Ein Oberst scherzte beim ersten Kaffee: Er hätte seinen Leuten gesagt, er gehe zum Mitteldeutschen Parkett. Das sei aber keine Tanzveranstaltung. Bewegt ging es dennoch zu beim 10. Mitteldeutschen Parkett „Frieden“ in Wittenberg. Denn in der Leucorea waren Vertreter und Vertreterinnen von Bundeswehr, Militärseelsorge, Kirchenleitung und Friedensgruppen zum Austausch zusammengekommen.
Ursprünglich sollte es um die Reflektion des Afghanistaneinsatzes gehen. Doch die aktuelle Lage ließ eine Programmänderung angeraten sein: „Welche Konsequenzen ergeben sich für Gesellschaft, Politik und Bundeswehr aus dem Krieg in der Ukraine?“ – So lautete das Thema am 20. und 21. April. Sicherheitspolitische, ökonomische, friedenslogische und friedensethische Perspektiven wurden intensiv diskutiert. Bei allen professionellen Unterschieden und positionellen Differenzen bestand eine große Hörbereitschaft. Und es gab einen wechselseitigen Respekt, den manch öffentliche Debatte derzeit vermissen lässt.
Konsens war: Die Ukraine hat ein Recht zur Selbstverteidigung gegen den russischen Angriffskrieg. Mehrheitlich wurden auch Waffenlieferungen an das Land unterstützt.
Die Referate und Diskussionsrunden fanden ihren Abschluss in einer Andacht, bei der das Vaterunser in ukrainischer und in deutscher Sprache gebetet wurde.
Viele denken bei Förderprogrammen für politische Bildungsarbeit zunächst an finanzielle Mittel, mit deren Hilfe Institutionen, Vereine und Einzelpersonen ihre Ideen umsetzen können. Genauso wichtig aber ist neben den Geldern auch die Befähigung dazu, Projekte organisieren und durchführen zu können. Auf dieser Erkenntnis fußt das von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Programm MITEINANDER REDEN, das sehr stark darauf setzt, die finanzielle Unterstützung zusätzlich zu flankieren mit Angeboten zu Vernetzung, Weiterbildung, Erfahrungsaustausch und individuellem Coaching.
Dafür traf man sich in Arnstadt in der Stadthalle für zwei Tage am 7. und 8. April. Projektleiter:innen des Programms waren bundesweit angereist, um beim zweiten Netzwerk- und Qualifizierungstreffen der aktuellen Förderperiode 2021-2023 mehr über die Programmidee zu erfahren, von der Arbeit aus anderen Projekten zu hören und sich durch Fortbildungsmodule inspirieren zu lassen. Auch die Evangelische Akademie Thüringen war mit einem eigenen Projekt unter der Leitung von Dr. Sabine Zubarik vertreten, bei dem es in den kommenden eineinhalb Jahren darum gehen soll, Neudietendorf als Ort der eigenen sowie der regionalen Geschichte unter die Lupe zu nehmen und darüber ins Gespräch zu kommen.
Den Auftakt des Treffens lieferte Prof. Dr. Bernhard Pörksen vom Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Online zugeschaltet sprach er über „die Kunst des Miteinander-Redens“ und über die Prinzipien, die für eine gelingende Kommunikation ausschlaggebend sind.
Im Anschluss stellten sich exemplarisch sieben der insgesamt hundert durch MITEINANDER REDEN geförderten Einzelprojekte vor und gaben zusammen ein vielseitiges Bild des Engagements in ländlichen Räumen ab: Vom Kulturbahnhof über den Sportverein, von der Mobilen Dorfmitte und einem Musikgeschichten-Podcast, von Zukunfts- und interkulturellen Dialogen und Nachbarschaft mit Asylsuchenden war alles vertreten.
Am nächsten Tag lag der Schwerpunkt auf den Qualifzierungsangeboten. Vier Workshops standen zur Auswahl, in denen man sich in kleineren Arbeitsgruppen Themen wie dem Umgang mit antidemokratischen Äußerungen, Moderationstechniken für mehr Teilhabe, Konfliktbewältigung sowie Gelingensfaktoren für die Projektumsetzung widmen konnte.
Es gab viel zu lernen und zu erfahren bei dieser Veranstaltung – aber am schönsten war, dass sie nach den im letzten Jahr nur online angebotenen Treffen jetzt in Präsenz stattfinden konnte und man sich auch am Abend und in den Pausen informell weiter austauschen konnte.
Es rauschen und klingen,
Es duften und singen
Die Wipfel im Hain,
Die Blumen am Rain,
Die Bächlein in Klüften,
Die Vöglein in Lüften:
Der Herr ist erstanden!
Was steht ihr und weinet
Um Gräber vereinet?
Der Sieg ist errungen,
Der Tod ist bezwungen,
Der Stein ist gehoben,
Es tönet von oben:
Der Herr ist erstanden!
(Julius Sturm – dt. Dichter, 1816-1896)
Das Team der Evangelischen Akademie Thüringen wünscht allen ein gesegnetes, frühlingsbeschwingtes Osterfest!
Das Flipchart, das Michael Seidel vom Bund der evangelischen Jugend in Mitteldeutschland (bejm) vor den Workshop-Teilnehmenden beschreibt, zeigt drei große Kreise, wie eine Zielscheibe. „Bedürfnisse“ steht dort in der Mitte, im Kreis darüber „Interessen“ und ganz außen „Positionen“. Diese sogenannte „Konfliktzwiebel“ verdeutlicht uns, dass jeder Mensch innerste Bedürfnisse hat, aus denen Interessen (was wir wirklich wollen) und Positionen (was wir sagen, dass wir wollen) hervorgehen. Sich dies vor Augen zu halten, kann helfen, in Gesprächen, Diskussionen und Argumentationen die Perspektiven des Gegenübers wahrzunehmen: Wie können wir mit Menschen zu umstrittenen Themen wie Klimawandel, Impfpflicht oder Umgang mit Fremdem argumentieren? Wie sprechen wir miteinander über unterschiedliche politische Überzeugungen? Und wie kann Gesprächsbereitschaft geschaffen werden, trotz oder gerade bei Meinungsverschiedenheiten?
Zu diesen Fragen kamen die Teilnehmenden des Workshops „Change my mind!“ vom 8. bis 11. April 2022 in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um gemeinsam die Fähigkeiten zu schärfen, den Diskurs zu suchen.
Jakob Funk, der zur Zeit sein FSJ Politik an der Evangelischen Akademie absolviert, erzählt von seinen Erfahrungen im Workshop: „Im Argumentationsworkshop haben wir verschiedene Methoden behandelt, wie man mit anderen besser ins Gespräch kommt. Es ging auch darum, wie man sich in einer Diskussion am besten verhalten kann, um niemanden anzugreifen oder der Person gegenüber kein Gefühl von Desinteresse zu zeigen. Man konnte auch kleinere Gesprächsrunden für eigene Projekte machen, wie zum Beispiel ein Jugendtaxi, das Jugendliche in der Stadt und auf dem Land nutzen können, oder die Gestaltung eines Klimazeltes auf dem Evangelischen Jugendfestival. In diesem Austausch ging es vor allem darum, sich gegenseitig zu beraten oder als Außenstehende Tipps und Ideen einzubringen und neue Möglichkeiten zu eröffnen. Es war eine sehr angenehme Lernatmosphäre, da viele der vorgestellten Methoden auch gleich zu einer praktischen Anwendung gekommen sind und man sich sehr gut in diese Thematik hereingefunden hat. Während des gesamten Workshops gab es viele Freiheiten und Möglichkeiten zur thematischen Selbstgestaltung und Raum für vertiefende Gespräche, etwa bei einer Stadtrallye durch Eisenach oder einer Wanderung zur nahegelegenen Wartburg. Bei einem kleinen Rollenspiel mit Kriminalfall, was auch für Einsteiger eine sehr interessante und gute Erfahrung war, konnten wir verschiedene Perspektiven fiktiver Personen einnehmen. Auch abends wurde es in keiner Weise langweilig, es gab sehr viele unterschiedliche Gesprächsthemen und sehr guten Austausch untereinander. Man konnte sich sehr gut unterhalten und wurde super in die Gruppe eingebunden.“
Der Workshop fand im Rahmen des Jugendpolitischen Teams (JPT) statt, das gemeinsam vom bejm, der Jugendbildungsstätte Junker Jörg und der Evangelischen Akademie begleitet wird. Jährlich wird ein Workshop des JPT mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten angeboten, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind. Dabei steht immer auch im Vordergrund, ausreichend Raum für den Austausch und die Entwicklung eigener Vorhaben und (jugendpolitischer) Projekte zu bieten, zu denen sich die Teilnehmenden vernetzen können.
Zwei Romane derselben Autorin standen am Samstag, den 9. April auf dem Programm der Online-Veranstaltung „Literarische Landsichten“: Unterleuten und Über Menschen von Juli Zeh. Beiden gemein ist der Handlungsort im ostdeutschen ländlichen Raum. Während der Roman Unterleuten, der 2016 auf den Buchmarkt kam, multiperspektivisch vom Zusammenprall unterschiedlicher Interessen der Dorfbewohner:innen – sowohl der kürzlich zugezogenen als auch der lang angestammten – erzählt, steht in Zehs jüngstem Buch Über Menschen von 2021 eine städtische Protagonistin und ihre Sicht auf die neue Erfahrung des Dorflebens im Mittelpunkt.
Im Verlauf der zweistündigen Zoom-Konferenz hörten die Teilnehmenden zwei wissenschaftliche Fachbeiträge und diskutierten deren Thesen. Dr. Julia Stetter von der Ruhr-Universität Bochum sprach über polyvalente Landsichten in Unterleuten und verglich dabei den Text mit der Filmadaption, einer dreiteiligen Serie, die im März 2020 im ZDF ausgestrahlt wurde. Dr. Tilman Venzl von der Universität Bielefeld nahm in seinem Vortrag unter dem Titel „Das Dorf als Brennpunkt der politischen Kultur: Juli Zehs Dorfromane und die Krise der Demokratie“ die kritische Rezeption von Über Menschen in den Blick.
Im anschließenden Gespräch ging es um vielerlei Fragen, unter anderem auch darum, wie die freundschaftliche Beziehung zwischen den Hauptfiguren Dora, die als Werbetexterin während der Corona-Pandemie aus Berlin aufs Land geflohen ist, und den in einem Bauwagen hausenden Gote, der sich selbst als „Dorfnazi“ bezeichnet, zu bewerten ist. In dieser Hinsicht provoziert Juli Zeh mit ihrem neuesten Roman noch mehr polemische Reaktion als bereits in ihren vorherigen Werken. Und so ist am Ende der Veranstaltungszeit die Diskussion noch ganz im Gange und keinesfalls an ihrem Ende. Ein gutes Zeichen – zeigt es doch, dass es über die unterschiedlichen Lektüren dieser Romane noch viel zu reden gibt und man sich andernorts weiter damit auseinandersetzen kann und muss.
Erste Szene: In der Redaktion des (fiktiven) Radiosenders „Saale Welle“ wird das Programm zum „Girls Day“ geplant. Der Chef kommt dazu, ignoriert routiniert die Redakteurinnen und fragt den einzigen anderen Mann im Raum: „Na, Holger, was habt ihr denn?“ Holger präsentiert genauso routiniert die Ideen seiner Kolleginnen, die nicht dazwischenkommen.
Zweite Szene: Martha hat große Neuigkeiten in der Teambesprechung. Sie ist schwanger. Nach den Glückwünschen kommen die Erwartungen und Ratschläge: „Wie lange bleibst du weg? Wenn du es heute noch nicht weißt, kannst du es uns ja nächste Woche sagen.“ – „Zwei Jahre bleibst du aber schon zuhause. Die Zeit kommt nie wieder!“ – „Wir müssen aber trotzdem den Jahresabschluss schaffen. Wie hattest du dir das gedacht?“ … Marthas Mann indes erzählt abends nur von knallenden Sektkorken und Glückwünschen.
Die beiden Theaterszenen entstanden im Einführungs-Workshop „Forumtheater und politische Bildung“, der Ende März bereits zum vierten Mal in Zusammenarbeit mit dem Berliner Theaterpädagogen Till Baumann angeboten wurde – dieses Mal in Bad Kösen. Forumtheater ist eine Methode des „Theaters der Unterdrückten“ des brasilianischen Theatermachers Augusto Boal. Darin werden Szenen erlebter Unterdrückung oder Diskriminierung erarbeitet und auf die Bühne gebracht. Es geht nicht nur darum, diese Erlebnisse sicht- und besprechbar zu machen, sondern Darstellende wie Zuschauende zu befähigen und zu bestärken etwas zu verändern. Denn auf die Aufführung folgt das sogenannte Forum, bei dem Menschen aus dem Publikum eingeladen werden, in die Szene auf der Bühne einzugreifen und sie zu verbessern – durch Vorschläge oder auch durch eigenes Ausprobieren.
Wie ist es, wenn die Redakteurinnen in der Konferenz gemeinsam aufstehen und laut benennen, dass sie gerade übergangen werden? Was ändert sich, wenn in der Teamsitzung eine Kollegin Martha zur Seite springt und deutlich auf die rechtliche Lage zur Elternzeit hinweist? Was passiert, wenn …
„Wichtig beim Forumtheater ist die transformierende Haltung“, erklärte Till Baumann im Workshop. Realität lässt sich verändern und es gibt immer mehrere Möglichkeiten dazu. Damit eignet sich Forumtheater als Methode zum Empowerment und für die kritische Hinterfragung diskriminierender Strukturen.