Land. Wirtschaft. Kollektiv. Abschlussdiskussion im Zinzendorfhaus

Alfons Balmann, Gesine Langlotz, Jens Roder und Tanja Busse auf dem Podium (v.l.n.r.). Foto: (c) Metzdorf/EAT. 
Einen Impuls zur Eröffnung des Abends übernahm Tanja Busse. Foto: (c) Metzdorf/EAT. 
Die Leidenschaft des Podiums traf auf rege Diskussionsbereitschaft im Publikum. Foto: (c) Metzdorf/EAT.
Die Landwirtschaft gilt vielen als hochsubventionierte Branche mit geringer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Der deutsche Normalhaushalt gibt keine 15 % für Nahrungsmittel aus. Landwirtinnen und Landwirte betonen dagegen ihre Ernährungsfunktion und beklagen eine fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit. Wie das zusammenhängt, oft aber nicht zusammenkommt, und vor allem, wie es weiter gehen soll, war am 20.11.2024 das Thema im Chorsaal des Zinzendorfhauses in Neudietendorf.
Die Podiums- und Publikumsdiskussion fand als letzte Veranstaltung in der zweijährigen Reihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. Wem gehört das Land? statt. Seit 2023 wurden in Thüringen acht Veranstaltungen organisiert, den Auftakt bildete eine Tagung im Panaromamuseum Bad Frankenhausen im April 2023 (Videoaufzeichnung). Die Reihe war eine Kooperation der Bundesstiftung Aufarbeitung gemeinsam mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Thüringer Staatskanzlei und der Evangelischen Akademie Thüringen.
Von der Weltklimakonferenz in Baku nach Neudietendorf
Diskutiert wurde über zahlreiche Themenfelder hinweg zunächst auf dem Podium von Dr. Tanja Busse, Autorin und Journalistin (aktuelles Buch: Der Grund), Gesine Langlotz aus der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL) und Prof. Dr. Alfons Balmann, Direktor am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle (Saale). Balmann war wenige Stunden zuvor von der Weltklimakonferenz in Baku zurückgekehrt. Die Moderation hatte Jens Roder (MDR). Im Anschluss schaltete sich das Publikum – zu zwei Dritteln Landwirtinnen und Landwirte jeden Alters, angestellt oder bäuerlich-selbstständig – ein, bevor schließlich ein persönlicher Austausch aller Teilnehmenden bei Imbiss und Getränken möglich war.
Die einen: Wachsen oder weichen!
Alfons Balmann beantwortete die Frage nach dem Missverhältnis von Bedeutung und Anerkennung der Landwirtschaft mit der enorm gestiegenen Produktivität sowie dem hohen Einsatz an Kapital, was die teuren Traktoren, Maschinen und andere Hilfsmittel neben der menschlichen Arbeitskraft meint. Hohe Produktivität sorge mittelfristig für Preissenkungen am Markt und für Verbraucher – so sei es also möglich, dass die Lebensmittelversorgung als Selbstverständlichkeit und als ein „Job wie jeder andere“ erscheint. Gleichzeitig zwinge der vom Handel aufgenommene und in Preisdruck verwandelte Produktivitätsfortschritt selbst hocheffiziente Betriebe zu immer weiteren Optimierungen. Das setze schließlich eine Spirale in Gang, die sich mit noch mehr Kapitaleinsatz und noch größeren Betriebsflächen unaufhaltsam weiterdrehe – zum Beispiel in der Ukraine, wo selbst ostdeutsche Verhältnisse nur „mittelgroß“ erscheinen.
Unternehmer, Selbstständige, Bauern: Permanenter existenzieller Stress
„Effiziente“ Landwirtschaft befindet sich damit in der paradoxen systemischen Lage, permanent ihr eigenes betriebswirtschaftlichen Grab auszuheben zu müssen und vorübergehend wieder zuschütten zu können. Was in anderen innovativen industriellen Branchen verträglicher erscheinen mag, rüttelt in der Landwirtschaft aber an der Planetentauglichkeit des fundamentalsten Wirtschaftszweigs der Daseinsvorsorge und an den Nerven derjenigen, deren Hof- und Betriebsplanung auf Jahrzehnte angelegt ist und auf Jahrhunderte der Kulturlandschaftspflege zurückblickt.
Eine mindestens ungesunde Situation, die sich im Unmut der Landwirtinnen und Landwirte niederschlägt, von wütenden Protestformen bis hin zu einer erhöhten Selbstmordgefahr. Wachsen oder weichen bedeutet unmittelbaren psychischen Druck, da Entfremdung, Existenzangst, Sinnverlust und drohendes Familienunglück im bäuerlich geprägten Empfinden und in der täglichen, intensiven Lebens- und Betriebspraxis zu einer schweren Seelenlast verschmelzen können.
Die anderen: Strategische Regionalisierung und Dezentralisierung der Landwirtschaft!
Gesine Langlotz und Tanja Busse setzten den vermeintlich unabänderlichen Notwendigkeiten einer markt- und kapitalgetriebenen (Land-)Wirtschaft zunächst die Vorstellung einer anderen Landwirtschaft entgegen. Es brauche aus ethisch offensichtlichen und wissenschaftlich untermauerten ökologischen, sozialen und ökonomischen Gründen kleinere Strukturen und mehr Menschen, die Landwirtschaft betreiben, so Langlotz. Stattdessen aber würde das Geburts- und Eigentumsrecht im privaten Grundbesitz dazu führen, dass sich ausgerechnet die außerlandwirtschaftliche Kapitalkonzentration im Agrarbereich ungebrochen fortgesetzt. Angestammte bäuerliche Traditionen würden so unterbunden und die freie Berufswahl von Neu- und Junglandwirtinnen als ungerechtfertigte individuelle „Erwartungshaltung“ hingestellt.
Eigentum verpflichtet: Gemeinwohlorientierung durch Agrarkonzerne?!
Das deutsche Grundgesetz mache den Gemeinwohl-Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ stark, davon sei eine hochkapitalisierte und nicht-nachhaltige Konzern-Landwirtschaft aber weit entfernt. Diese sei wegen ihrer Machtstellung und „Systemrelevanz“ schließlich auch demokratiegefährdend, so Langlotz. Dass Gegensteuern nicht einfach eine Lust und Laune, gar nur Romantik oder „Haltung“ ist, wie Balmann Langlotz nahelegte, belegte Tanja Busse wiederum eindrücklich mit Verweisen auf die Umwelt- und Klimakrisen – vom Verlust von systemerhaltender Lebensvielfalt bis hin zu Extremerscheinungen im Zuge der Erderwärmung. Vielfalt, Dezentralisierung und Regionalisierung müssten die Antworten sein, so Busse, nicht gigantische Flächen- und Monokulturen sowie unsinnige globale Lieferketten, die zu strategischen Abhängigkeiten auf politischer und ökonomischer Ebene führten und zumal die Umwelt zerstörten.
Podium: Keine Einigkeit, keine Lösung – aber Ideen auf dem Tisch
Die gesprächsbereite Polarisierung des Podiums sorgte für eine lebhafte und hochemotionale Beteiligung des Publikums. Die Diskussion wog auf vielen verschiedenen Themenfeldern das Ist, das Soll und das Kann ab, vor dem die Entwicklung der Landwirtschaft steht. Freilich muss das Stemmen gegen die Marktspirale in Richtung landwirtschaftlicher Großbetriebsstrukturen gesellschaftlich und auch regulatorisch gewollt werden. Diese Entscheidung wird uns nicht abgenommen: Die zukünftigen Lebensbedingungen in der uns anvertrauten Schöpfung hängen davon ab, ob wir „Weiter so, bis jetzt lief’s glatt“ sagen oder ausrufen: „Das kann und muss anders!“
Veröffentlicht am 23. November 2024












