Der Himmel, gross, voll herrlicher Verhaltung,
ein Vorrat Raum, ein Übermass von Welt.
Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.
Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist verflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?
(Rainer Maria Rilke)
Das Team der Evangelischen Akademie Thüringen zieht sich in die Weihnachtsruhe zurück und wünscht allen für die Feiertage eine besinnliche und erfüllte Zeit sowie ein frohes Fest!
Im Lutherjahrbuch, dem Organ der internationalen Lutherforschung, erscheinen Forschungsbeiträge, Quelleneditionen und Rezensionen von wichtigen neuen Veröffentlichungen der Luther- und Reformationsforschung.
Herausgegeben von Christopher Spehr (FSU Jena) enthält der aktuelle Jahrgang u.a. die Aufsätze: „Das dieser sterbliche Leib sol verfaulen und so stincken“: Reinheit und Vergänglichkeit bei Martin Luther (Benedikt Brunner); Zwischen Luther und Melanchthon: Martin Chemnitz – Eine Bilanz zu seinem 500. Geburtstag (Andreas Lindner); Der moderne Luther. Betrachtungen zur historischen Anschlussfähigkeit lutherischer Theologie in der Neuzeit: Verbindungslinien zu Max Weber, Rudolf Otto und Ernst Troeltsch (Roland M. Lehmann).
Auch Akademiedirektor Sebastian Kranich hat einen Beitrag beigesteuert. Unter der Überschrift „Wehrlos im Zauberwald“ kontextualisiert und akzentuiert er die „Luther-Feier der Wartburgstadt Eisenach“ aus dem Jahr 1921.
Anfang Mai 2023 wird er den Ertrag seiner Forschung in einem öffentlichen Abendvortrag in Eisenach präsentieren. Als Vorgeschmack darauf sei die Einleitung zitiert:
„Als wäre in Deutschland nach dem Jubeljahr 1917, nach der Begehung der Flammen am Elstertor, endlich nach dem gemeinsamen Wormser Gedächtnis noch nicht genug der Feier gewesen, sollte auch noch die vierhundertjährige Wiederkehr des Einzugs Luthers in die Wartburg mit größtmöglichem Aufwande von Festlichkeiten begangen werden.“
Was dem katholischen Lutherbiographen und Jesuiten Hartmann Grisar zu viel erschien, war aus protestantischer Sicht nur folgerichtig. Denn auf das kriegsbedingt geminderte Reformationsjubiläum von 1917 hatte – nach dem erhofften Sieg – die große Feier 1921 in Worms folgen sollen. Bloß konnte unter den Bedingungen der französischen Besatzung Luthers verweigerter Widerruf wiederum nur eingeschränkt gewürdigt werden. So avancierte schließlich Eisenach zum „Ausklang und […] Höhepunkt unserer Feier“, wie es in der Hauptfestrede hieß.
Dennoch trug auch die Luther-Feier in der Wartburgstadt am 4. und 5. Mai deutlich die Signatur der Nachkriegszeit. Im März hatte eine Arbeiterrevolte Mitteldeutschland erschüttert. Und in den Tagen der Feier drohte die Besetzung des Ruhrgebiets, sollte Deutschland nicht dem Zahlungsplan der Alliierten für die Kriegsreparationen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark zustimmen. Beides, die Märzkämpfe wie das Londoner Ultimatum, fanden ihren Niederschlag in der Feier, deren Grundton ganz auf die Verarbeitung der Kriegsniederlage gestimmt war.
Kurz: Eisenach war nicht besetzt. Aber die regionale, nationale und internationale Situation blieb fragil und angespannt. In dieser Lage sollte Luthers Ankunft auf der Wartburg gedacht werden.
Im Advent gibt es jedes Jahr eine sehr schöne Tradition im Evangelischen Zentrum Neudietendorf: Statt zum Mittagsgebet im Andachtsraum des Zinzendorfhauses sind die Mitarbeitenden zur Offenen Bürotür eingeladen, die reihum von den verschiedenen Einrichtungen zur Mittagspause vorbereitet und angeboten wird.
Am Nikolaustag war die Evangelische Akademie Thüringen an der Reihe und freute sich über den zahlreichen Besuch. Rund um Sterne und ums Leuchten ging es in dieser halben Stunde. Die Geschichte vom kleinen Stern, der sich den großen Sternen nicht gewachsen fühlt und erst durch guten Zuspruch und besondere Aufmerksamkeit seine Strahlkraft entfalten kann, gab Anreiz zur Überlegung, wem man denn im eigenen Umfeld gern Anerkennung zukommen lassen möchte. Beim anschließenden Basteln – unterstützt durch Plätzchen, Stollen, Punsch und Glühwein, der vom Team des Zinzendorfhauses spendiert wurde – entstanden stattliche dreidimensionale Papiersterne. Tagungsassistentin Susanne Möller leitete mit klaren Schritten an, so dass in kürzester Zeit eine ganze Sternenschar den Besprechungsraum der Akademie füllte.
Wie die Bastelnden waren aber auch die entstandenen Sterne nur Gäste auf kurze Zeit. Nach einem Gedicht zum Abschied und kleinen Sternensprüchen zum Mitnehmen machten sich die Besucher:innen wieder auf den Weg, damit die Sterne ihre Aufgabe erfüllen konnten: Sie sollten Menschen oder Orten übergeben werden, um Freude zu verbreiten und Aufmerksamkeit zu schenken. So hatten auch noch andere, die nicht dabei sein konnten, etwas von dieser frohen und gleichsam geselligen wie besinnlichen Mittagsrunde.
„Wenn wir anders gewürfelt hätten, wäre die Geschichte komplett anders ausgegangen“, fasste am Montag Oskar seine Spielerfahrung im Pen & Paper-Rollenspiel „Tiamast“ zusammen. Damit bringt er die Spielidee beim Pen & Paper-Rollenspiel auf den Punkt: Die Spielleitung erzählt eine Geschichte, die Spielerinnen und Spieler haben darin die Hauptfiguren und über den Erfolg des Handelns dieser Figuren entscheiden die Würfel.
Tiamast ist eine fiktive Handelsstadt, die ihren Reichtum durchreisenden Händlern und dem florierenden Geschäft mit Wolle und alchemistischen Zutaten und Tränken verdankt. Doch vor einiger Zeit unterwarf der Drei-Reiche-Bund die vielfältige, bunte Stadt und führt seither ein harsches Regime. Daher regt sich überall im verborgenen Widerstand…
In diesem Setting spielen die „Geschichten des Widerstands“ im an der Ev. Akademie entwickelten Rollenspiel. In Zusammenarbeit mit der Offenen Arbeit Erfurt sind alle Interessierten ab 14 Jahre einmal im Monat montags abends eingeladen, diese Geschichten weiterzuerzählen. Doch im Spiel steckt viel mehr als nur abenteuerliche Geschichten. Die besetzte Stadt Tiamast bietet reichlich Stoff, um über Grundrechte, Rechtstaatlichkeit und den Wert einer freiheitlichen Demokratie ins Gespräch zu kommen.
Am Montagabend galt es, Gwendolyn Ehrenvoll, Hauptfrau der Stadtwache, offiziell von dem Verdacht reinzuwaschen, Oppositionellen zur Flucht verholfen zu haben. Es wurde getrickst, geschmiert und Halbwahrheiten verdreht, um Gwendolyn vor dem Gefängnis zu bewahren, obwohl sie offensichtlich schuldig war. War das in Ordnung? Eigentlich nicht. „Aber ich hatte einfach das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen“, begründete Katja das Verhalten ihrer Spielfigur. „Ich wollte Gwendolyn vor Ungerechtigkeit bewahren, auch wenn ich dafür Gesetzte brechen musste.“ Justus ergänzte: „Zum Glück ist das in einem Rechtsstaat nicht nötig. Da hält sich die Ungerechtigkeit meist doch in Grenzen.“
Der nächste Termin ist der 19. Dezember 2022. Alle Infos hier.
Mit diesem Wintereinbruch in der Nacht vor der Literarischen Wanderung hatten die Organisator:innen der Veranstaltung nicht gerechnet: Weiß verzaubert lagen Römhild und der Kleine Gleichberg unter einer Schneedecke, die Temperaturen alles andere als gemütlich. Doch konnte dies Interessierte nicht abschrecken. Gewappnet mit einem ersten Heißgetränk versammelte sich die Gruppe am Treffpunkt und lernte dort auch die Autorin Vera Vorneweg kennen, deren Buch „Kein Wort zurück“ bei dieser Lese-Wanderung im Mittelpunkt stand.
Auf halber Höhe in der Seeberhütte wurden erste Ausschnitte gelesen. Um Dorferinnerungen, aber auch den Begriff „Heimat“ ging es dabei. Anschließend erzählten die Anwesenden in der Runde von ihrer jeweiligen Verortung: Herkunft, Lebens-, Wohn-, Arbeits- und Wunschorte kamen dabei zur Sprache, sowie die eigene Beziehung zum Wort Heimat.
Dann ging es hoch auf den Gipfel des Kleinen Gleichbergs. Bei der Aussicht am Südaufstieg, wiederum in einer Schutzhütte, las Vera Vorneweg zum zweiten Mal aus ihrem Buch. Die späte Nachmittagssonne bewirkte ein besonders mystisches Licht; der Ausblick rund um die Gleichberge, weit in den Thüringer Wald und in Richtung Bayern tat das Übrige, um die Teilnehmenden, kleine wie große, in gute Stimmung zu versetzen.
Nach dem Abstieg, während dem man die Autorin auch ganz persönlich befragen konnte, fand man sich im Steinsburgmuseum ein. Nach der zweistündigen Zeit im Freien waren Tee, Glühwein und der von Ehrenamtlichen aus Römhild liebevoll vorbereitete Imbiss sehr willkommen. Eine dritte Lesung folgte, die sich mit politischen Aneignungen des Heimatbegriffs beschäftigte. Zum Abschluss gab es die Möglichkeit zur Führung durch die Museumsausstellung.
Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen dem Ehrenamts-Stammtisch Römhild (David Wiedemann), der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung (Ursula Nirsberger) und der Evangelischen Akademie Thüringen (Sabine Zubarik).
Wer diesen Termin nicht wahrnehmen konnte und am Buch von Vera Vorneweg interessiert ist, ist herzlich zur Lesung in Meiningen am 13. Februar 2023 eingeladen.
Das Projekt Bubble Crasher gibt es schon seit 2019. Es bestärkt und ermutigt junge Menschen darin, mit anderen ins Gespräch zu kommen, die in ganz anderen Bubbles oder Lebenskontexten leben als sie selbst. So soll das Miteinander gefördert und einer gesellschaftlichen Spaltung im ganz Kleinen, in der persönlichen Begegnung entgegengetreten werden. Dazu müssen zunächst die eigenen Bubbles identifiziert werden. Danach wird eine zuhörende Haltung trainiert. Zum Abschluss wird ein Plan gemacht, die eigenen Bubbles zu verlassen.
In einem Workshop für Multiplikator:innen der Jugendarbeit wurden die Methoden dieses Projekts weitergegeben. Die Teilnehmenden aus der Ehrenamtsarbeit, der Schule, der offenen Jugendarbeit oder einer Beratungsstelle der Polizei erkundeten ihre eigenen Bubbles und übten sich im Fragenstellen, Paraphrasieren und Zuhören. Am zweiten Tag ging es dann zu einem Spaziergang ins regnerische Neudietendorf, um das Gelernte gleich auszuprobieren. Trotz des ungemütlichen Wetters kamen Gespräche zustande: Auf der Straße, im Café, im Supermarkt oder auch in der Brüdergemeine. „Es war ein bisschen schwierig über Smalltalk hinauszukommen“, gab ein Teilnehmer zu. Eine andere Teilnehmerin stellte fest, dass eine gute Beobachtungsgabe weiterhilft, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Dann fände man Details, die einen so interessieren, dass man mehr darüber erfahren möchte und zu denen Menschen auch auskunftswillig sind. „Ich möchte mehr fragen und weniger sagen, wenn ich mich in Zukunft mit Menschen auseinandersetze“, schlussfolgerte eine Teilnehmerin am Ende des Workshops.