Mit großer Mehrheit und ohne Gegenstimme wurde in der Kuratoriums-Sitzung der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf ein neuer Vorsitz gewählt. Neuer Vorsitzender des Gremiums ist Prof. Dr.-Ing. Karlheinz Brandenburg, Geschäftsführer der Brandenburg Labs GmbH; seine Stellvertreterin ist nun Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der EKM.
Letztere erinnerte in der Andacht vor dem Buß- und Bettag an die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im nahen Arnstadt in der NS-Zeit und mahnte Einsatz für Mitmenschlichkeit in der Gegenwart an.
Karlheinz Brandenburg oblag es, die Sitzung zu leiten. Es war ein noch ungewohntes Bild, den bisherigen Stellvertreter in dieser Rolle zu sehen.
Auf der Tagesordnung standen neben der Wahl unter anderem der Bericht des Direktors zur Lage der Akademie und die Vorstellung des neuen Studienleiters für Arbeit und Wirtschaft, Dr. Dr. Frank Fehlberg.
Am vergangenen Samstag, 12. November, gab es auf dem Areal ums Zinzendorfhaus viele Menschen, die ganz genau hinschauten: Mit diversen Kameras und Objektiven ausgerüstet und nach einem Impulsvortrag auch mit technischem Knowhow versorgt, nahmen sie, zunächst zu zweit, dann in Kleingruppen, Objekte und Strukturen am Haus und im Garten unter die Lupe. Dabei wurden aufgerollte Gartenschläuche genauso inspiziert wie versteckte Wasserhähne oder das Laub auf den Bänken. Auch die Gipsbüste Zinzendorfs stand Modell; einige ließen sich von einem einzelgängerischen Schmetterling auf Herbstblumen inspirieren, andere vom Licht- und Schattenspiel in den Laubengängen.
22 Personen aller Altersgruppen hatten sich zur Fotowerkstatt „Rangezoomt…“ angemeldet, die im Rahmen eines Projekts aus dem Programm MITEINANDER REDEN in Neudietendorf stattfand. Für Expertise und Beratung sorgte der Referent John-Michael Mendizza aus Erfurt.
Herausgekommen sind nicht nur erstaunliche Detailfotos, die ganz neue Perspektiven auf Dinge und ihre Anordnungen werfen, sondern auch ein intensiver Austausch darüber, was Bilder eigentlich erzählen können und wie sie uns wiederum zum Erzählen anregen – denn dies war das Hauptthema des Workshops. Dabei blieb nicht aus, auch über Medienkompetenzen bei der Bildbetrachtung zu sprechen, denn wie sehr Fotos unser Sehen und dementsprechend unsere Sichtweisen manipulieren können, wurde allen schon bei der ersten Aufgabe klar, bei der mit demselben Motiv allein mit Mitteln wie Komposition, Entfernung oder Blickwinkel gegensätzliche Geschichten erzählt werden sollten. Bei der anschließenden Evaluierung und Bearbeitung der Fotos im Plenum wurden diese Effekte noch verstärkt mittels Schnitt und Formatierung sowie Kontrast- und Farbgebung.
Die nächste Veranstaltung des Projekts wird eine Schreibwerkstatt im ersten Quartal 2023 sein, aber auch die Fotowerkstatt soll Fortsetzungen im kommenden Jahr finden.
Von regionaler Wertschöpfung wird derzeit viel gesprochen. Im Zuge der globalen Krisen gewinnt die Produktion von Produkten, Energie und Dienstleistungen vor Ort zunehmend an Bedeutung. Doch was meinen wir mit dem Begriff, auch jenseits der wirtschaftlichen Wertsteigerung? Ist der monetäre Gewinn dabei wirklich das Maß aller Dinge oder zählen ideelle Werte nicht mindestens genauso viel? Welche Wertschöpfung wünschen wir uns insbesondere in ländlichen Räumen, die auch positive Bilanzen in Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierschutz, Sozialverträglichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe hervorbringt?
Beim 2. Fachtag Ländlicher Raum, der am 10. November im Zinzendorfhaus unter dem Motto „Wertschöpfung vor Ort“ stattfand, ging es unter anderem um diese Fragen. Mit der Themenwahl lenkte das Leitungsteam (Ursula Nirsberger & Dr. Sabine Zubarik) den Fokus weg vom Defizitären und hin zur Wertschätzung: Nicht an was es dem ländlichen Raum alles mangelt, sondern was er im Gegensatz zur Stadt zu bieten hat, stand im Mittelpunkt des Fachtags. Dazu waren Teilnehmende – in den allermeisten Fällen selbst engagierte Akteure in dörflichen Gegenden – aus ganz Thüringen und darüber hinaus angereist.
Nach einem Input-Vortrag von Catharina Druckenbrod, Arbeitsstützpunktleiterin für Sondershausen bei der Thüringer Landgesellschaft mbH, wurde diskutiert, warum gerade in ländlichen Räumen sehr viel Potential steckt, aber auch, wie diese Potentiale teils verschenkt werden, wenn bürgerliches Engagement, Politik und Verwaltung nicht Hand in Hand arbeiten und wertvolle Initiativen entweder gar nicht erst umgesetzt werden können oder deren Verantwortliche aufgrund der Hürden alsbald ausbrennen.
Anhand von gelungenen Praxisbeispielen machten die drei Workshopleitenden viel Mut, selbst aktiv zu werden: Burkhard Kolbmüller stellte die Arbeit auf dem eigenen Hof in Bechstedt mit Mosterei und Kulturscheune vor; Christoff Gäbler präsentierte das Konzept der Offenen Werkstätten als Orte des gesellschaftlichen Wandels, der Eigenarbeit und des kollektiven Selbermachens; Jan Hinrich Glahr von der Energiequelle GmbH erzählte vom Entstehensprozess des energieautarken Dorfs Feldheim in Brandenburg.
Die Veranstaltung fand in Kooperation zwischen der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, dem Heimatbund Thüringen und der Evangelischen Akademie Thüringen statt. Eine weitere Folgeveranstaltung im nächsten Jahr ist angedacht.
Die Tagung „Unruhestifter in Staat und Kirche“ fand vom 4. bis 6. November in Neudietendorf statt und entstand mit zweijähriger Vorbereitung in Zusammenarbeit mit der ehemaligen Landesbischöfin Ilse Junkermann von der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“ der Universität Leipzig, der Evangelischen Akademie sowie dem Katholischen Forum im Land Thüringen.
Das Format war offen und auf einen intensiven Austausch angelegt. So blieben alle Beteiligten nicht lange auf ihren Plätzen sitzen, sondern positionierten sich nach geografischer Zuordnung im Raum und berichteten über ihr damaliges Engagement in einer Gruppe oder ihr spezielles Forschungsinteresse. Bewegung kam ebenfalls in die Tagung, als in vier Kleingruppen zu den Schwerpunktthemen Umwelt, Gerechtigkeit, Frieden und Solidarische Kirche gearbeitet wurde.
Bereits hier wurde klar: eine hermetische Trennung der Themen kann nur ein Hilfskonstrukt sein – beschäftigten sich die Gruppen doch meistens mit mehreren gesellschaftlichen Problemen gleichzeitig. Tagungsbeobachterin Dr. Anne Stiebritz stellte diesbezüglich die wichtige Frage: Welche Gruppen, welche Themen und welche Persönlichkeiten wurden bislang zu wenig beachtet? Wie steht es beispielsweise um die Rolle der Frauen in den Gruppen?
Ein weiterer Knackpunkt kristallisierte sich in der Frage um die Wirkung und Wirkmächtigkeit der Gruppen in der Gesellschaft und deren Transformationsprozess heraus. Konträre Thesen vertraten Dr. Ehrhart Neubert und Prof. Dr. Detlef Pollack in ihren Vorträgen und im Podiumsgespräch. So beschrieb Pollack die Wirkung der Gruppen im Gegensatz zu Neubert als marginal und charakterisierte die Oppositionsgruppen in einer Art Dichotomie zur sogenannten „Normalbevölkerung“. Eine Sichtweise, die von einigen Teilnehmenden heftig abgelehnt wurde.
Weiterhin war eine zentrale Frage: Was charakterisierte diese Beziehung der Gruppen zur Kirche? Noch Anfang Juni 1989 verkündete die Konferenz der Kirchenleitungen, dass Demonstrationen kein Mittel der Kirche seien. „Grenzgänger zwischen Kirche und Welt“ nannte Sebastian Neuß deshalb in seinem Vortrag die Mitglieder der Oppositionsgruppen, die sich in einem Spannungsverhältnis mit Kirche und Gesellschaft befanden.
Abgerundet wurde die Tagung durch einen Konzertabend mit Gemeindediakon Dirk Marschall, der die Zuhörenden unter anderem mit Liedern von Gerhard Schöne, der Renft Combo und Bettina Wegner in die Zeit der 1970er und 80er entführte.
So kritisch wie über die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wurde selten im Vorfeld berichtet. Grund genug, das Thema im Augustinerdiskurs aufzugreifen. Am 3. November diskutierten so im Augustinerkloster zu Erfurt rund 40 Teilnehmende über das Für und Wider des Turniers in dem arabischen Emirat unter dem Titel: „Winter, Wüste, Worldcup. Wirklich ein Fußballfest?“
Sportjournalist Ronny Blaschke eröffnete den Abend mit einem Einblick in die Motivation Katars. Das Land am persischen Golf ist nur in etwa so groß wie Hessen und hat gerade einmal 270.000 Staatsbürger:innen. Katar sei klein, aber unglaublich (rohstoff)reich. „Militärisch kann sich Katar nicht wehren“, erläutert Ronny Blaschke. „Deshalb investiert es in sogenannte Soft Powers.“ Das bedeutet, dass es sich wirtschaftlich, kulturell und eben auch sportlich einen Platz auf der Weltbühne erarbeitet habe – vor allem durch massive Investitionen. Die Fußball-WM sei dabei ein wichtiger Baustein. „Eine WM in Katar ist damit vielleicht genau das, was sich eine kapitalistische Welt verdient hat“, subsumiert Blaschke.
Bernd-M. Meyer, Autor des Buchs „Boykottiert Katar 2022!“, räumte im anschließenden Input ein: „Ein perfektes Land für eine Fußball-WM wird es nie geben.“ Doch Katar habe im Hinblick auf die Menschenrechtslage im Land, die Arbeitsbedingungen der Arbeitsmigrant:innen, die ökologischen Kosten und der erwiesenen Korruption bei der Vergabe zu viele rote Linien überschritten. Unter dem Slogan „Boykottiert Katar“ haben sich daher viele Fans in Deutschland zusammengetan, um ein Zeichen zu setzen. Es gibt Protestaktionen in und außerhalb von Stadien oder die Aktion #KeinKatarinmeinerKneipe, bei der Lokale ein Alternativprogramm zum gemeinsamen Fußballschauen während der Spielübertragungen anbieten.
Genauso kontrovers wie die beiden Inputs zu Beginn verlief auch die Fish Bowl-Diskussion im Anschluss. Bei diesem Gesprächsformat sitzen die Diskutierenden in der Mitte wie in einem Aquarium und mindestens ein Stuhl ist frei für alle, die sich ins Gespräch einbringen wollen. Diese Option wurde rege genutzt. „Ist Katar boykottieren nicht eine billige Protestform?“, fragte ein Teilnehmer. Wenn man zeitgleich weiter Discount-T-Shirts trage und im Stadion munter Currywurst esse, setze man zwar ein Zeichen, der Protest habe aber wenig mit dem eigenen Leben zu tun. Andere wiederum brachen eine Lanze für die vielen Fußballfans, denen Nachhaltigkeit sehr wohl am Herzen liege und für die der WM-Boykott nur ein Ausdruck ihres Engagements sei. Ob man die Weltmeisterschaft nun schaut oder nicht, eines hat sie jetzt schon bewirkt: Eine lebhafte Diskussion über Nachhaltigkeit, Menschenrechte und Sport, die hoffentlich auch dann weitergeht, wenn der Ball erst einmal rollt.
Im Oktober startete das an der Evangelischen Akademie Thüringen angesiedelte Projekt „Rangezoomt und ver(w)ortet“, das 2021 als eines der 100 deutschlandweiten Förderprojekte im Programm MITEINANDER REDEN von der Bundeszentrale für Politische Bildung ausgewählt wurde, in die praktische Phase. Noch bis Sommer 2023 sind Interessierte eingeladen, sich in den sechs Ortsteilen der Gemeinde Nesse-Apfelstädt auf Suche zu begeben nach Stellen, wo die Geschichte des Ortes und die eigene Biografie aufeinandertreffen.
Die ersten beiden Begegnungstreffen im Pfadfinderzentrum Neudietendorf am 7.10. und im Bürgerhaus Kleinrettbach am 14.10. beschäftigten sich mit den Fragen, wie es sich im Ort gut leben lässt, welche Strukturen vorhanden sind, was sich geändert hat und was sich ändern müsste. Anhand von Bildmaterial – über 100 Fotos aus der Umgebung hatte das Projektteam dafür mitgebracht – tauschten sich die Anwesenden in kleiner Runde darüber aus, was ihnen wichtig ist. Die Zugezogenen erzählten, wie ihre ersten Jahre im Dorf verliefen; die lange Ansässigen erinnerten sich an teils nicht mehr vorhandene Gebäude und Einrichtungen und fanden Gemeinsamkeiten. Zur Sprache kam in beiden Gruppen, dass der Zusammenhalt heute nicht mehr derselbe wie früher ist und dass es durch administrative Hürden nicht immer leicht fällt, etwas auf die Beine zu stellen.
Die Projektarbeit vor Ort wird flankiert von Vernetzungs- und Qualifizierungsangeboten seitens des Programmbüros von MITEINANDER REDEN. Schon zum zweiten Mal nahm Studienleiterin Sabine Zubarik am bundesweiten Treffen aller ausgewählten Projekte teil, das diesmal vom 27.-28.10. in Fulda stattfand. Bei zahlreichen Praxisbeispielen konnte man von anderen Projekten, ihren Schwierigkeiten sowie Erfolgen lernen; in parallelen Fortbildungsmodulen ging es um praktische Informationen und Fähigkeiten, wie zum Beispiel förderrechtliche Bestimmungen oder Möglichkeiten zur Weiterführung nach der Programmlaufzeit.
Konkret steht für das Teilprojekt „Rangezoomt und ver(w)ortet“ nun die Fotowerkstatt in Neudietendorf am Samstag, den 12.11. ins Haus, die bereits ausgebucht ist. Im neuen Jahr geht es dann weiter mit einer Schreibwerkstatt und den nächsten Begegnungstreffen.