Altarraum in der Johanneskirche in Saalfeld. Foto: (c) Kranich/EAT.
Orgel in der Johanneskirche in Saalfeld. Foto: (c) Kranich/EAT.
Himmelswiese in der Johanneskirche in Saalfeld. Foto: (c) Kranich/EAT.
Mindestens seit 1524 bestimmten die Anhänger der Reformation in Saalfeld den Kurs. In diesem Jahr wurde der letzte katholische Priester, Johannes Plack, evangelisch und war dann weiter Pfarrer in Saalfeld. Die Messe wurde abgeschafft und der Evangelische Gottesdienst auch in der zehn Jahre zuvor vollendeten Johanniskirche erfolgreich eingeführt.
Aus diesem Anlass wurde am Reformationstag in der größten Hallenkirche Thüringens ein Festgottesdienst mit 118 Besuchern gefeiert – einschließlich der Mitglieder des Oratorienchors. Der Chor und der Klang der wunderbaren Sauer-Orgel machten den von Pfarrer Christian Sparsbrod geleiteten Abendmahlsgottesdienst schon musikalisch zum Erlebnis. Die Predigt hielt Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich über Psalm 46. Sie können sie hier nachlesen.
An diesem Reformations- und Halloweentag blieb bei etlichen ein zeitgenössisches Gedicht besonders haften: Auf dem Jahrmarkt der Angst / sind wir nicht / verpflichtet / alle Attraktionen / auch auszuprobieren.
Direktor Ingo Weidig begrüßt die Gäste in der Torkirche des Hennebergischen Museums Kloster Veßra. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Das Podium des Abends: Aline Gros, Moderator Jens Roder (MDR), Jens Schöne und Albert Seifert (v.l.n.r.). Foto: (c) Fehlberg/EAT
Zeugnis des Wandels der Landwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg: Ein Neubauernhaus von 1948 auf dem Gelände des Hennebergischen Museums. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Das Hennebergische Museum war 1975 als „Agrarhistorisches Museum des Bezirks Suhl“ gegründet worden. Foto: (c) Fehlberg/EAT
„Geschichte ist nicht schwarz-weiß“ – so Ingo Weidig, Direktor es Hennebergischen Museums Kloster Veßra und zum ersten Mal Gastgeber der Reihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? Seine Worte sollten sich angesichts der Verwerfungen in der ostdeutschen Agrargeschichte als salomonisch erweisen, denn das Thema führt regelmäßig zu heißen Debatten mit sehr unterschiedlichen Ansichten und persönlichen Konflikten. Die am 29.10.2024 mit mehr als 50 Personen gefüllte Torkiche erlebte einen Abend nicht ohne Spannungen. Man bekam einen emotionalen Eindruck davon, wie unterschiedlich biographisches Zeitzeugenerleben und der Versuch, allgemeingültige historische Hypothesen und Urteile aufzustellen, sein können – ohne dass diese beiden Geschichtsperspektiven für sich genommen „falsch“ sein müssen.
„Die DDR-Landwirtschaft hat nicht überlebt, aber ihre Strukturen“
Wir müssten, gerade was die Geschichte der DDR-Landwirtschaft und des Landlebens anginge, „viel mehr die Grautöne zu Geltung kommen lassen.“ Mit diesem wissenschaftlichen Ansatz eröffnete der in der DDR gelernte Facharbeiter für Tierproduktion, Ackerbesitzer und Historiker Jens Schöne in Anlehnung an Ingo Weidigs Worte den Abend. Schöne wies darauf hin, dass eine umfassende Geschichte der Landwirtschaft in Ostdeutschland erst noch geschrieben werden müsse und dass diese auch ganz sicher nicht an den 75 % Arbeitsplatzverlusten nach 1989 oder am Konfliktfeld bäuerliche Landwirtschaft respektive Großstrukturen herumkomme. „Die DDR-Landwirtschaft hat nicht überlebt, aber ihre Strukturen“, versuchte Schöne die Gemengelage auf den Punkt zu bringen.
Hofenteignung als Tabuthema in der Familie
Vor diesem Hintergrund sprach auf dem Podium neben Albert Seifert, dem ehemaligen LPG-Leiter und bis 2019 langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Agrargenossenschaft „Milzgrund“ e.G., Aline Gros. Als Vertreterin der „3. Generation“ schilderte sie, sie sei als junges Mädchen bis 1989 privilegiertes „Arbeiter- und Bauernkind“ gewesen, eine „kleine Kommunistin“, wie Gros, in den 1970er-Jahren geboren, sich ausdrückte. Sie habe erst viel später erfahren, dass ihre Familie im Zuge des Aufbaus des Arbeiter- und Bauernstaates selbst enteignet worden war. Ihre Eltern hatten ihr diesen Umstand schlichtweg verschwiegen, um ihre Zukunft nicht zu gefährden. Heute wisse sie als Mitarbeiterin der Gedenkstätte Point Alpha in Geisa, wie die Zwangsmaßnahmen zur Umsiedlung von Höfen in Grenznähe und zur Kollektivierung abgelaufen seien. Andererseits habe sich ihr stark eingeprägt, wie Michael-Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach nach der „Wende“ nach Thüringen „zurückgekehrt“ sei und in den bisher frei begehbaren Wäldern auf einmal Schlagbäume die neuen Eigentumsverhältnisse markierten.
Unter reger Beteiligung weiterer Zeitzeugen und Mitdiskutanden im Publikum sollte der Abend am Ende genau das erreichen, was Weidig und Schöne vorgeschwebt haben dürfte: Die Einsicht, dass individuelle und kollektive Lebensleistungen und gesellschaftliche wie politisch-ideologische Strukturen, in denen sie möglich sind und stattfinden, gleichermaßen Aufmerksamkeit verdienen. Allerdings lassen sich beide Ebenen auch nicht in der Weise verschränken, als dass ein Urteil auf der einen auch das Urteil auf der anderen zur Folge hätte.
Die nächste und für 2024 abschließende Veranstaltung der Reihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? findet am 20. November um 19.00 Uhr im Chorsaal des Zinzendorfhauses in Neudietendorf statt. Hier finden Sie weitere Informationen und die Anmeldung.
—
Die Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie Thüringen mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Thüringer Staatskanzlei und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im Downloadbereich dieses Beitrags finden Sie das Faltblatt mit allen Abenden der Reihe 2024, darunter der 20. November im Zinzendorfhaus Neudietendorf.
Das Söderblom-Denkmal auf dem Hainstein in Eisenach. Foto (c) Kranich/ EAT.
Bitte Tor schließen wegen der Wildschweine. Betritt man nach dem Lesen dieses Schilds das Gelände des Hotels Hainstein über den zum Wartburgwald gelegenen Eingang, so bekommt man zwar keine Schwarzkittel zu Gesicht. Dafür schreitet einem Nathan Söderblom fröhlich lächelnd und beschwingt entgegen, das Bischofskreuz locker unter dem offenen kurzen Mantel. Doch was hat ein Denkmal für Nathan Söderblom, dem Schwedenbischof, dem Religionswissenschaftler, dem großen Ökumeniker, dem Friedensnobelpreisträger von 1930 auf dem Hainstein in Eisenach zu suchen?
Antwort darauf gaben zwei Vorträge, die am 28. Oktober im Rahmen der Festwoche „100 Jahre Haus Hainstein“ gehalten wurden. Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich erläuterte die historische Sonderstellung Schwedens für die deutschen Protestanten, eine Stellung, die bis in den 30-jährigen Krieg zurückreicht, im 19. Jahrhundert in den Gustav-Adolph-Vereinen weiter tradiert wurde und im – und vor allem nach dem 1. Weltkrieg – neue Aktualität gewann.
Eine, wenn nicht die zentrale Gestalt dafür zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Nathan Söderblom, der vor Kriegsbeginn an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig lehrte und dann als schwedischer Erzbischof berühmt wurde für sein Engagement für Frieden, Versöhnung und Ökumene. Söderblom kultivierte die schwedisch-deutsche Verbindung in der Zeit der Isolation Deutschlands nach dem Krieg und ermöglichte zugleich eine Brücke in die Welt der Ökumene und der Staatengemeinschaft des entstehenden Völkerbunds. So wurde von deutscher Seite etwa gewürdigt, dass Söderblom aus dem Lande Gustav Adolphs komme, der „Retters des deutschen Protestantismus und Märtyrers für unseren gemeinsamen Glauben.“
Die schwedische Bischofskonferenz wiederum erließ anlässlich des 500. Jubiläums des Wormser Reichstags-Jubiläums von 1521 eine Kundgebung, in der Luthers verweigerter Widerruf bezeichnet wurde als: „einer der größten Tage in den Jahrbüchern der gesamten Menschheit.“ Und als französische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzten, verurteilte zuerst das schwedische Episkopat unter Söderblom die französische Gewaltpolitik in einem Schreiben – man beachte die Adressaten – an die Mitchristen aller Länder, an den US-Präsidenten, den französischen Präsidenten, an den Kardinal von Paris und den Erzbischof von Canterbury.
Doch was hat der Hainstein damit zu tun? Als man in Eisenach befürchtete, die Katholiken würden das ab 1922 in ein Hotel umgewandelte, 1888 erbaute Sanatorium am Fuße der Wartburg, aus dem Besitz der Familie des katholischen Majors Greisbacher erwerben – und zwar ein Konsortium mit dem Bischof von Fulda an der Spitze – oder schlimmer noch – ein Konsortium der Jesuiten, da engagierte sich für deren Erwerb ideell und materiell. In kürzester Zeit hatte Söderblom 52 000 Goldmark zusammen und organisierte, unterstützt vom Industriellen Alfred Ekström, noch weitere Mittel. Auch an der konzeptionellen Ausrichtung der hier entstehenden Bildungseinrichtung beteiligte er sich.
Nach Söderbloms Tod 1931 wurde der Auftrag für ein Denkmal auf dem Hainstein an Paul Birr vergeben. Birr hatte, wie Pfarrerin Dr. Susanne Böhm im Anschluss ausführte, über Jahre für den schwedischen Industriellen Alfred Ekström gearbeitet und war dann für den gesamten Umbau des Hainstein verantwortlich gewesen. Die Referentin führte ihn als eher konventionellen, handwerklich geschickten Künstler der 1920er und 1930er Jahre vor Augen. Seine monumentalen Kriegerdenkmale und teils antisemitische Bildsprache wollen nicht recht zum freundlich-offenen Söderblom-Denkmal passen. Doch konnte Susanne Böhm hier überzeugend darlegen, dass Birr in der Gestaltung stark auf die Auftraggeber einging, die ein natürliches, lebensnahes Denkmal des Geehrten wollten und so etwa fröhliche Gesichtszüge anmahnten. Bei dessen Einweihung 1933 passte Söderblom schon nicht mehr in den Geist der Zeit; die Nationalsozialisten und die Deutschen Christen ergriffen die Macht.
Wie letztere zu Schweden und zu Nathan Söderblom standen, zeigen zwei bezeichnende Äußerungen, die Sebastian Kranich zitierte. In einem Schreiben des Thüringer Landeskirchenrats an die Pfarrer von 1935 wird Schweden als Paradebeispiel einer „christlichen Nationalkirche“ genannt. Das Prinzip der „nationalen Abgrenzung“, werde dort „als ganz besonders erfreulich gefeiert.“
In einer Stellungnahme des Landeskirchenrates zur deutschen Erziehungs- und Schulfrage von 1936 hieße es hingegen: „Nach dem Kriege kam der protestantische Schwedenbischof Söderblom und machte den Versuch, sogar alle Christentümer der Erde in eine Front gegen die nichtchristliche, bolschewistische Welt zu bringen; groß und kühn gemeint, aber im Grunde zu politisch-weltimperialistisch nach Roms Muster gedacht, dadurch gefährlich in die Brüche gehend.“
Keine 10 Jahre später war etwas ganz anderes in die Brüche gegangen. Nicht aber der derartig verzeichnete ökumenische Gedanke.
Minimarkt mit oder ohne Trödel? Oder Nahversorgungsmarkt mit allem drum und dran? Dorfladen ist nicht gleich Dorfladen, hier in Hintertux, Österreich. Foto: (c)Tiia Monto/Wikimedia Commons
Dorfladen?! Sowas gibt es doch schon längst nicht mehr! Richtiges Einkaufen – also den klassischen Versorgungseinkauf, so mit frischen Lebensmitteln, täglichem Bedarf und einer breiten Warenauswahl zu „günstigen Preisen“ – das erledigt man gewöhnlich ein-, zweimal in der Woche mit dem Auto im nächstgelegenen Supermarkt. Und dann auch gleich für die ganze Familie, von den Kindern über die Großeltern bis zur Nachbarin, die nicht mehr so kann.
Das dürfte die Erfahrung der allermeisten Landbewohner sein, solange nicht dörfliche Hofläden oder Kioske zumindest einige Funktionen von Konsum und Kaufhalle aus früheren Zeiten übernommen haben. Dazu gehört dann meist auch, dass solche Verkaufsstellen ein regelmäßiger sozialer Treffpunkt sind, an dem man Nachbarn und Leute trifft, quatscht und tratscht. Und wo geht das Dorf shoppen? Machen wir es kurz und fachlich: Erlebniseinkäufe gibt es gelegentlich auch auf dem Land, doch meist muss man wieder ins Auto steigen oder das Internet anwerfen.
Ländliche Nahversorgung mit „vollautomatischen“ Minimärkten?
Doch es gibt Neuigkeiten: Für den Versorgungseinkauf auf dem Land gibt es jetzt technische Lösungen. Ein wichtiges Stück alltäglicher und individueller Daseinsvorsorge, die „letzte Meile“ der Lebensmittel- und täglichen Bedarfsversorgung, könnte auf das Land zurückzukehren. Dagegen kann niemand ernsthaft sein. Doch leider ist bis jetzt nur von „digitalen Kleinstsupermärkten“ die Rede, die schwerlich zu einer Lösung der strukturellen Probleme der Daseinsvorsorge auf dem Land beitragen dürften.
Mecklenburg-Vorpommern und Hessen haben ihre Ladenöffnungsgesetze für diese besondere Art von Verkaufsstellen bereits „entbürokratisiert“, das heißt, dort dürfen „personalfreie“ neue Märkte rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen, öffnen. Thüringen prüft derzeit unter der Maßgabe der „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ in Stadt und Land die Chancen und Risiken neuartiger Verkaufsstellen – allerdings auf Grundlage der bestehenden Ausnahmeregelungen, die der grundgesetzliche Sonn- und Feiertagsschutz zulässt.
Der Entnahmemarkt von morgen: digital, aber nicht automatisch
Doch was sind digitalisierte Dorfläden oder automatisierte Supermärkte überhaupt? Wir Kunden dürfen schon heute in zahlreichen Supermärkten an den Selbstbedienungskassen „mitarbeiten“. Zukünftig aber werden wir wahrscheinlich vollüberwacht und schon beim bloßen Durchgehen durch die Warenauslagen – die frei zugänglich und keine klassischen Warenautomaten sind – abkassiert. Personal lässt sich so einsparen, im Grunde erscheint der Markt als ein einziger menschloser Entnahmemarkt und führt damit das Supermarktkonzept des 20. Jahrhunderts konsequent weiter.
Dass immer noch Menschen für 24h-Rufservice und Notdienst, Anlieferung, Beräumung, Reinigung und Wartung in Nacht-, Sonntags- und Feiertagsschichten ran müssen, versteht sich von selbst – auch wenn gern von „personalfreien“ Märkten fabuliert wird. Deshalb ist es auch besser, von Teilautomatisierung zu sprechen und nicht von Automatisierung oder gar Vollautomatisierung.
Die Kleinstsupermärkte, von denen derzeit für den Anfang der neuen Automatisierungswelle im Einzelhandel die Rede ist, sind überschaubare stationäre Verkaufsstellen mit bis zu 150 Quadratmetern Fläche, je nach Gesetzeslage der Länder. Natürlich gibt es längst sehr viel größer angelegte Konzepte für den menschlosen und servicearmen Vertrieb. – Die tiefgreifende technologische Neuformatierung nicht nur des Versorgungseinkaufs wird somit auch fraglos andere Wareneinkäufe und zuletzt einen Großteil des Einzel- und Großhandels treffen. Von Super- bis zu Bau- und Möbelmärkten: die Liste lässt sich beliebig verlängern.
Unternehmen: Gewinne nicht ohne Sonntags- und Feiertagsöffnung möglich
Den Dorfladen als Sympathieträger zur Einführung von teilautomatisierten Verkaufsstellen zu benutzen, so darf man vermuten, hat eher etwas mit den politischen Hoffnungen auf Minderung des Stadt-Land-Gefälles und dem Geschäftssinn Einzelner zu tun, als mit einer durchdachten Infrastrukturstrategie für „das Land“. Denn die technischen Möglichkeiten allein sind nun mal nicht für den Erfolg von „Kleinstsupermärkten“ oder gar von größeren digitalen Verkaufsstellen – wie sie als „Kaufhallen“ auf dem Dorf durchaus denk- und wünschbar wären – ausreichend.
In unserer Wirtschaftsordnung, der Privatkapital- und Marktwirtschaft, muss sich bekanntlich alles wirtschaftliche Handeln durch seine vermeintliche „Wirtschaftlichkeit“, d.h. im Klartext: Gewinnträchtigkeit, auszeichnen. Gemeinschaftliche Bedürfnisse und Nachfrage sind in dieser partikularen Sichtweise keine wirtschaftlichen Größen, so nah sie auch am Ursprung jeglichen wirtschaftlichen und sozialen Handels einer arbeitsteiligen Gesellschaft stehen. Genossenschaftliche Bürgerprojekte bilden die Ausnahme, und selbst sie müssen im bestehenden Marktumfeld agieren.
Mit anderen Worten: Der allseits gewollte „Dorfladen“ wird zur leichtesten gesellschaftspolitischen Hürde, zur buchstäblichen Gewinnschwelle, die das Handels- und Absatzinteresse zur Erreichung der allgemeinen 24/7-Ladenöffnung zuerst nehmen kann.
Potemkin’sche Versorgungseinkäufe auf dem Dorfe
Allerdings zeigt die betriebswirtschaftliche Praxis bestehender teilautomatisierter Kleinstsupermärkte, dass auf dem Lande wie in der Stadt überwiegend keine größeren Versorgungseinkäufe, sondern kleinere Ergänzungs- und Gelegenheitskäufe anfallen. Auch wenn es kaum überrascht: Diese bringen erst in der Masse den nötigen Umsatz zur Kostendeckung und zur Gewinnerwirtschaftung. Eine Nahversorgung im Sinne der Daseinsvorsorge als Sozialstaatsversprechen, wie es die Bundeszentrale für politische Bildung treffend formuliert, sieht anders aus.
Es ist diese auf Kleineinkäufe der Kunden spekulierende Gewinnerzielungsabsicht, die derzeit vor allem Geschäftsmodelle entstehen lässt, die, nach allem, was Handels- und Wirtschaftsverbände sagen, ausschließlich unter der Bedingung der Sonntags- und Feiertagsöffnung „funktionieren“. Inwiefern die neuen Märkte damit in Konkurrenz zu bestehenden Ausnahmen der Ladenöffnungsgesetze kommen – etwa zu Bäckereien oder bereits ansässigen Dorf- und Hofläden, Tank- und Verkaufsstellen, in den Städten auch zu Spätis und Kiosken – wird wenig bis gar nicht thematisiert.
Grundgesetz: 24 Stunden in der Woche ohne Produktion und Konsumtion!
Doch der eigentliche Knackpunkt am geforderten Prinzip von 24/7: Ein Versorgungseinkauf ist grundsätzlich Teil der werktäglichen Alltagstätigkeit, so dass seine Rechtfertigung gegen den Sonntags- und Feiertagsschutz einer verfassungsrechtlichen Überprüfung nicht standhalten dürfte. Werktage sowie Sonn- und Feiertage sind in verschiedener Hinsicht rechtlich scharf voneinander zu trennen. Das hat zentrale Bedeutung etwa für Arbeitsschutz und Arbeitsrecht, die Urlaubs- und Ferienplanung, die geregelte Lärmemission, die LKW-Fahrverbote bis eben hin zur Ladenöffnung.
Woche und Wochenende geben das chronologische Grundgerüst des Gemeinwesens und den sozialen und kulturellen Rhythmus unserer Gesellschaft vor. Sie ermöglichen gesellschaftliche und gemeinschaftliche Gleichzeitigkeit in der individuellen Ungleichzeitigkeit fremd- und selbstbestimmter Erledigungszwänge. Ausnahmen in den Grenzbereichen von Werk- und Ruhetagen müssen deshalb gut vor dem Grundgesetz begründet werden. Es ist eben der Ausnahmecharakter, der bedeutsame besondere Anlässe von alltäglichen scheidet. Die Nahversorgung als solche begründet deshalb in der Regel keine Ausnahme.
Viele Fachleute der evangelischen Landeskirchen, welche in der Allianz für den freien Sonntag das Geschehen beobachten, fordern die nötige Ernsthaftigkeit bei der infrastrukturellen Stärkung und Teilhabe des ländlichen Raumes. Die derzeitigen Geschäftsmodelle halten sie nicht für ausgereift und sprechen sich für eine verfassungsrechtliche Prüfung der Sonn- und Feiertagsöffnungen aus.
Einer Aushöhlung des grundgesetzlichen Sonntagsschutzes zugunsten von bloßen Ergänzungs- und Zusatzkäufen, dafür aber mit Türöffner-Funktion für noch kommende digitalisierte Vertriebsmodelle des Einzelhandels in Stadt und Land, erteilen sie eine entschiedene Absage. Solange aus Kosten- und Gewinngründen ein für lediglich 24 Stunden bestehender Ladenschluss am Wochenende den „gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land“ entgegenstünde, sei es mit dem Willen zum „Landfrieden“ mit digitalen Kleinstsupermärkten wohl nicht weit her.
—
Die verfassungsrechtliche Bewertung und damit auch die Prüfung bereits bestehender Änderungen der Ladenöffnungsgesetze verschiedener Bundesländer hat am 24.10.24 der Evangelische Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) den Spitzen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) empfohlen. Sie finden die ausführliche Stellungnahme des KWA im Download-Bereich neben diesem Beitrag (rechts oben).
Friedrich Kramer diskutiert mit Ralf Haska. Foto (c) Wollenhaupt-Schmidt/ EAT.
Der eine wurde kurz vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 EKD-Friedensbeauftragter. Rasch stand er mit seinen kontrovers kommentierten Wortmeldungen in einer Öffentlichkeit, die weit über die kirchliche hinausging. In der Folge initiierte er eine EKD-Friedenswerkstatt, in der eine Verständigung zur Friedensethik angesichts neuer weltpolitischer Herausforderungen erfolgen soll. Als Pazifist bleibt er Militärischem gegenüber skeptisch. In „mehr Waffen“ sieht er keinen Beitrag zum Frieden.
Der andere war von 2009 bis 2015 Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde St. Katharina in Kyjiw. Beim Euromaidan, der „Revolution der Würde“, stellte er sich im Talar zwischen Demonstranten und Regierungstruppen. In der Kirche, gegenüber dem Präsidentenpalast, richtete die Gemeinde ein geheimes Lazarett ein. Zudem wurden Polizisten wie Demonstranten mit Strom für Handys, aber auch mit Suppen oder mit warmen Getränken versorgt. Die Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor steht für ihn außer Frage, auch die militärische.
Beide, EKM-Landesbischof Friedrich Kramer wie Ralf Haska, Gemeindepfarrer in Herzberg/Lindow, verweigerten in der DDR den Waffendienst und waren Bausoldaten. Am 60. Jahrestag der NVA-Anordnung zur Aufstellung von Baueinheiten vom 7. September 1964 diskutierten sie auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Thüringen im Zinzendorfhaus Neudietendorf über „Krieg und Frieden heute“. Die Moderation des Gesprächs oblag Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich, der ebenfalls Bausoldat gewesen ist.
In der vergangenen Woche sind viele neue Bekanntschaften oder auch Freundschaften im Urwald-Life-Camp Lauterbach entstanden. Der Anlass dafür war das erste Bildungsseminar der LKJ, organisiert für 35 FSJler:innen aus oder rund um Thüringen – mit dabei: Cedric Metzdorf, Freiwilliges Soziales Jahr Politik 2024/25 in der Akademie. Das Kennenlernen und sich in die Gruppe integrieren stand dabei im Vordergrund.
Aus diesem Grund wurden an drei von fünf Tagen viele verschiedene Teambuilding- und Kennenlernspiele gespielt. Außerdem mussten die FSJler:innen nach jedem Spiel reflektieren wie sie sich, aber auch die anderen verhalten und welche Rollen sie eingenommen haben. Diese Reflektion hatte den Nutzen zu verstehen, wie eine Gruppe oder Gruppendynamik entsteht und funktioniert.
Die restlichen zwei Tage hatten sie die Möglichkeit zwischen drei Workshops einen zu wählen. Zur Auswahl standen Projektmanagement, Partizipation und Awareness. Inhalt des Workshops Projektmanagement waren Themen wie: Wie strukturiere ich ein Projekt, wo beantrage ich Fördermittel für ein Projekt und wie erstelle ich einen durchdachten Zeitplan. Der Workshop Partizipation handelte von Gruppendynamiken, der Teilhabe an und der Integration in Gruppen. Zum Thema Awareness wurden die FSJler:innen über einen wertschätzenden und respektvollen Umgang mit Menschen und über Möglichkeiten diskriminierende und gewaltvolle Verhältnisse zu minimieren informiert.
Allen FSJler:innen hat diese Woche sehr gut gefallen da sie Neues gelernt, neue Menschen getroffen und das sehr gute Essen im Urwald-Life-Camp gegessen haben. Dennoch waren sich alle einig, dass es niemals perfekt wird, da es die ganze Woche lang geregnet hat.