das erste Wort, das sie nach Johannes direkt zu Jesus spricht, ist: Es fehlt an Wein. Bei der Hochzeit zu Kana sieht sie, woran es mangelt und tut da etwas, wo Jesus noch zögert. Sie geht zu den Dienern und bringt Jesus so zum Handeln.
Die Kühnheit, der Mut der Maria: Das sei es, was auch die Initiative Maria 2.0 in der römisch-katholischen Kirche motiviere. Es brauche einen gerichteten Mut, um Veränderungen zu erreichen, so Marie Merscher (Maria 2.0 Berlin) im Gespräch. Teresa Forcades ergänzte: Courage bedeute, es kommt von Herzen und das Gehirn sagt, so machen wir das jetzt.
Der Abend fand in hybrider Form – in Präsenz und online statt. Er war eine Kooperation der Ev. Frauen in Mitteldeutschland, der Ev. Akademie Thüringen und dem Amt für kirchliche Dienste in der EKBO. Die Moderation hatte Prof.in Dr.in Ulrike E. Auga (Universität Hamburg). Die Begrüßung und der Vortrag wurden aufgezeichnet und werden demnächst online abrufbar sein.
Am warmen Sommerabend des 7. Juni trafen sich mehr als 60 Gäste aus Politik, Kirchen und Gesellschaft zum Empfang des Kirchenkreises Wittenberg. Nach einer Andacht sprach Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich in der Schlosskirche zum Thema: „Eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei – Herausforderung Einsamkeit“.
Einsamkeit habe gesundheitliche wie gesellschaftlich negative Folgen, so Kranich. In der Corona-Krise seien besonders alte Menschen, isoliert in Pflegeheimen, wie junge Menschen, getrennt vom persönlichen Umgang mit Gleichaltrigen, von Einsamkeit betroffen gewesen – im Sinne eines objektiven Mangels an sozialen Kontakten.
Diese Ausnahme bestätige, was in der Forschung bekannt sei: In Krisen- und Kriegszeiten steige die Einsamkeit an. Der zweite Weltkrieg etwa habe eine intensive Vereinsamung erzeugt. Die Gründe hierfür seien klar: Ganze Generationen traumatisierter Männer seien in ihre Familien zurückgekehrt – falls sie nicht gefallen waren – und hätten dort die Qualität der Familienbeziehungen gemindert. Der Grad an nachhaltiger emotionaler Isolation durch diesen Krieg ließe sich kaum überschätzen. Diese Erkenntnis sei nicht nur eine historische sondern aktuell im Blick auf die Kinder dieser Zeit, die heute alt werden und sind. Sie sei auch mehr als Vergangenheit, wenn man an die Wirkweisen trans- oder intergenerationaler Weitergabe denke.
Unbestreitbar sei, dass Einsamkeit der Gesundheit massiv schade. In Studien sei nachgewiesen: Isoliert lebende Menschen tragen ein höheres Risiko an einem Herzinfarkt, an Durchblutungsstörungen des Gehirns und Störungen des Blutkreislaufs, an Krebs oder an Magen-Darm-Erkrankungen zu sterben. Bei isoliert lebenden Menschen sind die Entzündungswerte im Blut höher. Einsamkeit führt zu einer geringeren Schlafqualität: Nicht so sehr, was das Einschlafen und die Schlafdauer angeht. Aber der Schlaf ist stärker durch Minierwachen fragmentiert als bei Nichteinsamen. Im ersten Corona-Lockdown habe eine 88-jährige Seniorin in einem Caritas-Heim in Graz geäußert: „Die Einsamkeit tut schon weh.“ Und genau das sei wissenschaftlich erwiesen. Denn seit ein paar Jahren sei bekannt: Schmerzen und Alleinseins werden im Gehirn im selben Areal, im limbischen System, verarbeitet.
Der Herausforderung Einsamkeit sei auf zwei Ebenen zu begegnen: Es gelte soziale Isolation zu durchbrechen durch bessere Gemeinschaftsangebote. Und es gelte – für Menschen mit einem subjektiv starken Einsamkeitserleben – psychotherapeutische und seelsorgerliche Angebote zu machen. Darüber hinaus käme es darauf an, dass über Einsamkeit offen kommuniziert werden könne. Einsamkeit dürfe kein individueller Makel mehr sein, den man schamhaft zu verbergen suche. Es sei zu hoffen, dass die Corona-Krisen-Erfahrung uns begreifen lässt: Junge und Alte können einsam sein. Jede und jeder könne im Leben davon betroffen werden. Sei es durch Trennungen oder den Tod des Partners, der Partnerin.
Abschließend bemerkte Kranich: Einsamkeit korreliere eindeutig mit Einkommen. Große Studien zeigten konsistent: Ein höheres Einkommen gehe mit geringerer Einsamkeit einher. Doch zeige sich das Einsamkeitsrisiko auch am anderen Ende der Skala: Die Einsamkeitswerte seien tendenziell auch hoch bei Personen mit höherer Bildung, die in Vollzeit arbeiten. Auch die 60-Tage-und-mehr-Woche oder das Herausgehobensein aus der Gruppe könnten einsam machen.
Hier könne nun das Lob des Alleinseins gesungen werden; des temporären Rückzugs aus den Geschäften an einen Ort der Muße. Doch sei bei einem Empfang besser zur Geselligkeit geraten. So wie es Martin Luther in einem Brief an den unter Depressionen leidenden Theologieprofessor Hieronymus Weller unter anderem geschrieben habe:
„Die Einsamkeit musst du auf jede Weise fliehen, denn so fängt dich dieser Teufel am sichersten und stellt dir nach, wenn du allein bist. […] Daher sollst du mit deiner Frau und den anderen scherzen und spielen, damit du diese teuflischen Gedanken zu Fall bringst, und sei darauf bedacht, dass du guten Mutes bist. […] Suche sofort die Unterredung mit Menschen oder trinke etwas reichlicher.“
Nach einer kurzen Diskussion, bei der es um Einsamkeit und soziale Medien, Einsamkeit in der Großstadt und das individuell sehr unterschiedliche Einsamkeitsempfinden ging, war reichlich Gelegenheit Luthers Worten Folge zu leisten: bei Begegnung, Imbiss und Austausch auf dem Schlosshof.
Soziales Engagement und Ehrenamt waren schon immer ein bewährtes Mittel in ländlichen Regionen, um gesellschaftlich integriert zu sein und in der Politik vor Ort mitentscheiden zu dürfen. Das ist auch heute noch so; jedoch verändern sich die Bedingungen auf allen Ebenen: strukturell, z.B. in Sachen Förderung durch Bund und Land, medial im Zuge der Digitalisierung und individuell-lebenspraktisch durch hohe Mobilitäts- und Flexibilitätsansprüche in Beruf und Freizeit. Vereinfacht gesagt wird vieles dadurch kurzfristiger und administrativ aufwendiger. Statt einer dauerhaft angelegten Strukturförderung geht der Trend zur Projektförderung mit begrenzter Laufzeit, und neben das formalisierte, klassische Ehrenamt tritt ein sporadischeres Engagement, das wichtig, aber schwer zu kalkulieren und zu überschauen ist. Dem müssen Akteure in Dörfern und kleinen Ortschaften in ihren Planungen und Entscheidungen heutzutage gerecht werden. Keine leichte Aufgabe, und deshalb ist es gut, zu hören, wie es andere machen und sich mit Ihnen und mit Expert:innen aus Soziologie, Politik und Bildungsarbeit auszutauschen.
Dazu gab es Gelegenheit bei der Vernetzungstagung Zwischen den Generationen: Politik, Kultur und Ehrenamt vom 1. bis 2. Juni im Bildungshaus St. Ursula in Erfurt, an der 32 Personen aus allen Bundesländern und zahlreichen beruflichen Sparten teilnahmen. Organisiert wurde die Tagung von den Studienleiterinnen Dr. Kerstin Renz, Dr. Kerstin Schimmel und Dr. Sabine Zubarik aus den drei Evangelischen Akademien Bad Boll, Sachsen und Thüringen sowie von Mark Medebach aus der EAD, dem Dachverband der Evangelischen Akademien in Deutschland.
Neben Impulsvorträgen durch die Referierenden Prof. Dr. Marc Redepenning von der Universität Bamberg, Dr. Ansgar Klein vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement in Berlin und Dr. Thomas Gensicke von der Gensicke Sozialforschung München diskutierten die Teilnehmenden auch in Arbeitsgruppen, z.B. zu künstlerischen Interventionen im ländlichen Raum. Christian Rühl von der Mobilen Beratung Erfurt (MOBIT) berichtete von der Vereinnahmung generationeller Fürsorge durch rechtsextreme Akteure und David Wiedemann vom Ehrenamts-Stammtisch in Römhild teilte seine Erfahrungen zum Thema Demokratie stärken – Ehrenamt und Nachwuchsfrage im ländlichen Raum.
Bei der gemeinsam mit der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung organisierten abendlichen Literaturlesung stellte die Autorin Vera Vorneweg aus Düsseldorf Ausschnitte aus Ihrem Buch „Kein Wort zurück“ vor. Im anschließenden Gespräch ging es unter anderem um das vielfach diskutierte Wort „Heimat“, um die Zurückeroberung der Sprache und die Neuentdeckung der eigenen sowie fremder Dörfer.
Immer wieder wurde betont, wie wichtig es für Akteure ist, voneinander zu wissen. So kann vermieden werden, dass unnötige und manchmal konfligierende Parallelstrukturen gebildet statt schon bestehende Netzwerke genutzt werden. Neben den informell aufgebauten Kontakten wollen sich die Teilnehmenden auch zukünftig weiter treffen und austauschen; eine Vernetzungstagung ist auch für das kommende Jahr wieder angedacht und es fanden sich bereits neue Mitglieder für das Vorbereitungsteam.
Seit 100 Tagen führt Russland einen grausamen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seit mehr als zwei Jahren hat die Corona-Pandemie die Welt fest im Griff. Und seit noch viel längerer Zeit beschäftigt die Weltgesellschaft die Frage, wie die Klimakrise abzumildern ist. All das zermürbt – nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche. Im Online-Barcamp „wehrhaft – wertvoll. Politische Jugendbildung in Kriegs- und Krisenzeiten“ am 01. Juni eröffnete die Ev. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung den Raum, darüber ins Gespräch zu kommen. Auf dem Programm stand zunächst ein Auftaktgespräch mit Expert:innen und im Anschluss ein Barcamp, bei dem alle ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen einbringen konnten.
Es stellten sich drei Punkte als wichtig heraus: Erstens müsse Wissen und Kompetenzen gefördert werden. Nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene wüssten viel zu wenig über Osteuropa und seine Geschichte. So schilderte Ljudmyla Melnyk, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Politik e.V. aus Berlin im Auftaktgespräch des Barcamps: „Ukrainer:innen fühlen sich als Europäer:innen, werden aber in Deutschland oft nicht so wahrgenommen.“ Prof. Dr. Ekaterina Makhotina von der Universität Bonn plädierte für eine selbstkritische Erinnerungskultur: „Mit ‚Nie wieder!‚ ist noch nicht alles gesagt.“ Denn es werden Menschen wieder oder immer noch ausgegrenzt, ausgebeutet und an Leib und Leben bedroht, ohne dass Deutschland eingreife oder daraus aussteige. Ein weiterer wichtiger Wissensaspekt ist Medienkompetenz, die entscheidend ist, um in den Wirren der Kriegsberichterstattung und den Diskussionen auf Social Media-Plattformen nicht die Orientierung zu verlieren. Im Barcamp wurden hierfür mehrere Sessions angeboten, die sich um Wissens- und Kompetenzvermittlung drehten. So wurde die aktuelle friedensethische Debatte in zwei Sessions diskutiert, ein Blick auf Krisenberichterstattung in Kindernachrichten geworfen und Methoden im Umgang mit Fakenews zum Krieg vorgestellt.
Zweitens ist Resilienzförderung eine zentrale Aufgabe politischer Bildung. Marina Weisband, Diplompsychologin und Autorin, plädierte im Auftaktgespräch dafür, Räume für Begegnung zu schaffen: „Wir können einander helfen“, sagte sie. Diese Erfahrung zu machen und mitgestalten zu können, stärke gesellschaftlichen Zusammenhalt und individuelle, psychische Gesundheit.
Drittens ist es auch entscheidend, mit der eigenen Krisenmüdigkeit und Hilflosigkeit reflektiert, achtsam und offen umzugehen. Dies zeigte zum einen eine Session zu dialogischen Formaten zu Krieg und Krisen. Nur wer in Kontakt mit sich selbst steht, kann offen für die Emotionen der Teilnehmenden in Bildungsangeboten sein. Hier ist es wichtig sich klarzumachen, dass man auch als Lehrerin oder Jugendmitarbeiter nicht jede Frage zu den Hintergründen des Kriegs direkt erläutern können muss, oder zugeben kann, dass gerade niemand weiß, wie es in der Ukraine und Europa weitergeht.
Die einzige Antwort auf all diese Krisen könne nur das Bemühen darum sein, wie wir demokratischer werden können – so Ole Jantschek, Pädagogischer Leiter der Ev. Trägergruppe. Gerade in Krisenzeiten müssen wir als Gesellschaft zusammenrücken, empathisch sein und Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, um der Hilflosigkeit und der Krisenmüdigkeit die Stirn zu bieten.
Wie kann man Kindern den Krieg in der Ukraine erklären? Ohne zu lügen oder zu verharmlosen, aber auch ohne unnötig Ängste zu schüren? – Dieser Herausforderung müssen sich derzeit nicht nur Eltern und Pädagog:innen stellen, sondern auch Kindermedienmacher. Im Online-Panel „Lass uns darüber reden – Nachrichten und Informationen für Kinder über den Krieg in der Ukraine“ im Rahmen des Kindermedienfestivals Goldener Spatz sprachen am 30. Mai Vertreter:innen von Informations- und Nachrichtensendungen für Kinder darüber, wie der Krieg Eingang in ihre Formate gefunden hat. Dr. Annika Schreiter von der EAT moderierte.
Birgit Guth, Leiterin der Markt- und Medienforschung von SUPER RTL, eröffnete das Panel mit einem Einblick in die kindliche Wahrnehmung von Kriegs- und Krisenberichterstattung. Eltern von Vorschulkindern gelänge es recht gut, ihre Kinder abzuschirmen. Dies ändere sich ab dem Grundschulalter. Dann bekommen Kinder die großen Krisen in den Nachrichten mit und wollen wissen, was warum passiert und auch, ob für sie eine Bedrohung besteht. Dies bestätigte Constanze Köchel, Leiterin der ZDF-Kindernachrichten logo!. „Bei uns gingen in den ersten Tagen des Kriegs tausende E-Mails mit Fragen von Kindern ein“, berichtete sie. Viele fragten danach, wie weit die Ukraine weg sei oder ob es auch in Deutschland Krieg geben werde.
Birgit Guth erklärte, wie Kinder mit Kriegs- und Krisennachrichten im Kinderfernsehen gut umgehen könnten. Wichtig sei eine kindgerechte Sprache und nachvollziehbare Erklärungen. Zudem brauche es Momente der Entlastung zum Beispiel durch Humor oder durch Empowerment: „Es entlastet Kinder, wenn sie das Gefühl haben, etwas tun zu können.“
Ansätze zum Empowerment finden sich daher in vielen Formaten, die im Panel vorgestellt wurden. Redakteur Tobias Kilwing von TOGGO Radio erzählte beispielsweise, dass er im Programm erkläre, dass es Kindern aus der Ukraine schon helfe, wenn man nett zu ihnen sei und mit ihnen spiele. Das Doku-Format Schau in meine Welt! der ARD produzierte spontan die Web-Reihe „#Ukraine – Wir für die Ukraine“, in der Kinder aus verschiedenen Ländern zeigen, wie sie sich engagieren.
Eine weitere Reihe unter dem Titel „#Ukraine – Wie wir den Krieg erleben“ zeigt im Tagebuchformat den Alltag von Kindern und Jugendlichen in der Ukraine. Auf der einen Seite sei das zum Teil schwer zu ertragen – nicht nur für die jungen Zuschauer:innen, sondern auch für die beteiligten Medienmacher, wie Thomas Miles vom Kinderkanal von ARD und ZDF berichtet. „Gleichzeitig ist es aber auch gut zu sehen, mit was für einer Stärke diese Kinder in dieser Situation ihren Alltag meistern.“ Und seine Kollegin Anke Gerstel vom MDR schlussfolgert: „Dass die Welt so ist, wie sie ist, da können wir nichts für. Aber wir können Kindern helfen, zu verstehen und nachzuempfinden.“
Mitten im Zentrum Erfurts ging es am vergangenen Samstag um Abgelegenes: Im Theater Waidspeicher trafen sich zum Theatertag 20 Interessierte, die mehr über einsame Inseln erfahren wollten.
Dass Inseln einen Lieblingsschauplatz in der Literatur darstellen, und zwar von der Antike bis heute, stellte Studienleiterin Sabine Zubarik in ihrem Einführungsvortrag vor. Darin zeigte sie, dass die Geschichten über Inseln von Annahmen durchzogen sind, die an sich zwar einleuchten, oft aber als Klischees überstrapaziert werden und mitunter unseren verstellten, westlichen Blick auf die Materie durchscheinen lassen. So sind viele Inseln – wie auch Judith Schalansky in ihrem Buch Atlas der abgelegenen Inseln von 2009 deutlich macht – gar keine Sehnsuchtsorte, sondern eher Zeugnis von Machtkämpfen, Kolonialisierungsversuchen, menschlichen und natürlichen Katastrophen. Schalanskys Buchprojekt lehrt uns auch, dass Objektivität und Erzählbarkeit im Falle von etwas so Randständigem wie Inseln problematisch ist, weshalb sie – graphisch und narrativ – versucht, jede ihrer 50 Inseln einmal als Zentrum der Welt auftreten zu lassen.
Anschließend sprach die Dramaturgin des Hauses, Susanne Koschig, über die Geschichte des Waidspeichers und die besondere Bedeutung von Puppentheatern in Ostdeutschland. Anschaulich brachte sie dem Publikum die unterschiedlichen Puppenarten und die offene Spielweise des Waidspeichers näher, bei der die Darsteller:innen im Stück nicht nur sichtbar sind, sondern oftmals mit den Puppenfiguren interagieren, z.B. als Doppelgänger oder gar physischer Teil des Puppenkörpers. Dabei erfuhren die Gäste auch, dass die zur Aufführung an diesem Abend eingesetzten Puppen „Vierfüßler“ genannt werden, da sie mindestens zwei (oft sogar drei) Spieler benötigen, weil alle vier Gliedmaßen einzeln bewegt werden können. Schließlich sollten die Zuhörenden selbst durch Arm- und Handpositionen sowie Fingerbewegungen ausprobieren, wie eine typische Handpuppe geführt wird.
In der Werkstattführung sah man die Puppen von Nahem, durfte sogar mal selbst in die rechte Hand des Königs schlüpfen und noch unbemalte Köpfe bewundern. Richtig anatomisch wurde es mitunter, denn die Gelenke der Puppen sollen analog zum menschlichen Bewegungsapparat funktionieren, dazu noch strapazierfähig sein und sich gut umkleiden lassen.
Das Highlight des Theatertags folgte mit der abendlichen Aufführung der Inszenierung von Schalanskys Atlas mit drei Puppenspielern, die anschließend zusammen mit der Dramaturgin zum Publikumsgespräch bereitstanden. 12 der insgesamt 50 Inseln aus dem Buch fanden ihre szenische Umsetzung, wobei darauf geachtet wurde, dass alle Weltmeere vertreten waren. Dass das Stück begeistern konnte, merkte man daran, dass etliche Gäste nun fest vorhaben, das Buch zu lesen und mehr zum Hintergrund der Geschichten zu erfahren.