Alle zwei Jahre feiert die Evangelische Akademie Thüringen ein Sommerfest. Vergangenen Samstag, den 20. Juni, war es wieder so weit:
Hinter dem Akademiegebäude, im Garten des Zinzendorfhauses, sammelten sich bei warmem Sonnenschein die zahlreich erschienenen Gäste – darunter Mitglieder des Freundeskreises der Akademie und anderer Gremien wie z.B. des Kuratoriums, weiterhin Stammpublikum des Veranstaltungsprogramms, Kooperationspartner:innen und Referent:innen, ehemalige Mitarbeitende sowie Politiker:innen und Akteur:innen aus der Region und darüber hinaus.
Der Vorsitzende des Freundeskreises Reinhard Hild eröffnete offiziell das Fest und lenkte den Blick auf die langjährige, beständige Zusammenarbeit der Freund:innen der Akademie und des Teams der Mitarbeitenden: „Begegnung lebt von Zeit und die Akademie nimmt sich diese Zeit.“
Nach einer weiteren Begrüßung durch Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich, in der die kommenden Veränderungen im Mittelpunkt standen, begaben sich die Gäste – versorgt mit Kaffee und Kuchen und nach ersten informellen Gesprächen – zum Chorsaal des Zinzendorfhauses. Hier gab es eine gute Stunde Morgenstern zu genießen, mitgebracht von Cornelia Thiele und Thomas Kieck (beide vom KIECK-Theater Weimar unter dem Programmtitel „Der Unverbeß“. Mit Wieseln auf Kieseln, wehenden Winden und Lattenzäunen wurden stimmgewaltig und musikalisch die Galgenlieder präsentiert.
Kulturell gestärkt war es danach Zeit für andere, und zwar kulinarische Stärkung am Buffet, das die Küche des Zinzendorfhauses vorbereitet hatte. Neben der Möglichkeit zu ausführlicheren Gesprächen gab es auch eine Begegnungsaktion aus dem Bubble-Crasher-Projekt. Hierbei kamen Gäste, die sich noch nicht kannten, miteinander ins Gespräch oder wurden gemeinsam kreativ: so entstanden der neue Feiertag „Großelterntag“ und eine Wäscheleine voller Wünsche an alle Anwesenden. Bei einem kühlen Getränk klang der Abend entspannt aus.
Der Kinoraum des Schambrowski in Erfurt war am 16.6. gut gefüllt bei der Filmvorführung von "Die Unbeugsamen 2". Foto: (c) Zubarik/EAT
In der Pause wurde vielseitig und in vielen Grüppchen vor dem Schambrowski diskutiert. Foto: (c) Zubarik/EAT
Auf dem Podium diskutierten Zeitzeugin Tely Büchner (li.) und Nele vom Feministischen Forum Erfurts (mi.) mit Sara Marie Schläger (re.).
Am 16.06.2026 war das Schambrowski – Kino, Filmverleih und Fachbibliothek für Graffiti im Erfurter Norden – bis auf den letzten Platz gefüllt. Es stand die Veranstaltung unserer FSJlerin unter dem Titel „Gleichstellung im DDR-Alltag? Zwischen Kindern, Küche und Karriere“ an.
Der Abend begann mit dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, Ihr Schönen!“, der das Leben von Frauen in der vermeintlich gleichberechtigten DDR thematisierte. Während des Films fiel nicht nur die starke Überlastung dieser Frauen auf, sondern auch ihre große Kraft sowie ihr bewundernswertes Durchhaltevermögen. Sie durften im Vergleich zu den Frauen in der BRD arbeiten und mussten das sogar, da die DDR die Arbeitskräfte brauchte. Nach den teils sehr langen Arbeitstagen waren sie zu Hause noch für die Haushaltsarbeiten und die Kindererziehung (Care-Arbeit) verantwortlich, was zu einer dreifachen Belastung führte. Die interviewten Frauen im Film versuchten durch einen seht trockenen Humor mit diesem Erschöpfungsgefühl besser umgehen zu können. Eine weitere Stütze für sie damals war die Oma, die in vielen Familien eine Entlastung darstellte und sich um die Kinder kümmerte.
Im Anschluss an den Film fand ein Podiumsgespräch mit der Zeitzeugin Tely Büchner und Nele vom Feministischen Forum Erfurts statt, welches durch unsere FSJlerin Sara Marie Schläger moderiert wurde. Dabei erzählte Tely Büchner, die damals in einer Künstlerinnengruppe aktiv war, wo und wann sie Widerstände im Alltag wegen ihres Engagements erfuhr. „Wenn wir wichtige Entscheidungen treffen mussten, besprachen wir das immer bei Spaziergängen und nie zu Hause“, erzählte sie, aber auch heute gibt es noch Widerstände, wie Nele erklärte, wobei es zumeist nur kleine Bemerkungen im Alltag sind, die häufig aus veralteten Geschlechterbildern heraus entstehen. Auf die Frage nach Unterschieden zwischen dem damaligen und dem heutigen Feminismus entgegnete Tely Büchner, dass es heutzutage viel mehr um die faire Aufteilung der Care-Arbeit geht und Nele führte weiter aus, dass der heutige Feminismus viel intersektionaler begriffen wird, weswegen häufig die Rede von Queerfeminismus ist. Dabei wird ein besonderer Fokus auf Menschen gelegt, die keine cis-Frauen sind, also Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht nicht übereinstimmt, sowie auf Mehrfach-Marginalisierungen, wie sie zum Beispiel Transpersonen erleben, die zusätzlich noch Diskriminierung als Person of Color erfahren. Das wird auch in der Musikkultur mit Rapperinnen wie Ikkimel deutlich, die bewusst negativ konnotierte Begriffe als positive Eigenschaften wiederverwendet.
Nach diesem sehr schönen Abend bleibt offen, wie sich die queerfeministischen Bewegungen weiterentwickeln und ob wir in ein paar Jahren über ganz neue Themen diskutieren werden.
Evangelische Akademie an der Uni: Daniel Marwecki von der Universität Hongkong über die "Entzauberung Europas" und europäische Perspektiven in den Krisen der Gegenwart. Foto: (c) Hellwig/EAT
Eine ikonische Inszenierung der Sage von der entführten Europa. Valentin Serov schuf das Werk wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (Der Raub der Europa 1910). (c) Wikimedia Commons
Was hat die Deutsche Bahn mit deutscher Außenpolitik gemeinsam? Deutschlands Nimbus als verlässliche „Multilateralmacht“ mit unerschütterlichen Tugenden ist entzaubert worden. Die Gründe sind vielfältig – aber Deutschlands Entpuppung von der Führungsmacht zur „Ohnmacht des Völkerrechts“ hat unzweifelhaft eine große Rolle gespielt (mit dem Nürnberger Völkerrechtler Christoph Safferling gesprochen).
Außenminister Johann Wadephul klagte kürzlich darüber, Deutschland sei offenbar von etlichen Staaten nicht ernst genommen und bei den Vereinten Nationen sogar getäuscht worden. Mehrere Staaten hatten bei der Wahl der nicht-ständigen Sitze im UNO-Sicherheitsrat am 3. Juni 2026 nicht Wort gehalten, so Wadephul sichtlich getroffen im Tagesthemen-Interview: „Wir hatten aus den Gesprächen das Gefühl, dass wir wirklich gute Chancen hätten haben sollen […]. Da hat uns vielleicht nicht jeder ehrlich das gesagt, was er wirklich nachher gemacht hat, anders kann es ja gar nicht sein.“
Nahkriegs-Erfahrungen entzaubern Deutschland und Europa
Die Welt ist eine raue See. Die andauernden Nahkriegs-Erfahrungen in Nahost und in der Ukraine schrecken alle Europäer auf. Anderswo auf der Welt war ebendiese schon immer rau und so kann der Vorgang der „Entzauberung“ – als ein Vorgang des plötzlichen „Gewahr-“ und „Bewusstwerdens“ verstanden – getrost auch auf Europa als geografische und politische Weltgegend ausgeweitet werden.
An diesen neuralgischen Punkten setzte Daniel Marwecki in der Veranstaltung „Europas Entzauberung“ am 11. Juni 2026 an. Vortrag und Diskussion waren von der Evangelischen Akademie Thüringen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Sophia Hoffmann von der Forschungsgruppe Sicherheitskapitalismus an der Universität Erfurt organisiert worden. Vor 50 ganz überwiegend studentischen Hörer:innen war der Abend auf die kritisch-konstruktive Krisenbewältigung Europas fokussiert.
„Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen“
Marweckis aufsehenerregendes Buch Die Welt nach dem Westen (2025) bot hierfür die analytische Grundlage und Ausgangsposition. – Seine plakative These darin: Europa stolpere „ahnungslos in eine neue, multipolare Welt“. Man findet Absätze wie diesen, der Deutschlands arrogante Selbstbezogenheit schon lange vor der entzaubernden Wahl des UN-Sicherheitsrats zutreffend beschreibt:
》“Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen. Da Deutschland seine proklamierten Werte weder vorlebt noch ein dominanter, weltgestaltender Akteur ist, kommt der außenpolitischen Rede von Werten eine eher innenpolitische Funktion zu. Es geht darum, sich gut zu fühlen, ohne es auch sein zu müssen.“《
Und das ist ein wesentlicher Punkt des Abends: Deutschland und mit ihm Europa hätten längst eine Neubewertung von Welt und Selbst durchführen müssen. Statt das Ruder zumindest schon mal geistig herumzureißen, fährt der Tanker Europa weiter in Richtung Selbsttäuschung statt Selbsterkenntnis. Europa lebt in seiner Welt, nicht in der Welt. Statt eines aus der Eigenmechanik des Kapitalismus abgeleiteten militär-ökonomischen „Rüstungs-Keynesianismus“ als einziger Antwort auf die Polykrise der Zeit müsse Europa die Optionen eines „würdevollen Abstiegsmanagements“ erwägen, so der Politikwissenschaftler, der an der Universität Hongkong lehrt.
„Geopolitik“ und „Ewiger Frieden“ passen nicht zusammen
In der Wiederaufnahme klassisch nationaler und imperialistischer Denkweisen – Marwecki bezog gegen die Renaissance des Begriffs „Geopolitik“ dezidiert Stellung – liege jedenfalls keine erfolgversprechende Strategie, kein Rezept für Kants „Ewigen Frieden“.
Konstruktion statt Destruktion, Funktionalität statt Dysfunktionalität, Staatskunst statt Deutsche Bahn: „Die Verrohung der internationalen Politik geht mit der Verrohung im Innern der Gesellschaft einher. Es sind Zeiten, in denen die Besten entkräftet aufgeben und die gröbsten Seelen am stärksten glühen.“ Nicht jedem Gedankengang Daniel Marweckis mochte das gesamte Publikum restlos folgen – aber die interdisziplinäre Anregung, der empathische Optimismus und vor allem die Energie, die durch den Vortrag und die Diskussionsbeiträge durchschienen, aktivierten alle Anwesenden.
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Die zuletzt von Daniel Marwecki erschienenen Bücher:
Vorbereitungen auf Gespräche im öffentlichen Raum rund um den Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Warm-Up mit allen teilnehmenden Schüler:innen aus unterschiedlichen Schulen in Berlin und Brandenburg in der Französischen Friedrichstadtkirche. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
"Nicht ohne uns über uns". Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Wie sieht die Welt außerhalb der eigenen Bubble aus? Mit dieser Frage beschäftigten sich 18 Schüler:innen der Klassenstufen 9 bis 12 beim Bubble Crasher-Workshop im Rahmen des Demokratieforums der Evangelischen Akademie zu Berlin am 9. Juni 2026 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. Statt im Seminarraum fand der Bubble Crasher-Workshop dort statt, wo Demokratie jeden Tag gelebt wird, im öffentlichen Raum.
Nach einer gemeinsamen Reflexion über die eigenen Lebenswelten, Informationsräume und Gewohnheiten ging es schnell vom Nachdenken ins Handeln. Ausgestattet mit Kreide, Pappschildern und einer Portion Neugier machten sich die Jugendlichen auf den Weg in den öffentlichen Raum. Dort warteten kleine Challenges, Perspektivwechsel-Übungen und vor allem Begegnungen mit Menschen, die sie sonst vermutlich nicht angesprochen hätten.
Besonders beeindruckend war die Offenheit, mit der sich die Teilnehmenden auf die Gespräche einließen. Statt oberflächlicher Smalltalks entwickelten sie eigene Fragen, die schnell zu persönlichen und nachdenklichen Antworten führten. „Was erwartest du von deiner Zukunft?“, „Welchen Rat würden Sie uns, der jüngeren Generation geben?“ oder „Was bedeutet für dich Liebe?“ Fragen, die Passant:innen zum Nachdenken brachten und überraschende Geschichten hervorlockten.
Die Jugendlichen erfuhren dabei, wie bereichernd es sein kann, Menschen mit anderen Erfahrungen, Perspektiven und Lebensentwürfen zuzuhören. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Demokratie nicht nur in politischen Debatten stattfindet, sondern auch im alltäglichen Gespräch, im Interesse füreinander und in der Bereitschaft, die eigene Sichtweise zu hinterfragen.
Wer seine Bubble verlässt, entdeckt nicht nur neue Perspektiven, sondern oft auch unerwartete Gemeinsamkeiten. Genau darin liegt eine wichtige Grundlage für demokratisches Miteinander.
Die Eröffnung des Abends übernahmen mit Dr. Steffen Liebig und Prof. Dr. Klaus Dörre (v.l.n.r.) zwei Herausgeber des Sammelbandes "Umkämpfte Transformation". Foto: (c) Schläger/EAT
Der größere Teil des Abends war persönlichen Tischgesprächen vorbehalten: der Betriebsratsvorsitzende von Opel Eisenach, Bernd Lösche, neben Klaus Dörre (v.l.n.r.). Foto: (c) Schläger/EAT
„Transformation“ ist ein Wort, das vieles verspricht und gerade deshalb zunehmend umstritten ist. Es klingt nach Aufbruch, Modernisierung und notwendiger Anpassung an neue Realitäten. Zugleich verbinden viele Menschen damit Unsicherheit, Zumutungen und politische Konflikte. Genau um diese Spannung ging es beim Augustinerdiskurs am 21. Mai im Augustinerkloster zu Erfurt. Anlass war die Vorstellung des Sammelbandes „Umkämpfte Transformation“. Konflikte um den digitalen und ökologischen Wandel, der danach fragt, wie sich Arbeit, Industrie und Gesellschaft unter dem Druck ökologischer und digitaler Veränderungen neu sortieren.
Im Mittelpunkt des Abends stand nicht die Frage, ob Wandel notwendig ist. Klimakrise, Digitalisierung, globale Konkurrenz und industrielle Umbrüche machen Veränderung längst unvermeidlich. Entscheidend ist vielmehr, wie dieser Wandel gestaltet wird: Wer entscheidet über seine Richtung? Wer trägt seine Kosten? Wer profitiert von neuen Technologien, Märkten und Geschäftsmodellen? Und wer erlebt Transformation vor allem als Kontrollverlust?
Der Begriff „Transformation“ wird häufig so verwendet, als beschreibe er einen planbaren Übergang von einem alten in ein neues, besseres Wirtschaftsmodell. Die Diskussion machte jedoch deutlich, dass diese Vorstellung zu glatt ist. Transformation ist kein neutraler Modernisierungsprozess, sondern ein gesellschaftlicher Konflikt. Sie berührt Eigentumsfragen, Machtverhältnisse, soziale Sicherheiten und demokratische Beteiligung. Genau deshalb ist sie umkämpft. Ein zentraler Gedanke war, dass ökologische Krisen zwar alle betreffen, aber keineswegs alle in gleicher Weise. Der Klimawandel ist global, doch die Möglichkeiten, auf ihn zu reagieren, sind sozial ungleich verteilt. Unternehmen, Management und Investoren können strategische Entscheidungen treffen, Investitionen verschieben oder Standorte neu bewerten. Beschäftigte hingegen erleben solche Entscheidungen oft als Vorgaben, auf die sie nur begrenzt Einfluss haben. Sie sollen flexibel sein, sich weiterbilden und den Wandel mittragen, während die grundlegenden Weichenstellungen häufig anderswo getroffen werden.
Besonders sichtbar wird diese Spannung in der industriellen Arbeitswelt. Die Automobilbranche steht exemplarisch für eine Transformation, die ökologisch notwendig, technisch anspruchsvoll und sozial hoch riskant ist. Der Übergang zu neuen Antrieben, die Bedeutung von Batterietechnologien, internationale Konkurrenz und unsichere Nachfrage stellen ganze Produktionsmodelle infrage. Hinter der abstrakten Rede von Elektromobilität stehen konkrete Fragen: Welche Werke haben Zukunft? Welche Arbeitsplätze bleiben erhalten? Welche Qualifikationen werden gebraucht? Und wer entscheidet darüber?
Damit rückt die betriebliche Ebene in den Mittelpunkt. Dort wird Transformation nicht als politisches Schlagwort erlebt, sondern als Alltag: in Produktionsplanungen, Materialengpässen, Arbeitszeitregelungen, Standortdebatten und Beschäftigungssorgen. Gerade deshalb sind Betriebsräte, Tarifverträge und Mitbestimmung keine Randthemen. Sie sind Voraussetzungen dafür, dass Wandel nicht nur verordnet, sondern sozial ausgehandelt werden kann. Wo solche Sicherheiten schwinden, wird Transformation schnell als Bedrohung wahrgenommen.
Der Abend zeigte auch, wie gefährlich es ist, industrielle Krisen falsch zu deuten. Wenn Arbeitsplätze unter Druck geraten und Zukunftsversprechen ausbleiben, entstehen politische Deutungskämpfe. Die Ursachen können in Managemententscheidungen, fehlenden Investitionen, globalen Abhängigkeiten oder unzureichender Industriepolitik gesucht werden. Sie können aber auch in Ressentiments übersetzt werden: gegen Klimapolitik, gegen Gewerkschaften, gegen Sozialstaat oder gegen vermeintliche Gewinnerinnen und Gewinner des Wandels. Gerade rechte Akteure versuchen, solche Unsicherheiten zu nutzen, indem sie komplexe wirtschaftliche Konflikte auf einfache Feindbilder reduzieren.
Auch das Thema Weiterbildung wurde in diesem Zusammenhang differenziert betrachtet. Qualifizierung ist zweifellos notwendig, wenn sich Technologien, Produktionsprozesse und Berufsbilder verändern. Doch Weiterbildung allein löst keine strukturellen Probleme. Beschäftigte können sich nur dann sinnvoll auf neue Anforderungen vorbereiten, wenn klar ist, welche industrielle Perspektive überhaupt besteht. Wo Betriebe keine Ressourcen haben, wo Strategien fehlen oder wo Standorte grundsätzlich infrage stehen, bleibt der Appell zur Weiterbildung schnell abstrakt. Bildung kann deshalb nur dann Teil einer demokratischen Transformation sein, wenn sie mehr ist als individuelle Anpassung an wechselnde Marktbedingungen. Sie muss Beschäftigte befähigen, Veränderungen zu verstehen, ihre Interessen zu artikulieren und an der Gestaltung ihrer Arbeitswelt mitzuwirken. Dafür braucht es betriebliche Strukturen, starke Interessenvertretungen, öffentliche Unterstützung und eine Industriepolitik, die nicht nur Krisen verwaltet, sondern Zukunft ermöglicht.
Die Diskussion im Augustinerkloster machte deutlich: Eine sozial-ökologische Transformation kann nicht allein technisch gedacht werden. Es geht nicht nur um neue Antriebe, digitale Prozesse oder effizientere Produktionsweisen. Es geht um die Frage, wie Gesellschaften mit Unsicherheit umgehen und ob sie Wandel demokratisch gestalten können. Klimaschutz, industrielle Zukunft und Gute Arbeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie müssen zusammengedacht werden. Der Sammelband „Umkämpfte Transformation“ setzt genau hier an. Er lenkt den Blick auf die betriebliche Arbeitswelt und auf jene Akteurinnen und Akteure, die in vielen öffentlichen Debatten zu wenig vorkommen: Beschäftigte, Betriebsräte, Gewerkschaften, regionale Industrien und ihre Konflikte. Gerade dort entscheidet sich, ob Transformation Vertrauen schafft oder Vertrauen zerstört.
Am Ende bleibt die Einsicht, dass Zukunft nicht automatisch aus technologischen Möglichkeiten oder politischen Zielmarken entsteht. Sie wird ausgehandelt zwischen Kapital und Arbeit, Politik und Betrieben, ökologischer Notwendigkeit und sozialer Sicherheit. Transformation ist deshalb kein Konsensbegriff, sondern ein Konfliktbegriff – und gerade darin liegt seine Bedeutung.
Die Stasi nannte ihn Hai. Als es um seine Jugendarbeit ab 1968 ging, griff Jürgen Hauskeller das Bild auf. Für den DDR-Geheimdienst sei er der „Hai im Karpfenteich“ gewesen. Denn die bis zu 500 Besucher bei den „Gottesdiensten einmal anders“ in Zella standen in Konkurrenz zum Anspruch des SED-Staats auf die Jugend.
Was folgte, war eine dauerhafte Verfolgung und Bearbeitung durch die Stasi. Der letzte Maßnahmenplan mit dem Ziel seiner Amtsenthebung datiert auf September 1989. Doch auch seine Kirche distanzierte sich von ihm. Landesbischof Ingo Braecklein, selbst inoffizieller MfS-Mitarbeiter, hatte den Eindruck, Hauskeller sei „kein Pfarrer, sondern irgendein Beatfan“. Später in Sondershausen war sogar sein unmittelbarer Dienstvorgesetzter, Superintendent Adebar, auf ihn angesetzt.
Am 21. Mai hatten die Evangelische Akademie Thüringen und der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu einem biografischen Gespräch nach Sondershausen eingeladen, wohin Jürgen Hauskeller 1975 strafversetzt worden war und bis zu seiner Emeritierung Pfarrer blieb. An die 80 Teilnehmende, unter ihnen die ehemaligen Landesbeauftragten Hildigund Neubert und Christian Dietrich, erlebten im Bürgerzentrum Cruciskirche zwei zeit- und kirchengeschichtliche Lehrstunden.
Nach einer Begrüßung durch Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich und einer Einleitung durch den Landesbeauftragten Dr. Peter Wurschi moderierte – im Angesicht der Ordner der Stasiakten zu den „Gottesdiensten in neuer Gestalt“, „OPV Hai“ und „OPK Patengemeinde“ – Henry Bernhard das Gespräch. Der Thüringer Landeskorrespondent für den Deutschlandfunk nahm sogleich Bezug auf den Bußgottesdienst für Jürgen Hauskeller am 7. Juni 2025 und spielte O-Töne davon ein. Dieser sagte daraufhin sichtlich bewegt, dieser Gottesdienst sei die „geistliche Aufarbeitung“ gewesen, die er immer gewollt habe. Das Feature von Henry Bernhard darüber gebe die dichte Atmosphäre wieder und treffe die Sache genau.
An einer Kirche, der es nicht gelang, mit eigener Schuld umzugehen, sei er zuvor zwischenzeitlich „irre geworden“. Weshalb Kirchenleitende nach 1989 mit einem „apologetischen Reflex“ auf Vorwürfe und Fragen nach Verstrickungen im SED-Staat bis hin zu „Täterschutz“ reagierten, analysierte der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Friedemann Stengel. Offenbar musste erst eine Generation in Leitungsfunktionen gelangen, die selbst durch die damalige Jugendarbeit geprägt und bereit ist, die Defizite ihrer Vorgänger offener zu betrachten.
Zu dieser Generation gehört auch Regionalbischof Tobias Schüfer. Er vermochte, in der Causa Hauskeller einen neuen Impuls zu geben, der einen Prozess anstieß, an dessen Ende das Unrecht, das Jürgen Hauskeller seitens der Kirche widerfuhr, offiziell geistlich anerkannt wurde. Im Gespräch lieferte Tobias Schüfer einige Nahaufnahmen vom Weg bis hin zum Bußgottesdienst in Zella.
Bei all dem hielt Jürgen Hauskeller fest: In seiner Gemeinde habe er zu DDR-Zeiten unglaublich viel Zuspruch erhalten, sei getragen, ja geliebt worden. In einer „erlebnisorientierten“ Gemeindearbeit habe man damals „Glauben gelebt“. Im Nachhinein sei es besonders befremdlich, dass Hauskellers Jugendgottesdiensten der Gottesdienstcharakter bestritten worden sei, so Tobias Schüfer. Deshalb enthalte die EKM-Erklärung zu Pfarrer Hauskeller den schlichten Satz: „Diese Jugendgottesdienste waren Gottesdienste.“
Einig waren sich die drei Gesprächsteilnehmer darin: Der eigentliche Druck auf die Kirchen in der DDR rührte von der herrschenden Partei, der SED, her. Die Staatssicherheit war der SED als ausführendes Organ nachgeordnet. Kirche und Christen waren zuerst einer offenen Unterdrückung, später einer Politik der Nadelstiche ausgesetzt. Kirche im Rückblick als Hauptschuldige für das DDR-Unrecht verantwortlich zu machen, ist absurd.
Jürgen Hauskeller wusste die Konflikte mit Vertretern des SED-Staates mit etlichen Begebenheiten und Anekdoten zu untermalen und gestand zugleich zu, an bestimmten Punkten auch Angst gehabt zu haben. Im Nachhinein hätten ihn besonders die minutiösen Maßnahmepläne des MfS gegen ihn schockiert, die darauf zielten, sein Leben kaputtzumachen.
Ein knappes Jahr nach dem Bußgottesdienst in Zella ein Abend in Sondershausen: Was bedeutete er für Jürgen Hauskeller und viele Weggefährten, die gekommen waren? Ich habe meinen Frieden in Zella gefunden, so Hauskeller. Sondershausen sei noch offen gewesen. Jetzt sei er auch mit diesem Teil seiner Lebensgeschichte im Reinen. Nach vielen Konflikten vor Ort hieß und heißt die jetzige Pfarrerin Viktoria Bärwinkel in Sondershausen zum Ende der Veranstaltung herzlich willkommen. Seinen 90. Geburtstag kann und will Jürgen Hauskeller in seiner ehemaligen Gemeinde feiern.