Den Wind im Dorf lassen!

Podiumsdiskussion zur Eröffnung der Tagung "Windenergie für Alle": Frank Fehlberg (E4F/KDA), Eva Eichenauer (FA Wind), Erwin Karg (Gem. Fuchstal), Andreas Scharf (PRIMUS GmbH) und Ralf Jauch (EFL) (v.l.n.r.). Foto: (c) EFL 
"Ein Vernetzungstreffen kommunaler Verantwortlicher, das ist doch genau das Richtige in diesen Tagen." Grußwort von Prof. Dr. Armin Willingmann, Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt. Foto: (c) MWU LSA 
"Es braucht eine Kultur der Energiewende." Jahrzehnte für kommunale Windenergie in Sachsen-Anhalt engagiert: Heinrich Bartelt stellt das Modell Dardesheim vor. Foto: (c) Fehlberg/KDA 
Die bundesweite Tagung mit stark mittel- und süddeutschem Einschlag fand am Sitz der Energieforen Leipzig statt. Gespräche auf der Dachterrasse: Im Hintergrund Thomaskirche und Neues Rathaus. Foto: (c) Fehlberg/KDA
Wie können Kommunen und Bürger die Windkraft für sich arbeiten lassen? Um diese Frage drehte sich die zweitägige Konferenz „Windenergie für Alle“, die am 17. und 18. Juni 2025 in Leipzig stattfand. Etwa 50 Bürgermeister, Verwaltungsmitarbeiterinnen, Windanlagenplaner, Rechtsanwältinnen, Fachagenturen, zivilgesellschaftliche Akteure und engagierte Bürger kamen über zwei Tage zusammen, um sich auszutauschen, Wissen zu teilen, aber vor allem auch, um sich einander Mut zum gemeindlichen Handeln zu machen.
Die Zeiten sind stürmisch, leider nicht im positiven Sinne der nachhaltigen Energiegewinnung. Positive Energie wird derzeit bei vielen durch die Weltlage gebunden, so dass Mutmachen nicht nur für das Thema der Veranstaltung, sondern auch ganz generell wichtig war. In diesem Sinne eröffnete Frank Fehlberg, der die Tagung im Rahmen des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt sowie der Studienleitung Arbeit und Wirtschaft der EAT maßgeblich mitorganisierte, mit erbaulichen Zeilen aus dem Ev. Gesangbuch 395: „Wer aufbricht, der kann hoffen“.
„Freiheitsenergie“ und Jahrestag des Aufstands am 17. Juni 1953
Und so erschien auch der Querverweis auf die freiheitlichen Proteste und den Widerstand des 17. Juni 1953, den der sachsen-anhaltische Umweltminister Armin Willingmann zur Eröffnung machte, gar nicht mehr so weit hergeholt. Die Vehemenz des Windwiderstands ist mancherorts heftig und besonders Ostdeutschland sticht teilweise mit einem erbittertem „Kulturkampf“ hervor. Ein „Freiheitskampf“-Impetus schwingt da oft mit, der im schlimmsten Fall von einer Gruppe Windkraftgegner genutzt wird, denen es weniger um die Schönheit der Landschaft denn um das Einsammeln der Zweifelnden und Unzufriedenen geht. Dem setzte Willingmann die Wind- als „Freiheitsenergie“ entgegen, die Deutschland unabhängiger und handlungsfähiger mache – dezentral und bis hinunter zur kommunalen Ebene.
Vom „Kulturkampf“ können kirchliche Vertreter ein Lied singen, die selbst „im Geschäft“ sind (so war der EKM-StromVerbund auf der Tagung vertreten) und auch bei Konflikten zu vermitteln suchen (EKM-Format Energiedialog vor Ort). Auch in vielen Kirchgemeinden regt sich Widerstand gegen die Nutzung von Kirchenland als Energie- und Finanzquelle. Die Frage, wer am Ende von den Anlagen profitiert – ob also die Kirche wie auch der Wind im Dorf bleiben – ist die zentrale Frage, deren gemeinschaftliche Lösung so manchen sonstigen Zweifel von vornherein ausräumen könnte.
Gesetze sind gut und schön – selbst machen und profitieren ist besser
Ökonomische, soziale und kulturelle Teilhabe an lokalen Windparks und an ihren Erlösen ist tatsächlich seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 infrastrukturpolitisch verschlafen worden. Die Windenergieerzeugung wurde komplett „dem Markt“ überlassen und wird damit strukturell und v.a. in den Augen derjenigen, die sich jeden Tag Windräder anschauen müssen, zum Profitvorteil weniger Investoren anstatt zum Vorteil der Öffentlichkeit oder der kommunalen Gemeinschaft betrieben.
Es fehlt bis heute an einer prozesspolitischen Unterstützung der Erneuerbaren Energien, die dieses so wichtige Standbein der Daseinsvorsorge zum Nutzen und mit Akzeptanz der Öffentlichkeit forciert. So sind etwa die Landesenergieagenturen, welche die Kommunen bei Windkraftfragen beraten und befähigen sollen, völlig unterausgestattet. Es fehlt eine mittlere Ebene, die den Kommunen die kaum stemmbare Einarbeitung in die Materie abnimmt und sie direkt in den Stand aktiver Akteurinnen in eigener Sache setzt. – Gesetze sind gut und schön – selbst machen und profitieren können ist besser.
„Werdet selbst Spielführer!“ – Dardesheim in Sachsen-Anhalt macht’s vor
Die Windenergie aber als Wirtschaftsmotor vor Ort zu begreifen und aktiv zu gestalten, das fällt bisher noch zu wenigen ein – mag es an Kapazitäten oder kommunalpolitischem Gegenwind liegen. Wie es gehen kann, hat Dardesheim in Sachsen-Anhalt vorgemacht. 1994 stand das erste Windrad, heute ist die kleine Stadt weltbekannt für ihre bürgerfreundliche Energieinitiative auf der Grundlage von mittlerweile 37 Windkraftanlagen. Mit der befreundeten spanischen „Windgemeinde“ El Perelló bei Barcelona trifft man sich dann schon mal zum gemeinsamen europäischen Dorffest auf dem Dardesheimer Kirchplatz.
Aus Sicht der Rathäuser zähle, so Heinrich Bartelt, der seit Jahrzehnten in der Windkraftbranche des Landes und vor allem in Dardesheim wirkt: „Werdet selbst Spielführer!“ Nur Kommunen, die ihre Möglichkeiten kennten und konsequent für einen möglichst hohen selbstbestimmten Beteiligungsgrad und selbstbewusstes Verhandeln nutzten, könnten – über gesetzliche Finanzbeteiligungen der sogenannten Beteiligungsgesetze hinaus – von Windrädern in ihrem Umfeld profitieren. Bartelts Aufruf wurde zum Tenor der Tagung.
Die neuen „Windmühlen“. Ankerpunkte der positiven Gemeindeentwicklung
Die „Windmühlen“ können – wie ihre Vorgänger, die buchstäblichen Mehl-Windmühlen – regelrecht die Grundstoffe für eine Belebung von Gemeindeökonomie und Sozialkultur liefern. Kein Mehl und Brot mehr, dafür aber reichlich günstige Energie für Haushalte oder Gewerbe und zusätzliche Geldmittel für den Gemeindehaushalt, wenn der nichtgebrauchte Strom (gespeichert und) verkauft wird.
Eine systematische Verschränkung der Energiegewinnung mit anderen technischen wie gewerblichen Verwendungen oder die Nutzung der Finanzmittel für kulturelle und soziale Zwecke machen die Kommunen zukunftsfähig und zuversichtlich. Die Stärkung der kommunalen Wirtschaftsförderung durch lokale und regionale Auftragsvergabe und Gewerbesteuersenkung; das Vereins- und Gemeindeleben anschieben; Kita und Feuerwehr ausstatten und unterstützen – die Wunschliste ist lang. Welcher Bürgermeister hätte nicht gern auch mehr Spielraum in seinem Haushalt?
In vielen Kirchgemeinden sieht es nicht anders aus und vielleicht gibt es so manche Interessenüberschneidung von Vereinen, Kirchen und Kommunen zu entdecken, um sich gemeinsam an die Arbeit zu machen. Den Wind und andere Erneuerbare Energien als regionale und lokale Quellen für ein erstrebenswertes und zukunftsfähiges Leben auf dem Land zu begreifen, das ist der Königsweg, der Aufbruch und Hoffnung verspricht sowie tiefgreifende sozialökonomische Veränderungen bewirken kann.
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Die Tagung „Windenergie für Alle“ wurde in Kooperation mit dem Economists for Future e.V. (E4F) und den Energieforen Leipzig GmbH (EFL) durchgeführt. Im Hintergrund läuft ein zweijähriges Modellprojekt zur kommunalen Vernetzung und Beratung, das E4F und EFL mit Förderung des Umweltbundesamtes (UBA) durchführen. Die Fortsetzung und Weiterentwicklung des Veranstaltungs- und Austauschformats ist nach Projektbeendigung im Juni 2025 von neuen Fördermitteln abhängig.
Ein kurzes Radiointerview zur Tagung mit Frank Fehlberg finden Sie an dieser Stelle beim Internationalen Audiodienst. Im Downloadbereich dieses Beitrags können Sie die Präsentation des Referenten Heinrich Bartelt über die Windenergiegemeinde Dardesheim einsehen (PDF).
Veröffentlicht am 20. Juni 2025












