Dr. Mareike Rake spricht zum Thema: Medien des Kirchenkampfes als kirchliches Kulturerbe – Druckschriften der NS-Zeit als Herausforderung für kirchliche Archive und Bibliotheken. Foto: Kranich/EAT
Unansehnlich war der Inhalt in mancher Bananenkiste, die in den Kirchlichen Archiven und Bibliotheken abgegeben wurden: Vergilbte, graue Literatur aus der NS-Zeit, zumeist geschrieben von Pfarrern oder Lehrern. Der Inhalt der Hefte und Broschüren bisweilen nicht viel besser: Zwielichtige Massenware aus der Zeit des Kampfes zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche, vermischt mit wenigen liberalen Stimmen.
Über 15.000 dieser Schriften wurden in den letzten Jahren in einer „Digitalen Bibliothek des Kirchenkampfes erfasst“, über 2.500 davon bereits vollständig digitalisiert. Doch warum und wozu? Diese Doppelfrage bildete den Ausgangspunkt der Tagung zu den „Medien des Kirchenkampfes in der NS-Diktatur“ vom 16.-18. Juni.
Ein wichtiger Grund: Frei zugänglich gemacht für alle – auch für interessierte Gemeindeglieder – bietet diese Bibliothek Gelegenheit, sich selbst durch Quellenstudium einen Eindruck zu verschaffen. Stöbern Sie doch gleich selbst einmal: https://www.kirchenkampf.info/
Worüber sonst noch auf der Tagung diskutiert wurde, erfahren Sie demnächst bei der Lektüre der Mitteldeutschen Kirchenzeitung „Glaube+Heimat“.
„Eins, zwei, drei – letzte Chance vorbei!“, ruft Susanne Möller in den großen Seminarraum der Jugendbildungsstätte Junker Jörg und 22 Mädchen und Jungen der Uta-Grundschule aus Naumburg flitzen durch den Raum und stellen sich hinter die Zahl, welche ihrer Meinung nach die richtige Lösung anzeigt. Ein lautes „Hurra“ ertönt, wenn die Kinder an der richtigen Stelle stehen. Mittels der spielerischen Formen vermittelt sich Vieles leichter, was die beweglichen Lettern, Wiegedrucke oder Flugblätter angeht. Dessen ist sich Axel Große sicher, der das Bildungsmodul „Die Buchmacher“ zusammen mit seiner Kollegin an der Bildungsstätte umsetzt. Dass ein Buch vor rund 600 Jahren so viel wert war wie ein kleiner Bauernhof oder Mönche in den klösterlichen Schreibstuben rund anderthalb Jahre brauchten, um eine Bibel abzuschreiben, ist für Kinder unserer heutigen Zeit nur schwer vorstellbar. Und dass die Mönche damals Tierhäute beschrieben, die Pergamente hießen und schon deswegen die Bücher immense Werte waren, lässt die Kinder staunen. Lustig dagegen finden sie die Tatsache, dass die mit Schließen versehenen Bücher aufgrund verzogener hölzerner Buchdeckel oft im wahrsten Sinn des Wortes aufgeschlagen werden mussten. „Das macht ihr dann mal nächste Woche im Matheunterricht.“ schlägt Große vor und lachend trommeln kleine Fäuste auf imaginäre Mathebücher.
Nach dem theoretischen Teil wird selbst Hand angelegt und ein kleines Tagebuch mit den Sehenswürdigkeiten und berühmten Persönlichkeiten Eisenachs angefertigt: Von der Jugendbildungsstäte Junker Jörg geht es über die Wartburg zur Heiligen Elisabeth, dann weiter zu Luther, zu Bach und zur Drachenschlucht. Alles Stationen, welche die Kinder in dieser Woche in und um Eisenach besuchten. Dafür wird gedruckt, gestempelt, ausgeschnitten und geleimt. Am Ende werden die einzelnen Seiten mit einer Nähmaschine zu einem Buch zusammengenäht. Zur großen Freude dürfen die Kinder auch mit der Maschine eigenhändig nähen, für die meisten ist das wohl sicher das erste Mal. Am Schluss halten alle stolz ihr kleines, selbstgefertigtes Tagebuch in den Händen.
In der vergangenen Woche fand der 38. Deutsche Evangelische Kirchentag in Nürnberg unter der Losung „Jetzt ist die Zeit…“ statt. Fünf Tage voller kontroverser, respektvoller Gespräche, spontaner Bläser- und Chorkonzerte, gemeinsamer Gebete in Kirchen, auf Marktplätzen und Messehallen und voller neuer Ideen rund um die drängenden Fragen unserer Zeit. Mit dabei war aus der Ev. Akademie Thüringen Dr. Annika Schreiter:
„‚Endlich wieder Kirchentag!‚ – Diesen Satz habe ich in Nürnberg häufig gehört. Es tat gut, sich wieder treffen zu können, sich ins Getümmel zu stürzen und sich wenigstens fünf Tage lang wie eine fröhliche, aufgeschlossene, glaubensstarke und streitbare Mehrheit zu fühlen. Ich durfte als Mitglied der Präsidialversammlung – das ist das Parlament des Kirchentages – und als Projektleitung den Thementag ‚Freiheit und Solidarität‚ mitorganisieren. Nicht nur deshalb drehte sich mein Kirchentag vor allem um die Frage nach der Gestaltung gesellschaftlichen Miteinanders: Wie wollen wir miteinander leben? Wie schaffen wir die so bitter nötige, große Transformation so, dass wir nicht die Hälfte der Menschen unterwegs verlieren? Wie bekommen wir das Bedürfnis und schließlich auch das Recht nach individueller Freiheit und Selbstentfaltung in Einklang mit gesellschaftlichem Zusammenhalt? Keine kleinen Fragen. Aber wo, wenn nicht auf dem Kirchentag können sie diskutiert werden?
Mir wurde in diesen fünf Tagen klar: Eigentlich kennen wir die Antworten schon, nur sind sie keineswegs einfach. Bei der Abendveranstaltung Ich vs. Wir. Das ewige Dilemma zwischen Freiheit und Zusammenhalt bemerkte Ex-Fußballstar Neven Subotic: ‚Wir kann immer nur global gedacht werden.‚ Alles andere ergebe für ihn keinen Sinn in einer globalisierten Welt. Der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität Jena fasste beim Podium Wir müssen die Demokratie umbauen zusammen: ‚Die Demokratie gibt jedem eine Stimme. Aber die nützt nichts, wenn wir nicht auch bereit sind, die Stimmen der anderen zu hören.‚ Individuelle Freiheit ist also wenig wert, wenn wir so tun, als wäre sie unser alleiniges Recht und dabei die globalen und gesellschaftliche Verantwortung ignorieren, die jede:r einzelne trägt. Auch Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier warb in seiner Bibelarbeit eindringlich dafür ‚über den Tellerrand der eigenen Befindlichkeit‚ zu schauen und ins Gespräch mit Andersdenkenden zu gehen.
Wie passend, dass wir als Ev. Akademien mit dem Projekt Bubble Crasher einen Workshop angeboten haben, in dem 60 Teilnehmende von Fürth bis Buenos Aires gleich ausprobieren konnten, wie es gehen kann, mit Unbekannten einfach mal ins Gespräch zu kommen.
Eine Bubble ist auch der Kirchentag, aber eine der streitbarsten und mitmenschlichsten, die ich kenne. Die zum Teil rassistischen und homophoben Reaktionen auf die Abschlussgottesdienste machen mir deutlich: Der Kirchentag ist nicht die Realität. Wir sind gesellschaftlich noch so weit entfernt von einer Gesellschaft, in der sich wirklich alle angstfrei äußern können. ‚Friede, Freude, Eierkuchen‚ wäre da gar nicht mein Ziel. Sondern eben (nur) das: Dass jeder Mensch angstfrei über alles sprechen kann, was ihn oder sie bewegt. Schön, wenn man fünf Tage in der Kirchentags-Bubble abtauchen darf. Weltfremd ist diese Blase absolut nicht. Ich hoffe sehr, dass viele der 70.000 Teilnehmenden ein bisschen etwas von der Energie, von dem respektvollen Umgang und den Ideen mit in ihren Alltag nehmen können. Ich gebe mir selbst alle Mühe!“
Schluchtentour durch die Drachenschlucht in Eisenach, Foto: Möller, EAT
Elfenfelsen in Eisenach, Foto: Möller, EAT
Wald-Mandala, Foto: Möller, EAT
Schluchtentour durch die Drachenschlucht in Eisenach, Foto: Möller, EAT
Schluchtentour durch die Drachenschlucht in Eisenach, Foto: Möller, EAT
Wenn es richtig heiß ist, kühlt man sich am besten im Schwimmbad oder im schattigen Wald ab. Die Väter und Kinder des Militärpfarramts Unna waren am Wochenende zu Gast in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg und entschieden sich für eine Wanderung durch die Drachenschlucht.
Nachdem am Samstagvormittag die Wartburg besucht wurde, ging es am Nachmittag gemeinsam los in Richtung Elfengrotte, vorbei an den Knöpfelsteichen zur Hohen Sonne und dann durch die Drachenschlucht wieder zurück zum Startpunkt. Um die Wanderzeit kurzweilig zu gestalten, gab es bei Pausen Quizfragen und kleine Aufgaben im Schluchtentour-Entdeckerpass. Wir legten gemeinsam ein Wald-Mandala, hörten den Fröschen beim Quaken in den Knöpfelsteichen zu, beobachteten eine kleine Entenfamilie auf dem See, genossen den Ausblick auf die Wartburg und kletterten natürlich ein wenig auf den Felsen im Eisenacher Wald. Zwischendurch machten wir ein kleines Tierstimmen-Hörquiz, um die Zeit bis zum ersehnten Eis auf der Hohen Sonne zu verkürzen. Der Rückweg durch die Drachenschlucht lief sich dann fast von allein, ging es doch bergab durch die beeindruckenden Felsformationen.
Die Kinder fanden sich schnell in Gruppen zusammen und liefen mal schneller und mal langsamer die acht Kilometer lange Wandertour. Dabei wurde geklettert, balanciert und nach Tieren Ausschau gehalten. Es ist immer wieder beeindruckend, wie die Natur ein unerschöpflicher Spielplatz für Kinder ist und sich mit Ästen, Steinen oder Tannenzapfen stets neue Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben.
Am Ende der Tour öffnete sich eine kleine Schatztruhe mit einer Belohnung für die fleißigen Wandersleute. Das Fazit eines Kindes nach über 3 Stunden Schluchtentour lautete: „Ich könnte noch ein paar Kilometer weiter wandern!“
Axel (Große) und Martin (Luther) vor der Jugenbildungsstätte Junker Jörg in Eisenach, Foto: Möller, EAT
Seit dem 1. Mai ist Axel Große Studienleiter an der Jugendbildungsstätte Junker Jörg in Eisenach und unterstützt damit die politische Jugendbildung an der Akademie.
Er ist an der Akademie kein Unbekannter: 2014 bis 2021 leitete er als nebenamtlicher Projektstudienleiter u.a. die „DenkWege zu Luther“. Darüber hinaus war er 11 Jahre Bildungsreferent im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt. Jugendbildung ist ihm eine „Herzensangelegenheit“ und insbesondere die historisch-politische Jugendbildung mit dem Themenschwerpunkt Diktaturen des 20. Jahrhunderts liegen ihm dabei am Herzen. Kein Wunder, dass er sich riesig freut, wenn im September wieder DDR-Projektwochen im Junker Jörg stattfinden. Im fiktiven Ort „Allersleben“ – irgendwo zwischen Kap Arkona und Fichtelberg gelegen – versetzen sich junge Menschen spielerisch in eine DDR-Biographie von damals Gleichaltrigen Ende der 1980er Jahre in der DDR.
Aber auch die tägliche Arbeit mit den Hausgruppen am Junker Jörg spielen in seiner Arbeit eine zentrale Rolle. Das Angebot der Bildungsmodule im Haus soll modifiziert und erweitert werde. Sein Wunsch ist es, mehr Gruppen von Schüler_innen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt mittels spannender Bildungsangebote in den Junker Jörg zu holen. Bildung hier vor Ort soll nicht „die Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln“ sein. Die angebotenen Bildungsmodule können auch als Einstieg in Gesprächs- und Diskussionsrunden dienen, welche die Jugendlichen thematisch selbst bestimmen und die in erster Linie mit ihren unmittelbaren Lebenssituationen zu tun haben. „Denken ohne Geländer“ nannte Hannah Arendt diese Form des philosophischen Gesprächs. Und das kann anstrengend sein, zumal meistens am Anfang gar nicht absehbar ist, wohin das Denken führen kann. Axel Große ist froh bei uns zu sein und wir freuen uns mit ihm, dass er unser Team bereichert.
Herzlich willkommen in der Akademie!
Projekttag des religionspädagogischen Hauptseminars zu Tod und Sterben an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Es ist ein Tabuthema. Krass, wie unterschiedlich damit umgegangen wird: Manche reden gar nicht darüber, andere durchaus. Und: Was mache ich, wenn ein Elternteil einer Schülerin oder eines Schülers stirbt? Oder gar ein Kind aus meiner Klasse? Oder: Ich habe ein FSJ im Krankenhaus gemacht und war schon mit dem Thema konfrontiert. Schließlich: Irgendwann müssen wir uns damit auseinandersetzen, was passieren kann, was passieren wird.
Schon die Eröffnungsrunde beim Projekttag des religionspädagogischen Hauptseminars zu Tod und Sterben an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 1. Juni hatte es in sich. Und auch im Fortgang brachten die angehenden Religionslehrerinnen und Religionslehrer ihre persönlichen Erfahrungen und fachspezifischen Fragestellungen zu diesem existentiellen Thema ein.
Auf Einladung von Prof. Dr. Michael Domsgen stellte Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich als Mitautor des Buches „Vom Umgang mit der Todesangst. Empirische Untersuchungen und ihre praktische Relevanz“ die Entwicklung des menschlichen Todeskonzepts, unterschiedliche Einstellungen zu Sterben und Tod, vor allem aber den kreativen und oft religionsproduktiven Umgang mit dem Ende des irdischen Lebens vor. Ein wichtiges Ergebnis der Untersuchung in einer ostdeutschen Großstadt ist: Wenn Menschen Vorstellungen und Bilder über den Tod hinaus entwickeln, seien sie konfessionell oder nichtkonfessionell, sind es Bilder der Hoffnung, Bilder von Heil.
Irritation bei den Studierenden lösten zunächst einige Fragen des Schweizer Schriftstellers Max Frisch zu Sterben und Tod aus: „Haben Sie schon Tote geküsst?“ – Ist das nicht nekrophil? „Haben Sie Freunde unter den Toten?“ – Wie soll ich mit jemandem befreundet sein, der schon tot ist?
Daraufhin entspannen sich interessante Gesprächsgänge. Eine Studentin berichtete von einer Abschiedssituation, in der der Verstorbene noch einmal auf die Stirn geküsst wurde. Und hinter der Frage nach der Freundschaft zeigte sich eine umfassendere: Wo sind unsere Toten? Welche Beziehung zu Ihnen haben und pflegen wir?
Der Liedermacher Wolf Biermann dichtete: „Wie nah sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche, die leben“.